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Foto: Martin Mosebach
Nicolás Gómez Dávila
Das Leben ist die Guillotine der Wahrheiten
Ausgewählte Sprengsätze
Martin Mosebach (Hrsg.)
Die andere Bibliothek Band 263
Eichborn
€ 28,5/ sFr 52
3-8218-4572-4
Von den einen wird der kolumbianische Autor und Philosoph Nicolás Gómez
Dávila als würdiger Nachfolger von Schopenhauer und Nietzsche gefeiert,
den andern gilt er als elitär konservativer Thesenschmied. Er selbst sagt
von sich: »Meine
Überzeugungen sind die eines alten Weibes, das im Winkel der Kirche
seine Gebete murmelt.« Heiner
Müller zollte ihm auf seine eigensinnige Weise Respekt: »Der
Klassenfeind greift zu den teuflischsten Mitteln, doch: Gruß über den
Graben!« Und selbst Gabriel García Márquez erwies ihm die Ehre: »Wäre
ich nicht Kommunist, ich dächte ganz wie Gómez Dávila.«
Sein einzigartiges Werk umfasst einige tausend Seiten, doch der 1994
verstorbene
Eremit ist bei uns nur wenigen bekannt. Wer war dieser Solitär,
Selbstdenker, freie Geist, der nie einen Roman schrieb, keine
Theoriegebäude entwarf, lediglich Aphorismen, Fußnoten eines imaginären
Welttextes. Wie hingeworfen wirken die Namen, die er den Büchern gab:
Notas, Textos und vor allem Escolios.
Nur, muss man sagen, denn aus Dávilas Schreibwerkstatt kommen extrem
verdichtete Miniaturen, jahrzehntelang geschliffene Diamanten von
größter Härte, unter denen mancher Sprengsatz verborgen ist. Um die
Verbreitung seiner Werke hat er sich nie besonders bemüht – aber jetzt,
einige Jahre nach seinem Tod, scheint der Siegeszug von Nicolás Gómez
Dávilas Aphorismen so etwas wie eine unaufhaltsame Notwendigkeit. Auf
Deutsch erschien sein Aphorismenwerk - »Die Scholien« in dem kleinen
Karolinger Verlag in Wien mit sprechenden Titeln wie: »Einsamkeiten«,
»Auf verlorenem Posten« und »Aufzeichnungen des Besiegten«.
Nun ist in der Anderen Bibliothek eine »Auswahl seiner
Sprengsätze« erschienen. Martin Mosebach, seit Jahrzehnten
ein Verehrer von Dávilas
Hauptwerk, hat aus Tausenden von Seiten die Crème de la Crème
herausdestilliert und stellt in dem Band, »Das
Leben ist die Guillotine der Wahrheiten«,
einen solitären Denker von Weltgröße vor.
Der Autor Martin Mosebach
hat den Eremiten über die Jahre in Santafé
de Bogotá (Kolumbien)
wiederholt besucht und seine
Lebensumstände in dem atmosphärischen Essay
Einsiedler
am Rand der bewohnten Erde
eindrucksreich illustriert,
den wir mit
freundlicher Erlaubnis des Matthes & Seitz Verlages hier wiedergeben.
Bei dem
Titel dieses Bandes 263 der Anderen Bibliothek handelt es sich um ein Zitat aus
dem Hauptwerk Davilás, den »Notas«,
die bei Matthes & Seitz Berlin erfreulicherweise mittlerweile bereits in
der 2. Auflage erschienen sind.
Der Bruder des Autors ließ 1954 in Bogotá dieses Werk als Privatdruck
in einer Auflage von einhundert Exemplaren drucken, und erst im Jahre
2004 erschien die erste offizielle spanische Buchausgabe in Kolumbien.
Nachdem die späteren Bücher von Gómez Dávila in Deutschland bereits
Aufsehen erregten, wird dieses Hauptwerk überraschen: es konzentriert
sich in vulkanischen Splittern auf die Sinnlichkeit des Menschen und die
drei großen Fragen: Was Denken? Was Tun? Was Glauben? HD
»Eine unverwechselbare
und reine Stimme«
In seinem Nachwort schreibt Franco Volpi:
»Es gibt Schriftsteller, die scheinbar aus dem Nichts auftauchen. Die
auf ungeahnte Weise in einem ihnen fremden Umfeld hervortreten, ohne daß
sie von etwas oder jemandem vorbereitet wurden, ohne Vorläufer, ohne
Begleitumstände oder Erkennungszeichen, mit denen sie sich leichter
bestimmen ließen. Sie sind exzentrisch, unbequem und ungewöhnlich, nicht
einzuordnen und ebendeshalb unverwechselbar.
Nicolás Gómez Dávila gehört durch die Art, wie er schreibt, und durch
das, was er schreibt, rechtmäßig zu ihnen. Sein Werk ist in der
Literatur und Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts ein eher
einzigartiger als sonderbarer Fall: Das in diesem Werk geschaffene
Universum, worin Stil und Ideen zu einer festen Einheit verschmelzen,
bietet sich als ein geschlossener Raum dar: Um ihn zu betreten, helfen
kein rationales Herangehen und keine logische Folgerung. So etwas läßt
sich nur erreichen, wenn man sich in ihn hineinversetzt. Das Verständnis
ist in diesem Fall tatsächlich eine Frage der Empathie, daß man es
vermag, in die Gedankenwelt des Autors einzudringen, indem man
Intuitionen und Visionen, Sympathien und Idiosynkrasien, Vorlieben und
Anathemata vereint. Glücklicherweise verfügen wir über ein hilfreiches
hermeneutisches Instrument, das uns Gómez Dávila hinterlassen hat, ohne
eine derartige Absicht damit zu verbinden: ein Band, der in den
fünfziger Jahren auf Anregung seines Bruders Ignacio – ebenfalls eines
Schriftstellers – unter dem einfachen Titel Notas. Dabei handelt es sich
um ein ganz eigentümliches Werk: einen experimentellen Text, der aus
Notizen, Maximen, Bemerkungen, Aussprüchen und Meinungsäußerungen
besteht. Es erlaubt uns, einen Einblick in die Werkstatt Gómez Dávilas
zu erhalten, seine schöpferischen Regungen von Anfang an zu verfolgen,
seinen Geist zu verstehen, seine Genialität zu ahnen und den
unverwechselbaren Stil zu genießen, der mit blitzartigen sprachlichen
und gedanklichen Verkürzungen arbeitet. Im Grunde liefert uns Notas den
– theoretischen, poetischen, manchmal auch persönlichen und
biographischen – Schlüssel, um die Sichtweise Gómez Dávilas zu
ergründen.«
Nicolás Gómez Dávila -
Notas -
Unzeitgemäße Gedanken
Batterien 73 -
Mit einem Vorwort von Martin Mosebach
Aus dem Spanischen von Ulrich Kunzmann -
Mit einem Nachwort von Franco Volpi
Matthes & Seitz Berlin,
441 Seiten
€ 34,90 / sFr 60,40 / ISBN 3-88221-855-X
Die Scholien - Das Aphorismenwerk
Einsamkeiten - Deutsch von Günter Sigl
- Mit einem Nachwort von Franz Niedermayr -
Geb., 200 Seiten, ISBN 3-85418-034-9
Auf verlorenem Posten - Neue
Scholien zu einem inbegriffenen Text - Deutsch von Michaela Meßner - Mit
einem Aufsatz von F. Pizano de Brigard - geb., 240 Seiten, ISBN
3-85418-053-5
Aufzeichnungen des Besiegten -
Fortgesetzte Scholien zu einem inbegriffenen Text - Deutsch von Günter
Maschke - Mit einem Essay von Martin Mosebach , Geb., 112 Seiten, ISBN
3-85418-065-9
Texte und andere Aufsätze - Aus dem
Spanischen von H. Redondo, mit einem Nachwort von Till Kinzel - Geb.,
204 Seiten, ISBN 3-85418-107-8
Alle Titel erschienen im Karolinger Verlag, Wien
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