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Philip
Roth
Jedermann
Roman
Aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz
Hanser
176 Seiten, Hardcover
3-446-20803-8
€ 17,90
Philip Roth erzählt die Geschichte eines Lebens, wie es normaler nicht
sein könnte und das uns gerade deswegen besonders berührt. Von der
ersten schockierenden Konfrontation mit dem Tod in den Sommerferien
seines Helden über die familiären Wirren und die beruflichen Erfolge in
seinem Erwachsenenleben als Designer in einer Werbeagentur bis hin zu
der Zeit, als ihm die eigenen Gebrechen zusetzen. Er ist der Vater
zweier Söhne aus erster Ehe, die ihn verachten, und einer Tochter aus
einer späteren Ehe, die ihn vergöttert. Er liebt, hasst und neidet und
muss am Ende erkennen, dass er das wirklich große Glück nie erreicht
hat.
Leseprobe
Er stand am Grab unter zwei
Dutzend seiner Verwandten, zu seiner Rechten seine Tochter, die seine
Hand umklammerte, hinter ihm seine zwei Söhne, seine Frau neben seiner
Tochter. Nur dort zu stehen und den Schlag hinzunehmen, den der Tod des
Vaters stets bedeutet, erwies sich als eine erstaunliche Herausforderung
an seine physischen Kräfte – gut, daß Howie links neben ihm stand und
einen Arm fest um seine Hüfte gelegt hatte, um zu verhindern, daß irgend
etwas Unschickliches geschah.
Seine Mutter und sein Vater waren immer
leicht zu durchschauen gewesen. Sie waren eine Mutter und ein Vater. Sie
hatten nur wenige andere Wünsche. Aber der Raum, den ihre Körper
eingenommen hatten, war jetzt leer. Ihre lebenslange Stofflichkeit war
dahin. Der Sarg seines Vaters, eine schlichte Kiefernkiste, wurde an
Gurten in das Loch hinabgelassen, das man neben dem Sarg seiner Frau für
ihn ausgehoben hatte. Dort würde der Tote noch viel mehr Stunden
verbringen, als er mit dem Verkauf von Schmuck zugebracht hatte, und
schon das war nicht zu verachten gewesen. 1933, in dem Jahr, in dem sein
zweiter Sohn geboren wurde, hatte er das Geschäft aufgemacht, und 1974,
nachdem er Verlobungs- und Eheringe an drei Generationen von Familien in
Elizabeth verkauft hatte, hatte er es abgestoßen. Wie er 1933 das
Kapital beschafft hatte, wie er 1933 überhaupt Kunden gefunden hatte,
war seinen Söhnen immer ein Rätsel geblieben. Aber ihretwegen hatte er
seinen Job hinter der Uhrentheke in Abelsons Geschäft an der Springfield
Avenue in Irvington aufgegeben, wo er montags, mittwochs, freitags und
samstags von neun Uhr morgens bis neun Uhr abends und dienstags und
donnerstags von neun bis fünf gearbeitet hatte, und sein eigenes kleines
Geschäft in Elizabeth eröffnet, der ganze Laden nur fünf Meter breit und
vom ersten Tag an mit der schwarzen Aufschrift auf dem Schaufenster
versehen: »Diamanten – Schmuck – Uhren«, und darunter in kleinerer
Schrift: »Reparatur von Uhren und Schmuck aller Art«. Im Alter von
zweiunddreißig Jahren war er endlich so weit, daß er seine sechzig bis
siebzig Stunden die Woche nicht mehr für Moe Abelson, sondern für seine
eigene Familie arbeitete. Um die starke Arbeiterschicht von Elizabeth
anzulocken und die Zehntausende frommer Christen der Hafenstadt nicht
mit seinem jüdischen Namen zu verunsichern oder abzuschrecken, gewährte
er großzügig Kredit – und achtete nur darauf, daß sie mindestens dreißig
oder vierzig Prozent in bar anzahlten. Nie prüfte er ihre
Kreditwürdigkeit; solange er nur seine Kosten wieder hereinholte,
konnten sie hinterher zu ihm kommen und ein paar Dollar pro Woche
abzahlen oder auch gar nichts, und es machte ihm wirklich nichts aus.
Die Kredite brachten ihn nie in wirtschaftliche Schwierigkeiten, und der
zufriedene Kundenstamm, den er durch seine Flexibilität gewann, war das
Risiko wert. Zur Dekoration und zum Anlocken der Kundschaft hatte er
immer einige versilberte Stücke im Laden – Teeservice, Tabletts,
Warmhalteschüsseln, Kerzenständer, die er spottbillig verkaufte –, und
alljährlich zur Weihnachtszeit hatte er eine verschneite Szene mit dem
Weihnachtsmann im Schaufenster, aber sein größter Geistesblitz war der
Name des Ladens, denn er nannte ihn nicht nach sich selbst, sondern
»Jedermanns Schmuck laden«, und so war er in ganz Union County bei den
Massen normaler Leute bekannt, die seine treuen Kunden waren, bis er
seinen Lagerbestand an den Großhändler verkaufte und sich mit
Dreiundsiebzig aus dem Geschäftsleben zurückzog. »Für arbeitende
Menschen ist es eine große Sache, sich einen Diamanten anzuschaffen«,
erklärte er seinen Söhnen, »und sei er noch so klein. Die Frau trägt
ihn, weil er schön ist, oder sie trägt ihn als Statussymbol. Und wenn
sie das tut, ist ihr Mann nicht bloß ein Klempner – sondern einer,
dessen Frau einen Diamanten trägt. Seine Frau besitzt etwas, was
unvergänglich ist. Denn jenseits von Schönheit und Status und Wert ist
ein Diamant unvergänglich. Ein Teil der Erde, der unvergänglich ist, und
eine bloße Sterbliche trägt ihn an ihrer Hand!«
Der Grund für seine Kündigung bei Abelson,
wo er immerhin das Glück hatte, auch während des Börsenkrachs und der
schlimmsten Jahre der Depression regelmäßig seinen Lohn zu bekommen, der
Grund für das Wagnis, in so schlechten Zeiten ein eigenes Geschäft
aufzumachen, war ganz einfach. Jedem, der ihn danach fragte, und auch
denen, die nicht danach fragten, erklärte er: »Ich mußte etwas haben,
was ich meinen zwei Jungen hinterlassen konnte.«
Zwei Schaufeln steckten aufrecht in dem
großen Erd haufen neben dem Grab. Er hatte gedacht, die Totengräber
hätten sie dort gelassen, um damit später das Grab zuzuschaufeln. Er
hatte sich vorgestellt, daß wie beim Begräbnis seiner Mutter jeder der
Trauergäste vor das Loch treten und eine Handvoll Erde auf den
Sargdeckel werfen würde und daß sie dann alle zu ihren Autos gehen
würden. Aber sein Vater hatte bei dem Rabbiner das traditionelle
jüdische Ritual bestellt, und das verlangte, wie er jetzt herausfand,
daß nicht etwa die Friedhofsangestellten oder sonst jemand, sondern die
Trauergäste selbst das Grab zuschaufelten. Der Rabbiner hatte das Howie
vorher erklärt, aber Howie hatte ihm, aus welchen Gründen auch immer,
nichts davon gesagt, und so überraschte es ihn jetzt, als sein Bruder in
seinem eleganten dunklen Anzug mit weißem Hemd und dunkler Krawatte und
seinen glänzenden schwarzen Schuhen zur Seite trat und eine der
Schaufeln aus dem Erdhaufen zog. Er füllte sie randvoll mit Erde,
schritt damit feierlich ans Kopfende des Grabs, verharrte kurz in
Gedanken, kippte dann die Schaufel leicht nach vorn und ließ die Erde
langsam hinunterrieseln. Das Geräusch, mit dem sie auf das Holz des
Sarges traf, geht in das Wesen eines Menschen ein wie kein anderes.
Howie ging zurück und stieß die Schaufel in
die über einen Meter hoch aufragende bröckelnde Pyramide aus Erde. Sie
würden diese Erde in das Loch zurückschaufeln müssen, bis das Grab
seines Vaters auf derselben Ebene wie der Boden des Friedhofs daneben
wäre.
Sie brauchten fast eine Stunde, um das Loch
zuzuschaufeln. Die älteren unter den Verwandten und Freunden, die mit
einer Schaufel nicht umgehen konnten, halfen mit, indem sie die Erde mit
den Händen auf den Sarg warfen, und da auch er selbst nicht mehr tun
konnte, oblag es Howie und Howies vier Söhnen und seinen eigenen beiden
– alle sechs kräftige Männer Ende Zwanzig, Anfang Dreißig –, die schwere
Arbeit zu tun. Jeweils zu zweit standen sie nebeneinander an dem
Erdhaufen und wuchteten eine Schaufel nach der anderen in das Loch
zurück. Alle paar Minuten übernahmen die nächsten beiden, und irgendwann
beschlich ihn die Vorstellung, sie würden niemals mehr aufhören, sie
würden seinen Vater in alle Ewigkeit begraben. Um von der brutalen
Unmittelbarkeit der Beerdigung, wie sein Bruder, seine Söhne und seine
Neffen sie erlebten, wenigstens etwas mitzubekommen, stand er am Rand
des Grabes und beobachtete, wie die Erde den Sarg umhüllte. Er be
obachtete, wie sie die Höhe des Deckels erreichte, der nur mit einem
eingeschnitzten Davidstern geschmückt war, und wie sie den Deckel dann
allmählich bedeckte. Sein Vater würde nicht nur in einem Sarg liegen,
sondern auch unter der Last dieser Erde, und plötzlich sah er den Mund
seines Vaters, als sei da gar kein Sarg, als falle die Erde, die sie in
das Grab warfen, direkt auf ihn und verstopfe ihm Mund, Augen, Nase und
Ohren. Am liebsten hätte er gerufen, sie sollten einhalten, ihnen
befohlen, damit aufzuhören – er wollte nicht, daß sie das Gesicht seines
Vaters bedeckten und die Öffnungen versperrten, durch die er das Leben
einsog. Ich schaue in dieses Gesicht, seit ich geboren wurde – hört auf,
das Gesicht meines Vaters zu begraben! Aber sie hatten jetzt ihren
Rhythmus gefunden, diese starken Burschen, und sie konnten nicht
aufhören und würden nicht aufhören, nicht einmal, wenn er sich selbst in
das Grab werfen und verlangen würde, das Begräbnis müsse abgebrochen
werden. Nichts konnte sie jetzt mehr aufhalten. Sie würden einfach
weitermachen und auch ihn begraben, wenn das Werk anders nicht zu
vollenden war. Howie stand mit schweißnasser Stirn an der Seite und sah
zu, wie die sechs Vettern die Arbeit athletisch zu Ende brachten, indem
sie, das Ziel in Sichtweite, mit ungeheurem Tempo die Schaufeln
schwangen – nicht wie Trauernde, die die Last eines archaischen Rituals
auf sich nahmen, sondern wie Arbeiter in alten Zeiten, die einen
Heizkessel mit Brennstoff versorgten.
Viele der Älteren weinten jetzt und hielten
sich anein ander fest. Die Erdpyramide war abgetragen. Der Rabbiner trat
vor, und nachdem er die Oberfläche mit seinen bloßen Händen sorgfältig
glattgestrichen hatte, zeichnete er mit einem Stock die Umrisse des
Grabes in den lockeren Boden.
Er hatte zugesehen, wie sein Vater
Zentimeter für Zentimeter aus der Welt verschwunden war. Er war
gezwungen gewesen, sich das bis zum Ende anzusehen. Es war wie ein
zweiter Tod, nicht weniger furchtbar als der erste. Plötzlich erinnerte
er sich an den Ansturm der Gefühle, die ihn tiefer und immer tiefer in
die Schichten seines Lebens führten, als sein Vater einst im Krankenhaus
jedes seiner neugeborenen Enkelkinder zum erstenmal in die Arme genommen
und erst Randy, dann Lonny und schließlich Nancy mit derselben
ausdrucksvollen Miene verblüfften Entzückens betrachtet hatte.
»Geht es dir gut?« fragte Nancy und legte
ihre Arme um ihn, als er da stand und die Striche anstarrte, die der
Stock in den Boden gezogen hatte wie für ein Kinderspiel. Er drückte sie
fest an sich und sagte: »Ja, mir geht es gut.« Dann seufzte er, lachte
sogar und fügte hinzu: »Jetzt weiß ich, was es heißt, begraben zu
werden. Bis heute war mir das nicht klar.« »So etwas Grausiges habe ich
in meinem ganzen Leben noch nicht erlebt«, sagte Nancy. »Ich auch
nicht«, sagte er. »Wir können jetzt gehen«, sagte er, und mit ihm und
Nancy und Howie an der Spitze brachen die Trauergäste langsam auf, auch
wenn er noch längst nicht loswerden konnte, was er soeben gesehen und
gedacht hatte, und seine Gedanken immer wieder dorthin zurückkehrten,
wovon seine Füße bereits wegstrebten.
Es war windig gewesen, während das Grab
gefüllt worden war, und er schmeckte die Erde in seinem Mund noch lange
nachdem sie den Friedhof verlassen hatten und nach New York
zurückgekehrt waren.
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