|
Glanz@Elend |
Belletristik |
|
|
|
Preisrätsel Verlage A-Z Medien & Literatur Museen & Kunst Mediadaten Impressum |
|||
|
|
Thomas Pynchon verbindet in »Against the day« zahllose Figuren (mit immer - bis zum Kalauer bereiten – sich selbst auslegenden Namen), Orte und Ereignisse zu einem verspiegelten System, das von geheimen Gesetzen zusammengehalten wird, die den paranoid geschulten Leser provozieren, sich in den ubiquitären Beziehungswahn zu stürzen. Ist Ostende deshalb als Turnierort für Schach beliebt, weil Belgien in internationalen Konflikten das erste Bauernopfer, wenn auch kein echtes Gambit ist? (ATD 543) Solche grotesk luziden Erkenntnisse des Weltkonstruktionsuntergrunds verwandeln literarisch die »Riemannsche Mannigfaltigkeit« bzw. den »Riemannschen Raum«, der eine gekrümmte Fläche bezeichnet, die unseren physikalischen Alltagsregeln nicht länger folgt, in spekulative Welten, die nicht regellos sind, aber ihre Gesetze nur hermeneutisch und hermenautisch gewitzten Mitreisenden verraten. In dieser Welt muss die kürzeste Strecke zwischen zwei Punkten keine Gerade sein, so wenig die Winkelsumme im Dreieck 180° beträgt. Literaturmathematisch kann also der von Krafft-Ebing beschriebene Hut-Fetischismus, der Mayonaise-Kult und Richelieus Import der spanischen Fliege nach Frankreich eine explosive Erkenntnis darüber bergen, welchen vektoriellen Regeln politische Konflikte folgen. Oswald Spengler wurde Opfer satirischer Angriffe, weil seine kulturmorphologische Verknüpfungsmetaphysik einigen Zeitgenossen so kontingent bis tendenziell pathologisch erschien und er das als Wissenschaft praktizierte, was Pynchon zum literarischen Spiel der Anspielungen, zum Bedeutungssystem der Deutungen macht. Aber welche Rolle spielt dieser Textsortenunterschied schon bei Universalpoeten respektive Universalhistorikern? »Es gibt zitronengelbe Falter, es gibt zitronengelbe Chinesen; in gewissem Sinn kann man also sagen: Falter ist der mitteleuropäische geflügelte Zwergchinese. Falter wie Chinese sind bekannt als Sinnbilder der Wollust. Zum erstenmal wird hier der Gedanke gefasst an die noch nie beachtete Übereinstimmung des großen Alters der Lepidopterenfauna und der chinesischen Kultur. Dass der Falter Flügel hat und der Chinese keine, ist nur ein Oberflächenphänomen. Hätte ein Zoologe je auch nur das Geringste von den letzten und tiefsten Gedanken der Technik verstanden, müsste nicht erst Ich die Bedeutung der Tatsache erschließen, dass die Falter nicht das Schießpulver erfunden haben; eben weil das schon die Chinesen taten. Die selbstmörderische Vorliebe gewisser Nachtfalterarten für brennendes Licht ist ein dem Tatverstand schwer zugänglich zu machendes Relikt dieses morphologischen Zusammenhangs mit dem Chinesentum.« (Robert Musil, Essay: Geist und Erfahrung. Anmerkungen für Leser, welche dem Untergang des Abendlandes entronnen sind). »That damn Chinese feeling again« (ATD 307) bzw. »A Chinese sort of situation, nicht wahr?« (ATD 519) kommentiert Pynchon dieses eigene Urdilemma verknüpfungswütiger Textschaltungen, die auf sich selbst angewandt, die Gattungsgrenzen sprengen und nur durch Komik erträglich bleiben. »But it's everything that matters,« erläutert Chick Counterfly, einer der fünf Schicksalsgenossen, diesen aeronautisch durchmessenen Bedeutungsrahmen, der kein Weltmoment unschuldig unverbunden entkommen lässt. Es geht um alle Welterschließungsweisen, auch wenn sie aus kruden Quellen sprudeln, wie jene Heftchen-Stories der »Chums of Chance« mit ihren sprechenden Hund »Pugnax«, deren Abenteuer zu ironischen Referenzen einer Fiktion in der Fiktion werden. Auch der Geschichtenraum von Pynchonesien ist ähnlich offen wie weiland die Filmräume Michelangelo Antonionis, dessen widerstrebende Kamera sich längst nicht narrativ vom »plot« terrorisieren ließ. Auf für uns imaginären Achsen erleben die »Chums of Chance«, diese Serapionsbrüder einer verspäteten Moderne respektive frühvirtuellen Zeit, andere Geschichten, die nicht weniger real als die erzählten sind. In der metaphorisch konstruierten »Töpler Influence Machine« werden vermeintlich disparate Materialien kombiniert, um eine literarische Elektrizität zu spenden, die dann Pynchons unwahrscheinliche Gesellschaften auflädt: Geheimzirkel, dämonische Horden, skurrile Einzelne, die jenseits von Staat und Gesellschaft anarchisch autistische Existenzen führen. Diesmal lümmeln sich auch Zeitreisende aus diesem oder jenem Universum durch die Texte, die mehr oder weniger irritiert reagieren, wenn plötzlich Großereignisse wie Weltkriege »irgendwie« fehlen. Viele Figuren Pynchons sind kognitive Stunt-Kommentatoren, die offensichtlich - auch oder gerade als Existenzen im Reich der schwarzen Materie – viel Fernsehen gucken, nachhaltig im Internet surfen und wie »idiots savants« alles notieren. So global, gewaltig, komplex und wissend Pynchons verschlungene Welt auch konstruiert ist, die Abwesenheit von Gesellschaft macht sie zu einer so nomadischen wie monadischen Sphäre, die den biografischen Erfahrungen dieses nichtexistenten Autors eignen mag. »Against the day« entfaltet keine empathiefähigen Protagonisten, keine psychologisch ausdifferenzierten Persönlichkeiten, sondern ungewisse Entitäten, Triebschicksale, Stichwortgeber, von der Toilettenwand herunter gesprungene Graffiti-Männchen, die nun in allen Zungen Babylons reden wollen. Die multilinguale »Ars combinatoria« wird auch diesmal wieder exzessiv in der Pornografie inszeniert - einer bizarren Hardcore-Mechanik, die Figuren mitunter ähnlich zusammenführt, wie es der Marquis de Sade vorführte, der sich zeitlebens redlich abmühte, den vergleichsweise einfachen Geschlechtsakt zur Architektur der Lust und grotesken Verschaltung der Leiber zu transformieren, um die Schöpfung durch den Verrat an sich selbst zu provozieren.
Die Schöpfung, die
wir bei Thomas Pynchon erleben, ist eine so kontingente wie notwendige
Welt, die zuletzt reklamieren will, die beste aller möglichen Welten zu
sein, wenngleich Hoffnung (»toward grace«
ATD 1085) besteht. Fundamentalistische Sprüche des erzbösen Kapitalisten
Scarsdale Vibe, die das Paradox der christlichen Feindes- wie
Nächstenliebe aufwerfen, dass man die Bösen töten soll, wenn die Kinder
des Herrn gefährdet sind (ATD 333), lesen sich vor unseren alltäglichen
TV-Hintergrund als Kommentare zu den neokonservativen Ausritten in den
nicht demokratiebereiten Orient oder zu den zündelnden Zornigen im
Banlieue. »A Modern Christian´s Guide in Moral Perplexities«
macht uns im Angedenken von 9/11 klar, dass Religion in ihren Antinomien
gewalttätig ist, wie es der anarchistische »Reverend Moss Gatlin«
schon mit seinem Namen belegt – nach dem ersten von Richard Jordan Gatling
entwickelten Maschinengewehr[6].
Zuvor hatte Pynchon in Gravity`s Rainbow nicht ausgeschlossen, dass die
Vereinigten Staaten von Amerika zu den »kosmischen Formen von grobem Unfug«
gehören könnten.[7]
Der Reverend fragt diesmal im Stil unserer rotbalkigen
Boulevard-Aufklärung nach dem Schrecken, der endlich wieder eine leicht
nachvollziehbare Freund-Feind-Kennung im Stile Carl Schmitts bereit hält:
"How can anyone set off a bomb that will take innocent lives?«
Pynchon erinnert sich an den Witz in Stanley Kubricks »Full Metal Jacket«:
"Long fuse«
– Lange Lunte (ATD 87). Gewaltbereite Anarcho-Individualisten, explosive
Stirnerianer und mit und ohne Drogen angetörnte Freaks diverser Bauart
sind die wilden Kerle eines Autors, der wie Friedrich Nietzsche virtuelle
Souffleure für seine selbst gewählte Einsamkeit des literarischen
Selbstgesprächs erfindet. Vielleicht gefällt sich Pynchon in
narzisstischer Abwesenheit vor dem Spiegel der Medien, weil es, ob man nun
Honoré de Balzac, Roland Barthes oder den Aborigines folgt, dabei bleibt,
dass die fotografische Abbildung der Tod ist – was zu jener grotesken
Geschichte führte, dass der Autor CNN ein kurzes Interview gewährte, um
heimlich geschossene Fotos des Meisters nicht veröffentlicht zu sehen.
Thomas Pynchon ist also ein weiteres Gespenst der Geschichte, das von Marx
und Engels über die Marx-Brothers bis hin zu Jacques Derrida und Peter
Sloterdijk nicht auszutreiben ist. Ist der Schrecken der Gespenster ihre
Botschaft aus der Zukunft, dass wir tot sein werden, fragt Pynchon. Sind
sie mithin unsere vektoriellen Schattenexistenzen, mit denen wir uns
selbst verfolgen? »Unsere eigenen Gestalten hafteten darinnen wie
schwarze, hohle Gespenster, die keine Tiefe haben«,
kommentierte Adalbert Stifter tief ergriffen die »Sonnenfinsterniß am 8.
July 1842«,
die vom »Tod des Lichtes«
(Hans Sedlmayr) handelt. Licht, Schatten und Dunkelheit sind auch die
intrikat entfalteten Themen in »Against the day«.
Wir reisen »clairvoyant«
von »Der Finsterzwerg«
(ATD 594) zu »ambiguous lamplight and masked fantasy«
(ATD 891) bis hin zur hysterischen Blindheit derer, die die »Inconvenience«
nicht mehr sehen können, die inzwischen groß wie ein kleine Stadt geworden
ist (ATD 1084). Wenn man den »Kampf ums Dasein«
(ATD 533, im Original deutsch) verliert, phantasiert man bloß noch, um zu
existieren und wird damit zum Gespenst der Geschichte. Bei Pynchon werden
solche Phänomene über ihren metaphorischen Charakter hinaus als genuine
Wirklichkeit behandelt, wenn er etwa en passant den Physiologen Charles
Bonnet (1720-1793) erwähnt, der das nach ihm benanntes CBS-Syndrom so
beschrieb: Sehbehinderte sehen lebendige und komplexe Bilder, die ihnen
als durch und durch real erscheinen. CBS tritt nicht als
Mit »Against the day« kehrt Thomas Pynchon zur komplexen Erzählarchitektur von »V« und »Gravity's Rainbow« zurück und hat »Vineland« bzw. die Mason-Dixon-Linie wieder verlassen. Es bleibt allerdings eine editorische Zumutung für den Leser, dass diverse Begrifflichkeiten nicht übersetzt werden, denn Pynchons kabbalistischer Hell-Dunkel-Diskurs gestaltet sich so polyglott, dass reine Übersetzungen ohnehin zu kurz greifen. Ohne ein ausführliches Glossar fehlt es aber dem Original an ausreichenden Bordmitteln, um die Fahrt auf der »Inconvenience« von einigen Irrungen und Wirrungen zu befreien. Allein die Vielzahl deutscher »Slang»-Begriffe (»Fettwanst«, »Heiliger Bimbam«, »Klapsmühle«, »Tatzelwurm«) sind Lesern aus dem angloamerikanischen Sprachraum kaum geläufig. Auch für den Editor wären Übersetzungen hilfreich gewesen, denn die Verwendung der deutschen Sprache - die Pynchon zwar durchaus originell praktiziert (»Kuchenteigs-Verderbtheit«, ATD 47), aber vielleicht nicht in allen ihren diabolischen Untergründen gut genug kennt - erscheint mitunter fehlerhaft (»Zu befehl, Herr Hauptheitzer«, »Dampf mehr«, ATD 517, »Auf wiedersehen«, ATD 592). Die alte Frage, ob Kryptologie das genuine Medium der Hermeneutik ist, ließe sich zumindest im Horizont des editorisch gut betreuten Lesers entschärfen. Oh Herr, gib´ uns unseren täglichen Hyperlink heute![8] Nicht erst seit dem »Bargfelder Boten«, der sich ausschließlich der Entschlüsselung von Arno Schmidts späten Romanen widmete, weiß man um die Fährnisse unbewaffneter Lektüre. Während im alteuropäischen Murano[9] die Geheimnisse der Spiegel- und Glasmacher fanatisch gehütet wurden und Arbeiter wie Gefangene gehalten werden, gelingt es Niccolò dei Zombini (ATD 569) nach Amerika, in das Land der Praktiker und Pragmatiker, zu fliehen. Doch Pynchon tritt die Rückreise an, weil das alte Spiel von Kodierung und Dekodierung, das etwa bei E.A. Poe zur Obsession wurde, der Königsweg der Welterschließung bleibt. Es ist keine auktoriale Marotte, die Welt bleibt ein Vexierspiel und immer neue Lichtschübe werden uns nicht darüber täuschen. Wie können wir dann wissen? Die Inschrift auf dem Grab von David Hilbert lautet: »Wir müssen wissen, und wir werden wissen.« Vor einem Studium höherer Mathematik könnte es allerdings relativ sinnlos sein, dieses intrikate Wissen Hilberts oder die vierdimensionale Minkowski-Welt in Thomas Pynchons neuem Roman in allen Facetten aufzuspüren, wie es eine größere Anzahl von Rezensionen erweist, die sich bereits an der Komplexität des Werks zuschanden gelesen haben. »Zu viele Töne« oder »zu viele Wörter« bleibt die Sprache der schlecht kaschierten Ignoranz kulturbeflissener Feuilletons. Solche Lektüren verkennen, dass Pynchon nie weniger verhandelt als die ganze Welt und vielleicht sogar noch mehr…
Für die im Roman
kurz aufscheinende Mathematikerin Sofja Kowalewskaja (1850-1891), die in
Göttingen mit einer Arbeit über partielle Differentialgleichungen
promovierte und die erste Mathematikprofessorin im Europa des
19.Jahrhunderts wurde wurde, schien es unmöglich, "Mathematiker zu sein,
ohne die Seele eines Dichters zu haben«.
Nach dem Tod ihrer Schwester schrieb sie: »Alles im Leben erscheint mir so
verblasst und uninteressant. In solchen Augenblicken taugt die Mathematik
besser; man freut sich, dass eine Welt so ganz außerhalb unser selbst
existiert.«
Pynchon folgt sogar der Theorie vieler Welten bzw. Universen (ATD 594),
die dicht beieinander liegen und doch so diskret getrennt sind, wie er es
am Beispiel eines Hotelbetriebs skizziert, der an Friedrich Wilhelm
Murnaus Film »Der Letzte Mann» von 1924 erinnert: Wir sind alle »chums of
chance«,
die vom Schicksal von oben nach unten und zurück gewürfelt werden. »Against
the day«
wird dabei zur Schnittstelle zwischen »God's unseen world«
und der wirklichen Wirklichkeit, die nur mit einer Physik zu begreifen
ist, in der die Zeit real und der Raum imaginär ist. Ohnehin ist das die
wichtigste Idee im Roman, der nicht ein weiteres Experimentalfeld für
Scifi-Zeitreisen sein will, sondern den bereiten Leser irritiert, dass der
Raum – eingedenk der Definition des Augustinus[10]
- mindestens so unfassbar wie die Zeit ist. Wenn wir uns nicht mehr als
selbstverständlichste Wahrnehmungserfahrung intuitiv auf Raum und
Gegenstände verlassen können, könnte die Zeit zu unserer Verbündeten
werden, ein angemesseneres Wirklichkeitsverhältnis zu finden. In einer
sehr schönen Idee fragt Pynchon, ob es denn, wenn es doch den neutralen
Boden als politischen Begriff gibt, auch eine neutrale Zeit geben könnte,
etwa eine Stunde, in der man ewig unangefochten verharren kann. [2] http://www.emis.de/classics/Riemann/ [3] http://www.math-it.org/Mathematik/Riemann/Riemannia_de.html [4] Vgl. Peter Sloterdijk, Sphären Bde.1-3. Eine Trilogie. [5] Die im Internet angelaufene Pynchon-Interpretationsmaschine verwies darauf, dass in Cambridge das Eisenbahnsystem 1845 gebaut wurde, das von Göttingen im Jahre 1854. [6] Der Prediger Billy Graham veranstaltete »crusades« und hatte den nom de guerre »Maschinengewehr Gottes«. Vgl. auch »Billy Graham's Bible Blaster« in der Simpsons-Folge »Ned Flanders: Wieder allein«. [7] Thomas Pynchon, Die Enden der Parabel, Reinbek 1989, S. 1038. [8] Deshalb http://pynchonwiki.com/ [9] Vgl. ATD 354 mit der Beschreibung perfekter Spiegel: »...must send back everything«.
[10] »Was also ist die Zeit? Wenn
niemand mich danach fragt, weiß ich es, will ich es aber einem Fragenden
erklären, weiß ich es nicht.« |
|
|
|
Glanz@Elend
|
|||