|
Die
neue Inquisition
Gregor Keuschnig
über die Renaissance der Gesinnungsästhetik in den Medien
Die Inquisitoren der Gesinnungsmafia machen, das zeigt die
Diskussion um den Schauspieler Tom Cruise und dessen Stauffenberg-Film,
inzwischen auch nicht vor den reproduzierenden Künstlern halt.
So abstrus und überflüssig die Einzelheiten des hoch emotional
behandelten Themas auch sein mögen – es ist ein weiteres Mosaiksteinchen
für eine zunehmend gesinnungsästhetisch urteilende Meinungslobby.
Die Produktion eines Kunstwerkes genügt dabei nicht mehr nur rein
ästhetischen Kriterien, die dann von der Kulturkritik entsprechend
besprochen werden. Stattdessen wird ein Gesinnungskonsens eingefordert,
dessen immanente Kriterien werkfremd sind. Vom Künstler wird quasi eine
Präambel verlangt; eine Art "Zulassung" zum Kulturbetrieb.
Der Begriff der "Zensur" wird diesem Vorgehen nicht gerecht. Zensur ist
eine direkte Einflussnahme. Die Oberförster der Inquisition zensieren in
diesem Sinne nicht – sie erlegen das Wild nicht mit einem Blattschuss,
sondern locken es in eine Lebendfalle, um es dann mit sichtbaren
Vergnügen vor den Augen aller zu domestizieren.
Im Trabrennsport gibt es einen treffenden Ausdruck dafür, wie Pferde
darauf abgerichtet werden, die für sie eigentlich uneffiziente Gangart
des Trabens zu hoher Geschwindigkeit auszuführen (die natürliche,
schnellste Gangart des Pferdes ist der Galopp): Sie werden
eingebrochen. Zurückgebrochen auf die Welt des ach so hehren
Feuilletons bedeutet das: Wer sich den Unterwerfungsgesten der
Meinungsmacher nicht beugt, wird zur Unperson mit nicht unbedingt
angenehmen Folgen für den Abtrünnigen (womit nicht nur die ökonomischen
gemeint sind).
Der Vorgang an sich – also die Verquickung des Werks mit den
persönlichen, politischen, sozialen und gesellschaftlichen Meinungen
oder Gewohnheiten des Künstlers – ist nicht neu. Die Literaturgeschichte
beispielsweise kennt zahlreiche Beispiele, die auch immer wieder
angeführt werden: Ezra Pound; Céline; Jünger; in der Philosophie vor
allem Heidegger; in der Musik natürlich Richard Wagner. Die Liste dieser
üblichen Verdächtigten ist beliebig erweiterbar. Bemerkenswert: Die
Stossrichtung der Moralisierung von Kunst ging (bisher?) immer von
"links" aus; da die ästhetische Kritik nicht oder kaum anzubringen war,
verquirlte man sie mit der (freundlich ausgedrückten) ambivalenten
Haltung der Protagonisten zu anderen, werkfernen Feldern. In der
jüngsten Vergangenheit traten u. a. Leute wie Grass und Hochhuth damit
an die Öffentlichkeit und benutzten dies geschickt, um ihre Sicht auf
die Dinge zum Mainstream zu etablieren.
Bei Grass scheiterte dies erstmals 1989 mit seinem Buch "Ein weites
Feld". Dies zeigt im übrigen auch, dass Inquisition fast nur als
destruktiver Akt funktioniert. Das Ziel ist nie, eine adäquate
Alternative aufzubauen (etwa in der Produktion eines Kunstwerks),
sondern nur ein bestimmtes Werk über die Person zu diskreditieren.
Die Anklage bedient sich dabei meistens weniger der Klaviatur von
Argumenten, sondern die gesinnungsästhetischen Hiebe erfolgen als
Behauptungen. Am Cruise/"Stauffenberg"-Fall lässt sich das schön
illustrieren: Erst wird behauptet, ein Amerikaner solle doch den
deutschen Widerstandhelden nicht unter Umständen "trivialisieren" (bei
anderen zeitgeschichtlichen Personen wie Martin Luther spielte das keine
Rolle), dann wurde schliesslich auf Cruises Scientology-Engagement
angespielt (hätte man dies nicht derart breitgetreten, hätten es viele
gar nicht gewusst, denn bisher hat Cruise davon nichts in seiner
Schauspielkunst anklingen lassen). Dann konnte man an
Original-Schauplätzen angeblich aus Gründen der Aufrechterhaltung des
Tagesbetriebes und dann auch aus Pietätgründen nicht gedreht werden (für
eine deutsche Produktion einige Jahre vorher galt beides nicht). Als
sich der Wind dann drehte (u. a. durch
Schirrmacher), wurde das stärkste "Argument" wieder hervorgeholt:
Cruise wurde als "Goebbels
von Scientology" diffamiert. Bedauerlich ist das ganze unter anderem
deshalb, weil dieser offensichtlich vollkommen überforderte
Sektenpfarrer Gandow eklatante Geschichtskenntnisse offensichtlich nicht
zur Verfügung hat und seinen Kreuzzugsphantasien erlegen scheint. Und "Godwins
Gesetz" lässt diesmal herzlich grüssen.
Die Beweislast wird dabei gerne umgekehrt. Der Angegriffene muss seine
"richtige" Gesinnung beweisen; zur Beschuldigung reicht die
blosse Behauptung.
Doppelt problematisch werden Angriffe auf die Medien. In Windeseile
werden die zwei Grundreflexe auf Medienkritik von den Medien bedient:
Entweder man fragt mit Unschuldsmiene, warum man vom Thema ablenken
wollte oder (/und) man verbietet sich schlichtweg die Infiltration und
unterstellt seinerseits nun Zensurabsichten. Auf diese Art und Weise
brauchen die Medien ihre Rolle nicht grundlegend zu hinterfragen;
eventuelle Richtigstellungen gibt es dann ggf. auf Seite 26 rechts
unten.
Das Neue am aktuellen Inquisitionsgebaren ist der Versuch, es nun
systematisch auf alle möglichen Genres und Werke anzuwenden. Und neu ist
auch, dass ihre Protagonisten wechseln. Waren die "moralischen Gewissen"
der Nation früher an einer Hand abzuzählen, so fühlt sich heute fast
jeder bemüssigt, Feldzüge mit gesinnungsästhetischen Urteilen a priori
zu fällen.
So wird aus dem christlichen Symbol des Abendmahls über die "Zwölf
Geschworenen" von Sidney Lumet nun ein Tribunal. Die perfide Strategie:
Jeder kann jederzeit von diesem virtuellen Tribunal angeklagt werden;
niemand ist mehr sicher. Jahrzehntelanges Wohlverhalten hat keinen Wert.
Ein "falsches Wort", ein "falsches Werk"; ein Essay, der wider dem
gängigen Mainstream liegt – und die Mühlen beginnen zu mahlen.
Im Gegensatz zu K.'s Prozess, der im verborgenen stattfand, spielt sich
der Gesinnungsprozess in der Öffentlichkeit ab; genauer gesagt: im
Feuilleton. Das ist nur oberflächlich betrachtet ein Vorteil. Hatte der
verborgene und unbekannte Prozesshergang bei Kafka wenigstens anfangs
noch eine gewisse Trostkomponente, so ist das öffentliche Tribunal in
den Feuilletons oft genug der Beginn der intellektuellen Exekution - in
bester christlicher Tradition wider die Häretiker.
Der Startschuss der Grossinquisiteure zur allgemeinen Treibjagd zeigt
den untergeordneten Chargen an, wer vogelfrei ist. Sie schwärmen nun
aus, in den zurückliegenden Werken und/oder Publikationen etwas zu
finden, was ihre Anklageschrift untermauert. Oft genug treffen sie dabei
auf Gleichgesinnte des Angeklagten, die dann auch vor Gericht gestellt
werden. Zurückhaltende Stimmen werden der Einfachheit halber als
feindlich rubriziert. Ihre Dichotomie ist eindeutig: Wer nicht für uns
ist, ist gegen uns. Sie kennen nur schwarz und weiss. Alles andere würde
wohl auch ihren Intellekt überfordern. Sie sind ja, wie gesagt, die
unteren Chargen.
Und auch die Protagonisten der Grossinquisition wechseln durchaus ihre
Stossrichtungen. Gilt beispielsweise Frank Schirrmacher als ein
Vorreiter der neuen Inquisition in Sachen Grass und Walser (mindestens
was "sein" Blatt, die FAZ, abgeht), so zeigt er sich in Sachen Tom
Cruise oder auch NSDAP-Mitgliedschaft einiger Intellektueller (die das
Kampfblatt der neuen "Moralität", der "Focus", mit wollüstiger
Niedertracht publizierte) als jemand, der die Ideale der Aufklärung
hochhält.
Selten gibt es Freisprüche oder Aufschübe. Die Verdammung ist schon
häufiger. Sie zeigt sich in aufgeklebten Etiketten, die der Delinquent
nie mehr los wird. Die Attribute sind immer so gewählt, dass immer schon
eine Meinung vorweg ausgedrückt wird, die mit dem eigentlichen Fall gar
nichts zu tun haben muss.
In schweren Fällen gibt es kein Entrinnen mehr. Wie bei
Binjamin Wilkomirski. Der hatte ein von der Literaturkritik
enthusiastisch gelobtes Buch über eine Kindheit im Holocaust geschrieben
("Bruchstücke"). Sein Fehler war, dass er der Deutung, dass literarische
Ich in seinem Buch sei er selber, nicht nur nicht widersprochen hat,
sondern ihr selbst erlegen war. Er hielt Vorträge und trat im Fernsehen
auf, nahm die fiktive Biografie als seine an und gab bereitwillig
"Auskunft". Als Recherchen diese Lügen aufdeckten, widersprach er
anfänglich. Später brach jedoch mit weiteren Enthüllungen seine
behauptete Biografie zusammen. Was die Inquisitoren nicht überwunden
hatten: Sie waren ihren eigenen Massstäben bei der Beurteilung des
Buches erlegen! Bei aller Lügenhaftigkeit der ausserwerklichen
Äusserungen - blieb nicht das Buch "Bruchstücke" per se davon unberührt?
Oder, anders gefragt: Hat das Buch nur aus der Tatsache eine
literarische, ästhetische und auch emotionale Qualität, wenn der Autor
mit dem Ich-Erzähler identisch ist?
Diese Frage, die bei Wilkomirski eskalierte, legt insbesondere in der
Literatur einen immer zentraleren Konflikt offen: Inwieweit ist die
Verquickung zwischen autobiografischen und fiktiven Details relevant? In
der zeitgenössischen Literaturkritik feiert das Kriterium der
Authentizität grosse Erfolge. Das Werk wird immer mehr mit der Biografie
des Autors verknüpft; das ästhetische Urteil wird auch in der
Übereinstimmung zwischen Werk und Biografie gefällt. Kritiker
reklamieren in Rezensionen sogar, wenn sie zu wenig von einem Autor
wissen. Ihre Instrumente sind offensichtlich stumpf geworden, wenn es um
das Werk geht. Sie müssen immer das "Gesamtkunstwerk" vor Augen haben
und unterscheiden sich vom literarischen Dilettanten, der zuerst den
Klappentext eines Buches liest, kaum noch. Von da bis zur
gesinnungsästhetischen Beurteilung ist es nur ein kleiner Schritt: Wer
nicht im Leben ein guter Menschen ist, kann keine guten Bücher
schreiben. Die Gegenfrage,
ob Kunst überhaupt eine Moral hat bzw. ob dies zwingend ist, stellt
sich für sie gar nicht mehr.
Bei diesen Kriterien verwundert es nicht mehr, dass Kunst und Literatur
dauerhaft krisenhafte Symptome zeigen. Wenn in schäublehafter
Durchdringung erst einmal das Privatleben des Künstlers abgeklopft
werden soll – dann bleibt nur der stromlinienförmige, "langweilige",
politisch-korrekte übrig. Als einigermassen interessant gilt dann nur
noch der Antipode. Als Gegenstück zum Saubermann/Sauberfrau wird dann
allenfalls noch ein posierender Houellebecq geduldet. Für mehr
Differenzierung reicht es dann sehr oft nicht mehr aus.
Es steht zu befürchten, dass wir erst am Anfang einer als Moralisierung
getarnten Gesinnungsbeurteilung stehen. Ihre Protagonisten sind
Feuilletonisten, die ihr eigene Beurteilungsimpotenz hinter der Fassade
kulturkritischen Fragens verstecken. In Wirklichkeit sind ihre Fragen
verkappte Handlungsmaxime, die ihren selbsterstellten Moralvorstellungen
entspringen und diese – das ist das Schlimme – zur absoluten Maxime für
alle generalisieren. Dieses Vorgehen ist totalitär. Sie sind in
Wirklichkeit die Anti-Aufklärer, die ihre moralischen Imperative absolut
setzen. Ihr Eifer gestattet dabei keinen Widerspruch. Das haben sie mit
den fundamentalistischen Glaubenskriegern des Christentums und des Islam
gemein. Gregor Keuschnig
Wir sind gespannt auf Ihre Meinung zum Thema. Hier können Sie Ihren
Kommentar abgeben:
Begleitschreiben
Forum
|