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Entwurf für das
Südquerhausfenster
des Kölner Doms, 2007
Copyright: Gerhard Richter
Wie
modern ist Gerhard Richters neues Domfenster?
Medien, Kunst und Religion in einer neuen matten Allianz
Von Peter V. Brinkemper
Das am 25. August
2007 eingeweihte Fenster des Künstlers Gerhard Richter für das südliche
Querhaus des Kölner Domes impliziert eine neue Form der offiziellen
Kunstreligion, wie wir sie aus den Tagen der Spätromantik und des
Spätbürgertums kennen und gegen die Marx und Engels letztlich ihre
ideologiekritische Formel von Religion als Opium fürs Volk gesetzt
hätten. Vorschnell behauptete Korrespondenzen im sakralen und profanen,
im kirchlichen und im musealen Raum sind anscheinend nicht nur in den
Sinfonie-Konzerten des WDR im Dom (z.B. mit Anton Bruckners, dem „lieben
Gott" gewidmeter Neunter) gefragt. Sie werden auch der bildenden Kunst
abverlangt, erweisen sich aber für den kritischen Gegenwartsästhetiker
als schlaffe Konsumentenmodelle kultureller Vergreisung.
Während der
Unterhaltungsriese RTL auf der Deutzer Rheinseite in den entkernten
Messehallen martialisch Stellung bezieht, um mit seinen auf
Dauerjugendlichkeit programmierten Sendungen zu drohen, suchen die
traditionelle und die moderne Hochkultur Schutz beim Allerheiligsten.
Fragt sich nur, wer da der liebe Gott ist. Gerhard Richters Entwurf für
das 113 Quadratmeter große, recht eigentlich abstrakte Glasmosaik, ganz
ohne die sonst sichtbaren Muster, Figuren, Arabesken, Embleme, Köpfe,
Porträts, Szenen aus der biblischen und der mittelalterlichen sowie der
rheinisch-preußisch-deutschtümelnden Welt, gibt sich zugleich komplex
und schlicht. Die 370.000 Euro, die Richter und Sponsoren aufgebracht
haben, bleiben in bis zu 40 Meter Höhe gleichsam unsichtbar.
Gott bleibt unscharf
Das
Design vermeidet eher eine visuelle Aussage, es basiert auf den
aleatorischen (zufallsgeleiteten) Farbflächen-Kompositionen seiner
Bilder in den 70er Jahren, wie sie etwa ein Werk mit dem Titel „4096
Farben“ einsetzt, das ganz zufällig gerade jetzt nebenan in der
ständigen Sammlung des Museum Ludwig zu sehen ist und gleich als Modell
zitiert wird, ebenso wie ein neueres, aber auf die gleiche
einfallsreiche Weise produziertes Œuvre mit „4900“ Farben, einer
Zufallskomposition mit nur 25 Ausgangswerten. Die überall in der
heutigen PC-Welt rasant ansteigende Pixelzahl hält Richter in allen
seinen Farb-Kachel-Werken einfach sehr gering: Das Bild Gottes bleibt
beim „Diplom-Malermeister“ reichlich unscharf, ebenso wie damals das
graue schemenhafte Bild der RAF-Terroristen. Ob das die
spätkapitalistische Affinität der klassischen modernen Kunst zum Monopol
der monotheistischen Religionen und ihres Bilderverbotes verdeutlichen
soll?
Herbeigeredete Fingerstrahlen
Noch nicht einmal die von Festprediger Josef Sauerborn
beschworene Symphonie aus Licht wird sichtbar. Eine wahrhaftige Genesis,
eine biblische, kreationistische oder materialistische Ursuppe, aus den
Farben der Sinaischen Sandstürme und den Tsunamis des Roten Meeres,
domestiziert durch den Farbkachelcode von Richter, wo käme da der Atem
Gottes hin und das erste amöbische Leben her? Auch hier reißt keineswegs
eine utopische Vision, keine intervenierende List der Vernunft, kein
Fingerstrahl des allmächtigen und allwissenden Gottes eine Dosis
Aufklärung oder gar Erleuchtung ins Dunkel des tausendjährigen Weltbaus
oder des elegant noch oben strebenden, unter Preußischer Vorherrschaft
vollendeten Kirchenhauses.
Scherbenhaufen ohne Transzendenz
Copyright:
Gerhard Richter
Irgendwie
sieht die Ausführung von Richters Fenster-Entwurf nicht aus wie eine
Transparenz und Transzendenz schaffende Vision, sondern wie die
Resteverwertung eines Scherbenhaufens von Glassplittern oder wie eine
Filmloop-Fahne, die am Nachthimmel nachfunkelnde Flakfeuer und von oben
aufgenommene und gerasterte Brandherde übereinander stapelt, aus den
endlosen Bombenattacken der alliierten Flieger, die den Dom zur
markanten Zielmarke ihrer tiefgreifenden Zerstörungs-Konvois nutzten.
Nun schweben hoch oben im Maßwerk der Kathedrale 11.500 einzelne
Glasquadrate eher traurig vor sich hin - in ähnlich zufälliger,
clusterförmiger Ansammlung, wie sonst auf den brav informellen Bildern,
allerdings merkwürdig unterteilt durch die vorgegebenen Strukturen von
Rosette, Pfeilern und den dem Künstler an meisten entgegenkommenden
größeren Quadrat-Elementen. Operiert wird angesichts eines solchen mit
der Architektur im moderaten Widerstreit liegenden Mosaikteppichs mit
immerhin 48 kleineren und 36 größeren Bild-Quadraten bei einem ebenfalls
keineswegs breit gestreuten Repertoire von 72 Grundtönen.
Hybrides Butzen-Scheiben-Werk
Bei so viel Fläche wurde mit Hilfe computergesteuerten
Zufalls-Verfahren und zugleich mit gegenläufigen kompositorischen
Spiegelungen und Wiederholungen operiert, um ein bisschen Leben und auch
ein bisschen Form in die zerbröselte Substanz zu bringen. Was dabei
heraus kommt, ist weder ein richtiger Richter noch eine falsche
Neogotik, sondern ein hybrides Butzen-Scheiben-Fenster-2007, echte
schlechte Kompromiss-Kirchenkunst, bei der sich die Hochgotik und die
70er-Farb-Codes gegenseitig abschwächen. Während die älteren
Fensterfassaden in ihren authentischen oder restaurativen Fassungen
suggestive oder kitschig-heimelige Botschaften in warmen Tönen
verstrahlen, beeindruckt Richters Windows durch eine
bedienungs-unfreundliche Kälte und eine Ratlosigkeit, die kein Mysterium
aufkommen lassen will, so sehr auch die Besucher von den Kirchenbänken
aus die Hälse recken, als sei nun eine echte Offenbarung irgendwo
zwischen neuer Religiosität und bereits etablierter Kunst-Moderne im
Ewigkeitsraum des Domes zu erwischen.
Die Documenta Gottes
bleibt aus. Gott versteckt sich, ebenso wie der der Eröffnungszeremonie
ferngebliebene Kardinal Meisner, welcher das Werk im Gegensatz zum
mehrheitlich dafür votierenden Dom-Kapitel einfach nicht mag. Zeugt dies
von gutem Geschmack oder von mangelnder Fähigkeit zu offener
Auseinandersetzung? Meisners Lösung: Das ganze neue Fenster solle
auswandern – in eine Moschee, denn da gehöre es eher hin. Etwa in die
umstrittene Kölner Moschee?
Peter V. Brinkemper
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