|
Willkommen
am ersten Tag deines Todes!
Der neue Katzenbach
»Finde heraus, wer ich bin, oder ich töte alle Menschen, die dir wichtig
sind, einen nach dem anderen. Du hast 15 Tage Zeit.« So lautet die
Botschaft, die der Psychologe Ricky Starks eines Abends in seinem Büro
vorfindet. Unterschrieben ist der Brief mit ‚Rumpelstilzchen’, und einen
Ausweg bietet er auch an: Falls Ricky das Rätsel nicht lösen kann, soll er
sich selbst töten, andernfalls sterben seine Verwandten ...
Zunächst hält Ricky das Ganze für einen üblen Scherz, doch schon am
nächsten Tag bekommt er einen Anruf, der ihn eines Besseren belehrt. Stück
für Stück gerät sein Leben aus den Fugen, und Ricky begreift, dass sein
Gegner das Ganze von langer Hand geplant hat. Ihm bleibt nur eine Wahl:
das Spiel mitzuspielen. Wer aber könnte ihn derart abgrundtief hassen?
Wo in Rickys Vergangenheit befindet sich der dunkle Fleck, die Person,
deren Leben er anscheinend ruiniert hat? Eine mörderische Schnitzeljagd
beginnt ...
John Katzenbach war ursprünglich Gerichtsreporter für den "Miami
Herald" und die "Miami News" und hat bisher acht Spannungsromane
veröffentlicht. Gleich mit seinem Debüt, "In the Heat of the Summer",
wurde er für den Edgar Award nominiert, einige Zeit später noch einmal mit
"The Shadow Man". John Katzenbach lebt mit seiner Familie im westlichen
Massachusetts.
Zur Homepage von John Katzenbach
John Katzenbach -
Der Patient -
übersetzt von
Anke Kreutzer -
Knaur -
672 Seiten -
Taschenbuch -
EUR (D) 8,95 - ISBN
3-426-62984-4
Leseprobe
In dem Jahr, in dem er gänzlich mit dem Leben abgeschlossen hatte, brachte
er wie die meisten seiner Tage auch seinen dreiundfünfzigsten Geburtstag
damit zu, sich anderer Leute Klagen über ihre Mütter anzuhören.
Gedankenlose Mütter, grausame Mütter, sexuell aufreizende Mütter. Tote
Mütter, die in den Köpfen ihrer Kinder weiterspukten. Lebende Mütter, die
ihre Kinder lieber tot gesehen hätten. Besonders Mr. Bishop, aber auch
Miss Levy und der wahrhaft vom Schicksal geschlagene Roger Zimmerman, der
seine Wohnung an der Upper West Side und – so schien es – seine ganze
Existenz, im Wachen wie in seinen lebhaften Träumen, mit einer
hypochondrischen, manipulativen und zänkischen Dame teilte, die nicht
ruhen und rasten würde, bis jedes noch so zaghafte Unabhängigkeitsstreben
ihres Sohnes im Keim erstickt war.
Zimmerman also und all die anderen Patienten ließen an diesem Tage keine
Sekunde ihrer Sitzungen aus, um über jene Frauen Gift und Galle zu speien,
durch die sie das Licht der Welt erblickt hatten.
Schweigend nahm er die Wogen mörderischen Hasses zur Kenntnis und warf nur
gelegentlich eine verhaltene, gütige Bemerkung ein, ohne ein einziges Mal
den von der Couch gespienen Furor zu unterbrechen, auch wenn er sich die
ganze Zeit wünschte, dass wenigstens einer seiner Patienten Atem holte, in
seiner Rage innehielt und sie als das erkannte, was sie war: Wut auf sich
selbst. Aus langer Berufserfahrung wusste er, dass sie alle, selbst der
geplagte Roger Zimmerman, wenn sie in der eigentümlich losgelösten Welt
der Psychoanalytiker-Praxis über die Jahre ihr Pulver verschossen hatten,
von allein zu dieser Erkenntnis gelangen würden.
Dennoch warf sein Geburtstag, der ihn unabweislich an seine eigene
Sterblichkeit erinnerte, die trübselige Frage auf, ob ihm wohl genügend
Zeit beschieden war, einen von ihnen bis zu diesem Moment der Akzeptanz –
dem Heureka des Analytikers – begleiten zu dürfen. Sein eigener Vater war,
nachdem er sein Herz jahrelangem Stress und Kettenrauchen ausgesetzt
hatte, mit Anfang dreiundfünfzig gestorben – eine Tatsache, die
heimtückisch dicht unter der Oberfläche seines Bewusstseins lauerte. Und
so kam es, dass er dem Jammern und Klagen des unangenehmen Herrn Roger
Zimmerman in diesen letzten paar Minuten der abschließenden Sitzung an
ebendiesem Tag nicht ganz die gebührende Aufmerksamkeit schenkte, als
nebenan im Wartezimmer dreimal verhalten die eigens dort angebrachte
Klingel schellte. Die Klingel war das Zeichen für das Eintreffen eines
Patienten. Jeder Neuzugang wurde vor dem ersten Termin angewiesen, beim
Betreten der Praxis zweimal kurz und einmal lang zu läuten. Dies diente
zur Unterscheidung von eventuellen Handwerker-, Zählerableser-, Nachbars-
oder Lieferantenbesuchen. Ohne seine Sitzhaltung zu verändern, schielte er
auf seinen Terminkalender, der neben der Uhr auf dem Tischchen hinter dem
Kopfende der Couch lag und somit für den Patienten nicht zu sehen war. Für
achtzehn Uhr gab es keinen Eintrag. Auf dem Zifferblatt war es zwölf vor
sechs, und Roger Zimmerman schien sich auf der Couch zu verspannen. »Ich
dachte, ich wäre immer der Letzte.«
Er antwortete nicht. »Bis jetzt ist noch nie jemand nach mir gekommen,
jedenfalls nicht, dass ich wüsste. Nicht ein Mal. Haben Sie Ihren
Terminplan geändert, ohne es mir zu sagen?«
Wieder antwortete er nicht.
»Ich mag es nicht, wenn jemand nach mir kommt«, sagte Zimmerman
entschieden. »Ich will der Letzte sein.« »Und können Sie sich dieses
Gefühl erklären?«, fragte er endlich zurück.
»Der Letzte zu sein ist praktisch so, als wäre man der Erste«, erwiderte
Zimmerman, so schroff, als wollte er damit sagen, das sähe doch wohl jeder
Idiot. Er nickte. Zimmerman hatte eine faszinierende und durchaus richtige
Feststellung getroffen, wenn auch, wie bei dem armen Kerl nicht anders zu
erwarten, wieder einmal im letzten Moment der Sitzung statt zu Beginn, was
ihnen die verbleibenden fünfzig Minuten für eine sinnvolle Diskussion
darüber gelassen hätte. »Versuchen Sie, diesen Gedanken morgen
einzubringen«, sagte er. »Das wäre ein guter Anfang. Für heute ist unsere
Zeit leider um.«
Zimmerman zögerte, bevor er sich erhob. »Morgen? Wenn ich mich nicht irre,
ist morgen der letzte Tag, bevor Sie wie jedes verdammte Jahr in Ihren
blöden Urlaub fahren. Was hab ich also davon?«
Wieder schwieg er nur und ließ die Frage über dem Kopf des Patienten im
Raume stehen. Zimmerman schnaubte laut vernehmlich. »Der Typ, der gerade
gekommen ist, interessiert Sie sowieso viel mehr als ich, hab ich recht?«,
sagte er bitter.
Dann schwang er seine Füße von der Couch und sah zu seinem Therapeuten
auf. »Ich mag es nicht, wenn etwas anders ist«, sagte er in schneidendem
Ton. »Ganz und gar nicht.« Im Aufstehen schleuderte er dem Arzt einen
vielsagenden Blick entgegen, lockerte die Schultern und verzog bösartig
das Gesicht. »Es sollte immer gleich sein. Ich komm rein, leg mich hin,
fang zu reden an. Grundsätzlich als letzter Patient. So sollte es sein.
Keiner mag Veränderungen.« Er seufzte, allerdings nicht resigniert,
sondern ziemlich wütend. »Na schön, also bis morgen. Letzte Sitzung, bevor
Sie nach Paris, Cape Cod oder zum Mars abhauen und mich im verdammten
Regen stehen lassen.« Zimmerman machte abrupt auf dem Absatz kehrt,
schritt zielstrebig durch die kleine Praxis und zur Tür hinaus, ohne sich
noch einmal umzusehen. Einen Moment lang blieb er in seinem Sessel sitzen
und lauschte auf die Schritte des erbosten Mannes draußen im Flur. Dann
stand er auf – nach dem stundenlangen Sitzen hinter der Couch spürte er
ein wenig die Last seines fortgeschrittenen Alters in den verspannten
Muskeln und steifen Gliedern – ging zu der zweiten Tür, die in sein
bescheidenes Wartezimmer führte. In mancherlei Hinsicht war der
ungewöhnliche Zuschnitt dieses Raums, in dem er vor Jahrzehnten seine
Praxis eingerichtet hatte, einmalig und auch der einzige Grund, weshalb er
kurz nach seiner Zeit als Assistenzarzt diese Wohnung gemietet hatte und
seit über einem Vierteljahrhundert geblieben war.
Das Sprechzimmer verfügte über drei Türen: eine zur Eingangsdiele, in der
er sein winziges Wartezimmer eingerichtet hatte; eine zweite, die direkt
auf den Hausflur führte; und eine dritte in den Wohnbereich mit kleiner
Küche und anschließendem Schlafzimmer, dem restlichen Teil der Wohnung.
Sein Sprechzimmer war somit wie eine private Insel, mit Zugängen zu den
übrigen Welten. Oft betrachtete er sie als eine Art Anderwelt, eine Brücke
zwischen verschiedenen Realitäten. So gefiel es ihm, denn er war der
Überzeugung, dass die Abschottung der Praxis von der Welt da draußen ihm
seine Arbeit irgendwie erleichterte.
Er hatte keine Ahnung, welcher seiner Patienten ohne Termin zurückgekommen
sein könnte. Auf Anhieb fi el ihm kein einziger derartiger Fall in seiner
ganzen Laufbahn ein. Genauso wenig konnte er sich vorstellen, welcher
Patient womöglich in einer Krise steckte, die ihn zu einem solch
drastischen Schritt in der Beziehung zu seinem Therapeuten hätte treiben
können. Er vertraute auf Routine, Routine und Langlebigkeit, auf das
Gewicht der Worte, die im Allerheiligsten der Praxis am Ende einen Weg zur
Erkenntnis bahnten. Da hatte Zimmerman recht. Veränderung ging nicht nur
ihm gegen den Strich.
Und so durchquerte er in gespannter Erwartung zügig den Raum, auch wenn
ihn der Gedanke, etwas Dringliches könnte die allzu eingefahrenen Gleise
seines Lebens erschüttern, zugleich ein wenig irritierte.
Er öffnete die Tür zum Wartezimmer und starrte hinein.
Der Raum war leer.
Einen Augenblick lang war er verwirrt und dachte, er hätte sich das
Klingeln vielleicht nur eingebildet, doch dann wurde ihm bewusst, dass Mr.
Zimmerman es ebenfalls gehört und aus dem dreimaligen Schellen geschlossen
hatte, dass jemand Bekanntes im Wartezimmer war.
»Hallo?«, sagte er, obwohl ganz offensichtlich niemand da war, der ihn
hätte hören können.
Er spürte, wie sich seine Stirn in Falten legte, und rückte sich die
Nickelbrille auf der Nase zurecht. »Seltsam«, sagte er laut. In dem Moment
bemerkte er den Briefumschlag auf dem Sitz des einzigen Stuhls, den er für
Patienten bereit hielt, die warteten, bis sie an der Reihe waren. Er
atmete langsam aus, schüttelte ein paarmal den Kopf und fand, dass dies
hier doch allzu melodramatisch war, selbst für seinen derzeitigen
Patientenstamm.
Er ging hin und nahm den Brief, auf dessen Vorderseite in Druckschrift
sein Name stand.
»Wie sonderbar«, sagte er laut. Er zögerte, bevor er den Umschlag öffnete,
und hielt ihn sich dann so wie Johnny Carson bei seiner Nummer als Carnac
der Großartige an die Stirn, während er zu raten versuchte, welcher seiner
Patienten ihn hinterlassen hatte. Doch zu keinem der ungefähr ein Dutzend
Menschen schien ein solcher Schritt zu passen. Sie alle genossen es, ihm
ihre Beschwerden über seine vielen Fehler und Unzulänglichkeiten häufig
und direkt ins Gesicht zu sagen, was zwar manchmal irritieren konnte, aber
dennoch ein fester Therapiebestandteil war.
Er riss den Umschlag auf und zog zwei dicht beschriebene Blätter heraus.
Er las nur die erste Zeile:
Herzlichen Glückwunsch zum 53sten Geburtstag, Herr Doktor. Willkommen am
ersten Tag Ihres Todes.
Er schnappte nach Luft. Von der abgestandenen Atmosphäre in der Wohnung
wurde ihm plötzlich flau, und er griff nach der Wand, um Halt zu finden.
|