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Omega Minor
Paul Verhaeghen berührt die Grenzen des Erzählbaren
»Noch
das äußerste Bewusstsein vom Verhängnis droht zum Geschwätz zu entarten.
Kulturkritik findet sich der letzten Stufe der Dialektik von Kultur und
Barbarei gegenüber: nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist
barbarisch, und das frißt auch die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es
unmöglich ward, heute Gedichte zu schreiben."«
(Theodor W. Adorno aus dem Essay
'Kulturkritik und Gesellschaft', 1951)
Gut ein halbes
Jahrhundert nach Adornos radikalem Diktum, gibt der Roman »Omega Minor«
eine mutige wie provokative Antwort: "Nach Auschwitz gibt es nur noch
Poesie. Jede Theorie, jede Fiktion, jedes menschliche Drama hat auf dem
Kachelboden der Gaskammer seine Kraft verloren.“
Kein Deutscher hätte dieses kollossale,
expressive, grandiose und präzise feingesponnene Textgewebe über das
Grauen schreiben können, mit dem das Herrenvolk der Richter und Henker die
Menschheit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geschändet hat, das
schließlich nur knapp der atomaren Katastrophe entgangen ist - jedenfalls
bis heute.
Uns jüngeren Deutschen ist bei dem Versuch zurückzublicken, um zu
begreifen, stets unser Blick im Wege, der getrübt ist von dem mehr oder
weniger eingestandenen Verlangen, vom Fluch der Schuld unserer Väter und
Großväter endlich erlöst zu werden, und verstellt von den halbherzigen
Debatten der deutschen Nachkriegsliteraten, die ihre salzlosen Tränen beim
Häuten angefaulter Zwiebeln vergießen.
Der
flämische Psychologe und Autor
Paul Verhaeghen
hat sich mit seinem
fulminanten Epos über den Wahnsinn des 20. Jahrhunderts an die Grenzen des
Erzählbaren herangearbeitet: Auschwitz und Los Alamos, die Vernichtung der
Juden und die atomare Katastrophe, die beiden Omegas des letzten
Jahrhunderts. Der Minuspol der Zivilisation.
Das mag sich deprimierend anhören, aber Verhaeghen jongliert derart
virtuos mit Erzählperspektiven, Zeit- & Ortswechseln, Handlungssträngen
und seiner vielstimmigen Personage, erzeugt einen Sog des Wissenwollens,
der den Leser in die Geschichte hineinzieht, als wäre es seine eigene.
Bei aller angebrachten
Zurückhaltung mit solchen Sätzen: Dieser Roman, »Omega Minor« ist mit
Abstand das beste Buch, daß ich in diesem Jahrtausend gelesen habe. Der
neue Pynchon wird sich gewaltig anstrengen müssen, daran was zu ändern,
und wenn es im deutschen Rezensionsbetrieb noch mit rechten Dingen zugeht,
wird dieses grandiose Werk seinen Weg machen, und den selbstherrlichen
Zwiebelschälern echte Tränen der Erschütterung über die mögliche Qualität
von Literatur in die Augen treiben. Herbert Debes
Paul Verhaeghen
über die Entstehung seines Romans Omega Minor
Die Idee zu diesem
Buch entstand, als ich 1995 drei Monate als Postdoc an der Universität
Potsdam forschte (im wesentlichen ist dies der Zeitrahmen des Romans).
Alle Europäer haben natürlich ein Gefühl dafür, was der Zweite Weltkrieg
bedeutete, aber ich konnte dieser Thematik, so direkt mit ihren
Nachwirkungen konfrontiert, plötzlich nicht mehr entfliehen: Als ich im
immer noch verarmten Ostdeutschland im Grunde in einer Wessi-Enklave
lebte, in der die meisten Neuankömmlinge keine Ahnung von den Erfahrungen
ihrer Kollegen aus der früheren DDR hatten; als ich durch Friedrichs
Paläste schlenderte, die noch immer die Pockennarben fünfzig Jahre alter
Kugeleinschläge trugen; als ich ein Ost-Berlin besuchte, das sich gerade
erst der Außenwelt geöffnet hatte und bereits bei lebendigem Leib vom
Kommerz gefressen wurde und – natürlich – als ich von den Geistern beider
Städte verfolgt wurde (Bebelplatz; Prinz-Albrecht-Gelände; Vossstraße;
Sanssouci etc.). Dieses Gefühl verstärkte und vertiefte sich während
meines halbjährigen Aufenthalts am Max-Planck-Institut. Ich hatte das
unbestimmte Gefühl, daß Deutschland in einer gewissen Art und Weise noch
immer die Last der Vergangenheit mit sich herumtrug, hauptsächlich die
Last der Shoah (interessanterweise schienen die Deutschen die
Vergangenheit der Besatzung und der Unterdrückung benachbarter Länder und
des Kommunismus im Osten viel weniger als Last zu empfinden). Gleichzeitig
war auch ein seltsames Gefühl von Verleugnung und moralischer
Überlegenheit spürbar (»Das kann nie wieder passieren.« »Wir hätten so
etwas niemals getan.«). Als Psychologe, der vor allem mit anderen
Psychologen zu tun hatte, empfand ich das als seltsam und fehl am Platz –
schließlich sind Menschen auch nur Menschen.
Darüber hinaus ist
mir, da ich in Amerika lebte, als Bush als 43. Präsident an die Macht kam,
sehr deutlich bewußt geworden, wie der menschliche Verstand durch
Propaganda und feste Überzeugungen, die nicht auf der Realität beruhen,
verändert werden kann, und zwar so sehr, daß zigtausend unschuldige Bürger
in einem sinnlosen und verbrecherischen Krieg getötet werden und Folter
ein normaler Teil des Umgangs mit anderen Menschen wird. Diese Erfahrungen
haben mir, denke ich, geholfen, ein Buch zu schreiben, das nicht einfach
nur »Seemansgarn« oder eine epische Beschreibung und Betrachtung der
Geschichte ist, sondern das versucht, diese Themen anzusprechen, d. h. wie
diese Dilemmata, diese Vermischungen von Vorstellungen (dem, was Menschen
so glauben), diese historischen Gegebenheiten und diese moralischen Werte
im Leben von Menschen zum Tragen kommen: eine jüdische Frau, die andere
Juden verrät, um ihre eigene Familie zu retten; ein deutscher Soldat, der
sich dazu entschließt, ein Kind aus dem KZ zu holen; ein Wissenschaftler,
der erkennt, daß der Bau einer Atombombe nicht einfach nur eine
technologische Errungenschaft ist, sondern auch politische Konsequenzen
nach sich zieht; die gesamte Bevölkerung einer Stadt, die die Augen
verschließt vor dem Verschwinden Zehntausender ihrer Bürger etc. Die
Hauptfrage für mich war: »Wie vereinbaren Menschen das Persönliche mit dem
Historischen? Welche Art von Entscheidungen treffen sie bzw. treffen sie
überhaupt Entscheidungen? Was ist historische Kurzsichtigkeit? Wie
bekämpft man den wachsenden Zynismus um sich herum und in sich selbst bzw.
tut man es überhaupt?«
Das soll nicht
heißen, daß ich bewußt versucht hätte, das alles in die Geschichte
einfließen zu lassen. Schreiben war für mich schon immer etwas sehr
Organisches – mir fallen diese Einflüsse erst hinterher auf. Dieses Buch
zu schreiben hat sehr viel Vorbereitung und Recherche gekostet. Ich habe
versucht sicherzustellen, daß der Großteil der historischen Details, die
sich im Roman wiederfinden, so korrekt wie möglich ist (inklusive der
wirklich unglaublichen Szenen, in denen – direkt nach dem Reichstagsbrand
– Rache genommen wird). Ich habe mich in einen Kurs über jiddische
Literatur gesetzt, um den Tonfall eines Teils der Erzählung zu treffen,
und ich habe, bevor ich dieses Wissen in meinem Roman »verbraten« habe,
Kurse über Relativitätstheorie und Kosmologie besucht, um wenigstens ein
bißchen dessen zu verstehen, was über die Schwarze Materie bekannt ist.
Ich bin tatsächlich die Treppen des nepalesischen Tempels in Benares
emporgestiegen und habe die Zeit gemessen. Wenn man die Rahmenbedingungen
festgelegt hat, ist das eigentliche Schreiben wie eine Art Method Acting:
Empathie, Sich-Hineinbegeben in die Vorratskammer des eigenen
Gedächtnisses und der eigenen Gefühle. Das Kapitel, das in Auschwitz
spielt, war aus diesem Grund eines der letzten, die ich geschrieben habe –
es hat sich fast angefühlt wie ein Schreiten über unsicheren Boden, das
Betreten eines Ortes, den zu besuchen mir nicht erlaubt sein sollte. Daß
ich als Westeuropäer in den USA lebe, versetzt mich in Hinblick auf meine
schriftstellerische Tätigkeit in eine interessante Position. Ich empfinde
mich im Hinblick auf Stil und thematische Reichweite der
anglo-amerikanischen postmodernen enzyklopädischen Tradition eng
verbunden, aber wie viele Europäer habe ich das doppelbödige Bedürfnis,
eine Ideengeschichte zu schreiben, die sich mit einer großen Portion
Ironie und Erotik »verkleiden« lässt.
Paul
Verhaeghen
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Omega Minor -
Roman -
Aus dem Flämischen von Stefanie Schäfer
Eichborn -
Hardcover mit Schutzumschlag -
955 Seiten -
ISBN 3821857587 -
Preis € 24,90
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