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Foto: Walter Kempowski bei
Lesung in Rostock
Der
Stallgeruch fehlte
Gregor Keuschnig zum Tode von Walter Kempowski
(29.04.1929 -05.10.2007)
Als
die Kahlschlagliteraten der Gruppe 47 sich wohlfeil um Petitessen
stritten oder an ihren Legenden strickten oder "Aufarbeitung" betrieben
– da sass Walter Kempowski in Bautzen im Zuchthaus. Als er 1956
entlassen wurde, kümmerte er sich erst einmal um sein Privatleben. Ein
ehemaliger Häftling aus der "Zone" hätte auch nicht besonders gut ins
politische Konzept gepasst. Der Zweck der Gruppe 47 war rund zwanzig
Jahre später erfüllt – das Spinnen eines literarischen Netzwerkes, dass
bis heute noch anhält (sofern die beteiligten Personen noch leben).
Kempowski kam zu spät und aus der falschen Richtung. Aber es bedarf
wenig prophetischer Kraft anzunehmen, dass er sich unter den
Selbstdarstellern dort nicht besonders wohlgefühlt hätte.
In
seinen letzten Interviews sprach der todkranke Kempowski viel von seiner
späten Anerkennung. Von der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes. Seine
Augen blitzten, als damals alle Leute für ihn aufgestanden waren. Späte
Genugtuung eines Schriftstellers, der wie kaum ein anderer die Kluft
zwischen "Kritik" und "Publikum" widerspiegelte. Jahrelang verramschte
die Kritik seine Bücher – auch noch, als "Tadellöser & Wolff" von
Eberhard Fechner kongenial und
wunderbar verfilmt wurde. Man rümpfte in bestimmten Kreisen die Nase,
weil Kempowski keinen "Stallgeruch" hatte. Den Büchnerpreis hat er nie
bekommen – ein Skandal! Seine Prosa war weder experimentell noch
Betroffenheitskitsch und widersprach lange dem gesellschaftspolitischen
Zeitgeist. Man hatte sich in einer Jugendzeit im Nationalsozialismus
nicht irgendwie wohlzufühlen gehabt. Kempowski hat sich –
glücklicherweise für die Literatur! – niemals
diesen Imperativen gebeugt. Er war und blieb das, was man einen
unabhängigen Geist nannte. Seine Flucht war nicht die in die Literatur,
sondern – umgekehrt zu vielen anderen – die in den Schuldienst.
Kempowski war aber kein Studienrat, der auch schrieb – er war ein
Schriftsteller, der Lehrer war.
1990 wurde Kempowski in einer üblen Kampagne des Plagiats bezichtigt.
Endlich nahm sich die Grosskritik seiner an – Hellmuth Karasek stellte
die Fakten klar und entlastete Kempowski in einem fulminanten Artikel im
"Spiegel". Zu dieser Zeit steckte Kempowski in einem riesigen Projekt,
dem "Echolot". 1999 erschienen die ersten vier Bände dieses "Echolots".
Es sollten noch weitere acht Bände folgen.
Das
Echolot - 1. Januar bis 28. Februar 1943
Eigentlich ist dieses "Echolot" zunächst einmal nichts anderes als eine
tagebuchmässig aufbereitete Textsammlung bestehend aus Briefen,
Sentenzen, Manuskripten, Erinnerungssplittern, Biographien, Plakaten,
Zeitungsausschnitten, Verlautbarungen in (scheinbar) willkürlicher
Anordnung - sieht man einmal davon ab, dass jeder Tag mit der
Aufzeichnung des "Führerarztes" beginnt und mit den Notizen von Heinrich
Himmler und (kontrastreich) den Berichten der Historikerin Danuta Czech
über Auschwitz-Birkenau endet.
Kempowski greift dabei sowohl auf sattsam bekannte Quellen zurück, wie
auch auf in öffentlichen Archiven recherchierte Texte als auch auf sein
privates Archiv, welches Briefe und Tagebuchaufzeichnungen privater
Personen zusammengetragen hat (Jahre zuvor inserierte er in diversen
Zeitungen nach solchem Material). Dies ergibt hier in der Summe 3000
Seiten (inklusive Inhalts- und Quellenverzeichnis). Umgerechnet auf den
jeweiligen Tag ergibt sich ein Schnitt von etwas mehr als 50 Seiten pro
Tag; also durchaus eine vom Leser im gleichen Zeitraum
nachzuvollziehende Leseleistung.
Zwei Fehler können mit diesem Buch gemacht werden, und ruinieren es: Man
liest es wie ein Lexikon, d. h. Häppchen da, Häppchen dort; eher als
Nachschlagewerk, als "Lesebuch“ oder/und man erwartet neue historische
Aspekte (oder liest es gar – das grösste Missverständnis entstanden aus
einem Lob – als Ersatz zu historischen Büchern).
Ersteres führt zur gepflegten Langeweile, da Kempowskis kompositorisches
Schaffen durchaus dahingehend wirksam ist, dass bei vielen Personen eine
Geschichte im Laufe der Zeit entsteht, d. h. ein Spannungsaufbau
stattfindet. Willkürliches Lesen wird beim Leser so unter Umständen ein
falsches bzw. nichtiges Bild aufkommen lassen. Und letzteres überspannt
eine ungerechtfertigte Erwartung, die gar nicht beabsichtigt ist.
Warum es sich
um Literatur handelt
Die beste Lesehaltung diesem Buch gegenüber: Es im Winter zügig lesen;
vielleicht täglich, und vielleicht am 1. Januar beginnen, am 28. Februar
enden. Es entsteht ein seltsamer Sog, ja: eine Sucht; eine Zeitmaschine.
Denn wie das ganze Buch von Kempowski sehr wohl aufbereitet ist, so ist
natürlich auch die Zeit dieses "kollektiven Tagebuchs" wohl gewählt: Im
Januar und Februar 1943 kulmulierten die (Kriegs-)Ereignisse und es
vollzog sich jene entscheidende Wendung (damals freilich nur von sehr
wenigen sofort erkannt), die später als der Anfang vom Ende ausgemacht
werden wird:
Die Vernichtung der deutschen Stalingrad-Armee (der Scheitelpunkt der
deutschen Hegemonie war erreicht; ab Januar 1943 gab quasi nur noch
Rückzüge); die Konferenz von Casablanca, die ein politisch (und später
militärisch) einheitliches Vorgehen von Grossbritannien, Frankreich, USA
und der Sowjetunion vorbereitete; im Inneren des NS-Staates die
Proklamation des "totalen Krieges" (Beginn des Zweifels am "Endsieg"
selbst bei höchsten Nazis); die Widerstandsbewegung der "Weissen Rose";
aussenpolitisch wurde der Zusammenhalt mit Italien auf immer härtere
Bewährungsproben gestellt; in Nordafrika stürzte die Front langsam ein
(trotz der gelegentlichen Siege Rommels).
Retrospektiv summieren sich all diese Ereignisse als Zeichen der sich
herausschälenden Niederlage der Nationalsozialisten und deren Alliierten
nebst Befreiung (was sich freilich noch mehr als zwei Jahre hinzog).
Alle diese Daten und Hintergründe sind bekannt. Und die Briefe und
Tagebuchaufzeichnungen "einfacher" Leute, von Frontsoldaten, strammen
Nazifrauen, regimekritisch eingestellten Professoren, sympathisierenden
Studenten oder gar verirrten Intellektuellen - vermögen diese das Bild,
welches wir heute von dieser Zeit historisch betrachtet haben, zu
ändern?
Nein. All das bewegt Kempowski nicht. Hierfür würde man nicht 3000
Seiten lesen wollen; stattdessen täte dann eine wesentlich knappere
Schilderung eines Historikers in Form eines Sachbuches nützlichere
Dinge. Es ist aber gar nicht der Anspruch dieses Buches. Dieser geht
nämlich tiefer. Wir finden hier die Wittgensteinsche Welt der Tatsachen
in einer fast physisch spürbaren Plastizität. Deshalb lässt einem das
Buch irgendwann nicht mehr los. Wir sehen die Personen, ihre Handlungen,
ihre Irrtümer vor uns. Wir hören die Stimmen der Protagonisten dieser
Zeit. Vieles davon verstört uns oder ekelt uns an. Einiges verwundert.
Manches erstaunt.
Hier ein Frontsoldat, der in einem deutschen Wort drei
Rechtschreibefehler schafft - dort Ernst Jünger mit seinen grässlichen
Sophistereien - dort der Massenmörder Himmler, der pedantisch sein
Tischzeiten und Telefongespräche notiert - dann wieder ein lieber Brief
von Sophie Scholl.
Ständige, rasante Wechsel, scheinbar zusammenhanglos, aber spätestens
gegen Ende des ersten Bandes, nach 700 Seiten, merkt man die
geheimnisvollen Verknüpfungen von scheinbar zusammenhanglosen Texten,
die dann doch auf einmal klar und vor allem in einem neuen Kontext
erscheinen; manchmal erst hunderte von Seiten später ihre Kraft
entfalten und uns Neues sagen.
Bewusst bleiben die Randbemerkungen Kempowskis sehr sparsam (freundlich
ausgedrückt; nur gelegentlich ein kleiner Hinweis); auch die Vorstellung
der "Teilnehmer" erschöpft sich (wenn überhaupt) nur auf Geburts- und
Sterbejahr und hier und da wenigen biographischen Details im
Inhaltsverzeichnis. Man mag dies bei den historisch Unbekannten
vermissen - aber alle Angaben, so scheint es, die zur Beeinflussung des
durch das Lesen gewonnenen Urteils beim Leser dienen könnten, möchte
Kempowski vermeiden. "Das Echolot" ist auch Ausdruck eines fast schon
altmodischen Vertrauens eines Autors (oder doch eher Komponisten?) in
die Souveränität des Lesers.
Dankbar bin ich auch für die Momente, die die Gewissheiten des heutigen
Lesers ad absurdum führen und ihn vom hohen Ross herunterholen. Ende
Januar 1943 z. B. spitzt sich die Lage in Stalingrad dramatisch zu. Eine
Einheit erhält die (letzte) Gelegenheit, noch einmal einen Brief nach
Hause zu schreiben. Rund ein Dutzend dieser Briefe sind fast
hintereinander abgedruckt. Fast alle beschwören noch einmal ihre
Führertreue (obwohl dies in dieser Situation ja keiner schreiben musste).
Es befinden sich auch Briefe von Soldaten hierunter, die viele, manchmal
unzählige Rechtschreibefehler in ihren Briefen produzieren.
Unterschwellig entsteht nun beim Leser eine Arroganz diesem Stumpfsinn
gegenüber. Aber knapp 1800 Seiten später werden im Abdruck des "Volksgerichtshof"-Urteils
gegen die Eheleute Hampel (die handgeschriebene Pamphlete gegen den
Nationalsozialismus in Hausflure warfen) gezeigt , dass auch
"Analphabeten" "denken" können: ihre Flugblätter quollen zwar über mit
Rechtschreibe- und Grammatikfehlern, aber sie schrieben dennoch das
richtige, warnten vor den Lügen des Krieges und des Regimes und
durchschauten das. Mitläufertum, Stumpfsinn und Verblödung zeigt sich
also nicht darin, ob jemand fehlerfrei schreiben kann. Das Buch ist voll
von solchen überraschenden Wendungen.
Andererseits werden Geschichten erzählt; Geschichten von Menschen, die
durch das Veröffentlichen reinkarnieren. Wir erfahren fast nie, wie es
"ausgeht"; das "Echolot" bleibt Augenblickserweckung. Manchmal kann man
dies bedauern: Zum Beispiel Hans-Henning Teich - damals knapp 21 Jahre
alt, schreibt seine gesehenen Filme auf, geht ins Theater, schreibt
Kurzgeschichten, verliebt sich (unglücklich) in eine
Provinzschauspielerin. Ende Februar 1943 findet er sich als Soldat auf
der Halbinsel Krim wieder. Er steht über den Dingen, bleibt jedoch
ohnmächtig. Kein böses Wort kommt über seine Lippen; Teich ist kein
Nazi. Und dann lesen wir (am Ende fassungslos), dass Teich 1945
gestorben ist. Wir erfahren nur das. Es ist fast baudelairehaft: als
schreite eine Frau, in die man sich sofort verlieben könnte (und
vielleicht im Bruchteil einer Sekunde schon verliebt ist) an einem
vorbei - mitten auf der Strasse. Man dreht sich noch um - aber sie ist
weg.
Oder ein winziger Erinnerungssplitter: Ein Soldat, der als Bewachung
einer deutschen Militärbasis in der Ukraine eingeteilt ist, beobachtet
die Landung des "Führers", sieht wie er landet und aussteigt und später
kommt ihm der Gedanke, dass er in diesem Moment, durch Betätigung eines
Fingers an seinem Gewehr Schicksal hätte spielen können und die Welt
hätte "retten" können.
Walter Kempowski hatte etwas Neues gewagt; die Gefahr, zu scheitern
(besonders in Anbetracht des Themas) war gross. Gegner warfen ihm vor,
das Buch sei nicht "literarisch". Ein irriger Einwurf; just das
Gegenteil ist richtig. Es ist ein literarisches Ereignis: Eine polyphone
Textsammlung, die nur in dieser Zusammenstellung diese Wirkung erreicht.
Die späteren "Echolote" ("Fuga furiosa. Winter 1945" - über die
Vertreibung; "Barbarossa '41" über den Beginn des Russlandfeldzugs und
"Abgesang '45" über die letzten Tage des Regimes vor der Befreiung)
lassen auch Texte zu, die nachträglich zu den genannten Ereignissen von
Zeitgenossen verfasst wurden. Das kratzt ein bisschen an der
Verdichtung, da man manchmal eine gewisse (zeitliche) Entrückung
bemerkt, die das Wissen des "danach" gelegentlich wiederspiegelt.
Dennoch bleibt dieses Projekt, welches – wie manche seiner Kritiker
spöttisch behaupten – nur wenige Seiten von Kempowski selbst enthalten,
ein zentrales Werk; vielleicht sogar sein Opus magnum (wenigstens
während seiner Lebenszeit; Kempowski arbeitete an weiteren Projekten,
die nach seinem Tod verwirklicht werden sollen und können).
Was mag Kempowski bewegt haben? Er hat dazu oft etwas gesagt – aber es
nie explizit erläutert. Einmal erzählte er von einer Zugfahrt in den
40er Jahren. Ein entgegenkommender Zug gibt einen kleinen, kurzen Blick
frei – auf Gefangene in Viehwaggons. Für eine halbe Sekunde schaut
Kempowski dieses Grauen an – und ein Mensch in Sträflingskleidung schaut
ihn an. Kempowski lässt dieser Augenblick, diese halbe Sekunde, nicht
mehr los. Diese Geschichte dieses Menschen muss doch irgendwo
aufgeschrieben werden – nur das rettet ihn vor dem endgültigen Tod.
Brechts Diktum, ein Mensch sei erst tot, wenn niemand mehr an ihn denkt
– das trieb Kempowski fast manisch um. Er wollte dem Grauen ein Gesicht,
eine Stimme geben.
Weltschmerz. Kinderszenen fast zu ernst
Und noch ein kleines Büchlein fällt mir da ein; kaum besprochen von der
"Kritik", die leise Töne im Pauken- und Trompetengebrumm nicht mehr
wahrnehmen kann: "Weltschmerz. Kinderszenen fast zu ernst" (1995).
Kleine, melancholisch-dichte Prosaminiaturen (der Titel angelehnt an
Robert Schumann), die den Menschen Kempowski hinter den Zeilen ahnen
lassen und in denen er seine Kindheit auf eine fast intime Art und Weise
erzählt (nicht nur schildert). Es ist bezeichnend, dass dieses Büchlein
kaum Anklang fand und vermutlich nur noch in Antiquariaten zu bekommen
ist. Aber bei aller Melancholie, ja auch manchmal ein bisschen
Todessehnsucht, zeigt sich hier – wie nebenbei - ein feiner, filigraner,
wunderbarer Schriftsteller - und ein verwundeter Mensch.
Den nahen Tod vor Augen meinte Kempowski, er sei gelassener geworden und
wolle diese Erfahrung nicht mehr missen. Er wollte das ohne Koketterie
verstanden wissen. Und dann, am Ende dieses Gesprächs, schlenderte der
abgemagerte Mann – immer noch im Anzug –, dem Zuschauer den Rücken
zugekehrt in leicht holperigem Gang durch sein Haus und schritt durch
eine Tür.
Er schien noch kurz winken zu wollen.
Gregor Keuschnig
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