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Ein
Sommernachtstraum?
Sigrid Lüdke-Haertel über Martin Mosebachs neuen
Roman »Der Mond und das Mädchen«
Lange genug mußte er warten. Dafür rappelt es jetzt in der Kiste.
Büchner-Preis 2007, mehr geht nicht in Deutschland. Dazu Short-List für
den Deutschen Buchpreis, Preise über Preise und Jubelarien im
Feuilleton. Der Frankfurter Schriftsteller Martin Mosebach, der früher
gerne als »Frankfurter Schriftsteller«, sollte heißen als Regionalgröße,
Realist & Reaktionär beiseite belächelt worden war, steht jetzt in der
ersten Reihe.
Sein jüngster Roman ist nur 190 Seiten lang, eigentlich eine Novelle.
Der Text ist fein gewoben, mit altertümlich-barockem Satzbau
ausgeschmückt, und kommt doch leicht und locker wie ein
Unterhaltungsromänchen daher. Ein Sommernachtstraum?
Hans und Ina, ein junges Paar aus gutbürgerlichen Hamburger Kreisen,
haben kürzlich geheiratet. Der honey moon muß leider ausfallen, weil
Hans in Frankfurt eine Stelle als Banker antritt. Ina fährt, ganz
folgsame Tochter, mit ihrer überkandidelten Mutter in Urlaub nach
Italien. Derweil sucht Hans in Frankfurt eine – bezahlbare – Wohnung. Er
bemüht sich redlich, doch zunächst erfolglos. Schließlich entscheidet er
sich für eine große, aber schlecht geschnittene Altbauwohnung in einem
heruntergekommenen Mietshaus am Basler Platz. Nicht gerade eine vornehme
Gegend.
Ein heißer Sommer. Auch nachts läßt die Hitze kaum nach.
So hocken sie Abend für Abend zusammen auf dem Hinterhof, die Mieter des
Hauses, Nachbarn, suchen Abkühlung und Unterhaltung. Eine bunte
Gesellschaft. Der Äthiopier vom Wasserhäuschen sorgt für Alkohol. Der
marokkanische Hausverwalter macht krumme Geschäfte und pflegt seine
Liebschaften, eine dünne Syrierin erzählt von vergangenen Zeiten, und
Barbara, durch eine Scheidung zu Geld gekommen, hat den Hausmeister im
Auge. Auch das Ehepaar Wittekind, sie Schauspielerin, er Schöngeist, der
gerne über Gott und die Welt schwadroniert, ist regelmäßig zur Stelle.
Eine seltsame Atmosphäre, die Hans seltsamerweise in ihren Bann zieht.
Man könnte es auf die Hitze schieben. Wenn es so heiß ist, wie es da
heiß war, ist nichts mehr normal.
Die Wohnung wird während Inas Abwesenheit notdürftig renoviert und
einigermaßen bewohnbar gemacht. Als Ina aus Italien zurück kommt, warnt
er sie: »Du darfst nicht entsetzt sein. Es ist nicht schön. Wir müssen
es uns schön machen.« Ina war gerne bereit, alles schön zu finden, »denn
sie war in der Stimmung eines Kindes, das im Speicher des Elterhauses
zum ersten Mal auf Entdeckungsfahrt geht, und jedem Ding, das es dort
oben findet, eine besondere Bedeutung beimißt«.
Ein Unheil bricht ein: Hans und Ina, die ihre Flitterwochen noch vor
sich hatten, betreten das Schlafzimmer. Auf dem Boden liegt eine tote
Taube. Ihr Todeskampf hat deutliche Spuren an den frisch gestrichenen
Wände und dem Bett hinterlassen. Der Start der jungen Ehe ist gründlich
verpatzt.
»Die von beiden heiß erwartete Rückkehr von Ina hatte zwar
stattgefunden, aber nicht geklappt.« Das scheinbar so geordnete Leben
der beiden läuft mehr und mehr aus dem Ruder. Der brave Hans landet
unversehens im Bett des Ehepaars Wittekind. Er schläft mit der
Schauspielerin, während ihr Mann seelenruhig neben ihnen weiter
schnarcht: »so schnell und erfahren wurde die Liebe vielleicht nicht
einmal in einem von der ganzen Sippe bewohnten Mongolenzelt gemacht«.
Die Ehe von Hans und Ina beginnt zu kriseln. Ina wird abweisender und
unzugänglicher. Hans versucht immer mehr, aus der Bürgerlichkeit
auszusteigen, sein Leben findet auf dem Hof statt - bis Ina zu einer
drastischen Maßnahme greift, die beide aus dieser dämonisch-märchenhaft
überhitzten Sommersituation reißt und, oh Wunder, alles wird gut. Der
Sommernachtstraum ist ausgeträumt, die alte Ordnung wieder hergestellt.
Nichts Spektakuläres ist geschehen, aber alles stand in Gefahr. Dieses
Brodeln, unter der Oberfläche, hat Mosebach eingefangen, indem er nur
die Oberfläche beschrieben hat.
Inas Mutter schreibt in ihrem jährlichen Rundbrief, daß die jungen Leute
umgezogen sind, jetzt im Taunus leben und viel Freude an ihren beiden
Kindern haben. Außerdem, schreibt sie: »Hans liest viel. Es ist immer
wichtig, daß ein Mann eine Beschäftigung hat«.
Sigrid Lüdke-Haertel
Martin Mosebach - Der Mond und das
Mädchen
Roman, Hanser Verlag, München 2007, 190 S., 17,90 €
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