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Nichts
ist für die Ewigkeit – nicht einmal der Tod
Wenn das Banale ausbleibt – José Saramago geht in »Eine Zeit ohne Tod«
dem Aussetzen des Sterbens auf den Grund. Ein außergewöhnlicher
Totentanz.
Von Thomas Hummitzsch
Noch in der
Silvesternacht fielen die Todkranken, schwer Verunglückten und die
Alten, deren Zeit herangerückt war, dem Lauf der Dinge zum Opfer,
jedoch: »Am darauffolgenden Tag starb niemand.« Mit diesem schlichten
Satz beginnt Saramagos neuester Roman, in dem aus unerfindlichen Gründen
nicht mehr gestorben wird – in einem Land, welches vielleicht wieder
einmal Portugal ist oder auch nicht.
Was für die einzelnen Bürger zunächst wie ein Geschenk daherkommt,
verwandelt sich jedoch schnell in eine bittere Erkenntnis: Das
verheißene ewige Leben, die fröhlich begrüßte Unsterblichkeit für jeden
ist keineswegs gleichbedeutend mit der sagenhaften Unverletzlichkeit des
Drachentöters Siegfried und führt auch nicht zur Genesung der
Schwerkranken und Verletzten. Das unendliche Dasein hat vielmehr zur
Folge, dass die Versehrten und Hoffnungslosen in einem Dämmerzustand
zwischen Leben und Tod schweben, ohne von der Welt gehen zu können, da
der Tod seinen Dienst verweigert.
»..., es ist alles unter Kontrolle, Außer der Rentenfrage, Außer der
Todesfrage, Majestät, falls wir nicht wieder sterben, haben wir keine
Zukunft mehr.« Was zunächst so abstrakt und paradox daherkommt, fügt
sich in Saramagos neuem Roman wieder einmal zu einer bis dato nie
erlebten nationalen Krise. Der portugiesische Romancier geht hier der
Frage nach, welche Folgen das ewige Leben für eine Gesellschaft hat.
Wenn Friedrich Nietzsche in seinen Betrachtungen »Menschliches,
Allzumenschliches« unter den Menschen »keine größere Banalität als den
Tod« zu erkennen glaubt, versucht Saramago dies hier zu widerlegen und
die gesellschaftliche Funktion des alltäglichen Sterbens deutlich zu
machen. Er greift dabei auf fabelhafte Weise die aktuellen Debatten um
die Pflege alter Menschen, die Wahrung der Würde des Lebensabends und
der Sterbehilfe auf, berücksichtigt aber auch ganz praktische Fragen für
die verschiedenen wirtschaftlichen und sozialen Einrichtungen eines
Staates angesichts des ausbleibenden Entschlafens.
So stehen zum Beispiel die Versicherer vor dem Problem, keine Abnehmer
mehr für ihre Lebensversicherungen zu finden. Die Bestattungsbranche ist
unter solchen Bedingungen gar dem Niedergang geweiht. Auch die
staatliche Rentenversicherung steht vor dem Kollaps, wenn sich der
Zustand der abnehmenden Einzahler und der unaufhaltsam wachsenden
Empfängerzahl etabliert. Vor dem Zusammenbruch stünde schließlich selbst
die Kirche, ja jede Religion, fußen diese doch auf dem Gedanken der
Wiedergeburt, der Reinkarnation, des Neubeginns, die doch sämtlich den
Tod des Einzelnen voraussetzen. Welche Legitimation hat noch die
Anrufung eines Höheren oder Höchsten, wenn sich dieser als unwillig, den
Tod zuzulassen oder gar als ohnmächtig gegenüber dem Tod herausstellt.
Die halb lebend,
halb tot im Nichts Dahindämmernden fallen ihren pflegenden Verwandten
zunehmend zur Last. Auch die Krankenhäuser und Altenpflegeeinrichtungen
ächzen unter der Last der zum Stillstand gekommenen Fluktuation. Es
taucht die Frage auf, ob man dem Tod nicht irgendwie nachhelfen kann. An
dieser Stelle überrascht Saramago. Bisher wirkten die Handlungsorte
seiner dystopischen Geschichten isoliert und von der übrigen Welt
abgeschieden. In seinem Roman »Das steinerne Floß« trennte er gar die
spanisch-portugiesische Halbinsel durch eine Naturkatastrophe vom
Festland und ließ sie auf das Meer hinaustreiben – wohl in direkter
Anlehnung an Thomas Morus »Utopia«. In »Eine Zeit ohne Tod« übernehmen
die Nachbarstaaten jedoch eine zentrale Rolle, da in ihnen der Tod noch
seiner gewohnten Arbeit nachgeht. Saramago entwirft eine landesweit
tätige »Maphia«, die im Laufe seiner Erzählung sogar mit staatlicher
Deckung die Todkranken und Schwerverletzten über die Grenze bringt, so
dass diese dort sterben können. Schwebte dem portugiesischen Autor hier
schon ein Sterbetourismus à la Dignitas vor Augen?
Wie Saramago in seinem neuesten Werk den Fragen der sozialen Bedeutung
des Todes nachspürt und die sich auftuenden menschlichen Abgründe in
Anbetracht des in Aussicht gestellten ewigen Daseins erforscht, zeigt
einmal mehr die Weitsichtigkeit des Portugiesen. Nicht umsonst erhielt
er 1998 den Literaturnobelpreis. Das Komitee lobte ihn damals für sein
»umsichtiges und behutsames Einfühlungsvermögen« sowie seine
»scharfsinnigen Überlegungen«. Aber auch wie er jede Scharfsinnigkeit an
ihre Grenzen führe, faszinierte die Laudatoren. Dieses Spiel aus These,
Antithese und Synthese vollführt er wieder in Perfektion und insofern
erinnert »Eine Zeit ohne Tod« auch an Vorgängerromane wie »Die Stadt der
Blinden« oder »Die Stadt der Sehenden«.
Sein neuestes Werk nimmt jedoch eine überraschende erzählerische Wende.
Nach siebenmonatiger Dienstverweigerung meldet sich der Tod mit einem
Brief bei der Regierung und kündigt die Wiederaufnahme seines Wirkens
an. Zukünftig sollen die Todgeweihten eine Woche vor Ablauf ihrer
Lebensfrist einen violetten Brief von ihm erhalten, der ihr Ableben in
exakt einer Woche ankündigt. Den Adressaten will der Tod so die nötige
Zeit einräumen, sich gebührend von der Welt zu verabschieden und die
notwendigen Vorkehrungen für ihr Ende zu treffen.
Ab hier weicht die Erzählung fundamental von den dystopischen Vorgängern
ab, denn Saramago wechselt nun in die Perspektive des Todes. Dabei
strickt er die philosophische Debatte um die Größe und Absolutheit des
Todes geschickt in die Erzählung ein. Diese Debatte bindet er auf
raffinierte Weise schon in die Bezeichnung der todbringenden Gestalt mit
ein: diese ist weiblich und schreibt sich klein: »die tod«. Ihre
Reichweite ist auf die Menschen in besagtem Land beschränkt, und selbst
dort scheint ihre Macht an Grenzen zu geraten. Aus unerfindlichen
Gründen kommt eines der täglichen Todesschreiben, welches an einen
Cellisten gerichtet ist, immer wieder zurück.
Stellt hier ein einzelner die Macht von »tod« in Frage oder fechtet sie
gar an? Ihr bleibt keine Wahl, als den Gründen ihres Machtverlusts
nachzuspüren. Dabei vollführt sie einen Totentanz um das Mensch sein und
die Kunst des Lebens. Angekommen im Haus des Cellisten »... betrachtete
(sie) das auf dem Stuhl aufgeschlagene Notenheft, es war die Suite
Nummer sechs, Opus tausendzwölf in D-Dur von Johann Sebastian Bach,
komponiert in Köthen, und sie brauchte nicht Musik studiert zu haben, um
zu wissen, dass diese Suite, ebenso wie Beethovens Neunte Symphonie, in
der Tonart der Freude, der Einigkeit unter den Menschen, der
Freundschaft und Liebe geschrieben war. Da passierte etwas noch nie
Dagewesenes, etwas Unvorstellbares, tod ließ sich auf die Knie
fallen...« Sie stößt auf ihrer Erkundungsreise an die Grenzen ihrer
selbst und so endet der Roman, wie er begonnen hat. Mit dem schlichte
Satz: »Am darauffolgenden Tag starb niemand.«
Thomas Hummitzsch
José Saramago
Eine Zeit ohne Tod Aus dem
Portugiesischen von Marianne Gareis.
Rowohlt-Verlag. Reinbeck 2007. 256 S., 19,80 €.
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