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 Saul
Friedländer
Die Jahre der Vernichtung
Das Dritte Reich und die Juden
1939–1945
Aus dem Englischen von Martin Pfeiffer.
C.H. Beck Verlag
864 Seiten. 2 Abb. Leinen.
EUR 34.90
ISBN 3-406-54966-7
Mit dem Beginn des
Zweiten Weltkriegs erreicht auch die Geschichte des
Holocaust
im Jahr 1939
eine neue Dimension. Sie kann nicht mehr auf deutsche Politik,
Entscheidungen und Maßnahmen begrenzt werden, sondern muß die Reaktionen
(manchmal auch Initiativen) der sie umgebenden Welt und die Haltung ihrer
Opfer miteinbeziehen. Das ist schon deshalb unausweichlich, weil das, was
wir „Holocaust“ nennen, einen Vorgang bezeichnet, dessen Totalität gerade
in der Konvergenz all dieser Elemente besteht. Überall im besetzten Europa
hing die Ausführung deutscher Maßnahmen von der Gefügigkeit der
politischen Institutionen, der Unterstützung durch lokale Ordnungskräfte,
der Passivität oder Mitwirkung der Bevölkerung und vor allem ihrer
politischen und geistlichen Eliten ab. Sie war auch abhängig von der
Bereitschaft der Opfer, den Weisungen Folge zu leisten, oft in der
Hoffnung, diese abzumildern oder doch Zeit zu gewinnen und irgendwie dem
deutschen Schraubstock zu entkommen. Eine Gesamtgeschichte des Holocaust
muß alle diese Ebenen in den Blick nehmen und integrieren.
„Die Jahre der
Vernichtung“ erzählt mit großer historiographischer Meisterschaft die
Geschichte der Ermordung der europäischen Juden vom Beginn des Zweiten
Weltkriegs bis zum Ende des Dritten Reiches. Doch das Streben nach
wissenschaftlicher „Objektivität“, nach Erklärung und Analyse kann in
einer Geschichte des Holocaust allein nicht genügen. Mit einem
überwältigenden Chor von Stimmen – Tagebuchaufzeichnungen, Briefe,
Erinnerungen – bewahrt Saul Friedländer seine Darstellung vor der Gefahr
der „domestizierten“ Erinnerung an ein Geschehen, das ohne Beispiel ist.
Es ist gerade diese besondere Qualität seiner Geschichtsschreibung, die
das Buch aus der Literatur heraushebt und ihm einen einzigartigen Rang
zuweist. Mit „Die Jahre der Vernichtung“ liegt Saul Friedländers großes
Werk über die Ermordung der europäischen Juden nun vollständig vor.
Leseprobe
Einleitung
David Moffie wurde
am 18. September 1942 an der Universität Amsterdam zum Doktor der Medizin
promoviert. Auf einem anläßlich dieses Ereignisses aufgenommenen Photo
stehen Professor C. U. Ariens Kappers, Moffies Doktorvater, und Professor
H. T. Deelman zur Rechten des frischgebackenen Doktors, der Assistent D.
Granaat zu seiner Linken. Ein weiteres Mitglied des Lehrkörpers, das von
hinten zu sehen ist, möglicherweise der Dekan der medizinischen Fakultät,
steht ihnen gegenüber auf der anderen Seite eines großen Schreibtisches.
Im Hintergrund sind – etwas unscharf – die Gesichter einiger der Menschen
zu erkennen, die sich in dem kleinen Saal drängen – zweifellos
Familienmitglieder und Freunde. Die Angehörigen des Lehrkörpers sind in
ihre akademischen Festgewänder gekleidet, während Moffie und Assistent
Granaat einen Smoking und einen weißen Schlips tragen. Am linken Revers
seiner Smokingjacke trägt Moffie einen handtellergroßen Stern mit dem
Aufdruck «Jood»: Moffie war der letzte jüdische Student an der Universität
Amsterdam in der Zeit der deutschen Besatzung.
Dem akademischen Ritual entsprechend fielen gewiß die üblichen Worte des
Lobes und der Dankbarkeit. Von anderen Kommentaren wissen wir nichts. Kurz
darauf wurde Moffie nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Ebenso wie zwanzig
Prozent der niederländischen Juden hat er überlebt; der größte Teil der
bei dieser Zeremonie anwesenden Juden ist umgekommen.
Das Bild wirft einige Fragen auf. Wie war es beispielsweise möglich, daß
die Zeremonie am 18. September 1942 stattfand, obgleich jüdische Studenten
mit Wirkung vom 18. September aus den niederländischen Universitäten
ausgeschlossen worden waren? Die Herausgeber des Bandes Photography and
the Holocaust fanden die Antwort: Der letzte Tag des akademischen
Jahres 1941/42 war Freitag, der 18. September 1942; das Wintersemester
1942/43 begann am Montag, dem 21. September 1942. Die dreitägige
Zwischenzeit ermöglichte Moffies Promotion, obwohl der Ausschluß jüdischer
Studenten bereits obligatorisch geworden war.
Eigentlich war die Unterbrechung genau auf ein Wochenende – von Freitag,
den 18., bis Montag, den 21. – beschränkt; das heißt, die
Universitätsbehörden haben sich bereiterklärt, den administrativen
Kalender gegen die Intentionen des deutschen Erlasses anzuwenden. Diese
Entscheidung spricht von einer Haltung, die seit Herbst 1940 an
niederländischen Universitäten weit verbreitet war; die Photographie
dokumentiert eine Form des trotzigen Eigensinns gegenüber den Gesetzen und
Verfügungen des Besatzers.
Es gibt noch mehr zu sagen. Die Deportationen aus den Niederlanden
begannen am 14. Juli 1942. Fast jeden Tag verhafteten die Deutschen und
die einheimische Polizei auf den Straßen niederländischer Städte Juden, um
ihr wöchentliches Soll zu erfüllen. Moffie hätte an dieser öffentlichen
akademischen Zeremonie nicht teilnehmen können, hätte er nicht eine der
speziellen (und nur zeitweilig gültigen) 17 000 Ausnahmebescheinigungen
erhalten, welche die Deutschen dem Judenrat zugeteilt hatten. Indirekt
evoziert das Bild somit die Kontroverse um die Methoden des Rates, mit
denen zumindest vorübergehend einige der Juden Amsterdams geschützt und
die große Mehrheit ihrem Schicksal überlassen wurden.
Allgemein betrachtet sind wir Zeugen einer recht alltäglichen Zeremonie.
In einem gemäßigt festlichen Rahmen erhielt ein junger Mann die offizielle
Bestätigung für das erworbene Recht, als Arzt zu praktizieren, Kranke zu
behandeln und im Rahmen des Menschenmöglichen sein berufliches Wissen
anzuwenden, um Gesundheit wiederherzustellen. Doch das an Moffies Jackett
angeheftete «Jood» vermittelt eine ganz andere Botschaft: Wie alle
Angehörigen seiner «Rasse» auf dem gesamten Kontinent sollte der
frischgebackene Doktor der Medizin ermordet werden.
Das «Jood», das nur schwach zu sehen ist, erscheint nicht in
Blockbuchstaben oder in irgendeiner anderen gebräuchlichen Schrift. Die
Schriftzeichen wurden eigens für diesen speziellen Zweck entworfen (und in
den Sprachen der Länder, in denen die Deportationen vorgenommen wurden,
ähnlich gezeichnet: «Jude», «Juif», «Jood» usw.); sie hatten eine krumme,
abstoßende und unbestimmt bedrohliche Form, die an das hebräische Alphabet
erinnern und doch leicht entzifferbar bleiben sollte. Mit dem eigentümlich
gestalteten Aufdruck erscheint die auf der Photographie abgebildete
Situation wieder in ihrer Quintessenz. Die Deutschen waren darauf
versessen, die Juden als Individuen auszurotten und das auszulöschen, was
der Stern und seine Inschrift repräsentierten: «den Juden».
Wir vernehmen das kaum hörbare Echo eines wütenden Angriffs, der darauf
zielte, jede Spur von «Jüdischkeit», jedes Zeichen des «jüdischen
Geistes», jeden Überrest jüdischer Präsenz (sei sie real oder imaginär)
aus Politik, Gesellschaft, Kultur und Geschichte zu tilgen. Zu diesem
Zweck setzten die Nazis auf ihrem Feldzug im Reich und im gesamten
besetzten Europa alles ein: Propaganda, Erziehung, Forschung,
Publikationen, Filme, Ächtungen und Tabus in allen gesellschaftlichen und
kulturellen Bereichen, ja jedes überhaupt mögliche Verfahren der
Austilgung und Ausmerzung, vom Umschreiben religiöser Texte oder
Opernlibretti, denen ein Makel von Jüdischkeit anhaftete, bis zur
Umbenennung von Straßen, die mit ihrem Namen an Juden erinnerten, vom
Verbot von Musik oder literarischen Werken jüdischer Komponisten und
Schriftsteller bis zur Zerstörung von Denkmälern, von der Ausschaltung
«jüdischer Wissenschaft» bis zur «Säuberung» von Bibliotheken und
schließlich, nach dem berühmten Wort Heinrich Heines, von der Verbrennung
von Büchern bis zur Verbrennung von Menschen.
I
Die «Geschichte des
Holocaust» läßt sich nicht nur auf die deutschen politischen Strategien,
Entscheidungen und Maßnahmen beschränken, die zu diesem systematischsten
und entschlossensten aller Völkermorde geführt haben. Sie muß die
Reaktionen (und gelegentlich die Initiativen) der umgebenden Welt ebenso
einbeziehen wie die Stimmen der Opfer, weil das Geschehen, das wir
Holocaust nennen, eine Totalität ist, die durch eben dieses Konvergieren
eigenständiger Elemente definiert ist.
Diese Geschichte wird verständlicherweise in vielen Fällen als deutsche
Geschichte geschrieben. Die Deutschen, ihre Kollaborateure und ihre
Hilfstruppen waren die Anstifter und Hauptakteure der Verfolgungs- und
Vernichtungspolitik und meist auch die ihrer Durchführung. Außerdem sind
deutsche Dokumente, die diese politischen Strategien und Maßnahmen
behandeln, nach der Niederlage des Deutschen Reiches in erheblichem Umfang
zugänglich geworden. Diese gewaltigen Materialsammlungen, die schon kaum
handhabbar waren, bevor die Archivbestände der ehemaligen Sowjetunion und
des Ostblocks zugänglich wurden, haben seit Ende der 1980er Jahre den
Fokus auf die deutsche Dimension dieser Geschichte zwangsläufig noch
weiter verschärft. Und in den Augen der meisten Historiker scheint eine
Untersuchung, die sich auf die deutsche Dimension dieser Geschichte
konzentriert, der Begriffsbildung und der vergleichenden Analyse eher
entgegenzukommen – mit anderen Worten, weniger «provinziell» zu sein – als
alles, was sich aus der Sicht der Opfer oder gar derjenigen der umgebenden
Welt schreiben läßt.
Dieser Ansatz, der Deutschland in den Mittelpunkt rückt, ist innerhalb
seiner Grenzen selbstverständlich legitim, die Geschichte des Holocaust
aber erfordert eine erheblich breitere Darstellung. Auf Schritt und Tritt
hing im besetzten Europa die Durchführung deutscher Maßnahmen von der
Unterwürfigkeit politischer Autoritäten ab, von der Unterstützung durch
örtliche Polizeitruppen oder andere Hilfskräfte, von der passiven Hinnahme
oder der Mitwirkung der Bevölkerung sowie vor allem der politischen und
geistlichen Eliten. Ebenso abhängig waren die mörderischen Maßnahmen von
der Bereitschaft der Opfer, Befehle zu befolgen in der Hoffnung, sie
abzumildern oder Zeit zu gewinnen und ihrer unerbittlichen Verschärfung
irgendwie zu entgehen. Somit sollte die Geschichte des Holocaust eine
integrative und integrierte Geschichte sein.
*
Kein einzelner
Begriffsrahmen kann die vielfältigen und konvergierenden Stränge einer
derartigen Geschichte umfassen. Selbst deren deutsche Dimension läßt sich
nicht nur aus einem einzigen konzeptionellen Blickwinkel interpretieren.
Der Historiker steht vor der Interaktion sehr verschiedenartiger Faktoren,
von denen sich jeder einzelne definieren und deuten läßt; gerade ihr
Konvergieren läßt sich jedoch nicht mit einer übergreifenden analytischen
Kategorie erfassen. Im Laufe der vergangenen sechzig Jahre ist eine Fülle
von Erklärungsversuchen aufgetaucht – nur um einige Jahre später wieder
aufgegeben und danach dann neu entdeckt zu werden –, und so ging es immer
weiter, besonders im Hinblick auf die grundlegenden politischen Strategien
der Nationalsozialisten schlechthin. Den Ursprung der «Endlösung» hat man
auf einen «Sonderweg» der deutschen Geschichte zurückgeführt, auf eine
besondere Variante des deutschen Antisemitismus, auf rassenbiologisches
Denken, bürokratische Politik, Totalitarismus und Faschismus, auf die
Moderne, auf einen «europäischen Bürgerkrieg» (von der Linken und von der
Rechten gesehen) und anderes mehr.
Eine Analyse dieser Deutungen würde ein anderes Buch erfordern. Hier werde
ich mich im wesentlichen darauf beschränken, den Weg darzulegen, den ich
eingeschlagen habe. Gleichwohl sind an dieser Stelle einige Bemerkungen zu
zwei einander entgegengesetzten Richtungen in der gegenwärtigen
Geschichtsschreibung über das «Dritte Reich» im allgemeinen und über die
«Endlösung» im besonderen erforderlich.
Die erste Richtung hat die Vernichtung der Juden als ein Geschehen im
Blick, das an und für sich ein herausragendes Ziel deutscher Politik
gewesen ist, dessen Erforschung jedoch neue Ansätze erfordert: Zu
untersuchen sind im Detail die Aktivitäten von Akteuren auf der mittleren
Ebene, das Geschehen in begrenzten Regionen oder die spezifische
institutionelle und bürokratische Dynamik, und all das sollte ein gewisses
neues Licht auf die Funktionsweise des gesamten Systems der Vernichtung
werfen. Dieser Ansatz hat unser Wissen und unser Verständnis erheblich
erweitert; viele seiner Befunde habe ich in meine eher global orientierte
Darstellung integriert.
Die andere Richtung hat im Laufe der Jahre dazu beigetragen, manche neue
Spur zu entdecken. Doch im Hinblick auf die Erforschung des Holocaust hat
jede dieser Spuren schließlich denselben Ausgangspunkt: Die Verfolgung
und Vernichtung der Juden Europas war lediglich eine sekundäre Konsequenz
bedeutender deutscher politischer Strategien, die verfolgt wurden, um ganz
andere Ziele zu erreichen. Zu den Zielen, die in diesem Zusammenhang
am häufigsten erwähnt werden, gehören ein neues wirtschaftliches und
demographisches Gleichgewicht in Europa, Völkerverschiebung und deutsche
Siedlung im Osten, die systematische Ausraubung der Juden zur
Erleichterung der Kriegführung, ohne der deutschen Gesellschaft oder,
genauer gesagt, Hitlers Volksstaat eine allzu große materielle
Belastung auferlegen zu müssen. Ungeachtet der Perspektiven, die derartige
Studien sporadisch eröffnen, ist ihre allgemeine Stoßrichtung mit den
zentralen Postulaten, die meiner Interpretation zugrunde liegen,
offensichtlich unvereinbar.
Wie in Die Jahre der Verfolgung habe ich mich in diesem Band dafür
entschieden, mich auf die zentrale Stellung ideologisch-kultureller
Faktoren als wesentlichen Triebkräften der nationalsozialistischen
Judenpolitik zu konzentrieren, abhängig selbstverständlich von den
Umständen, von institutioneller Dynamik und – was für die hier behandelte
Zeit ganz wesentlich ist – vom Verlauf des Krieges.
Die Geschichte, mit der wir es hier zu tun haben, ist ein untrennbarer
Bestandteil des «Zeitalters der Ideologien», und zwar, präziser und
entscheidender, seiner Spätphase: der Krise des Liberalismus im
kontinentalen Europa. Zwischen dem späten 19. Jahrhundert und dem Ende des
Zweiten Weltkriegs wurde die liberale Gesellschaft von links durch den
revolutionären Sozialismus (der dann in Rußland zum Bolschewismus und
überall sonst zum Kommunismus werden sollte) und andererseits durch eine
revolutionäre Rechte attackiert, aus der nach dem Ersten Weltkrieg in
Italien und anderswo der Faschismus und in Deutschland der
Nationalsozialismus hervorgingen. In ganz Europa setzte man die Juden mit
dem Liberalismus und häufig mit dem Sozialismus wie auch mit dessen
revolutionärer Variante gleich. In diesem Sinne nahmen die antiliberalen
und antisozialistischen (oder antikommunistischen) Ideologien der
revolutionären Rechten in all ihren Erscheinungsformen die Juden als
Repräsentanten derjenigen Weltanschauungen ins Visier, die sie bekämpften,
und vor allen galten sie als die Anstifter und Träger dieser
Weltanschauungen.
In Deutschland gewann diese Entwicklung in der Atmosphäre nationalen
Ressentiments nach der Niederlage von 1918 und später als Ergebnis der
wirtschaftlichen Umbrüche, die das Land (und die Welt) erschütterten, eine
Stoßkraft eigener Art. Ohne den zwanghaften Antisemitismus und die
persönliche Wirkung Adolf Hitlers, zunächst im Rahmen seiner Bewegung,
dann, nach dem 30. Januar 1933, auf nationaler Ebene, wäre der
weitverbreitete deutsche Antisemitismus jener Jahre wahrscheinlich nicht
mit einem gegen die Juden gerichteten politischen Handeln und gewiß nicht
mit dessen Folgen verschmolzen.
Die Krise des Liberalismus und die Reaktion gegen den Kommunismus als
ideologische Quellen des Antisemitismus, der auf dem deutschen Schauplatz
bis zum Äußersten getrieben wurde, wurden in ganz Europa immer virulenter;
dadurch konnte die Nazi-Botschaft mit der positiven Reaktion zahlreicher
Europäer sowie einer ganzen Schar von Unterstützern jenseits der Küsten
des alten Kontinents rechnen. Überdies entsprachen Antiliberalismus und
Antikommunismus den Haltungen der großen christlichen Kirchen, und der
traditionelle christliche Antisemitismus ging leicht in den ideologischen
Dogmen autoritärer Regimes und faschistischer Bewegungen auf – wie zum
Teil in einigen Aspekten des Nationalsozialismus.
Schließlich blieben gerade infolge dieser Krise der liberalen Gesellschaft
und ihres ideologischen Unterbaus die Juden auf einem Kontinent, auf dem
der Vormarsch des Liberalismus ihre Emanzipation und soziale Mobilität
ermöglicht und gefördert hatte, in zunehmendem Maße schwach und isoliert
zurück. Somit wird der hier beschriebene ideologische Hintergrund zum
indirekten Bindeglied zwischen den drei Hauptkomponenten dieser
Geschichte: dem nationalsozialistischen Deutschland, der umgebenden
europäischen Welt und den über den ganzen Kontinent verstreuten jüdischen
Gemeinschaften. Ungeachtet der deutschen Entwicklung, die ich kurz
angesprochen habe, reichen diese Hintergrundelemente jedoch nicht aus, um
den besonderen Gang der Ereignisse in Deutschland zu erklären.
II
Die Besonderheiten
des antijüdischen Kurses der Nationalsozialisten resultierten aus der von
Hitler vertretenen Variante des Antisemitismus, aus der Bindung zwischen
Hitler und sämtlichen Ebenen der deutschen Gesellschaft, vor allem nach
der Mitte der dreißiger Jahre, aus der politisch-institutionellen
Instrumentalisierung des Antisemitismus durch das NS-Regime sowie
natürlich, nach dem Überfall auf Polen im September 1939, aus der sich
entwickelnden Kriegslage.
In Die Jahre der Verfolgung habe ich die von Hitler vertretene
Variante des Judenhasses als «Erlösungsantisemitismus» bezeichnet; mit
anderen Worten, jenseits der unmittelbaren ideologischen Konfrontation mit
dem Liberalismus und dem Kommunismus, bei denen es sich in den Augen
Hitlers um Weltanschauungen handelte, die von Juden und zugunsten
jüdischer Interessen erfunden worden waren, faßte er seine Mission als
eine Art Kreuzzug zur Erlösung der Welt durch die Beseitigung der Juden
auf. Er sah «den Juden» als das Prinzip des Bösen in der abendländischen
Geschichte und Gesellschaft. Ohne einen siegreichen Kampf zum Zweck der
Erlösung würde der Jude schließlich die Welt beherrschen. Dieses
übergreifende metahistorische Axiom führte zu Hitlers konkreteren
ideologisch-politischen Folgehandlungen.
Auf einer biologischen, politischen und kulturellen Ebene, hieß es, strebe
der Jude danach, die Nationen dadurch zu zerstören, daß er rassische
Verseuchung verbreite, die Strukturen des Staates unterminiere und ganz
allgemein an der Spitze der wichtigsten ideologischen Geißeln des 19. und
20. Jahrhunderts stehe, als da waren Bolschewismus, Plutokratie,
Demokratie, Internationalismus, Pazifismus und diverse andere Gefahren.
Durch den Einsatz dieses breiten Spektrums von Mitteln und Methoden ziele
der Jude darauf, die Zersetzung des vitalen Kerns aller Nationen, in denen
er lebe, und insbesondere die des deutschen Volkes zu bewirken, um danach
die Weltherrschaft anzutreten. Seit der Errichtung des
nationalsozialistischen Regimes in Deutschland sei der Jude sich über die
Gefahr, die das erwachende Deutsche Reich für ihn bedeute, im klaren.
Deshalb sei er zur Entfesselung eines neuen Weltkriegs bereit, durch den
diese Herausforderung auf seinem Vormarsch zur Weltherrschaft vernichtet
werden solle.
Diese unterschiedlichen Ebenen der antijüdischen Ideologie lassen sich auf
die knappste Weise zusammenfassen: Der Jude war eine tödliche und
aktive Bedrohung für alle Nationen, für die arische Rasse und für das
deutsche Volk. Die Betonung liegt nicht nur auf «tödlich», sondern
auch – und vor allem – auf «aktiv». Während sämtliche anderen
Personenkreise, die vom NS-Regime ins Visier genommen wurden – die
Geisteskranken, die «Asozialen» und Homosexuellen, rassisch
«minderwertige» Gruppen einschließlich der Zigeuner und der Slawen –, im
wesentlichen passive Bedrohungen darstellten (solange die Slawen
beispielsweise nicht von den Juden geführt wurden), waren die Juden aus
nationalsozialistischer Sicht die einzige Gruppe, die seit ihrem Eintritt
in die Geschichte erbarmungslos Ränke schmiedete und Manöver unternahm, um
die gesamte Menschheit zu unterjochen.
Dieser antijüdische Wahn an der Spitze des Nazisystems wurde nicht in ein
Vakuum geschleudert. Seit Herbst 1941 bezeichnete Hitler «den Juden»
häufig als den «Weltbrandstifter». Tatsächlich loderten die Flammen, die
Hitler anfachte, nur deshalb so flächendeckend und intensiv, weil in ganz
Europa und darüber hinaus ein dichtes Gestrüpp ideologischer und
kultureller Elemente bereitstand, die Feuer fangen konnten. Ohne den
Brandstifter wäre das Feuer nicht ausgebrochen; ohne das Gestrüpp hätte es
sich nicht so weit ausgebreitet und eine ganze Welt vernichtet. Diese
beständige Interaktion zwischen Hitler und dem System, in dem er agierte,
wird in der vorliegenden Untersuchung in gleicher Weise wie in Die
Jahre der Verfolgung analysiert und interpretiert werden. Hier
beschränkt sich jedoch das System nicht auf seine deutschen Komponenten,
sondern es dringt in die entlegensten Winkel des europäischen Raumes vor.
Für das NS-Regime brachte der Kreuzzug gegen die Juden auch eine Reihe
pragmatischer Vorteile auf politisch-institutioneller Ebene mit sich.
Für ein Regime, das auf fortwährende Mobilisierung angewiesen war, diente
der Jude gleichsam als treibende Kraft. Mit der Radikalisierung der
Ziele des Regimes und dann mit der Ausweitung des Krieges wurde die
antijüdische Kampagne immer extremer; und in diesem Kontext werden wir die
Herausbildung der «Endlösung» sehen können. Wie wir beobachten werden,
paßte Hitler selbst den Feldzug gegen «den Juden» taktischen Zielen an;
sobald aber die ersten Anzeichen der Niederlage sichtbar wurden, rückte
der Jude in den Mittelpunkt der Propaganda, wodurch das Volk in einem
verzweifelten Kampf bei der Stange gehalten werden sollte.
Als Resultat der kollektiven Mobilisierungsfunktion «des Juden» – und wir
werden sehen, wie erbarmungslos verleumderisch die antijüdische
Nazipropaganda während des gesamten Krieges verfuhr – war das Verhalten
vieler gewöhnlicher deutscher Soldaten, Polizisten oder Zivilisten
gegenüber den Juden, denen sie begegneten, die sie mißhandelten und
ermordeten, nicht unbedingt Ausdruck einer tiefsitzenden und historisch
einzigartigen antijüdischen Leidenschaft, wie Daniel Jonah Goldhagen
behauptet hat. Es war auch nicht vorwiegend das Ergebnis einer ganzen
Reihe normaler sozio-psychologischer Verstärkungen, Zwänge und
gruppendynamischen Prozesse, die von ideologischen Motivationen unabhängig
gewesen wären, wie Christopher R. Browning meint.
Das System als Ganzes hatte eine antijüdische «Kultur» hervorgebracht, die
zum Teil in historischem Antisemitismus deutscher und
europäisch-christlicher Provenienz verwurzelt war, aber auch mit all den
Mitteln gefördert wurde, welche dem Regime zur Verfügung standen. Sie
wurde bis zur Weißglut getrieben – mit unmittelbaren Auswirkungen auf
kollektives und individuelles Verhalten. «Gewöhnliche Deutsche» waren sich
dieses Prozesses vielleicht vage bewußt, oder möglicherweise hatten sie,
was plausibler ist, die antijüdischen Bilder und Glaubensvorstellungen
verinnerlicht, ohne sie als eine Ideologie zu erkennen, die durch
staatliche Propaganda und deren unentwegten Einsatz systematisch
verschärft wurde.
Während die wesentliche Mobilisierungsfunktion «des Juden» vom Regime und
seinen Dienststellen manipuliert wurde, erfolgte die Förderung einer
anderen – nicht weniger entscheidenden – Funktion eher intuitiv. Hitlers
Führung hat man oft als «charismatisch» definiert, als eine Führung, die
auf jener quasi-göttlichen Rolle basierte, die charismatischen Führern von
den Volksmassen, welche ihnen folgen, zugeschrieben wird. Im Laufe der
folgenden Kapitel werden wir immer wieder auf die Bindung zurückkommen,
die zwischen ihm, der Partei und dem Volk bestand. Hier mag die
Feststellung genügen, daß Hitlers persönliche Kontrolle über die
überwältigende Mehrheit der Deutschen drei verschiedenen und
übergeschichtlichen Erlösungscredos entstammte und sie, so weit der Inhalt
seiner Botschaft reichte, zum Ausdruck brachte: dem Glauben an die
letztliche Reinheit der Rassengemeinschaft, an die Überwältigung von
Bolschewismus und «Plutokratie» und an die endliche Erlösung in einem
Tausendjährigen Reich (die allseits bekannten christlichen Themen entlehnt
war). In jeder dieser Traditionen repräsentierte der Jude das Böse
schlechthin. In diesem Sinne verwandelte sich Hitler durch seinen Kampf in
einen göttlichen Führer, da er an allen drei Fronten gegen denselben
metahistorischen Feind kämpfte: den Juden.
*
Überall im deutschen
Machtbereich in Europa wirkten institutionelle Machtkämpfe, die allgemeine
Jagd nach Vorteilen und das Gewicht etablierter Interessengruppen auf die
Entfaltung des ideologischen Furors ein. Die ersten beiden Faktoren sind
in einer Vielzahl von Untersuchungen beschrieben und interpretiert worden,
und sie werden hier in vollem Umfang einbezogen; der dritte Aspekt jedoch,
von dem weniger häufig die Rede ist, scheint mir wesentlich in dieser
Geschichte zu sein.
In der hochentwickelten modernen deutschen Gesellschaft und zumindest in
Teilen des besetzten Europa mußte selbst Hitlers Autorität und die der
Parteiführung bei der Umsetzung jeder beliebigen politischen Strategie die
Forderungen massiver Interessengruppen berücksichtigen, seien es
diejenigen von Parteimachthabern (den Gauleitern), der Industrie, der
Kirchen, der Bauernschaft oder der Kleingewerbetreibenden usw. Mit anderen
Worten, die Imperative der antijüdischen Ideologie mußten sich auch auf
eine Vielzahl struktureller Hindernisse einstellen, die sich vom Wesen und
von der Dynamik moderner Gesellschaften schlechthin herleiteten.
Niemand würde eine derartige Selbstverständlichkeit bestreiten; gerade
deshalb ist ein Faktum von zentraler Bedeutung: Nicht eine einzige
gesellschaftliche Gruppe, keine Religionsgemeinschaft, keine
Forschungsinstitution oder Berufsvereinigung in Deutschland und in ganz
Europa erklärte ihre Solidarität mit den Juden. (Auch von der Haltung der
christlichen Kirchen wird hier zu sprechen sein.) Im Gegenteil: Viele
Gesellschaftsgruppen, viele Machtgruppen waren unmittelbar in die
Enteignung der Juden verwickelt und, sei es auch aus Gier, stark an ihrem
völligen Verschwinden interessiert. Somit konnten sich
nationalsozialistische und mit ihnen verwandte antijüdische politische
Strategien bis zu ihren extremsten Konsequenzen entfalten, ohne daß
irgendwelche nennenswerten Gegenkräfte sie hieran gehindert hätten.
III
Am 27. Juni 1945
schrieb die weltberühmte jüdisch-österreichische Chemikerin Lise Meitner,
die 1939 aus Deutschland nach Schweden emigriert war, an ihren ehemaligen
Kollegen und Freund Otto Hahn, der seine Arbeit im Reich fortgesetzt
hatte. Nach dem Hinweis, daß er und die anderen deutschen Wissenschaftler
viel über die immer schlimmere Verfolgung der Juden gewußt hätten, fuhr
Meitner fort: «Ihr habt auch alle für Nazi-Deutschland gearbeitet und habt
auch nie nur einen passiven Widerstand zu machen versucht. Gewiß, um Euer
Gewissen los zu kaufen, habt Ihr hier und da einem bedrängten Menschen
geholfen, aber Millionen unschuldiger Menschen hinmorden lassen, und
keinerlei Protest wurde laut.» Meitners cri de coeur, der über Hahn
an die prominentesten Naturwissenschaftler Deutschlands gerichtet war, von
denen keiner ein aktives Parteimitglied, keiner in verbrecherische
Aktivitäten verwickelt war, hätte ebensogut für die gesamte intellektuelle
und geistliche Elite des Reiches (selbstverständlich mit einigen
Ausnahmen) und für weite Teile der Eliten in den besetzten Ländern und in
den Satellitenstaaten Europas gelten können. Und was für die Eliten galt,
das galt mit noch größerem Recht für die Bevölkerung der einzelnen Länder
(wiederum mit Ausnahmen). Hier waren, wie gesagt, das Nazisystem und der
europäische Hintergrund eng miteinander verknüpft.
Einige grundlegende Fragen zu den Einstellungen und Reaktionen von
Zuschauern können wir immer noch nicht genau beantworten. Das ist entweder
auf die Fragen selbst zurückzuführen oder auf das Fehlen wichtiger
Dokumente. Die allgemeine Wahrnehmung der Ereignisse läßt sich zum Teil
immer noch schwer einschätzen. Eine große Menge von dokumentarischem
Material wird jedoch zeigen, daß zwar in Westeuropa, in Skandinavien und
in den Balkanländern die Wahrnehmungen, was das Schicksal der deportierten
Juden anging, bis Ende 1943 oder sogar bis Anfang 1944 verschwommen
gewesen sein mögen, nicht aber in Deutschland selbst und natürlich auch in
Osteuropa nicht. Ohne die hier folgenden Interpretationen vorwegzunehmen,
läßt sich sagen: Es kann kaum ein Zweifel daran bestehen, daß es Ende 1942
oder spätestens Anfang 1943 einer gewaltigen Zahl von Deutschen, Polen,
Weißrussen, Ukrainern und Balten klar vor Augen stand, daß die Juden zur
totalen Ausrottung verurteilt waren.
Schwieriger zu erfassen ist die Folge einer derartigen Information.
Während der Krieg, die Verfolgung und die Deportationen in ihre letzte
Phase eintraten und während das Wissen um die Vernichtung sich immer
weiter verbreitete, nahm auf dem ganzen Kontinent auch der Antisemitismus
zu. Zeitgenossen registrierten diesen paradoxen Trend, dessen
Interpretation zu einem beherrschenden Thema im dritten (und letzten) Teil
dieser Darstellung werden wird.
Ungeachtet aller Probleme der Interpretation sind die Einstellungen und
Reaktionen von Zuschauern reichlich dokumentiert. Vertrauliche
Stimmungsberichte des SD, des Sicherheitsdienstes der SS, bieten ebenso
wie Berichte anderer Dienststellen aus Staat und Partei ein alles in allem
zuverlässiges Bild deutscher Einstellungen. Die Tagebücher von Joseph
Goebbels, eine der Hauptquellen dafür, wie sehr Hitler von den Juden
besessen war, beschäftigen sich ebenfalls systematisch mit deutschen
Reaktionen auf das Judenproblem, wie sie sich von der Spitze des Systems
her darstellten, während Soldatenbriefe Proben der Einstellungen bieten,
die sozusagen auf der untersten Ebene geäußert wurden. In den meisten
besetzten Ländern oder Satellitenstaaten berichteten deutsche Diplomaten
regelmäßig über die Stimmung in der Bevölkerung, beispielsweise angesichts
der Deportationen, und offizielle Quellen der lokalen Verwaltung wie etwa
die rapports des préfets in Frankreich, gingen ebenfalls auf diese
Thematik ein. Individuelle Reaktionen von Zuschauern, auch solche, die von
jüdischen Tagebuchschreibern registriert wurden, werden in das Gesamtbild
eingehen, und gelegentlich bieten an einem bestimmten Ort geführte
Tagebücher, deren Eintragungen sich, wie im Falle des polnischen Arztes
Zygmunt Klukowski, über eine ganze Periode hinweg erstrecken, ein
lebendiges Bild der Einsichten eines Individuums über die sich wandelnde
Gesamtszenerie.
Bei den Fragen nach den Zuschauern, die für uns aufgrund der
Unzugänglichkeit entscheidender Dokumente nicht zu beantworten sind, steht
die Haltung des Vatikans und vor allem die von Papst Pius XII. bis heute
im Vordergrund. Ungeachtet einer umfangreichen Sekundärliteratur und der
Verfügbarkeit einiger neuer Dokumente stellt die Tatsache, daß es
Historikern nicht möglich ist, Zugang zu den Archiven des Vatikans zu
erhalten, eine erhebliche Einschränkung dar. Ich werde die Einstellung des
Papstes so eingehend behandeln, wie es die gegenwärtige Quellenlage zuläßt,
aber der Historiker steht hier vor einem Hindernis, das sich hätte
beseitigen lassen, bislang aber noch nicht aus dem Weg geräumt worden ist.
*
In ihrem eigenen
Rahmen, getrennt von der detaillierten Geschichte deutscher politischer
Strategien und Maßnahmen oder von den Einstellungen und Reaktionen von
Zuschauern, ist die Geschichte der Opfer sorgfältig dokumentiert worden,
zunächst während der Kriegsjahre und dann natürlich seit dem Ende des
Krieges. Hier gab es durchaus Studien über die politischen Strategien von
Herrschaft und Mord, die aber nur skizzenhaft waren. Das Schwergewicht lag
von Anfang an auf der gründlichen Sammlung dokumentarischer Spuren und
Zeugnisse zum Leben und Tod der Juden: Es ging um die Einstellungen und
Strategien der jüdischen Führung, um die Versklavung und Vernichtung
jüdischer Arbeiter, die Aktivitäten verschiedener jüdischer Parteien und
politischer Jugendorganisationen, um den Alltag im Ghetto, die
Deportationen, den bewaffneten Widerstand, den massenhaften Tod an jedem
einzelnen der Hunderte von Tötungsorten, die sich über das gesamte
besetzte Europa verteilten. Auch wenn bald nach dem Krieg hitzige Debatten
und systematische Interpretationen zusammen mit der fortlaufenden Sammlung
von «Spuren» zu einem untrennbaren Bestandteil dieser Geschichtsschreibung
wurden, ist doch die Geschichte der Juden eine in sich geschlossene Welt
und überwiegend die Domäne jüdischer Historiker geblieben.
Selbstverständlich kann die Geschichte der Juden während des Holocaust
nicht die Geschichte des Holocaust sein; ohne sie jedoch läßt sich die
allgemeine Geschichte dieser Ereignisse nicht schreiben.
In ihrem höchst umstrittenen Buch Eichmann in Jerusalem legte
Hannah Arendt ganz direkt einen Teil der Verantwortung für die Vernichtung
der Juden Europas auf die Schultern der verschiedenen jüdischen
Führungsgruppen, der Judenräte. Diese weitgehend unbegründete These machte
aus Juden Kollaborateure bei der Vernichtung ihres eigenen Volkes. In
Wirklichkeit war jeder Einfluß, den die Opfer auf den Verlauf ihrer
eigenen Viktimisierung haben konnten, marginal, aber manche Interventionen
fanden (mit welchem Ergebnis auch immer) in einigen wenigen nationalen
Kontexten statt. So hatten in mehreren derartigen Situationen jüdische
Führer einen beschränkten, aber nicht völlig unbedeutenden Einfluß
(positiver oder negativer Art) auf den Verlauf der Entscheidungen, die von
nationalen Behörden gefällt wurden. Wahrnehmbar war dies, wie wir sehen
werden, in Vichy, in Budapest, Bukarest, Sofia, vielleicht in Bratislava
und natürlich in den Beziehungen zwischen jüdischen Repräsentanten und den
alliierten und neutralen Regierungen. Überdies hat auf eine besonders
tragische Weise der jüdische bewaffnete Widerstand – hier und da auch die
Aktivität jüdisch-kommunistischer Widerstandsgruppen wie der Gruppe Baum
in Berlin –, sei es in Warschau, Treblinka oder Sobibór, möglicherweise zu
einer beschleunigten Vernichtung der verbleibenden jüdischen
Sklavenarbeiterschaft geführt (zumindest bis Mitte 1944).
Von außerordentlicher Bedeutung war auch die Interaktion zwischen den
Juden in den besetzten Ländern, den Satellitenstaaten, den Deutschen und
der sie umgebenden Bevölkerung auf der unteren Ebene. Von dem Augenblick
an, als die Vernichtungspolitik in Gang gesetzt wurde, waren alle
Schritte, die von Juden unternommen wurden, um das Bemühen der Nazis zur
Vernichtung jedes Einzelnen zu behindern, ein unmittelbarer Gegenzug – und
sei es auf minimaler individueller Ebene: Beamte, Polizisten oder
Denunzianten bestechen, Familien dafür bezahlen, daß sie Kinder oder
Erwachsene verstecken, in die Wälder oder ins Gebirge fliehen, in kleine
Dörfer verschwinden, konvertieren, sich Widerstandsgruppen anschließen,
Lebensmittel stehlen – alles, was einem Menschen einfiel und das Überleben
ermöglichte, hieß, der deutschen Zielsetzung ein Hindernis in den Weg zu
legen. Auf dieser Mikro-Ebene fand die grundlegende und fortlaufende
Interaktion der Juden mit den Kräften statt, die bei der Durchführung der
«Endlösung» am Werk waren. Diese Mikro-Ebene bedarf der nachhaltigsten
Untersuchung. Und hier gibt es Dokumente in Hülle und Fülle.
Die Geschichte der Vernichtung der europäischen Juden läßt sich aus der
Perspektive der Opfer nicht nur durch spätere Zeugnisse (Aussagen vor
Gericht, Interviews und Memoiren) rekonstruieren, sondern auch mit Hilfe
der ungewöhnlich großen Zahl von Tagebüchern (und Briefen), die während
der Ereignisse geschrieben und im Laufe der darauffolgenden Jahrzehnte
aufgefunden wurden. Diese Tagebücher und Briefe schrieben Juden aller
europäischen Länder, aus allen Lebensbereichen, allen Altersgruppen, die
entweder unter unmittelbarer deutscher Herrschaft oder mittelbar in der
Sphäre der Verfolgung lebten. Selbstverständlich muß man die Tagebücher
mit der gleichen kritischen Aufmerksamkeit benutzen wie jedes andere
Dokument, vor allem dann, wenn sie nach dem Krieg von dem überlebenden
Verfasser oder von überlebenden Familienmitgliedern publiziert worden
sind. Als Quelle für die Geschichte des jüdischen Lebens während der Jahre
der Verfolgung und Vernichtung bleiben sie jedoch entscheidend und
unersetzlich.
Ob die Mehrzahl der jüdischen Tagebuchschreiber in der Frühphase des
Krieges deshalb mit dem Schreiben begann oder die Aufzeichnungen
fortführte, weil sie für eine künftige Geschichte über die Ereignisse Buch
führen wollte, läßt sich schwer feststellen; als sich aber die Verfolgung
verschlimmerte, wurden sich die meisten von ihnen ihrer Rolle als
Chronisten und Memoirenschreiber ihrer Epoche sowie als Interpreten und
Kommentatoren ihres persönlichen Schicksals bewußt. Bald vertrauten
Hunderte, ja wahrscheinlich Tausende von Zeugen ihre Beobachtungen der
Verschwiegenheit ihrer privaten Aufzeichnungen an. Große Ereignisse und
vieles, was alltägliche Vorfälle betraf, Einstellungen und Reaktionen der
umgebenden Welt verschmolzen zu einem immer umfassenderen, wenn auch
gelegentlich widersprüchlichen Bild. Sie gestatten Einblicke in
Einstellungen auf höchster politischer Ebene (beispielsweise in
Vichy-Frankreich und in Rumänien), sie schildern in allen Einzelheiten die
Initiativen und die alltägliche Brutalität der Täter, die Reaktionen der
Bevölkerung, das Leben und die Vernichtung ihrer eigenen Gemeinschaften,
aber sie halten auch die Welt ihres Alltags fest. Starke Äußerungen von
Hoffnung und Illusionen treten zutage; die wildesten Gerüchte, die
phantastischsten Interpretationen der Ereignisse erscheinen zumindest eine
Zeitlang als plausibel. Für viele werden die katastrophalen Ereignisse
auch zu einer Herausforderung für ihre früheren Überzeugungen, für die
Bedeutung ihres ideologischen oder religiösen Engagements, für die Werte,
die ihr Leben bestimmt haben.
Jenseits ihrer allgemeinen historischen Bedeutung gleichen solche
persönlichen Chroniken Blitzlichtern, die Teile einer Landschaft
erleuchten: Sie bestätigen Ahnungen, sie warnen uns vor der Mühelosigkeit
vager Verallgemeinerungen. Manchmal wiederholen sie nur mit
unvergleichlicher Überzeugungskraft das Bekannte. Um es mit Walter Laqueur
zu sagen: «Es gibt gewisse Situationen, die so extrem sind, daß es einer
außerordentlichen Anstrengung bedarf, um ihre Ungeheuerlichkeit zu
begreifen, sofern man sie nicht miterlebt hat.»
Bis heute hat man die individuelle Stimme vorwiegend als eine Spur
wahrgenommen, als die Spur, welche die Juden hinterlassen haben, welche
Zeugnis ablegt, ihr Schicksal bestätigt und veranschaulicht. In den
folgenden Kapiteln werden die Stimmen der Tagebuchschreiber aber noch eine
ganz andere Rolle spielen. Gerade durch ihr Wesen, kraft ihrer
Menschlichkeit und Freiheit, kann eine individuelle Stimme, die sich
plötzlich im Verlauf der gewöhnlichen historischen Erzählung von
Ereignissen wie den hier dargestellten erhebt, eine glatte Interpretation
und die (meist unwillkürliche) Selbstgefälligkeit wissenschaftlicher
Distanz und «Objektivität» durchbrechen. In einer Geschichte des
Weizenpreises am Vorabend der Französischen Revolution wäre eine derartige
disruptive Funktion kaum erforderlich, aber für die historische
Repräsentation von massenhafter Vernichtung und anderen Abfolgen
massenhaften Leidens, die von einer Business-as-usual-Historiographie
zwangsläufig domestiziert und sozusagen «verflacht» wird, ist sie
unentbehrlich.
Jeder von uns nimmt die Wirkung der individuellen Stimme anders wahr, und
jeder Mensch wird durch die unerwarteten «Schreie und geflüsterten Worte»,
die uns immer wieder dazu zwingen, abrupt innezuhalten, auf andere Weise
herausgefordert. Einige beiläufige Reflexionen über bereits wohlbekannte
Ereignisse mögen genügen, entweder infolge ihrer kraftvollen Beredsamkeit
oder wegen ihrer hilflosen Ungeschicklichkeit; oftmals kann die
Unmittelbarkeit des Schreies eines Zeugen, in dem Entsetzen, Verzweiflung
oder unbegründete Hoffnung liegen, unsere emotionale Reaktion auslösen und
unsere vorgängige, gut geschützte Wahrnehmung extremer historischer
Ereignisse erschüttern.
*
Kehren wir zu
Moffies Photographie zurück, zu dem auf sein Jackett aufgenähten Stern mit
seiner abstoßenden Inschrift und zu dessen Bedeutung: Wie alle Träger
dieses Zeichens sollte der junge Doktor der Medizin von der Erdoberfläche
verschwinden. Sobald man ihre Botschaft verstanden hat, löst diese
Photographie Fassungslosigkeit aus. Sie ist eine quasi-instinktive
Reaktion, ehe das Wissen sich einstellt, um sie sozusagen zu unterdrücken.
Mit Fassungslosigkeit ist hier etwas gemeint, das aus der Tiefe der
eigenen unmittelbaren Weltwahrnehmung aufsteigt, der Wahrnehmung dessen,
was normal ist und was «unglaublich» bleibt. Das Ziel des historischen
Wissens besteht darin, die Fassungslosigkeit zu domestizieren, sie
wegzuerklären. In diesem Buch möchte ich eine gründliche historische
Untersuchung über die Vernichtung der Juden Europas vorlegen, ohne das
anfängliche Gefühl der Fassungslosigkeit völlig zu beseitigen oder
einzuhegen.
Aus dem Englischen
von Martin Pfeiffer.
S. 11 -
25; Copyright Verlag C.H.Beck oHG
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