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Eine
(un)glückliche Liebesgeschichte
Katja Lange-Müllers neuer Roman »Böse Schafe«
Sie kam, einiges vor der Wende, aus dem Osten und räumte gleich ab:
Bachmann-Preis, Berliner Literaturpreis, Döblin-Preis, Stadtschreiber in
Bergen-Enkheim, Mainz usw. Ihre Bücher sind schmächtig, vom Umfang her,
dafür prächtig mit Leben gefüllt, der Abstand zwischen ihnen ist
bemerkenswert. Sie arbeitet langsam und gründlich. Jeder einzelne Satz
tendiert zum Kunstwerk. Dabei spart sie nicht an Kalauern, sucht die
Pointen, weil sie, die ›Berliner Schnauze‹, bei aller Wehmut, vor Witz
sprüht.
Soja, so heißt sie »wie die Bohne«, wie »die Soße«, aber nicht nach den
Naturprodukten, sondern nach einer revolutionären Heldin der Sowjetunion
benannt - war fertig. »Ich war«, schreibt sie am Ende ihres buch-langen
Briefes, »dabei, mich aufzugeben«. Sie war bereits über vierzig, hatte
einige Affären hinter und eine trübe Zukunft vor sich. Sie lebte von
Aushilfsjobs, kochte sich abends ihre Suppe und trank dazu eine Flasche
preiswerten Wein.
Da stieß sie auf die Wunderkiste: das Erbe, das ihr Harry, ihr elendig
krepierter Exfreund hinterlassen hatte. Ganz unten in einer der beiden
Umzugskisten, die ihr von ihrem Harry geblieben waren, fand sie ein
Schreibheft. Darin hatte Harry vermerkt, was ihm, während der drei Jahre
ihrer Beziehung durch den Kopf gegangen war. Zu ihrer großen
Überraschung, das Wort Enttäuschung wäre auch angebracht, hatte Harry
sie aber nicht ein einziges Mal erwähnt.
So beschließt sie, ihm, dem Toten, zehn Jahre später, ihre gemeinsame
Geschichte in einem Brief nachträglich zu erzählen, um seine
»neunundachtzig Sätze« aus ihrer Sicht zu ergänzen.
Als alles anfing, da war Soja Ende dreißig, war gerade, deutlich vor der
Wende, von Ost- nach Westberlin übergesiedelt. Sie hatte, nach eigenen
Angaben, zwar einige »physische Defizite«, gleichsam Übergewicht, das
aber kaum ins Gewicht fiel, weil sie eine »gute Liebhaberin« war. Doch
mit den Wessies lief da nicht viel. Nur selten wurde ihr Interesse
entgegengebracht, und wenn, dann war es gönnerhaft oder belehrend.
Dieser Umstand verstärkte ihren Hang zu Randgruppen, den Typen, die an
Kiosken rumhingen und sich mit billigsten Fusel die Birne zudröhnten.
Daraus ergibt sich auch einiger Stoff für die erzählte Geschichte. Immer
wieder werden Erinnerungen aus Kindheit und Jugend eingeschaltet.
Als Sechzehnjährige, eigentlich auf Pilzsuche, bleibt Soja eines Tages
in einer Bahnhofskneipe an einem echten Knastbruder hängen, zieht mit
ihm mit, läßt sich von ihm vögeln und zieht dann, in aller
Herrgottsfrühe, wieder los, springt schließlich, auf der Suche nach
Kippen, aus denen sie sich eine Zigarette drehen kann, auf die
Bahngleise und wird dabei von der Polizei aufgegriffen. Die Beamten, in
der Annahme, sie wollte sich, wohl aus Liebeskummer, vor einen Zug
werfen, versuchen, sie zu trösten. »In meinem Schädel sammelte sich
Wasser, das höher stieg und mir schließlich aus Augen- und Nasenlöchern
floß, als sei ich ein am aufgedrehten Hahn hängender, aber völlig
verhedderter Gartenschlauch«, der dem »Druck« nicht mehr standhielt.
Soja, die ehrliche Haut, bekennt den wahren Sachverhalt und wird nun von
den beiden Polizisten, die sich verarscht fühlten, richtig rangenommen.
Da hilft ihr nun nur noch die Erwähnung ihrer, sonst von ihr gehaßten,
Mutter, einer hohen Parteifunktionärin. Mit solchen Bemerkungen bekommt
der ehemalige Arbeiter- und Bauernstaat nachträglich noch eins auf die
Mütze.
Aber dann begegnet ihr Harry, das große Unglücks-Glück. Sie rennt
plötzlich in einen Mann hinein, der sie gleich lachend fragt: »Wollen
wir einen Kakao trinken gehen?« Sie verabreden sich und pünktlich, sie
sogar überpünktlich, sind beide zur Stelle. Er schenkt ihr eine zwar
schon entblätterte Rose und eine ausgesprochen scheußliche
Pierrot-Puppe, gibt ihr aber dann einen Kuss auf die »Wange«, die davon
noch Stunden später »glühte«. Sie konnte sich nicht an vergleichbare
Zärtlichkeiten erinnern. »In der Barbarei meiner Kindheit« war sie meist
lieblos behandelt worden, es sei denn, der Vater grapschte ihr an den
noch mickrigen Busen, während die Mutter, ein DDR-Bonze, wie er im Buche
steht, im Wegsehen geübt, kaum Interesse an ihren Kindern zeigte.
Harrys Kuß wird für sie zu einem Großereignis. Soja ist von seiner
Andersartigkeit fasziniert. Er zieht zu ihr. Aber ihn umgibt ein
Geheimnis. Sie spürt es, will es aber nicht wahrhaben. Er ist vorsichtig
beim Küssen, er holt sie vorzeitig »von seiner Palme«. Nach und nach
erfährt sie seine ganze Geschichte. Trotzdem hält sie zu ihm. Es ist die
Hölle. Für sie, die mit ansehen muß, wie er krepiert. Für ihn sowieso.
Die Geschichte, die uns Katja Lange-Müller erzählt, alles andere als ein
Einzelfall, hat einen tragödienhaften Zug. Sie ist dennoch gut zu lesen.
Denn der Stil macht die Musik. Nie sentimental, immer melancholisch
spult sie den »Film« ihrer Erinnerungen ab. Nicht als »die Frau, die ich
jetzt bin, sondern so, wie ich vor vielen Jahren war.« Und da war sie
nicht nur »jünger, schöner«, sondern vor allem eine echt schräge Type.
Sigrid Lüdke-Haertel
Katja Lange-Müller Böse Schafe
Roman, Verlag Kiepenheuer & Witsch, 205 S, 16,90 €
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