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Marisha
Pessl
Die alltägliche Physik des Unglücks
Roman
Aus dem Amerikanischen von Adelheid Zöfel
S.
Fischer Verlag
608 Seiten, gebunden
€ 19,90
ISBN 978-3-10-060803-1
Blue hat den Blues. Ihr Vater, der Universitätsprofessor, zieht schon
wieder um. Nie länger als ein Semester bleiben Tochter und Vater an
einem Ort. Bald kennt Blue jedes College. Zum Glück hat sie die Bücher –
ihre engsten Vertrauten. Und so hungrig wie sie Geschichten auf Papier
verschlingt, so lustvoll stürzt sie sich ins pralle Leben: Charmant und
witzig besticht sie als wandelndes Lexikon und läßt zugleich keine
Wodkaflasche an sich vorbeiziehen. Jeder weiß, Blue ist besonders. Man
liegt ihr zu Füßen. Und dann passiert ein mysteriöser Mord und ihr Leben
gerät aus den Fugen. Ein Aufsehen erregender und temporeicher Roman und
ein spannend komischer Streifzug quer durch die Sätze von Shakespeare
bis Cary Grant.
»Unter dem köstlichen Schaum dieses wunderbar überquellenden Romans
verbirgt sich ein starker, kräftiger Trank.«
Jonathan Franzen
Leseprobe
Einleitung
Dad sagte immer, ein Mensch braucht einen fabelhaften Grund, um seine
Lebensgeschichte aufzuschreiben, wenn er will, dass jemand sie liest.
»Wenn man nicht Mozart heißt oder Matisse, Churchill, Che Guevara, Bond
– James Bond –, dann sollte man seine Freizeit lieber damit verbringen,
mit Fingerfarben zu malen oder Shuffleboard zu spielen, denn außer
deiner Mutter mit den Wabbelarmen und der Betonfrisur und dem
Kartoffelbrei-Blick, mit dem sie dich immer ansieht, möchte niemand die
Einzelheiten deiner jämmerlichen Existenz hören, die zweifellos genauso
enden wird, wie sie begonnen hat – mit einem Ächzen.«
Angesichts so rigider Parameter war ich bisher davon ausgegangen, dass
ich meinen fabelhaften Grund frühestens mit siebzig finden würde, wenn
ich Altersflecken und Rheumatismus habe, einen Verstand so scharf wie
ein Tranchiermesser, ein kompaktes kleines Stuckhaus in Avignon (wo ich
365 verschiedene Käsesorten esse), einen zwanzig Jahre jüngeren
Liebhaber, der auf dem Feld arbeitet (keine Ahnung, auf was für einem –
jedenfalls ist es golden und leuchtet), und nachdem ich, mit ein
bisschen Glück, einen kleinen Triumph auf dem Gebiet der
Naturwissenschaften oder der Philosophie ingeheimst habe, der mit meinem
Namen verbunden ist. Und doch kam die Entscheidung – nein, die zwingende
Notwendigkeit –, zum Stift zu greifen und über meine Kindheit zu
schreiben – vor allem über das Jahr, in dem sie aufgeribbelt wurde wie
ein alter Wollpullover – sehr viel früher, als ich gedacht hatte.
Begonnen hat es mit schlichter Schlaflosigkeit. Da war es schon fast ein
Jahr her, dass ich Hannah tot aufgefunden hatte, und ich dachte, ich
hätte es geschafft, alle Spuren jener Nacht aus meinem Inneren zu
tilgen, so wie Henry Higgins mit seinen gnadenlosen Sprechübungen Elizas
Cockney-Akzent ausradierte.
Ich hatte mich geirrt.
Ende Januar lag ich wieder einmal mitten in der Nacht hellwach im Bett.
Im Flur draußen war alles still. Spitze Schatten lauerten in den Ecken
der Zimmerdecke. Ich hatte nichts außer ein paar dicken, anmaßenden
Lehrbüchern, zum Beispiel die Einführung in die Astrophysik, und dem
traurigen, stummen James Dean, der, eingesperrt in Schwarz und Weiß und
mit Klebeband hinten an unserer Tür befestigt, auf mich herunterblickte.
Als ich durch die fleckige Dunkelheit zu ihm schaute, sah ich, in
mikroskopischer Klarheit, Hannah Schneider.
Sie hing einen Meter über dem Boden, an einem orangeroten
Verlängerungskabel. Die Zunge – aufgequollen, kirschrot wie ein
Küchenschwamm – hing ihr aus dem Mund. Ihre Augen sahen aus wie Eicheln
oder wie stumpfe Pennymünzen oder wie zwei schwarze Mantelknöpfe, die
Kinder für das Gesicht eines Schneemanns nehmen würden, und sie sahen
nichts. Oder aber, und genau da lag das Problem, sie hatten alles
gesehen; J. B. Tower schrieb, dass man im Augenblick des Todes »alles,
was je existiert hat, auf einmal sieht« (obwohl ich mich fragte, woher
er das wusste, da er in den besten Jahren war, als er Sterblichkeit
schrieb). Und ihre Schnürsenkel – eine ganze Abhandlung könnte man über
diese Schnürsenkel schreiben –, sie waren burgunderrot, symmetrisch, zu
perfekten Doppelknoten gebunden.
Aber als ewige Optimistin (»Die van Meers sind von Natur aus Idealisten
und positive Freigeister«, befand Dad) hoffte ich, dass das eklige
Wachliegen eine Phase sein würde, aus der ich schnell herauskomme, eine
Art Mode, so wie Pudelröcke oder Lieblingssteine, aber dann, eines
Abends Anfang Februar, während ich gerade die Aeneis las, erwähnte meine
Zimmerkollegin Soo-Jin, ohne von ihrem Lehrbuch für Organische Chemie
aufzublicken, dass ein paar Erstsemester auf unserem Flur vorhätten,
uneingeladen zu einer Party außerhalb des Campus zu gehen, die irgendein
Doktor der Philosophie gab, aber mich wollten sie nicht mitnehmen, weil
alle fänden, dass ich in meiner Grundhaltung mehr als nur ein bisschen
»düster« sei: »Besonders morgens, wenn du zu deiner Einführung in die
Gegenkultur der sechziger Jahre und die Neue Linke gehst. Dann wirkst du
immer irgendwie so gequält.«
Das war natürlich nur Soo-Jin, die das sagte (Soo-Jin, deren Gesicht für
Wut und Begeisterung denselben Ausdruck hatte). Ich bemühte mich, die
Bemerkung auszublenden, wie einen unangenehmen Geruch aus einem
Reagenzglas, aber dann fielen mir alle möglichen Dinge auf, die bei mir
tatsächlich düster waren. Zum Beispiel, als Bethany am Freitagabend
Leute zu einem Audrey-Hepburn-Marathon einlud, merkte ich, dass ich im
Gegensatz zu all den anderen Mädchen, die auf ihren Kissen saßen, eine
Zigarette nach der anderen pafften und Tränen in den Augen hatten,
eigentlich hoffte, dass Holly ihre Katze Cat nicht finden würde. Wenn
ich mir selbst gegenüber ganz ehrlich war, dann wollte ich sogar, dass
Cat für immer wegbliebe und ganz allein vor sich hin miaute zwischen den
kaputten Holzverschlägen in dieser schrecklichen Gasse in Hollywood, der
bei diesem Sturzregen in weniger als einer Stunde vom Pazifik
verschlungen würde. (Diesen Wunsch behielt ich natürlich für mich und
lächelte entzückt, als George Peppard fieberhaft nach Audrey Hepburn
tastete, die ihrerseits fieberhaft nach Cat tastete, die aber gar nicht
mehr aussah wie eine Katze, sondern wie ein ertrunkenes Eichhörnchen.
Ich glaube, ich gab sogar eins von diesen mädchenhaft quiekigen »Uuuh«-Geräuschen
von mir, das perfekt zu Bethanys Seufzern passte.)
Und damit nicht
genug. Ein paar Tage später war ich in meinem Kurs über Amerikanische
Biographie, gehalten von Glenn Oakley, dem Assistenten mit dem teigigen
Maisbrot-Teint und der schrecklichen Angewohnheit, immer mitten im Wort
zu schlucken. Er redete gerade über Gertrude Stein auf dem Totenbett.
»›Was ist die Antwort, Gertrude?‹«, zitierte Glenn in manieriertem
Flüsterton, die linke Hand erhoben, als hielte er, mit gespreiztem
kleinen Finger, einen unsichtbaren Sonnenschirm. (Er ähnelte Alice B.
Toklas, mit dem Phantomschnurrbart). »›In diesem Fall, Alice, was ist
die Fra-schluck-ge?‹«
Ich unterdrückte ein Gähnen, schaute auf mein Heft und sah, dass ich in
Gedanken mit seltsam verschnörkelter Schreibschrift ein sehr
beunruhigendes Wort gekritzelt hatte. Leb wohl. Für sich betrachtet war
es banal und harmlos, klar, aber ich hatte es, wie eine Irre mit
gebrochenem Herzen, mindestens vierzigmal geschrieben, über den ganzen
Rand der Seite – und auch noch ein bisschen über die vorhergehende.
»Kann mir jemand sagen, was Ger-schluck-trude mit diesem Satz ausdrücken
wollte? Blue? Nein? Könnten Sie bitte etwas besser aufpassen? Wie wär’s
mit Ihnen, Shilla?«
»Das ist doch offensichtlich. Sie spricht von der unerträglichen Leere
der Existenz.«
»Sehr gut.«
Es sah so aus, als hätte ich, trotz meiner Bemühungen, das Gegenteil zu
tun (ich trug flauschige Pullis in Gelb und Rosa, frisierte meine Haare
zu einem meiner Meinung nach höchst munteren Pferdeschwanz), mich genau
dorthin begeben, wovor ich Angst hatte, seit das alles passiert ist. Ich
wurde immer verkrampfter und verdrehter (nur Stationen auf dem Weg zu
komplett verrückt), eine Frau, die dann mit vierzig jedes Mal
zusammenzuckt, wenn sie irgendwo Kinder sieht, oder absichtlich in einen
Schwarm Tauben fährt, die ganz unschuldig ihre Krümel aufpicken. Sicher,
mir lief es schon immer kalt den Rücken hinunter, wenn ich irgendeine
Schlagzeile oder Werbung las, die mich wider Willen daran erinnerten:
»Stahlboss stirbt überraschend mit fünfzig, Herzstillstand«,
»Camping-Ausrüstungen –Räumungsverkaufsfinale«. Aber ich sagte mir
immer, dass jeder Mensch – jedenfalls jeder, der einigermaßen
interessant ist – seine Narben hatte. Und auch mit Narben konnte man ja
eher wie, sagen wir mal, Katharine Hepburn sein als wie Captain Queeg,
was die allgemeine Lebenseinstellung und das Verhalten anging, und man
konnte ein bisschen mehr Ähnlichkeit mit Sandra Dee haben als mit
Scrooge.
Mein Abstieg in die Welt der Dunkelheit wäre vielleicht unaufhaltsam
gewesen, hätte ich nicht an einem kalten Nachmittag im März einen
ungewöhnlichen Anruf bekommen. Es war, fast auf den Tag genau, ein Jahr
nach Hannahs Tod.
»Für dich«, sagte Soo-Jin und reichte mir das Telefon, den Blick auf ihr
Diagramm 2114.74 »Aminosäuren und Peptide« gerichtet.
»Hallo?«
»Hi. Ich bin’s. Deine Vergangenheit.«
Es verschlug mir den Atem, nein, eine Verwechslung war ausgeschlossen –
die tiefe Stimme, Sex und Highways, halb Marilyn, halb Charles Kuralt,
aber sie hatte sich verändert. War sie früher zuckrig und brüchig
gewesen, so war sie jetzt breiig wie Haferschleim.
»Keine Bange«, sagte Jade. »Ich will nicht mit dir über früher reden.«
Sie lachte, ein kurzes Ha!, wie wenn man mit dem Fuß gegen einen Stein
kickt. »Ich hab aufgehört zu rauchen«, verkündete sie, offensichtlich
stolz auf sich, und dann erzählte sie, dass sie es nach St. Gallway
nicht aufs College geschafft habe. Stattdessen hatte sie sich, wegen
ihrer »Schwierigkeiten«, in eine Institution »à la Narnia« einweisen
lassen, wo man über seine Gefühle redete und lernte, Obst zu
aquarellieren. Entzückt berichtete sie, dass auf ihrem Stockwerk, das
heißt, auf dem relativ angepassten dritten Stock (»nicht so suizidal wie
der vierte und nicht so manisch wie der zweite«) ein »echt berühmter
Rockstar« untergebracht war und sie sich »nähergekommen« seien, aber
wenn sie seinen Namen nennen würde, hieße das, dass sie alles preisgäbe,
was sie in dieser zehnmonatigen »Wachstumsphase« in Heathridge Park
gelernt hatte. (Jade betrachtete sich jetzt offenbar als eine Art
Kletterpflanze oder Ranke.) Einer der Parameter für ihre »Graduation«
(sie verwendete tatsächlich dieses Wort, vermutlich fand sie es besser
als »Entlassung«), war gewesen, dass sie ein paar »unerledigte Dinge«
regeln sollte.
Ich gehörte also zu den unerledigten Dingen.
»Und du?«, fragte sie. »Wie geht’s dir? Was macht dein Dad?«
»Ihm geht’s blendend.«
»Und Harvard?«
»Schön.«
»Gut, das bringt mich gleich zum Anlass meines Anrufs – es ist eine
Entschuldigung, vor der ich mich nicht drücken will und die nicht
unglaubwürdig klingen soll«, sagte sie förmlich, was mich irgendwie
traurig machte, weil es überhaupt nicht zur richtigen Jade passte. Die
Jade, die ich kannte, drückte sich eigentlich immer vor
Entschuldigungen, und wenn sie trotzdem gezwungen war, sich zu
entschuldigen, klang sie nie überzeugend, aber sie war ja jetzt die
Jaderanke (Strongylodon macrobotrys), die zur Familie der Leguminosea
gehörte, entfernt verwandt mit der bescheidenen Gartenerbse.
»Ich möchte mich für mein Verhalten entschuldigen. Ich weiß, was
passiert ist, hatte nichts mit dir zu tun. Sie ist einfach durchgedreht.
So was passiert immer wieder, und jeder hat seine eigenen Gründe. Bitte,
nimm meine Bitte um Verzeihung an.«
Ich überlegte mir, ob ich sie unterbrechen sollte mit meinem kleinen
Cliffhanger, meiner Kehrtwendung, meinem Tritt zwischen die Zähne,
meinem Kleingedruckten: »Na ja, um die Sache mal rein technisch zu
betrachten, ähm . . .« Aber ich brachte es nicht über mich. Zum einen
hatte ich nicht den Mut, zum andern fand ich es auch nicht sinnvoll, ihr
die Wahrheit zu sagen – jedenfalls jetzt nicht. Jade blühte und gedieh,
sie bekam genau die richtige Menge Sonne und Wasser, es gab viel
versprechende Anzeichen dafür, dass sie ihre Maximalhöhe von zwanzig
Metern erreichen würde, und nach und nach würde sie sich vermehren,
durch Samen, durch Beschneidung des Stamms im Sommer, durch Ableger im
Frühjahr, um schließlich die ganze Breite einer Steinmauer zu bedecken.
Meine Worte würden sich auswirken wie hundert Tage Trockenheit.
Der Rest des Telefongesprächs bestand aus einem hitzigen Austausch von
»Dann gib mir doch mal deine E-Mail-Adresse« und »Wir müssen unbedingt
ein großes Treffen planen« – Papierpuppensprüche, die nicht vertuschen
konnten, dass wir uns nie wieder sehen und nur ganz selten miteinander
reden würden. Ich wusste schon immer, dass sie, und vielleicht die
anderen auch, gelegentlich zu mir herübergeweht kommen würden, wie die
Samen eines verblühten Löwenzahns, mit Nachrichten von zuckersüßen
Eheschließungen, klebrigen Scheidungen, Umzügen nach Florida, einem
neuen Job im Immobiliengeschäft, aber es hielt sie nichts, und sie
würden wieder entschweben, genauso beliebig, wie sie gekommen waren.
Und wie es das
Schicksal wollte, hatte ich später an diesem Tag noch meine Vorlesung
über Griechische und Römische Epen bei Professor Zolo Kydd, einem
emeritierten Professor der Klassischen Philologie. Die Studenten nannten
Zolo »Rolo«, weil er, wenn auch nur von der Statur und Hautfarbe her, an
diese weichen Schokokaramellbonbons erinnerte. Er war klein, braun
gebrannt und rund, trug knallig karierte Weihnachtshosen, ohne Rücksicht
auf die Jahreszeit, und seine dichten weißgelben Haare klebten
verkrustet auf der schimmernden Sommersprossenstirn, als hätte ihm vor
Ewigkeiten jemand Hidden Valley Ranch-Salatsoße über den Kopf gekippt.
Für gewöhnlich waren gegen Schluss der Vorlesung über »Götter und
Gottlosigkeit « oder »Der Anfang und das Ende« die meisten Studenten
eingeschlafen.
Das lag an seinen Endlossätzen sowie an seiner Angewohnheit, irgendein
Wort, in der Regel eine Präposition oder ein Adjektiv, mehrmals zu
wiederholen, was an einen kleinen grünen Frosch erinnerte, der von einem
schwimmenden Seerosenblatt zum nächsten hüpft.
Und doch war an diesem Nachmittag bei mir alles anders. Ich hing
regelrecht an seinen Lippen.
»Bin neulich auf, auf, auf einen unterhaltsamen kleinen Aufsatz über
Homer gestoßen«, sagte Zolo, schaute mit gerunzelter Stirn auf sein
Manuskript und schnüffelte (Zolo schnüffelte immer, wenn er nervös
wurde, weil er den tapferen Entschluss gefasst hatte, das sichere
Terrain seiner Vorlesungsnotizen zu verlassen und einen riskanten Umweg
zu wagen.) »Er stand in einer kleinen Zeitschrift – ich empfehle Ihnen
allen, in der Bibliothek mal einen Blick hineinzuwerfen, es ist die,
die, die kaum bekannte Classic Epic and Modern America. Winterausgabe,
glaube ich. Vor einem Jahr haben ein paar verrückte Gräzisten und
Latinisten wie ich ein Experiment durchgeführt, mit dem sie die Macht
des Epischen testen wollten. Sie schickten die Odyssee an, an, an
hundert der schlimmsten, abgefeimtesten Kriminellen in einem
Hochsicherheitsgefängnis – Riverbend, wenn ich mich recht entsinne –,
und ob Sie’s glauben oder nicht, zwanzig der Insassen lasen den Text von
Anfang bis Ende, und drei haben sich hingesetzt und ihr eigenes Epos
verfasst. Eins davon wird nächstes Jahr von der Oxford University Press
veröffentlicht.
Der Artikel vertrat die These, epische Dichtung sei eine durchaus
praktikable Form, selbst die, die die hartgesottensten Verbrecher auf
der Welt zu erreichen und zu resozialisieren. Auch wenn es lustig
klingt, aber es sieht so aus, als gäbe es etwas in dieser Kunstform, was
die Wut, den, den Stress, den Schmerz abmildert und selbst bei, bei
Menschen, die ganz, ganz weit weg sind, ein Gefühl der Hoffnung auslöst
– denn heutzutage gibt es ja eigentlich kein echtes Heldentum mehr. Wo
sind die wahren Helden? Die großen Taten? Wo sind die Götter, die Musen,
die Krieger? Wo ist das alte Rom? Nun ja, sie, sie, sie müssen irgendwo
sein, nicht wahr, denn laut Plutarch wiederholt sich ja die Geschichte.
Hätten wir nur den Mut, danach in, in uns selbst zu suchen, dann, dann
könnte vielleicht – «Ich weiß nicht, was über mich kam.
Vielleicht war es Zolos schwitzendes Gesicht, in dem sich festlich die
Neonröhren an der Decke widerspiegelten, wie Jahrmarktslichter in einem
Fluss, oder die Art, wie er sich an seinem Rednerpult festhielt, als
würde er sonst in sich zusammensacken zu einem Bündel bunter Klamotten –
ein krasser Gegensatz zu Dads Haltung auf Bühnen oder erhöhten
Plattformen. Wenn Dad über die Reformen in der Dritten Welt dozierte
(oder worüber er sonst dozieren wollte; Dad hatte keine Scheu vor
Abschweifungen in Randgebiete oder vor Ausflügen ins Apropos), stand er
immer ganz aufrecht, ohne auch nur im Geringsten zu wanken oder sich zu
krümmen. (»Wenn ich einen Vortrag halte, sehe ich mich immer als eine
der dorischen Säulen des Parthenons«, sagte er.) Ohne zu überlegen stand
ich auf. Mein Herz wummerte gegen die Rippen.
Zolo unterbrach sich mitten im Satz, und gemeinsam mit den dreihundert
schläfrigen Studenten im Hörsaal starrte er mich an, während ich mich
mit gesenktem Kopf zwischen Rucksäcken, ausgestreckten Beinen, Jacken,
Turnschuhen und Büchern zum nächsten Gang durchkämpfte. Ich torkelte zur
Schwingtür, zum AUSGANG.
»Da geht Achilles«, scherzte Zolo ins Mikrophon. Er erntete ein paar
müde Lacher.
Ich rannte ins Wohnheim. Dort setzte ich mich an meinen Schreibtisch,
nahm einen zehn Zentimeter dicken Papierstapel und begann hastig, diese
Einleitung zu kritzeln, die ursprünglich mit Charles begann und mit dem,
was mit ihm passiert war, als er sich an drei Stellen das Bein gebrochen
hatte und von der Nationalgarde gerettet wurde. Angeblich hatte er so
wahnsinnige Schmerzen, dass er immer wieder »Lieber Gott, hilf mir!«
schrie und gar nicht aufhören konnte. Charles hatte eine furchtbare
Stimme, wenn er außer sich war, und ich musste mir immer vorstellen,
dass diese Wörter ein Eigenleben besaßen und wie Heliumballons durch die
sterilen Gänge des Burns County Hospital schwebten, bis zur
Entbindungsstation, sodass jedes Kind, das an diesem Morgen auf die Welt
kam, seine Schreie hörte.
Natürlich kann man »Es war einmal ein hübscher, trauriger kleiner Junge
namens Charles« nicht gerade als fair bezeichnen. Charles war das
Traumschiff von St. Gallway, er war Doktor Schiwago und Tom Destry aus
Der große Bluff. Er war der Goldjunge, den Fitzgerald aus jedem
Klassenbild herausgefischt und mit sonnengetränkten Begriffen wie
»aristokratisch patrizisch « und »mit unendlichem Selbstbewusstsein
gesegnet« tituliert hätte. Charles würde sich heftig dagegen wehren,
wenn ich eine Geschichte mit seinem Moment der Niederlage beginnen
würde.
Ich kam nicht weiter (und fragte mich, wie diese Gefangenen es geschafft
hatten, trotz allem und mit so viel Schwung das leere Blatt zu
besiegen), aber als ich die zerknüllten Seiten in den Papierkorb unter
Einstein warf (der an der Wand neben Soo-Jins planloser Pinnwand »Tun
oder nicht tun« als Geisel gehalten wurde), fiel mir plötzlich etwas
ein, was Dad in Enid, Oklahoma, gesagt hatte. Er blätterte in dem
verblüffend attraktiven Vorlesungsverzeichnis der University of Utah in
Rockwell, die ihm, wenn mein Gedächtnis mich nicht im Stich lässt,
gerade eine Gastprofessur angeboten hatte.
»Es gibt nichts Faszinierenderes als einen gut strukturierten Lehrplan«,
verkündete er unvermittelt.
Ich muss die Augen verdreht oder eine Grimasse gezogen haben, denn er
schüttelte den Kopf, stand auf und drückte mir das Ding – das
beeindruckende fünf Zentimeter dick war – in die Hand.
»Ich meine es
ernst. Gibt es etwas Glorioseres als einen Professor? Vergiss, dass er
das Denken der Jugend und so die Zukunft der Nation formt – ohnehin ein
zweifelhaftes Konzept; man kann bei Leuten nur sehr wenig bewirken, wenn
sie schon bei der Geburt für Autodiebstahl-City bestimmt sind. Nein. Was
ich meine, ist Folgendes: Ein Professor ist der einzige Mensch auf
Erden, der die Macht besitzt, dem Leben einen Rahmen zu geben – nicht
dem ganzen, um Gottes willen, nein – nur einem Fragment, einem kleinen
Ausschnitt. Er strukturiert das Unstrukturierbare. Teilt es ein in
Moderne und Postmoderne, Renaissance, Barock, Primitivismus,
Imperialismus und so weiter. Und der Vorgang wird in Referate,
Semesterferien und Prüfungen gegliedert. So viel Ordnung – einfach
göttlich. Die Symmetrie eines Semesters. Sieh dir doch nur die Wörter
an: Seminar, Tutorium, Kolloquium in Was-weiß-ich, nur für
fortgeschrittene Semester, für Doktoranden, das Praktikum – was für ein
herrliches Wort: Praktikum! Du findest, ich bin verrückt. Denk mal an
Kandinsky. Das große Chaos, aber dann rahmst du ihn ein, und voilà –
sieht doch sehr hübsch aus über dem Kamin. Und so ist es auch mit dem
Curriculum. Dieses himmlische, beglückende System aus Vorschriften, das
im Schreckensmirakel des Abschlussexamens kulminiert. Und was ist das
Abschlussexamen? Ein Test, bei dem das Verständnis gigantischer Konzepte
geprüft wird. Kein Wunder, dass so viele Erwachsene am liebsten wieder
auf die Universität gehen würden, mit all den Abgabeterminen – aaah,
diese Struktur! Ein Gerüst, an dem wir uns festhalten können! Auch wenn
es beliebig ist – ohne dieses Gerüst sind wir verloren, völlig unfähig,
in unserem traurigen, wirren kleinen Leben die Romantik und das
Viktorianische Zeitalter auseinanderzuhalten . . .«
Ich sagte zu Dad, er habe den Verstand verloren. Er lachte.
»Eines Tages wirst du es begreifen«, sagte er mit einem Augenzwinkern.
»Und vergiss nicht – du musst alles, was du sagst, mit erstklassigen
Anmerkungen versehen, und am besten noch mit Anschauungsmaterial, mit
Abbildungen, denn glaub mir, es gibt immer irgendeinen Komiker hinten in
der letzten Bank, irgendwo bei der Heizung, der seine flache Flosse hebt
und sich beschwert: ›Nein, Sie haben das alles falsch verstanden.‹«
Ich schluckte und starrte auf das leere Blatt. Während ich den Stift
zwischen meinen Fingern einen dreifachen Lutz vollführen ließ, schaute
ich aus dem Fenster hinaus auf den Harvard Yard, wo die feierlichen
Studenten, ihre Winterschals fest um den Hals geschlungen, die Wege
entlang und über die Rasenflächen rannten. »›Singen will ich von Kämpfen
und von dem Mann, der zuerst von Trojas Gestade, / vom Schicksal
verbannt, zu Laviniums Küste, nach Italien kam‹«, hatte Zolo uns erst
vor ein paar Wochen vorgetragen und bei jedem zweiten Wort mit dem Fuß
auf den Boden gestampft, völlig bizarr, sodass seine karierten
Hosenbeine nach oben rutschten und man, ob man wollte oder nicht, seine
zahnstocherdünnen Knöchel und die feinen weißen Söckchen zu sehen bekam.
Ich schrieb in meiner schönsten Schönschrift: »Curriculum« und dann
»Lektüreliste«.
So hat Dad auch immer angefangen.
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