|
Glanz@Elend |
|
|
Autobiographie |
|
|
Fünfzig Jahre später, bei der Beerdigung von Paul, der mit 60 Jahren starb, trifft Gerhard den greisen "Onkel" Sepp wieder, der Paul die Uhr geschenkt hatte. Er hatte die Einzelteile noch. Man hatte damals befunden, die Uhr sei vollkommen wertlos und ein Zusammenbau viel zu teuer. Gerhard Roth brauchte lange, um einen Uhrmacher zu finden, der dies heute dennoch machte, denn inzwischen hatte diese Uhr für ihn einen ideellen Wert. Wie die einzelnen Teilchen der zerlegten Uhr, so setzen sich bei Gerhard Roth nach vier Jahrzehnten sukzessive Erinnerungen durch und das vorliegende Buch ist – Protokoll der verloren geglaubten Erinnerung. Ja, Protokoll. Denn solche epischen Momente sind selten im "Alphabet der Zeit" (das Buch ist Bestandteil des Zyklus "Orkus"). In episodenhaften Szenen, die noch einmal mit Ziffern unterteilt (zerlegt? zurechtgeschnitten?) werden (und Filmeinstellungen gleichen) rekapituliert der Ich-Erzähler, der unzweifelhaft Gerhard Roth ist (und es auch sein soll) seine Kindheit und Jugend in Graz. Es beginnt bei den ersten (vagen) Erinnerungen der letzten Kriegstage (Roth ist 1942 geboren) und endet, als Roth ungefähr 20 Jahre alt ist, mitten im Medizinstudium und in seiner Freizeit in Theatergruppen engagiert ist und mit Künstlern bekannt wird. Es wird zwar chronologisch berichtet, aber disparitätisch: Kurz nach Seite 300 kommt er in die Schule; auf Seite 390 ist er ungefähr 10 Jahre alt; auf Seite 548 13 Jahre und von seinem ersten Kind, welches drei Tage vor seinem 18. Geburtstag geboren wird, erfahren wir auf Seite 704. Der Zeitrahmen wird am Ende mit der Schilderung der Tode der Grossmutter (väterlicherseits) von 1970, des Grossvaters (mütterlicherseits) von 1973 und des Bruders Paul 2001 aufgegeben. Mit biografische Daten des Vaters und der Mutter und deren Herkunft und rund 30 Seiten Bildern aus dem Familienalbum endet es. Das Buch ist eine lupenreine Autobiografie. Gleichzeitig kleidet sie sich in einem literarischen Gewand. Diese Kombination ist nicht unüblich, aber fast immer heikel. So auch hier: Das Literarische kommt leider zu kurz. Es dominiert das detailgenaue Schildern selbst kleinster Nebensächlichkeiten. Manchmal glaubt man, einen Bericht zu lesen, der nüchtern das Gewesene, das Ereignis, rekapituliert. Aber in der fast lustvoll zusammengetragenen Detailfülle verlieren sich allzu oft die Figuren zu Statisten in einem Authentizität suggerierenden Erinnerungsraum. Nicht das mit dem Wissen von heute erzählt wird, stört dabei, sondern beispielsweise die merkwürdige Gleichrangigkeit der Ereignisse: Eine kleine Erkältung; der drohende Erstickungstod an einer Glaslinse; eine Schwalbe, die sich ins Zimmer verflogen hatte; die Demütigungen, die der Vater über sich ergehen lassen muss – trotz seines Arztseins; ein Strassenbahnunglück mit zwei toten Fahrradfahrerinnen, von denen eine buchstäblich zerteilt wird; das Abtauchen in die Welt des Robinson Crusoe; das Sammeln von Karl-May-Bildchen; die merkwürdigen Gespräche über die Nazi-Zeit von den Eltern, die anders sind als das, was sie tagsüber sagen; die fortgesetzten Quälereien durch Mitschüler in der Schule; die ersten Masturbationserlebnisse; das Versinken in die Parallelwelt des Kinos (nein, ich verlange nicht gleich Walker Percy); die Konflikte mit dem Vater, usw. Kein Spannungsbogen wird entwickelt; kein "doppelter Boden". Der Sprachduktus verändert sich fast nie. Und gegen Ende des Buches wird es derart kühl, dass man vor der Chronistenprosa manchmal erschrickt. Der erste Beischlaf mit Erika (der Mutter seines ersten Kindes) wird wie eine Fussnote, nebenbei, erwähnt: In der Nacht vor ihrer Abreise schlief ich mit ihr. Als Erika dann nach einem zweimonatigen Aufenthalt aus England zurückkommt, heisst es lapidar Wir führten ein langes Eifersuchtsgespräch und setzten dann unsere Beziehung fort. Im weiteren Verlauf spielen sie und das Kind kaum eine Rolle (wir erfahren noch, dass Roth sie heiratet) – stattdessen werden ausführlich die Lektüreerlebnisse, der Spass oder Nicht-Spass beim Sezieren (Roth studiert Medizin), über eine Lesung von Heimito von Doderer und die Treffen mit diversen Freunden berichtet und nicht zu vergessen gibt es die genaue Beschreibung, dass Gerhard schon länger nicht mehr in einem roten Heft seine Tagebucheintragungen machte, sondern nun ein blaues Heft nahm – später wird es dann ein oranges Heft sein, nachdem das blaue Heft plötzlich verschwunden war (Jahrzehnte später – so bekommt der Leser zu erfahren – bestätigt sich der Verdacht, dass der Vater es vernichtet hatte). Und vorher Gerhards lange Leiden an den Demütigungen und Quälereien der Mitschüler (Roth gelingt eine grandiose Beschreibung über die sozialen Interaktionen solcher Prozesse), später die Entwicklung vom Verhöhnten zum Niemand (Roth prügelt dann einmal [endlich! sagt sich der Leser] in fast blinder Wut auf einen Peiniger ein); seine Scham, ständig die Kleider des älteren Bruders auftragen zu müssen und deswegen erneut gehänselt zu werden; die eigentlich katastrophale Wohnlage am Anfang (direkt an der Grazer Müllkippe) – all diese Schilderungen, die häufig, sehr häufig wiederholt und gewendet werden, ergreifen nicht. Das Träumerische des Knaben Gerhard Roth, das Gefühl der Verlassenheit, das für seine Umgebung damals "Nichtsnutzige" – all dies erfahren wir immer wieder, aber viel zu oft als blosse Behauptung und zu selten als Erzählung. Es bleibt alles seltsam steril. Man ertappt sich bei der pflichtgemässen Fortsetzung der Lektüre. Hier und da ein schönes Bild oder eine geglückte Metapher, beispielsweise wenn nach dem Umzug in das Haus, welches man vor dem Krieg bewohnte diese hässliche Müllkippe ganz kurz zum Sehnsuchtsraum wird – das ist schön, das ist Literatur. Oder die Lichtgestalt des Grossvaters (sein Hantieren mit Schachfiguren und dem Kreuzworträtselheft und seine stille Autorität). Und nach dem Tod dieses Menschen, bei der Sichtung der Gegenstände, die mundgeblasenen Briefbeschwerer, die – ein wunderbares Bild – zu beseelten Atemurnen werden. Aber selbst hier, im Vergleich (ja, das Elend des Vergleichens!): Wie anheimelnd, wie fast zärtlich die Sprache eines Thomas Bernhard in seinen autobiografischen Büchern an den so geliebten Grossvater – und so spröde und distanziert hier. Hat Gerhard Roth aus Angst vor so etwas wie "Subjektiv-Kitsch" (Handke) diese Reserve bewusst erzeugt? Wie kann man emotionale Lakonie versuchen und gleichzeitig einen derartigen Detailreichtum ausbreiten? Oder ist es schlichtweg ein Nachteil, bisher von Gerhard Roth nichts gelesen zu haben (nur diese grandiose ARD-Filmproduktion "Landläufiger Tod", und somit die entsprechende Neugier auf die persönlichen Erlebnisse des Autors nicht zu haben, weil man kein Adept ist? Und da fragt man sich, warum es ausgerechnet ein Ich-Erzähler sein musste. Und weiter: Warum all diese detailgenauen Angaben, die – Roth weiss das selber – stimmen oder nicht stimmen (Natürlich weiss ich, dass die Erinnerung lügt und täuscht…? Warum erscheint mir die präsentierte Opulenz der Einzelheiten manchmal als eine einzige Verwechslung mit einem epischen, einem poetischen Erzählen (so, wie einige Rezensenten dies auch zu verwechseln scheinen)? Und nein, es ist keine Sehnsucht des Lesers nach butzenscheibenhafter Nachkriegsrührseligkeit oder gar eines magischen Realismus, welche diese Kritik befeuert (die im übrigen nichts aber auch rein gar nichts über das restliche Werk von Gerhard Roth sagen will und kann). Aber nach über 800 Seiten bleibt eben eine Leere. Die Figuren grüssen nicht einmal beim Abschied. Und das ist schade.
Gerhard Roth
-
Das Alphabet
der Zeit
– S. Fischer |
|
|
Startseite |
|
|
|