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Druckstellen
XXXV
von Ingrid Mylo
Vom
Verlieren und Erfinden
Was weiß man, wenn man in den Städten lebt, noch von Gärten, was von den
ausgeklügelten Ordnungen herrschaftlicher Parkanlagen oder den
undurchforsteten Dschungeln voller Märchen und Schrecken? Und selbst
wenn: dieses Wissen ist nichts gegen die Kunst. Wenn man das schwere
Buch aufschlägt, wenn man darin blättert, geht ein Staunen durch die
Sinne wie südlicher Wind: so hat man Gras noch nie gesehen. Noch
nie
so einen Wald, der sich einem Wohnzimmerteppich entrankt, noch nie eine
Hecke so uneinsichtig und kleingeschuppt, als stünde man vor der Haut
eines ausgestorbenen Untiers. Oder die Girlanden des Rittersporns, die
auf dem Foto von Steichen leuchtend herunterregnen vor nächtlichen
Schwärzen, wie Feuerwerk, wenn das neue Jahr noch kaum einen gefaßten
Gedanken alt ist. Nein, man weiß wenig, aber man hebt den Blick in die
traumgleichen Seiten und sieht.
Nils Ohlsen
(Hg): Garten Eden
Der Garten in der Kunst seit 1900.
Köln. DuMont 2007. 303 S. EUR 39,90
Ein Streit unter Freunden, eine Trotzreaktion, ein ungünstiger Wind: und
von Miranda bleibt nichts als ein Segelboot, das zersplittert an die
holländische Küste gespült wird. Danach dreht sich das Leben ihrer
Familie um das schwarze Loch ihrer Abwesenheit, droht, in ihm zu
verschwinden. Vor allem ihr Vater Don wühlt wie besessen in der Wunde,
stellt Nachforschungen an, rastlos, wahnhaft, er muß einen Grund für das
Unglück finden, einen Verantwortlichen, dem er dafür die Schuld geben
kann. Melindas
Zwillingsschwester
Molly flüchtet als Entwicklungshelferin nach Sambia, der jüngere Bruder
Finn zieht zu seiner Tante. Louise, die Mutter, versucht es schreibend
in den Griff zu kriegen.
Das, was schwer zu ertragen ist, läßt sich nicht leicht in Worte fassen.
Stockend beginnt Louise, deutet an, lenkt ab mit Erinnerungen an die
Zeit, als ihre Welt noch heil war, mit Episoden aus ihrem Alltag als
Lehrerin, tastet sich erneut heran und weicht aus, jedesmal, wenn ihr
Herz die schmerzenden Stellen berührt. Aber jedesmal kehrt sie wieder
zurück, bis alles gesagt ist. Bis sie feststellt, daß es das gibt:
Hoffnung auf ein Leben nach dem Verlust.
Margaret
Forster: Miranda
Aus dem Englischen von Saskia Bontjes van Beek.
Zürich-Hamburg. Arche 2007. 318 S. EUR 19,90
Sie war immer schnell, wenns darum ging, das, was sich an Garstigem grad
zugetragen hatte in der Welt, unters Geschehen ihrer Romane zu mischen.
Der Flugzeugabsturz in Lockerbie, zum Beispiel: während in den Medien
noch um Hergang und Hintergrund spekuliert wurde und keiner so richtig
was wußte, stand in ihrem damals aktuellen Krimi schon Handfestes über
den Zusammenhang des Terroristen mit dem amerikanischen Geheimdienst.
Erst sehr viel später wurde dann in den Nachrichten andeutungsweise
darüber berichtet. Woher hatte Patricia Cornwell ihre Informationen? Es
hieß, sie sei mit einer vom FBI zusammen (ihr vormaliger Mann knallte
deswegen durch, nahm einen Prediger in einer Kirche als Geisel und
wollte damit ihre Rückkehr zu ihm erzwingen). Es hieß, durch diese
Verbindung sickerten Dinge, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt
waren, zwischen ihre Zeilen. Und es hieß, Cornwell müsse sich wegen
dieses G eheimnisverrats
vor Gericht verantworten. Das war vor Jahren. Ist es zu dem Prozeß
gekommen? Mit welchem Ergebnis? Keine Ahnung. Ihre letzten Romane
jedenfalls wirken ein wenig ungar: als sei ihr der Schneid abgekauft
worden oder die Lust, aber weil sie nicht einfach aufhören kann mit dem
Schreiben, macht sie weiter. Auch wenn es klingt, als hätte sie die
Sätze mit den Füßen zusammengescharrt. Immerhin räumt sie zum ersten Mal
die leise Möglichkeit ein, ihre Hauptfigur Scarpetta könne sich doch
eher zu Frauen hingezogen fühlen. Das halbherzige Rumgemurkse zwischen
ihr und Benton hat eh keiner geglaubt.
Patricia
Cornwell: Totenbuch
Aus dem Amerikanischen von Karin Dufner.
Hamburg. Hoffmann & Campe 2007.
445 S. EUR
23,00
Bill und Bridget, Jerry, Rob, Agnes, Harrison und Nora: seit dem Ende
ihrer Schulzeit haben sie sich, mit spärlichen Ausnahmen, nicht mehr
gesehen. Jetzt, mit Vierundvierzig, kommen sie aus Anlaß einer Trauung
für ein Wochenende im Dezember noch einmal zusammen. Ihre Erinnerungen
von einst treiben wie Strandgut an die Küste der Gegenwart, und während
draußen der Schnee fällt und drinnen die Hochzeit vorbereitet wird,
während sie essen und feiern und schließlich ihre Koffer wieder zur
Abreise packen, reden sie. Von Trennungen und Verrat und dem tragischen
Tod eines Schulfreundes. Von Dingen, von denen sie eigentlich
hatten
schweigen wollen.
Das Leben steckt voller Geschichten. Die schillerndsten sind die, die
gar nicht stattgefunden haben. Die verpaßten Gelegenheiten und nicht
wahrgenommenen Offerten, die der Biographie eine Wendung ins
Verheißungsvolle hätten geben können. Oder die Ausflüge in die
Phantasie, die Agnes unternimmt, wenn sie sich zu der verheerende
Explosion in Halifax von 1917 Personen ausdenkt und Handlungen, Roman im
Roman.
Je tiefer man sich in das Buch hineinliest, desto dichter wird das
Gewebe aus Episoden, Beiläufigkeiten und genauen Beobachtungen: und man
läßt sich widerstandslos in die diversen Gefühlswelten verstricken.
Anita Shreve:
Eine Hochzeit im Dezember
Roman. Aus dem Amerikanischen von Mechtild Sandberg-Ciletti.
München. Piper 2007. 444 S. EUR 19,90
Einer, der Koriander hieß - und als Kind, danach gefragt, was er werden
wolle, sagte: Löwe -, erinnerte sich klar an einen ganz bestimmten
Nachmittag, als er klein war und mit Freunden Fußball spielte vor dem
Haus in der Melemstraße. Und als es später wurde und die Laternen
angingen in der Dämmerung, rief seine Großmutter nach ihm, rief ihn zum
Abendessen, rief seinen Namen, Koriander. Und er wußte: dieser Koriander
war er, niemand sonst hieß so, er war gemeint, ausschließlich er unter
allen, die auf der Straße spielten. Diese Unverwechselbarkeit: und sein
Ich nahm einen genaueren Umriß an.
Das
können Namen: jemanden zeichnen. Und das Vorwort von Klaus Harprecht und
das Nachwort von Margaux de Weck streifen auch diesen Aspekt. Bei vielen
de ausgewählten Gedichte ist der Name jedoch nur Anlaß, nicht Inhalt.
Schön ist trotzdem, wenn Ingeborg Bachmann über Mirjam vom "süßen Namen
mit dem Mandelton" redet, und Doris Runge 'für kaspar' schreibt: "ein
fliegendes herz - ein griff nach der kehle - du also".
Margaux de
Weck (Hg): Ich habe dich beim Namen gerufen
Eine Anthologie deutscher Namenspoesie aus vier Jahrhunderten.
Frankfurt. Eichborn 2007.
382 S. EUR 28,50
© 2007 Ingrid Mylo
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