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General Beck wird später zitiert werden, er habe den Inhalt der Rede "sofort wieder vergessen". Zwar existiert eine inoffiziell angefertigte Protokollnachschrift, die vermutlich von einem der Hammerstein-Kinder an die Komintern nach Moskau gefunkt wurde, aber ob hier tatsächlich wesentliche Elemente der Rede Hitlers, die dann eindeutig eine Aufrüstungsrede gewesen wäre, korrekt wiedergegeben wurden? Hans-Magnus Enzensbergers Buch bezieht einen Grossteil seiner Faszination gerade aus dieser gelegentlich unklaren Faktenlagen. In dem alle möglichen Quellen vorgestellt und auch in ihrer manchmal frappierenden Widersprüchlichkeit nebeneinander gestellt werden und – das ist notwendig hervorzuheben – fiktives neben historischem steht und entsprechend getrennt aufbereitet wird, entsteht ein facettenreiches Bild über eine nicht einfach zu beurteilende Persönlichkeit – und deren Familie.
Quellenreichtum und
Spekulationslust Hammersteins Charakter wird aus verschiedenen Quellen bezeichnet. Einerseits wird er als unpolitischer Soldat charakterisiert – später heisst es dann, er sei eigentlich Pazifist und Weltbürger gewesen. Er galt seit jeher als ein Gegner des Nationalsozialismus und soll früh die Katastrophen eines neuen, drohenden Krieges vorhergesagt haben; dies teilweise frech und offen – dann wieder verborgen und "im Vertrauen". Übereinstimmend heisst es, dass Hammerstein in seiner aktiven Dienstzeit an kniffligen Detailfragen nicht besonders interessiert war. Es wird sogar kolportiert, er sei im fast wörtlichen Sinne faul gewesen – wenigstens wenn es sich um Alltagsdinge gehandelt habe. Ein Aktenmensch war er definitiv wohl nicht. Und vielen galt er im Umgang als herablassend und arrogant. Als er einmal gefragt wurde, unter welchen Gesichtspunkten er seine Offiziere beurteile, sagte er: "Ich unterscheide vier Arten. Es gibt kluge, fleissige, dumme und faule Offiziere. Meist treffen zwei Eigenschaften zusammen. Die einen sind klug und fleissig, die müssen in den Generalstab. Die nächsten sind dumm und faul; sie machen in jeder Armee 90% aus und sind für Routineaufgaben geeignet. Wer klug ist und gleichzeitig faul, qualifiziert sich für die höchsten Führungsaufgaben, denn er bringt die geistige Klarheit und die Nervenstärke für schwere Entscheidungen mit. Hüten muss man sich vor dem, der dumm und fleissig ist; dem darf man keine Verantwortung übertragen, denn er wird immer nur Unheil anrichten." Hammerstein war in den 20er Jahren in führender Position im Kontakt mit der sowjetischen Roten Armee. Diese Zusammenarbeit musste alleine schon aufgrund der Konditionen des Versailler Vertrags geheim bleiben. Für beide Seiten, Reichswehr und Rote Armee, barg die Kooperation grosse Vorteile: Deutschlands Armee wurde nach dem destraströsen Weltkrieg wieder aufgebaut und man bekam militärtechnisch Anschluss (Kriegsmaterial für die deutsche Armee wurde in Russland produziert) und auf der anderen Seite bildeten die deutschen Offiziere den russischen Generalstab aus. Es gab gemeinsame Manöver. Hammerstein hatte bis zum Ende seines Lebens sehr gute Kontakte zur Roten Armee und diese auch stets gepflegt. Dieses Engagement war bei rechtsnationalen Kräften sowohl im Militär als auch der Politik nicht gerne gesehen. Seine Einschätzung über die sowjetische Armee von 1932 (gute Truppe, diszipliniert und gut ausgebildet, sie sich in der Defensive gut schlagen wird und dabei auf die Unterstützung der russischen Bevölkerung zählen kann) erwies sich als prophetisch.
"Libanesische
Verhältnisse"? – Enzensbergers zu einfaches Geschichtsbild Dieser Darstellung kann man in dieser Absolutheit widersprechen. Auch wenn Enzensberger richtig konstatiert, dass die "Goldenen Zwanziger" ein später verklärender Mythos waren, so ist die Tatsache, dass die Demokratie von den Militanten auf beiden Seiten immer wieder in die Zange genommen wurde, noch kein Beweis für den von ihm an anderer Stelle vor einigen Jahren so luzide beschriebenen "molekularen Bürgerkrieg". Ausserdem transformiert er die durchaus fragilen Verhältnisse "der Strasse" von den Metropolen wie Berlin oder München auf das gesamte Deutsche Reich, was sicherlich unzutreffend ist. Enzensberger macht hier den Fehler, die unmittelbaren Vorgänge im Jahr 1933 als entscheidend darzustellen – was sie nicht waren. Die Weimarer Republik war schon Monate vorher klinisch tot, weil niemand mehr – einschliesslich der Demokraten – der Demokratie eine Chance gegeben hatten und sich das Grossbürgertum (inklusive vieler Intellektueller) im furchtbaren Irrtum wähnte, Hitler und seine marodierenden Grossmäuler zu gegebener Zeit schon zu zähmen. Indem Enzensberger aber die politischen Verwerfungen in der Weimarer Republik monokausal beschreibt, gibt er dem Zögern der Hitlerskeptiker nachträglich recht. Tatsächlich dürften sich die Zweifler innerhalb des deutschen Militärs dem Nationalsozialismus gegenüber in einer ziemlich deutlichen Minderheitenposition befunden haben (man denke in diesem Zusammenhang an Golo Manns Diktum, das deutsche Heer habe "zu gar nichts Mut" gehabt). Leute wie Hammerstein befürchteten vielleicht weniger einen Bürgerkrieg als eine Art Putsch gegen den Putsch, den sie vermutlich sogar physisch nicht zu überleben glaubten. Und in einer Reflexion Hardenbergs von 1945 schreibt dieser über Hammersteins Einschätzung des politischen Deutschen, er (der Deutsche), sei politisch derart wenig begabt, dass er die Notwendigkeit eines Attentats auf Hitler nie einsehen werde, wenn er nicht den bitteren Kelch bis zur Neige tränke. Eine Überlegung, die wohl tatsächlich in der militärischen Elite des Reiches Konsens gewesen sein dürfte, allerdings auch bereits den Keim der Rechtfertigung in sich trug und – nebenbei – auch einen demokratiefeindlichen Affekt befriedigte. Die Versager waren aber beileibe nicht nur in den Reihen der Wähler von 1933 zu suchen.
Hammerstein liess sich
nicht blenden Wie gefährlich das Regime war, wird am Umgang mit Hammersteins Freund Kurt von Schleicher (das Verhältnis der beiden wird im Buch ausgiebig besprochen) illustriert, der im Rahmen der "Säuberungsmassnahmen" der Nacht der langen Messer 1934 hingerichtet wurde. Hammerstein blieb damals unbehelligt; warum, wird – vermutlich aufgrund fehlender Fakten - nicht schlüssig erläutert. Kurt von Hammerstein ist deswegen von Interesse, weil er sich nicht von Hitlers Aufrüstungsplänen blenden liess; im Gegensatz zu sehr vielen ranghohen Offizieren. Und auch namhafte und führende Widerständler des 20. Juli 1944 hatten die Machtübernahme Hitlers anfangs wenn nicht begrüsst, so doch als Möglichkeit zur Stärkung der Armee im Deutschen Reich betrachtet. Sie empfanden die Bedingungen des Versailler Vertrags als Demütigung. Hitler bot ihnen eine deutliche Aufwertung des Militärs – und somit der eigenen Rolle in der Gesellschaft an. Die Schmach des verlorenen Krieges versprach der 'böhmische Gefreite', wie er verächtlich genannt wurde, durch entsprechende politische Gewichtung vergessen zu machen. Grosse Teile der Generalität waren überdies lange der Meinung, Hitler "im Griff" zu haben, und ihn quasi als Aufbauhelfer für ihre Zwecke nach Belieben einspannen und bei Bedarf gegebenenfalls "entsorgen" zu können. Hammerstein war alles andere als ein Demokrat. Sein politischer Standpunkt kann allerdings als national-liberal subsumiert werden, was für damalige Zeiten fast schon als fortschrittlich galt. Sein Schwiegervater war der nationalistische Walther Freiherr von Lüttwitz, der 1919 bei der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht beteiligt gewesen war und als Mitinitiator des sogenannten "Kapp-Putsches" vom März 1920 gilt (einige Historiker bezeichnen ihn inzwischen auch als "Lüttwitz-Kapp-Putsch"; Enzensberger sieht Kapp nur als Lüttwitz' Strohmann). Hammerstein war lange auf die Protektion des beinharten Schwiegervaters angewiesen, der die Ehe argwöhnisch beäugte.
"Überstehen, ohne zu
kapitulieren" Kurt von Hammerstein und seine Frau Maria hatten sieben Kinder, die zwischen 1908 und 1923 geboren wurden; vier Mädchen und drei Jungen (der Stammbaum am Ende des Buches verhindert Verwechslungen und ist nützlich). Die Erziehung im Hause Hammerstein ist ausgesprochen fortschrittlich; selbst für heutige Zeiten. Hammerstein wird zitiert mit der Aussage, seine Kinder würden zu "freien Republikanern" erzogen. Bereits sehr früh hatten sie grosse Freiheiten, was sich u. a. daran zeigt, dass eine seine Töchter vorzeitig die Schule verlassen konnte, weil sie es so wollte. Im Laufe des Buches verlagert sich naturgemäss der Schwerpunkt auf die biografischen Erlebnisse der Kinder, insbesondere der 1908 geborenen Marie Luise (gestorben 1999) und Helga. Sie (und auch eingeschränkt Maria Therese) schliessen sich sehr früh kommunistischen Parteien und Organisationen an; fungieren teilweise als "Spione". Die Verstrickungen speziell von Marie Luise und Helga in den kommunistischen Widerstand und den stalinistischen Säuberungen in Moskau werden detailliert behandelt – inklusive der Verwicklungen, Taten und Verfolgungen der Ehemänner und Freunde der Hammerstein-Töchter.
Das Exempel der Ausnahme?
Ein wenig spiegelt
dieses kleine Resumée das Problem des Buches: Für wen soll Geschichte
der Famile exemplarisch sein? Alle Hammerstein-Kinder waren
zeitweise oder dauernd unter nicht unwesentlichen Risiken für das eigene
Leben in widerständlichen Gruppierungen engagiert. Das ist – leider –
eben genau nicht exemplarisch für deutsche Familiengeschichten – selbst
in diesen Kreisen. Und was soll das Lob auf die Stärke der Frauen
in präfeministischen Zeiten? War das nicht in den 50er-Jahren in der
"Trümmerfrau" schon Konsens – ohne ideologischer Überbau bzw.
Dekonstruktionslust?
Im Stile Breloers Einen peripheren Überblick bekommt man zusätzlich über einige bisher nicht unbedingt im Rampenlicht stehende Protagonisten des Widerstands (beispielsweise Werner von Alvensleben; Carl-Hans Graf von Hardenberg) mit denen Kurt von Hammerstein zu Lebzeiten in Kontakt stand. Fast mitleidig blickt Enzensberger auf jene, die nach 1945 quasi von der einen Diktatur in die andere "geflüchtet" sind und dort ideologische Heimat suchten. Hier ist der Ton fast schon despektierlich, als sei die Verirrung, die man heute im Wissen um die stalinistischen Verbrechen durchaus verurteilen kann, nicht aus den Zeitläuften und Ereignissen heraus mindestens erklärbar.
Ein bisschen
scheint dieses Buch einerseits beruhigend, andererseits aufrührend
gemeint zu sein, und zwar insbesondere an die Generation der
"Flakhelfer" (Enzensberger ist 1929 geboren). Beruhigend dahingehend,
dass es durchaus auch im aristokratisch-bürgerlichen Lager einen
Widerstand jenseits der gängigen Geschichtsschreibung gab. Und
aufrührend dahingehend, dass dies ohne per se dem Tode geweiht gewesen
zu sein sehr wohl möglich war. Und so kann das Motto des Buches, Kurt
von Hammersteins knappe, ein wenig skurrile, aber dann doch ungemein
treffende Sentenz "Angst ist keine Weltanschauung" als
Handlungsmaxime verstanden werden, die, wäre sie mehr beherzigt worden
(nicht zuletzt auch von ihm selber), nicht zu millionenfachem Leid
geführt hätte. Gregor Keuschnig |
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