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Die
Gretchenfrage
Sigrid Lüdke-Haertel über einen Frankfurter
Kriminalfall mit weltweiter Wirkungsgeschichte
Wenn
das Technische Rathaus in der Braubachstraße, wie geplant, erst einmal
abgerissen ist, wenn die neuen Fachwerkhäuser erst einmal an seine
Stelle getreten sind, dann werden wir alten Frankfurter unseren Gästen
aus aller Welt und natürlich auch unseren fotografierfreudigen Freunden
aus dem fernen Asien, einmal zeigen können, wie unser altes Frankfurt
ausgesehen hat, als der jungen Frankfurter Dienstmagd Susanna Margaretha
Brand, genannt Susann, anno 1771, im Römer der Prozeß gemacht worden
ist. Die Anklage lautete auf Mord. Das Urteil: auf Tod – durch das
Schwert.
Wir schreiben
Freitag, den 2. August 1771, und zwar genau: »Viertel nach Acht
morgens«. Im Gasthaus »Zum Einhorn«, an der Staufenmauer, in der Nähe
der Judengasse, ging einiges daneben. Susann, das Mädchen, war
kurzfristig ausgefallen, unpäßlich. Und die Wirtin, Frau Bauer, nur
Bauerin genannt, mußte selbst mit Hand anlegen. Als sie mit einem Bündel
Holz unterm Arm aus dem Stall kam, spürte sie plötzlich etwas Klebriges
unter dem Schuh, etwas, das bräunliches Flecken auf dem Pflaster
hinterließ.
»Der Bauerin gefiel das gar nicht. Nach kurzem Nachdenken deponierte sie
das Holz am Boden und machte sich zurück zum Stall. Sie ließ die Tür
weit offen, damit sie mehr Licht hatte, und entdeckte nun gleich mehrere
Blutlachen zwischen Tür und Krippe.
Die Wirtin erschauerte. Aber den Gedanken, selber und vor allem allein,
die Spur weiter zu verfolgen, verwarf sie alsbald, in der Hoffnung, mit
einer benachbarten Schwester, der Hechtelin, den zu erwartenden
Schrecken zu besichtigen und damit zu teilen.
Im Halbstundentakt, und das heißt entsprechend detailfreudig, werden uns
nun auch die weiteren Ereignisse beschrieben. Wir erfahren, wie die
Hechtelin von dem Verdacht erfährt, daß sie daraufhin mit der Susann
gesprochen hat und beruhigt zur Bauerin zurückkehrt, um allerdings dort
zu erfahren, daß sich neue, deutlichere Hinweise ergeben haben. »Die
Hechtelin folgt der Bauerin bebend in die Waschküche (..), kommt vor,
linst, mit dem Schlimmsten rechend, in die dunkle Spalte zwischen den
Fässern. Aber für das Schlimmste ist es viel zu klein, was da verklebt
von Sägespänen liegt, von der Farbe ganz abgesehen.«
Die Bauerin, unterdessen unerschrocken, greift »das glibberige,
blaugraue, sägespanverdreckte Gewebe mit der Hand und hält es der
Hechtelin vor die Nase.« Die weiteren, kaum weniger unappetitlichen
Einzelheiten können wir uns ersparen. Der Beweis einer Geburt ist
erbracht – dank der Nachgeburt.
Und so kommt ein Verhängnis zum anderen.
Ein Fall – mit Folgen, lebensgeschichtlichen für Susanne Margaretha
Brand, die am 14. Januar 1772, genau um zehn Uhr, durch den »gelungenen
Schwerthieb« des Scharfrichters Hoffmann aus Groß-Gerau, mit ihrem Kopf
auch ihr Leben verlor. Im Rahmen eines großen Volksfestes übrigens, bei
dem auch ein junger Jurist zugegen war, der erst wenige Monate zuvor in
Straßburg seine rechtswissenschaftliche Ausbildung abgeschlossen hatte:
Johann Wolfgang Goethe. Die Juristerei interessiert ihn nicht mehr. Und
mit Frauen, die sitzen gelassen worden sind, hat er, zum Beispiel in
Sesenheim, auch so seine Erfahrungen gemacht. Zudem will er Dichter
werden. Deshalb nimmt er regen Anteil an dem Schicksal des jungen
Mädchens: man muß »sich auskennen mit den Abgründen der menschlichen
Seele.«
Gesagt, getan. Dank Goethe geht der Fall der Susanna Margarethe Brand um
die ganze Welt. Besonderer Wertschätzung erfreut er sich, noch heute, im
Fernen Osten, in den gebildeten Kreisen der Süd- und Nordkoreaner, vor
allem aber bei den Japanern.
Ohne Faust’s »Gretchen« wäre die Frankfurter Kindsmörderin Brand längst
vergessen. Ohne Goethe wäre auch der »historische Roman« der Frankfurter
Historikerin Ruth Berger nicht einmal für Historiker interessant. Was
Ruth Berger, fleißig zusammengetragen, an geschichtlichen Einzelheiten
aufbietet und in einer mühsam aufs Altfränkisch getrimmten Sprache
präsentiert, kann den heutigen Leser nicht unbedingt vom Hocker heben.
Doch wenn wir an Gretchen denken, kommt uns auch Susann wieder näher.
Dazu erfahren wir viel über das alte Frankfurt, über die bescheidenen
Lebensbedingungen der kleinen Leute, über die Macht eines Schicksal, das
seine Macht aus den sozialen Verhältnissen der Zeit bezog. Wir erleben
noch einmal die Ungerechtigkeit der Welt, und hören, wie man in der
Freien Reichsstadt über den »Hofdichter« dachte, der bei einem
»dekadenten Fürsten« buckeln ging.
Aber wollen wir überhaupt so viel wissen? Wenn nicht wir, dann sicher
die zukünftigen Besucher des alten Frankfurt, das gerade neu gebaut
wird. Eine japanische Übersetzung von »Gretchen« – gewiß ein Bestseller
am künftigen Hühnermarkt. Und wenn die Japaner mehr lesen und weniger
fotografieren – wäre da nicht auch uns alten Frankfurtern geholfen?
Sigrid Lüdke-Haertel
Ruth Berger Gretchen. Ein
Frankfurter Kriminalfall.
Historischer Roman, Kindler Verlag, 461 S., 19,90 €
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