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Reza
Aslan
Kein Gott außer Gott
Der Glaube der Muslime von Muhammad
bis zur Gegenwart
Aus dem Englischen von Rita Seuß.
C.H. Beck
335 Seiten. Gebunden.
EUR 24.90
ISBN 3-406-54487-8
Reza Aslan erzählt in diesem brillant geschriebenen Buch die
Geschichte des muslimischen Glaubens vom Propheten Muhammad bis zur
Gegenwart. Dabei gelingt es ihm meisterhaft, den Leser von der ersten
Seite an zu fesseln. Treffende Geschichten, Beispiele und Portraits
vermitteln einen höchst lebendigen Eindruck von der ersten muslimischen
Gemeinde in Medina, den Rivalitäten zwischen Sunniten und Schiiten oder
der islamischen Mystik. Aber das Buch ist mehr als ein anschaulicher
historischer Überblick: Aslan erklärt, warum der Islam gegenwärtig
zwischen Traditionalisten und Reformern gespalten ist, und tritt für eine
islamische Aufklärung ein.
„Eine meisterhafte Geschichte des Islams und eine engagierte persönliche
Stellungnahme.“
New York
Times
„Best Book
of the Year“
Financial Times
Leseprobe
8. Färbe deinen Gebetsteppich mit Wein
Der Weg der Sufis
Dies ist die Geschichte
von Leila und Madschnun.
Einst wurde einem mächtigen Stammesfürsten ein Knabe von außerordentlicher
Schönheit geschenkt. Er erhielt den Namen Kais, und als er heranwuchs,
wurde allen offenbar, daß er dereinst der Stolz seiner Familie und seines
Stammes werden würde. Schon als Kind übertraf er seine Altersgenossen an
Wissen, Fleiß und Gelehrsamkeit. Wenn er redete, war es, als verstreute
seine Zunge rundherum Perlen, und wenn er lächelte, waren seine Wangen wie
rosa Tulpen, die in der Sonne erblühten.
Eines Tages begegnete Kais einem Mädchen, dessen Anblick sein Herz mit
unaussprechlicher Sehnsucht erfüllte. Ihr Name war Leila, das bedeutet
«Nacht», und unter dem Schattendunkel ihres Haars war ihr Gesichtchen die
Lampe. Eine Gazellenäugige war sie, mit rosenfarbenen Lippen.
Auch Leila erging es wie Kais, und auch sie konnte sich ihre Gefühle nicht
erklären. Die beiden Kinder ertranken im Meer der Liebe, noch ehe sie
wußten, daß es Liebe gibt. Als wäre die Liebe ein Mundschenk, der den
Becher ihrer Herzen bis zum Rand mit Wein füllte. Sie tranken, was er
ihnen eingeschenkt hatte, und wurden trunken, ohne zu wissen, wovon.
Kais und Leila verbargen ihre Gefühle vor den Leuten, während sie die
Gassen und Passagen des Basars durchstreiften, nah genug, um einander
flüchtige Blicke zuzuwerfen, doch weit genug voneinander entfernt, um
nicht ins Gerede zu kommen. Ein Geheimnis wie dieses jedoch kann nicht
verborgen bleiben, und bald flog das Getuschel von Mund zu Mund. «Kais und
Leila sind verliebt!» flüsterten sich die Leute auf der Straße zu.
Leilas Sippe war empört. Ihr Vater nahm sie von der Schule und sperrte sie
zu Hause im Zelt ein; ihre Brüder schworen, sich Kais entgegenzustellen,
wenn er auch nur in die Nähe käme. Doch kann man einen Hund davon
abhalten, bei Vollmond zu heulen?
Getrennt von seiner Geliebten, wanderte Kais im Basar wie ein Getriebener
von Bude zu Bude, von Zelt zu Zelt. Wohin er auch ging, sang er von Leilas
Schönheit und pries ihre Tugend. Die Trennung von Leila raubte ihm den
Verstand, und bald zeigten die Leute auf ihn und riefen: «Sieh, der
Verrückte, der madschnun, kommt!»
Kais war tatsächlich von Sinnen. Aber was ist Wahnsinn? Ein Sichverzehren
in den Flammen der Liebe? Der Falter, der sich ins Feuer der Sehnsucht
stürzt und verbrennt? Wenn es so ist, war Kais tatsächlich verrückt. Kais
war Madschnun.
Nur noch mit Lumpen bekleidet und seines Verstandes beraubt, verließ
Madschnun die Stadt, irrte durch die Berge und Einöden des Hidschaz und
sang schmerzliche Lieder über seine ferne Geliebte. Ohne Heimat und ohne
seine Familie, war er verbannt aus dem Land des Glücks. Gut und Böse,
Recht und Unrecht hatten keine Bedeutung mehr für ihn. Er war ein
Liebender; er kannte nichts als die Liebe. Er entsagte seinem Verstand und
lebte als Ausgestoßener in der Wüste, das Haar schmutzig und verfilzt,
nichts als Fetzen am Leib.
In seinem Wahnsinn gelangte Madschnun zur Ka‘ba. Er schob sich durch den
Strom der Pilger, bis er zum Heiligtum kam. Dort streckte er seine Hände
aus, schlug gegen das Tor und rief laut: «Herr, laß wachsen meine
Sehnsucht nach Leila, von Augenblick zu Augenblick! Laß sie dauern, auch
wenn ich selber vergehe! Gib mir zu trinken von dem Quell der Liebe, bis
mein Durst gelöscht ist. Laß mich lieben, o Gott, lieben allein um der
Liebe willen, und mache diese Liebe noch hundertmal größer, als sie schon
war und jetzt ist!»
Die Pilger waren entsetzt. Sie sahen, wie Madschnun zu Boden sank, Staub
auf sein Haupt streute und sich für die Schwäche seiner Leidenschaft
verfluchte.
Durch sein Verhalten brachte Madschnun seine Familie und seinen ganzen
Stamm in Verruf, doch er kannte keine Scham. Als er hörte, daß Leila mit
Ibn Salam, einem Mann von sagenhaftem Reichtum, verheiratet worden war,
verlor er vollends den Verstand. Er riß sich die Fetzen vom Leib und kroch
nackt wie ein Tier durch die Wildnis. Er schlief mit den Tieren der Wüste
in Schluchten, ernährte sich von wilden Pflanzen und stillte seinen Durst
mit Regenwasser. Seine Liebe war bald in aller Munde. Von überallher kamen
die Leute und lauschten ihm oft stundenlang, während er von seiner
geliebten Leila erzählte.
Eines Tages, als er einer gebannt lauschenden Zuhörerschaft seine Verse
rezitierte, erblickte er plötzlich in seinem Schoß ein Blatt Papier, mit
dem der Wind spielte. Auf dem Blatt Papier standen nur zwei Worte: «Leila»
und «Madschnun». Madschnun riß das Blatt mitten entzwei, zerknüllte den
Teil, auf dem «Leila» stand, und warf ihn achtlos fort. Seinen eigenen
Namen behielt er. Als die Leute, die ihn umringten, das sahen, wunderten
sie sich sehr.
«Was soll denn das jetzt?» fragte einer.
«Weil ein Name besser ist als zwei», erwiderte Madschnun. «Einer genügt
für uns beide. Wenn ihr wüßtet, was ein Liebender ist, so wüßtet ihr auch,
daß man nur ein wenig kratzen muß an ihm, und schon tropft die Geliebte
heraus.»
«Aber warum hast du dann Leila weggeworfen und dich selbst behalten?»
fragte ein anderer.
«Weil man die Schale sieht und nicht den Kern», gab Madschnun zur Antwort.
«Versteht ihr das nicht? Der Name ist eine Hülle, und diese Hülle bin ich.
Ich bin die Schale, und Leila ist die Perle. Ich bin der Schleier, und das
Antlitz darunter ist sie.»
Die Leute verstanden zwar nicht, was er meinte, aber sie waren verblüfft
über den Liebreiz seiner Worte.
Die Heimstätte ihrer Eltern war indes für Leila zum Gefängnis geworden.
Zur Heirat mit einem Mann gezwungen, den sie nicht liebte, lebte sie mit
dem Geheimnis ihrer Liebe in tiefster Einsamkeit. Sie litt nicht weniger
als Madschnun, aber sie besaß nicht die Freiheit, über die er verfügte.
Auch sie hätte gern bei den wilden Tieren der Wüste gelebt und ihre Liebe
zu Madschnun von den Berggipfeln gesungen. Aber sie war eine Gefangene, in
ihrem Zelt und in ihrem eigenen Herzen. Als eines Morgens ein alter
Kaufmann ihr eine Nachricht von Madschnun brachte, fühlte sich Leila wie
ein im Wind schwankendes Schilfrohr, hohl und gewichtslos.
«Ohne deinen strahlenden Glanz», sagte der Alte zu ihr, «gleicht
Madschnuns Seele einem vom Sturm zerwühlten Nachtmeer, über das sich der
Himmel mondlos wölbt. Wie ein Herold durchzieht er Gebirge und Täler, und
was er alle zwei Schritte ausruft, ist ‹Leila›, und was er überall sucht,
ist wiederum Leila.»
«Ja, ich bin es», rief Leila und verfluchte sich selbst. «Ich bin es, die
des Freundes Herz so verbrannt und solches Schicksal über ihn gebracht
hat.» Verzweifelt löste sie einige Juwelen aus ihrem Ohrgeschmeide und
überreichte sie dem Alten. «Nimm sie als Geschenk von mir an. Geh und hole
Madschnun, und bring ihn hierher. Nur ansehen will ich ihn, nur einen
Blick auf ihn werfen, einen einzigen Blick tun ins Licht.»
Der Alte war einverstanden. Tagelang ritt er durch die Wüste, auf der
Suche nach Madschnun. Als er ihn schließlich fand, überbrachte er ihm
Leilas Botschaft: «Willst du die Fessel der Trennung nicht dies eine Mal
sprengen? Sie möchte Auge in Auge mit dir sein, und wäre es auch nur für
die Dauer eines Atemzuges.»
«Was wissen die Menschen von mir?» dachte Madschnun. Erkannten sie nicht,
daß ihr Glück nicht sein Glück war? Für ihre Wünsche gab es Erfüllung, für
seine Sehnsucht gab es sie nicht. «Meine Sehnsucht ist anderer Art. Sie
kann in dieser vergänglichen Welt nicht erfüllt werden.»
Doch Madschnun konnte der Aussicht nicht widerstehen, in das Antlitz
seiner Geliebten zu blicken. Er legte sich einen Mantel um, folgte dem
Kaufmann zu einem Palmengarten und versteckte sich dort, während der Alte
Leila holen ging.
Als der Kaufmann sie an der Hand in den Garten zu Madschnun führte,
zitterte sie am ganzen Körper, und als nicht mehr als zwanzig Schritt sie
von dem Geliebten trennten, blieb sie wie erstarrt stehen. Der Alte zog
sie am Arm, aber sie konnte sich nicht bewegen.
«Edler Mann», sagte sie. «Bis hierher darf ich gehen, weiter nicht. Ich
gleiche schon jetzt einer brennenden Kerze. Gehe ich näher ans Feuer, so
verbrenne ich ganz.»
Der Alte eilte zu Madschnun. Er zog den jungen Mann, der bleich war im
Gesicht und vor sich hinstarrte, aus seinem Versteck ins Mondlicht und
wies auf Leila. Madschnun taumelte vorwärts. Das Licht der Sterne drang
durch die Wipfel der Palmen. Eine Bewegung in der Dunkelheit, und dann,
unter der Himmelskuppel, blickten Leila und Madschnun einander an.
Es war nur ein Moment. Ein Erröten der Wangen. Die beiden Liebenden sahen
einander an, trunken vom Duft des Weins der Liebe. Doch obwohl sie
einander jetzt nah genug waren, um sich zu berühren, wußten sie, daß einen
solchen Wein zu trinken erst im Paradies erlaubt ist. Ein Atemstoß, ein
Seufzer, ein erstickter Schrei, und Madschnun wandte sich um und floh wie
ein Schatten aus dem Garten in die Wüste hinaus.
Jahre vergingen. Die Palmenblätter verdorrten. Die Blumen warfen in Trauer
ihre Blütenblätter ab. Wie die Landschaft gelb wurde und der Garten
welkte, so welkte auch Leila. Das Licht in ihren Augen schwand, und mit
ihrem letzten Atemzug flüsterte sie den Namen ihres Geliebten.
Als Madschnun hörte, daß seine Geliebte gestorben war, eilte er nach Hause
und warf sich auf ihr Grab. Er legte sich auf die Erde, als betete er,
aber von seinen ausgedörrten Lippen kam nur ein Wort: «Leila.» Dann
endlich wurde er von seinem Schmerz und seiner Sehnsucht erlöst. Seine
Seele verließ den Körper, und er war nicht mehr.
Einige sagen, Madschnun sei monatelang so, wie er gestorben war, auf
Leilas Grab liegengeblieben, andere sagen, jahrelang. Niemand wagte sich
dem Grab zu nähern, das von den Tieren der Wüste bewacht wurde. Sogar die
Geier, die über dem Grab kreisten, rührten Madschnun nicht an. Als von ihm
nur noch Staub und Knochen übrig waren, brachen die Tiere ihre Totenwache
ab und zogen sich wieder in die Wildnis zurück.
Als die Tiere verschwunden und Madschnuns Staub vom Wind fortgetragen war,
wurde ein neuer Grabstein für Leila angefertigt. Er trug die Inschrift:
So schlummern die beiden
der Auferstehung entgegen;
es kann kein Tadel ihnen mehr den Weg verlegen.
Sie hatten sich Treue gelobt in dieser Welt;
sie schlafen in jener zusammen im gleichen Zelt.
Aus dem Englischen von
Rita Seuß.
S. 216 -
220; Copyright Verlag C.H.Beck oHG
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