Glanz@Elend
Magazin für Literatur und Zeitkritik
© by Herbert Debes & Kurt Otterbacher

Blutige Ernte - Krimis, Thriller & Agenten
 

Home
 

Belletristik   Blutige Ernte   SF & Fantasy   Biographie   Briefe & Tagebücher   Geschichte   Philosophie   Politik   Bild & Kunst   Preisrätsel


Sieben Leichen
Sigrid Lüdke-Haertel über Jan Seghers dritten Frankfurt-Krimi
»Partitur des Todes«


Die Bullen haben große Augen gemacht. Es war der 18. März 2004. Immer mehr Menschen strömten ins neue Polizeipräsidium, quer durchs ganze Haus. Mittendrin in dem Getümmel der Münchner Tatort-Kommissar Ivo Batic und der Schriftsteller Jan Seghers, von dem man bis zu jenem Tag noch nie etwas gehört hatte. Es ging um einen Kriminalfall – in Frankfurt.
Kommissar Batic wird von dem Schauspieler Miroslav Nemec gespielt. Der Schriftsteller Seghers heißt in Wirklichkeit Matthias Altenburg. Beide haben – bei der Polizei - den ersten Fall des Kriminalkommissars Marthaler vorgestellt: eine Buchpremiere.
Altenburg war zuvor als Kritiker und Schriftsteller bekannt geworden. Für seine Krimis hat er ein Pseudonym gewählt, weil man, sagt er, zur Gartenarbeit auch gern bequemere Klamotten anziehe.

Jetzt endlich darf Robert Marthaler wieder ran. Er soll eine lange, verwickelte Geschichte aufklären, die weit zurückreicht in unsere Geschichte des letzten Jahrhunderts.
Am Fenster einer Wohnung im Frankfurter Westend steht der junge Georg Hoffmann. Er ist zwölf Jahre alt. Es beginnt zu dämmern. Georg beobachtet wie seine Eltern, mit schweren Taschen beladen, über die Straße in einen Lieferwagen getrieben werden. Das war 1941.
»Die nächsten vierundsechzig Jahre seines Lebens würde Georg bemüht sein, mit dieser Nacht auch seine Eltern zu vergessen.« In dem ziemlich verqueren Satz drückt sich die ganze Kalamität seines Lebens aus.
Georg, der sich längst Georges Hoffmann nennt, hat sich nach Frankreich retten können. Er lebt in Paris. Am 29. Mai 2005 sitzt er, etwas aufgeregt, »aber guter Dinge«, in einem Fernsehstudio und spricht, das erste Mal in seinem Leben, von seiner Herkunft, von der Deportation seiner Eltern nach Auschwitz. Und, unversehens, sind wir mitten drin in einem Krimi, der alles bietet, was das Leben zu bieten hat.
Eine Frau, um die achtzig, meldet sich nach der Sendung und berichtet von einem Päckchen, das ein gewisser Arthur Hoffmann, offenbar Georgs Vater, vor über sechzig Jahren ihrem Vater gegeben habe. Selbstverständlich läßt sich das Fernsehen, immerhin der Kultursender »arte«, die Möglichkeit nicht entgehen, das Päckchen erst vor laufender Kamera zu öffnen. Der Inhalt: eine bis dahin unbekannte Partitur einer Operette von Jacques Offenbach. Auf der Rückseite allerdings mit einer auf Anhieb nicht entschlüsselbaren Kombination von Zahlen und Buchstaben beschrieben.
Jetzt geht es erst richtig los. Valerie, die Moderatorin der Sendung, macht sich auf den Weg nach Frankfurt am Main, um mit Interessenten der Partitur zu reden. Treffpunkt: ein Boot auf dem Main, das zum Restaurant umgebaut wurde. Während ihrer Anwesenheit werden dort fünf Leute brutalstmöglich aus nächster Nähe erschossen. Valery selbst bleibt unverletzt, wird aber als Geisel entführt.
Ein Fall für Marthaler, den Kommissar, den wir aus »Ein allzu schönes Mädchen« und »Die Braut im Schnee« bereits kennen (und lieben gelernt haben). Der ruppig wirkende Melancholiker ermittelt noch immer mit eigenwilligen, aber meist effektiven Methoden. Marthaler ist vom Leben nicht verwöhnt worden. Seine Frau starb sehr jung bei einem Banküberfall, bei dem sie, unbeteiligt, durch einen Querschläger tödlich getroffen wurde. Deshalb ist er Polizist geworden. Ein Einzelgänger, aber auch ein guter Kollege, obwohl er zuweilen brüllt oder mit der Faust auf den Tisch haut.
Jeden einzelnen Schritt diskutiert er mit seinen Mitarbeitern. Zu den Opfern der Hinrichtungsorgie gehört auch ein Staatsekretär, der sich auf dem Boot mit seiner Freundin getroffen hatte. Der Fall wird zur Chefsache deklariert. Der Innenminister schaltet sich ein. Es gibt dennoch weitere Tote. Es geht also wie stets bei Jan Seghers gründlich zur Sache. Spannung ist garantiert, aber Marthaler verfolgt nicht nur viele falsche Fährten und muß dabei, fluchend, erkennen, daß er wieder einmal in die Irre geführt wurde.
Auch die Frankfurter Presse, speziell der »City-Express« spielt eine, nicht immer rühmliche, Rolle. Die nächste Tote geht auf seine Rechnung. Lokalpolitik, Lokalkolorit – der Wiedererkennungswert ist hoch, nur leicht verschlüsselte Namen, bekannte Straßen und Plätze, Geschäfte und Kneipen, für Frankfurter Leser ein doppeltes Vergnügen. Vor allem aber sind es gute Typen. Gestalten, mit leichten Macken und kleinen, manchmal schrulligen Eigenheiten. Man lernt sie gerne näher kennen. Dazu gibt es auf fast fünfhundert Seiten beste Gelegenheit.
Marthalers alter Chef, der jetzt als Stadtstreicher durch die Straßen zieht, seine neue Chefin, Charlotte von Wangenheim, die über genau jenen bissigen Humor verfügt, der sich bei ihren Untergebenen ebenso bewährt wie in ihrer Einstellungen zur politischen Führung. Der Unterschied zwischen dem Innenminister und Hundefutter besteht für sie darin, daß Schappi wenigstens Hirn enthält.
Erst am Ende, wenn der Zahlen- und Buchstabensalat auf der Partitur entschlüsselt ist, die Motive des Verbrechens offenliegen, der Mörder gefaßt wird und sein Auftraggeber sich das Leben genommen hat, kann Marthaler wieder beruhigt auf dem Fahrrad seine Runden durch die Frankfurter Vorstädte drehen. Bis zum nächsten Fall. Wir warten.
Sigrid Lüdke-Haertel

Jan Seghers Partitur des Todes Roman
Wunderlich Verlag, Reinbek 2008, 476 S., 19,90 €

 

 


Glanz@Elend
Magazin für Literatur und Zeitkritik

© by Herbert Debes & Kurt Otterbacher

Startseite
Belletristik   Blutige Ernte   SF & Fantasy   Briefe & Tagebücher   Geschichte   Philosophie   Politik   Bild & Kunst