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Érik
Orsenna
Lob des Golfstroms
Aus dem Französischen von Annette
Lallemand.
C.H. Beck
239 Seiten. 4 Karten. Gebunden.
EUR 17.90
ISBN 3-406-54829-6
„Ich bin nicht Wissenschaftler, sondern
Weltenbummler.“ Érik Orsenna
In seinem neuen Buch begibt sich Érik Orsenna auf eine
ungewöhnliche Entdeckungsreise: Er möchte dem Freund seiner Kindheit, dem
Golfstrom, seine Geheimnisse entwinden und auch den anderen großen
Meeresströmungen nachspüren. Die Reise führt ihn von den sonnigen Küsten
Floridas zum Kap Hatteras, wo der Golfstrom seine verheerende Kraft
entfaltet, von den üppigen Gärten Schottlands zum Malstrom, der vor der
Küste Norwegens tobt. Dabei begegnen wir den verschiedensten Menschen, die
alle ihre eigenen Geschichten erzählen: Seeleuten, Admiralen und
Meeresforschern; Benjamin Franklin, der den Golfstrom zeichnen ließ;
seefahrenden Entdeckern; und Schriftstellern, die sich von den großen
Strömungen inspirieren ließen: Jules Verne, George Orwell, Edgar Allen
Poe. Von Abenteuerlust und Wissensdurst getrieben, entlockt Orsenna seinen
Gewährsleuten nach und nach auch eine Biographie seines geliebten
Golfstroms. Wie ist er überhaupt entstanden? Ist er tatsächlich der große
Wohltäter, der Europa sein mildes Klima beschert? Wie wirkt er mit den
anderen Akteuren auf der großen Bühne der Klimageschichte zusammen –
Sonne, Winden, Eis, uns Menschen? Und müssen wir wirklich seinen nahen Tod
befürchten? Die Antworten, die Orsenna erhält, sind so aufklärend wie
unterhaltend, und er reicht sie uns mit Charme, Witz und ansteckender
Entdeckungsfreude dar.
Érik Orsenna, geb. 1947, hat zahlreiche Romane veröffentlicht. Für
„La vie comme à Lausanne“ erhielt er 1978 den Prix Roger Nimier, für „L’Exposition
coloniale“ wurde er 1988 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet. Seit 1988
ist er Mitglied der Académie Française.
Leseprobe:
«Siéntate,
mar,
Que tenemos que hablar
De nuestra vida
Bajo la luz de la fantasía»
Rafael Alberti
«Setz dich, Meer,
Denn wir müssen
über unser Leben sprechen
Unter dem Licht der Phantasie»
Bevor wir an Bord gehen
Ich bin
nicht Wissenschaftler, sondern Weltenbummler. Und genieße so banale Fragen
wie: Warum ist die Nacht schwarz? Warum macht Wasser nass? … Und was
treibt die Strömung an? – Fragen, die Eltern, aber auch Gelehrte in
Verlegenheit bringen.
Es ist Zufall, aber seit meiner Kindheit habe ich ein inniges Verhältnis
zu den Meeresströmungen. Ich liebe diese im Wasser verborgenen Flüsse.
Liebe es, mich von ihnen einfangen und treiben zu lassen, wie damals in
den Ferien: Plötzlich birgt dich eine starke Hand und du brauchst dich nur
noch tragen zu lassen.
Genauso gerne segle ich aber auch gegen die Flut, kreuze Stunde um Stunde,
gewinne Meter um Meter, egal, ob es Nacht wird, Motorhilfe kommt nicht in
Frage: Greift ein Torero etwa zur Maschinenpistole? Ich liebe diese
kleinen Verbündeten, die man dabei entdeckt, die Gegenströmungen. Sie
haben so verspielte Formen, bilden Wirbel, drehen Spiralen. Jede von ihnen
ein kleiner Troll, ein Irrwisch. Sie rufen nach dir, soll man antworten?
Locken sie dich nicht vielleicht in eine Falle mit ihrer
Liebenswürdigkeit? Sie treiben sich immer in Küstennähe herum, fast zu
nahe bei der Küste. Ob man nicht auf Grund läuft, es achtern plötzlich
kracht, weil man einen Felsbrocken gerammt hat? Wenn man nicht gar
kentert, weil man ihm zu nahe kam.
Ich liebe auch die Seekarten mit ihren schwarzen Pfeilen, die in allen
Größen in alle Richtungen ausschwärmen. Sie versuchen zumindest das schier
Aussichtslose: zu erfassen, was nicht zu fassen ist, die Launen der
Strömungen Stunde für Stunde nachzuzeichnen.
Mein Traum wäre, dass man solche Karten auch für das sogenannte Festland
erstellte. Jeder weiß doch, dass es Kräfte gibt, die unseren Boden
umtreiben, aber sie sind noch nicht einmal alle aufgespürt. Da fließt ja
nicht nur Lava. Da bewegt sich ständig etwas unter unseren Füßen. Überall
rutscht etwas, sackt etwas ein oder senkt sich ab. Ganz zu schweigen von
unseren Kontinenten, die doch recht massig und schwer sind. Sie werden
offenbar ebenfalls abgetrieben, trotz ihrer Korpulenz. Auch Geographie ist
Seefahrt.
Und was unsere Körper betrifft, unsere eigenen Körper, dazu hält China
schon seit Jahrtausenden die Antwort bereit. Es erfand die Akupunktur und
bewies damit, dass alles eine Frage der Energie ist. Die chinesische
Heilkunst spürt die Kanäle auf, durch die der Energiestrom fließt, und
sticht jene Punkte an, wo er sich staut. Kurz gesagt, auch hier geht es um
Strömungen.
Ich erinnere mich noch genau an den Tag, als mein Vater mir die Abdrift
erklärte. Dieser Vater, der mir jahrelang vor dem Einschlafen Geschichten
von einem Hochseeschlepper erzählte. Ich dürfte sieben oder acht Jahre alt
gewesen sein. Wir schipperten dahin. Plötzlich – ein Vertrauensbeweis –
übergab er mir das Ruder. «Und jetzt steuerst du uns in die Bucht.»
Schnurgerade peilte ich sie an, zwischen den beiden Bojen, der grünen und
der roten, hindurch. Natürlich verpasste ich die Fahrrinne: Unsere liebe
Kerpont-Strömung hatte uns zu den Felsen hin davongetragen, gut eine
Viertelmeile gen Norden. Seitdem – das werden Sie verstehen – traue ich
der geraden Linie nicht mehr.
Wenn ich es recht bedenke, hat mich der Umgang mit Strömungen Verzicht,
Hartnäckigkeit, aber auch so manche List gelehrt. Höchste Zeit, mich für
diese Großzügigkeit zu bedanken.
*
Selbst wenn ich Strömungen sammle wie andere Briefmarken oder
Schmetterlinge und jede Seefahrt dazu nutze, meinen Bestand zu vermehren,
nimmt der Golfstrom unter seinen Artgenossen doch unbestreitbar eine
Sonderstellung ein.
In meiner erzkatholischen Familie wurde selbstverständlich in jedem Gebet
Gott gedankt (für die Gesamtheit seiner Schöpfung), aber gleich danach
auch dem Golfstrom. Wann immer wir schlotternd aus dem eisigen Wasser der
Bretagne ans Ufer rannten, rief uns sofort eine Großmutter oder Tante
entgegen: «Du musst noch dem Golfstrom danken! Ohne ihn wäre unser Meer
doch eiskalt.» Und bei jedem Bummel durch den Garten erklangen die Laudes
aus dem Familienbrevier: «Wie schön diese Palme gedeiht, sie erinnert mich
an Algier! Wie hoch diese Agave wächst, man könnte meinen, man wäre in
Madagaskar! Auch dieses Jahr hat der Golfstrom uns wahrlich wieder reich
beschenkt.»
Im Grunde tröstete der Golfstrom uns über den Verlust unserer Kolonien
hinweg. Indem er uns mit warmem Wasser und milder Luft beschenkte, ließ er
das Beste aus dem ehemaligen «Weltreich» bei uns wieder Fuß fassen und
heimisch werden. Auch die Leidenschaft der Engländer für die Rhododendren
hat, wie ich zu zeigen versuchen werde, diesen überwiegend nostalgischen
Ursprung.
*
Verlassen hat der
Golfstrom mich nie.
Aber unser Verhältnis hat sich gewandelt mit der Zeit. Auf die ständige
Pflicht der Dankbarkeit folgte Besorgnis, bis sogar Zweifel aufkam.
Die Besorgnis, die inzwischen immer mehr Menschen mit mir teilen, gilt der
Gesundheit, wenn nicht gar dem Überleben meines geliebten Stroms. Die
Sorge ist umso verstörender, als sie auf einem Paradox beruht: Wird die
Erwärmung unseres Planeten eines Tages diese Warmwasserströmung umbringen?
Unter Spezialisten wird heftig darüber debattiert. Eine Debatte, die auf
eine grundlegende Frage hinausläuft, die für mich noch weit grausamer ist
als die vorangegangene Ungewissheit. Der Zweifel nagt: Und wenn der
Golfstrom nur ein Aufschneider wäre? Wenn er seinen Titel des Großen
Wohltäters sich zu Unrecht angeeignet hätte? Kurz gesagt, ist es wirklich
der Golfstrom, dem wir das so angenehm gemäßigte Klima in unserem alten
Europa verdanken?
Diese Hypothese nagt, wie man begreifen wird, an einer der Säulen, auf die
mein Leben gebaut ist, an einer der wenigen Gewissheiten, auf die ich mich
immer gestützt habe.
Lange zog ich es vor, die Augen zu verschließen.
Aber jetzt ist der Zeitpunkt gekommen. Nehmen wir all unseren Mut
zusammen, um zu Lande und zu Wasser bei den Gelehrten und den Orten
vorstellig zu werden.
Aus dem Französischen von
Annette Lallemand.
S. 11 -
15; Copyright Verlag C.H.Beck oHG
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