Glanz@Elend
Magazin für Literatur und Zeitkritik
© by Herbert Debes & Kurt Otterbacher

 

Startseite

Roman

 


Eine (un)glückliche Liebesgeschichte
Katja Lange-Müllers neuer Roman »Böse Schafe«

Sie kam, einiges vor der Wende, aus dem Osten und räumte gleich ab: Bachmann-Preis, Berliner Literaturpreis, Döblin-Preis, Stadtschreiber in Bergen-Enkheim, Mainz usw. Ihre Bücher sind schmächtig, vom Umfang her, dafür prächtig mit Leben gefüllt, der Abstand zwischen ihnen ist bemerkenswert. Sie arbeitet langsam und gründlich. Jeder einzelne Satz tendiert zum Kunstwerk. Dabei spart sie nicht an Kalauern, sucht die Pointen, weil sie, die ›Berliner Schnauze‹, bei aller Wehmut, vor Witz sprüht.

Soja, so heißt sie »wie die Bohne«, wie »die Soße«, aber nicht nach den Naturprodukten, sondern nach einer revolutionären Heldin der Sowjetunion benannt - war fertig. »Ich war«, schreibt sie am Ende ihres buch-langen Briefes, »dabei, mich aufzugeben«. Sie war bereits über vierzig, hatte einige Affären hinter und eine trübe Zukunft vor sich. Sie lebte von Aushilfsjobs, kochte sich abends ihre Suppe und trank dazu eine Flasche preiswerten Wein.
Da stieß sie auf die Wunderkiste: das Erbe, das ihr Harry, ihr elendig krepierter Exfreund hinterlassen hatte. Ganz unten in einer der beiden Umzugskisten, die ihr von ihrem Harry geblieben waren, fand sie ein Schreibheft. Darin hatte Harry vermerkt, was ihm, während der drei Jahre ihrer Beziehung durch den Kopf gegangen war. Zu ihrer großen Überraschung, das Wort Enttäuschung wäre auch angebracht, hatte Harry sie aber nicht ein einziges Mal erwähnt.
So beschließt sie, ihm, dem Toten, zehn Jahre später, ihre gemeinsame Geschichte in einem Brief nachträglich zu erzählen, um seine »neunundachtzig Sätze« aus ihrer Sicht zu ergänzen.
Als alles anfing, da war Soja Ende dreißig, war gerade, deutlich vor der Wende, von Ost- nach Westberlin übergesiedelt. Sie hatte, nach eigenen Angaben, zwar einige »physische Defizite«, gleichsam Übergewicht, das aber kaum ins Gewicht fiel, weil sie eine »gute Liebhaberin« war. Doch mit den Wessies lief da nicht viel. Nur selten wurde ihr Interesse entgegengebracht, und wenn, dann war es gönnerhaft oder belehrend.
Dieser Umstand verstärkte ihren Hang zu Randgruppen, den Typen, die an Kiosken rumhingen und sich mit billigsten Fusel die Birne zudröhnten. Daraus ergibt sich auch einiger Stoff für die erzählte Geschichte. Immer wieder werden Erinnerungen aus Kindheit und Jugend eingeschaltet.
Als Sechzehnjährige, eigentlich auf Pilzsuche, bleibt Soja eines Tages in einer Bahnhofskneipe an einem echten Knastbruder hängen, zieht mit ihm mit, läßt sich von ihm vögeln und zieht dann, in aller Herrgottsfrühe, wieder los, springt schließlich, auf der Suche nach Kippen, aus denen sie sich eine Zigarette drehen kann, auf die Bahngleise und wird dabei von der Polizei aufgegriffen. Die Beamten, in der Annahme, sie wollte sich, wohl aus Liebeskummer, vor einen Zug werfen, versuchen, sie zu trösten. »In meinem Schädel sammelte sich Wasser, das höher stieg und mir schließlich aus Augen- und Nasenlöchern floß, als sei ich ein am aufgedrehten Hahn hängender, aber völlig verhedderter Gartenschlauch«, der dem »Druck« nicht mehr standhielt. Soja, die ehrliche Haut, bekennt den wahren Sachverhalt und wird nun von den beiden Polizisten, die sich verarscht fühlten, richtig rangenommen. Da hilft ihr nun nur noch die Erwähnung ihrer, sonst von ihr gehaßten, Mutter, einer hohen Parteifunktionärin. Mit solchen Bemerkungen bekommt der ehemalige Arbeiter- und Bauernstaat nachträglich noch eins auf die Mütze.
Aber dann begegnet ihr Harry, das große Unglücks-Glück. Sie rennt plötzlich in einen Mann hinein, der sie gleich lachend fragt: »Wollen wir einen Kakao trinken gehen?« Sie verabreden sich und pünktlich, sie sogar überpünktlich, sind beide zur Stelle. Er schenkt ihr eine zwar schon entblätterte Rose und eine ausgesprochen scheußliche Pierrot-Puppe, gibt ihr aber dann einen Kuss auf die »Wange«, die davon noch Stunden später »glühte«. Sie konnte sich nicht an vergleichbare Zärtlichkeiten erinnern. »In der Barbarei meiner Kindheit« war sie meist lieblos behandelt worden, es sei denn, der Vater grapschte ihr an den noch mickrigen Busen, während die Mutter, ein DDR-Bonze, wie er im Buche steht, im Wegsehen geübt, kaum Interesse an ihren Kindern zeigte.
Harrys Kuß wird für sie zu einem Großereignis. Soja ist von seiner Andersartigkeit fasziniert. Er zieht zu ihr. Aber ihn umgibt ein Geheimnis. Sie spürt es, will es aber nicht wahrhaben. Er ist vorsichtig beim Küssen, er holt sie vorzeitig »von seiner Palme«. Nach und nach erfährt sie seine ganze Geschichte. Trotzdem hält sie zu ihm. Es ist die Hölle. Für sie, die mit ansehen muß, wie er krepiert. Für ihn sowieso.
Die Geschichte, die uns Katja Lange-Müller erzählt, alles andere als ein Einzelfall, hat einen tragödienhaften Zug. Sie ist dennoch gut zu lesen. Denn der Stil macht die Musik. Nie sentimental, immer melancholisch spult sie den »Film« ihrer Erinnerungen ab. Nicht als »die Frau, die ich jetzt bin, sondern so, wie ich vor vielen Jahren war.« Und da war sie nicht nur »jünger, schöner«, sondern vor allem eine echt schräge Type.
Sigrid Lüdke-Haertel


Katja Lange-Müller Böse Schafe
Roman, Verlag Kiepenheuer & Witsch, 205 S, 16,90 €

 


Glanz@Elend
Magazin für Literatur und Zeitkritik

© by Herbert Debes & Kurt Otterbacher

Startseite
Belletristik |Biographien |
Briefe & Tagebücher | Geschichte | Philosophie | Politik |
Foto, Bild & Kunst |
Lyrik | Krimis, Thriller & Agenten | Klassikerarchiv