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Deutscher Buchpreis 2007

 


Verlorene Leben
Sigrid Lüdke-Haertel  über Julia Francks Meisterstück »Die Mittagsfrau«

Am 8. Oktober 2007 wurde sie im Kaisersaal des Frankfurter Römers mit dem Deutschen Buchpreis 2007 ausgezeichnet. Keine vierundzwanzig Stunden später hatte der Verlag weitere 55.000 Exemplare des Romans verkauft. In den Frankfurter Buchhandlungen waren die Lücken zu sehen, wo tags zuvor noch »Die Mittagsfrau« gestanden hatte. Ein beispielloser Erfolg, der auch die marketing-geschulten Presse-Menschen des S. Fischer Verlages verwundert aufblinzeln ließ.
Auch ohne diese Auszeichnung hätte dieses Buch sicher seine Leser gefunden. In England, Frankreich, Amerika gibt es schon lange, solche nationalen Buchpreise. Der Import hat sich gelohnt, wenn es gelingt, wirklich gute Bücher massenhaft unter die Leute zu bringen. Und danach sieht alles aus.
Im Frühjahr 1945, auf dem Bahnhof von Pasewalk, setzt die Mutter ihren siebenjährigen Sohn Peter auf eine Bank. »Du wartest. Das sagte sie streng. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, sie strich ihm über die Wange und Peter war froh.« Sie wolle, hatte sie ihm gesagt, sehen, ob sie Fahrkarten kaufen könne. Er hoffte außerdem auf Bockwürstchen, die unterwegs angeboten worden waren. Peter sah seine Mutter noch einmal in der Tür von der Bahnhofshalle. Danach: nie wieder. Sie hatte ihn, das Kind, auf dem Bahnhof ausgesetzt. Absichtlich, geplant.
Peter wartete angstvoll, wagte nicht, sich wegzubewegen. Der Tag verging, es wurde Abend und noch immer starrte der Junge auf die Tür, hinter der seine Mutter verschwunden war.
Mit diesem Prolog, einem emotionalen Paukenschlag beträchtlicher Stärke, beginnt der Roman. Mit einem vergeblichen Versuch dieser Frau, ihren unterdessen fast erwachsenen Sohn wiederzusehen, endet er. Und dazwischen vergeht fast ein halbes Jahrhundert.

Julia Francks Geschichte hat einen autobiographischen Hintergrund. Ihr eigener Vater war kurz nach dem Krieg von seiner Mutter ausgesetzt worden. Der Mann ist nie über dieses Trauma hinweggekommen. Als Julia Franck versuchte, das Rätsel aufzuklären, erfuhr sie, daß ihre Großmutter ein halbes Jahr zuvor gestorben war und ihr Geheimnis mit ins Grab genommen hatte. Diese Tatsache hat sie zu ihrem Roman stimuliert, zu einem Versuch also, mit den Mitteln der Fiktion, der Phantasie und der Vorstellungskraft, eine Geschichte zu erfinden, die das Unerklärliche dieses Verhaltens nicht rechtfertigt, vielleicht nicht einmal erklärt, aber doch etwas verständlicher macht.

Die Geschichte einer Frau, die zwei Weltkriege erlebt, vom Schicksal gebeutelt wird, vielleicht nicht mehr als viele ihrer Zeitgenossen im 20. Jahrhundert, die aber nicht darüber hinwegkommt und die am Ende, nach dem Zweiten Weltkrieg, noch immer eine junge Frau, kalt und herzlos geworden ist.
In Bautzen war sie aufgewachsen. Das einigermaßen geordnete Familienleben zerbrach, als der Erste Weltkrieg begann. Der Vater wurde eingezogen. Die Mutter, Jüdin, vor allem aber eine völlig kaputte, verrückte Frau, kümmerte sich nicht um ihre Kinder. Die beiden Mädchen, Helene und ihre neun Jahre ältere Schwester, waren auf sich allein gestellt. Als der Vater, zerschossen, mit einem amputierten Bein, aus dem die Maden herausquellen, aus dem Krieg nach Hause kommt, zum Sterben, kreischt die Mutter: »Es ist nachts, ich schlafe«. Der Vater stirbt. Die beiden Mädchen verlassen die Mutter, ziehen nach Berlin, zu einer Tante, die sie ins Leben einführt. Feste, Alkohol und Koks, ein nicht endendes Vergnügen, bis ihnen das Geld ausgeht. Das Berlin der zwanziger Jahre. Helene, das junge Mädchen, bleibt lange Zeit Beobachterin des Geschehens, bis auch sie sich verliebt in einen Philosophie-Studenten.
Doch dann schlägt, zum zweiten Mal, vielleicht ein bißchen zu gewaltig, das Schicksal wieder zu.

Einige Kritiker warfen der Autorin deshalb vor, sich übermäßig aus der Kiste zu bedienen, in der die Klischees des vergangenen Jahrhunderts gelagert sind: ein tödlicher Verkehrsunfall, ein brutaler Nazi, auf den die schöne Helene schließlich hereinfällt, Vergewaltigungen durch russische Soldaten usw. usw. Doch bleibt: eine packende Geschichte. Paukenschlag am Anfang. Folgerichtiges Ende. Dazwischen: das Schicksal einer jungen Frau, die mit großen Hoffnungen auf ihren Weg durch das zwanzigste Jahrhundert ging und die zuletzt alles verloren hatte, sogar sich selbst. Sigrid Lüdke-Haertel

Leseprobe

Julia Franck - Die Mittagsfrau
Roman - S. Fischer Verlag
430 S., 19,90 €


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