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Faun und Nixe,
Franz von Stuck,
1918 Öl auf Leinwand ©Privatbesitz
Tier-Gott-Mensch
im Labyrinth von Lust, Tragik und Kunst
Der Große Pan in Schloss Benrath
Von Peter V.
Brinkemper
Die Stiftung Schloss
und Park Benrath beherbergt bis zum 9. Dezember eine zauberhafte und
kulturhistorisch bedeutsame Ausstellung über Mythologie des Pan. Pan ist
jenes merkwürdige Wesen zwischen olympischer Faszination und
allzuirdischer Zeugungskraft, eine baalsche Erscheinung zwischen fast
gebändigter Wollust, überreifem Traum, absichtslosen Schrecken,
Obszönität, Tragik und Kunst. Eine Personifikation der ungeschminkten
und labyrinthischen Natur mitten in ihrem pulsierendem Zentrum.
Pan ist eine oszillierende Gestalt einer noch vor sich hinbrodelnden
Philosophie, im Zick-Zack irgendwo zwischen Idealismus und
Materialismus. Auch das ist Pan: ein fast dionysischer Musiker der
Aussetzer und Patzer, ein Magier der schrillen Naturtöne, in denen die
schlanken Schilfrohre, durch die die Nymphe Syrinx entkam, nachklingen.
Free-Jazzer zwischen
All und Nichts
Pan ist ein
wildes Subjekt zwischen Gott, Mensch und Tier, ein Free-Jazzer zwischen
All (Pan) und Nichts, ein Mischwesen mit Body und Bocksfuß, eine Maske
und eine Fratze, zwischen totaler Unterdrückung und völlig anarchischer
Freiheit, mit allem Leiden und aller Lust, ein Stück Ewigkeit im
Augenblick, ein Schatten im Mittag, ein einziger Batzen Eros,
Verausgabung und Tod. Vom Dichter Plutarch totgesagt taucht Pan dennoch
immer wieder neu in der antiken und modernen Kultur auf als Prinzip und
Figur: als erdnaher begehrlicher Gott und als Verkörperung des freien
und wilden Lebens in einer orgiastischen Natur, die sich ihrer Geilheit
und Fruchtbarkeit nicht schämt. Pan erweist sich nicht nur als ein
Hirtengott mit den bekannten Emblemen der Syrinx (Panflöte) und seinen
Gespielinnen, den Nymphen.
Die Ausstellung in Düsseldorf Benrath zeigt Pan als Prototypen eines
labyrinthischen Denkens (Gilles Deleuze und Felix Guattari: Rhizome).
Als zügellosen Gebieter und Genießer alles Lebendigen, als gewaltigen,
polymorphen Anti-Gott, der Lebenslust anfacht, aber auch Panik auslöst
und als todbringender Jäger (der anderen und seiner selbst) durch sein
einsames Arkadien streift und dessen endloses Begehren in den Tod und
die Wiederauferstehung führt.
Franz von Stuck, Verirrt, 1891
©Österreichische Galerie Belvedere, Wien/Österreich
Grenzüberschreitung
Auch in den Texten des
ausgezeichneten Katalogbuches wird deutlich, dass in Pan ein Prinzip
eines ursprünglichen Geschöpfes ohne klar zurechenbare Zeugung gedacht
wird. Er entzieht sich einfach der Domestikation: Ein monströses,
gefräßiges
Wesen ohne klaren Stammbaum, ein „glanzhaariger Schmutzfink“, zwischen
Bastard und vorfreudianischem Libero (Ursula Pia Jauch), mal von Zeus,
mal von Hermes abstammend und mit verschiedenen namenlosen Nymphenarten
und Naturkräften diesseits der späteren Biologie verbunden, ein Wesen,
das selbst seine (keineswegs eindeutige) Mutter zu verjagen imstande
war. Die Autorinnen und Autoren machen deutlich, dass das Faszinierende
am Thema Pan immer wieder in den Denk- und Kultfiguren der
Grenzüberschreitung, der Entgrenzung und der Deterritorialisierung
liegt, bei denen man durch bestimmte Verbindungslinien gleichwohl doch
eine zumindest oberflächliche Ordnung herzustellen versucht, die das
Chaos einzugrenzen versucht.
»Weder
der Himmel, noch die Erde sind die Heimat des Pan und damit sind auch
weder die von keiner menschlichen Gestaltung berührten Landstriche noch
durchkomponierte Gärten seine Heimat. Außerhalb des Sozialen vertritt
Pan das Imaginäre eines paradiesischen Daseins in Arkadien, innerhalb
des Sozialen soll das Pan vertretende Reale als Verfallsanmahnung
entsorgt werden.« (Gabriele Uerscheln)
Gottlieb
Schick, Satyrfamilie in einer Felsengrotte, 1803-06
©Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, Oldenburg
Domestizierung und
Sensibilität
Eva-Maria
Gruben stellt dabei für die Skulptur des 18.Jahrhunderts drei
Hauptmotive heraus: Die Einzelskulptur zeigt Pan als Hirtengott (Schlosspark
Benrath) oder als Tänzer, spätere „Porträts“ wie in Nymphenburg zeigen
ihn in grimmiger Pose als Herr der Wildnis. In Skulpturengruppen tritt
er als triebhafter Nymphenjäger auf, im Augenblick des Entzuges der
gesuchten Frau und ihrer Verwandlung, so, wenn sich Syrinx in die
berühmte Panflöte als Symbol von Sexus, Tod und stellvertretender
musikalischer Klage transformiert. In anderen Gruppen sieht man ihn als
Unterlegenen im Wettstreit mit dem rationaleren jünglingshaften Apoll
(neues Palais in Potsdam.
Im Mythos der Diana
und ihrer Jagd auf den Liebhaber Aktäon, so schreibt Bettina Baumgärtel,
kehre sich Pans Jagd auf die Nymphen um: Diana erlegt Aktäon mit den
Waffen seines eigenen Begehrens. Die Nymphen ständen in ihrer
körperlichen Nacktheit für die noch uneroberte Natur, die entweder als
eigenwilliges, wildes triebhaftes Terrain oder als unberührtes
idealisches Paradies (als schlafende Venus) konzipiert wird. Als Ziel
des männlichen Begehrens steht der Topos des Weiblichen zwischen
Lebensschöpferin, Lustobjekt und Muse, die zur schmerzhaften
Selbsterkenntnis und zur Poesie führt.
Pan schnippt
mit dem Finger, Skulptur 450-440 v.Chr.
Bronzestatuette, H. 11,5 cm, ©Museum of Ancient Olympia
Entsprechend sind
bereits die antiken Kultstätten, neben der Vorstellung seiner Heimat,
dem unwegigen Arkadien, einer Gebirgsregion im Inneren der Pelopones,
vor allem Kultstätten mit natürlichem Charakter wie Höhlen und
Felsgrotten, mit
verschiedenen Kammern und Weihereliefs mit den typischen Inschriften,
den „Épigraphes antiques“ (Claude Debussy), die teilweise eine stärkere,
urtümliche Wirkung als der Kult der antiken Tempel ausstrahlten (Günter
Schörner). Dieser schwankende Übergang des Naturverständnisses zwischen
strengem rationalem Zuschnitt und einem einfühlsamen Umgang mit
irregulären naturhaften Strukturen wiederhole sich auch in der
arkadischen Literatur und in der Gartenbaukunst des 18. Jahrhundert. Im
Rokoko liegen die beiden Richtungen noch nahe beieinander: der barocke
Rationalismus der exakt geometrisch angelegten und beschnittenen
französischen Gärten und der modernere Sensualismus in den englischen
Gärten, in denen sich Wachstum und Gestaltung die Waage halten. Und Pan
schleicht sich an dieser Grenzlinie entlang. Beide Formen des Gartenbaus
werden von der feudalen und der frühen bürgerlichen Öffentlichkeit
besetzt. Insel-Motive, wie in der Malerei Watteaus („Einschiffung zur
Liebesinsel Cythera“) reflektieren den zum Teil utopischen, zum Teil
banal unterhaltsamen Charakter dieser Weltentwürfe, in denen der
verlockende Raum der Natur rasch
zu unpolitisch-eskapistischen Idyllen domestiziert wird, zum Besitz
einer eindeutigen und normierten Ansicht von dem, was das Potential der
Natur und des sinnlichen Lebens sein könnte. Wald und Flur werden zu
Kulissen der feudalen und bürgerlichen Gesellschaft, die den Naturraum
förmlich erobert und in ihren Events vernutzt. Venus und Pan erstarren
auf diesen zunehmend normalisierten Inszenierungen der Natur zu
historischen und mythologisch korrekt eingebauten Skulpturen (Annette
Dorgerloh).
Der Satyr des
Gartens der Hesperiden,
Néstor de
la Torre1934
©Fundación César Manrique, Lanzarote/Spanien
Die
Wildnis wird zum Garten, der mutiert zum öffentlichen Park, auf dem die
Friedhofsstille des beigesetzten panischen Begehrens herrscht. Wenn
Arkadien auf einen öffentlichen Park schrumpft, in dem ein echter Pan
nur noch ein von Wärtern gejagter Exhibitionist, eine entlaufene Kreatur
aus dem Zoo ist, was bleibt Pan anderes übrig, als ins Nirgendwo
auszuwandern? In diesem Sinne sind die theologischen Ausführungen Sabine
Krohm-Steinbergs zu den Eremiten und Solitären der Bibel: Elija,
Johannes, Jesus und Antonius angelegt. Als asketische Gegenfiguren zu
Pan sind sie auf dem Weg zur Läuterung in die Geistigkeit und
Heiligkeit. Sie nehmen den Kampf auf mit den Dämonen der Leidenschaften
und Begierden, und zwar in der Wüste als der Gegenwelt zur Gesellschaft
und zur idyllischen Natur. Pan exkommuniziert sich selbst aus den
Gefilden des Genusses und Wohlbefindens. Das entsprechende eisigkalte
und zugleich rotglühende Bild
»Verirrt«,
einem fast im einer Schneewehe erfrierenden Pan hat Franz von Stuck 1891
mit ungeheuer real anmutender Ausdruckskraft ausgestattet.
Wie sagte Oscar Wilde: »O geißfüßiger Gott Arkadiens! Diese moderne Welt
bedarf Deiner!«
Der Große Pan ist tot!
Pan und das arkadische Personal.
Ausstellung 25. bis 9. Dezember 2007.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr
Museum für Europäische Gartenkunst – Stiftung Schloss und Park Benrath
Benrather Schlossalle 106, 40597 Düsseldorf,
www.schloss-benrath.de, Tel.:
0211/8929468
Ausstellungskatalog:
Museum für Europäische
Gartenkunst -
Stiftung Schloss und Park Benrath (Hg.):
Der Große Pan ist tot! Pan und das
arkadische Personal
(= Benrather Schriften, Bibliothek zur Schlossarchitektur des 18.
Jahrhunderts und zur Europäischen Gartenkunst, Band 4)
Katalogbuch zur Ausstellung,
284 Seiten mit zahlr., meist farb. Abb., 20,5 x 30,5 cm, brosch.
Stiftung Schloss und Park Benrath, Wernersche Verlagsgesellschaft, Worms
2007
ISBN-10: 3-88462-254-4 | ISBN-13: 978-3-88462-254-4
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