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Mutmaßungen
über Monsieur Lambert
Thomas
Hummitzsch
über Jean-Jacques Sempés
neuestes Lese- & Bilderbuch
»Heute, Mittwoch, gab es Selleriesuppe, paniertes Schweinskotelett,
gemischten Salat und Weincreme – das übliche Mittwochsmenü. Das einzig
Ungewöhnliche war nur, dass Lambert noch nicht da war, obwohl wir schon
fast halb zwei hatten.«
So beginnt die Geschichte von Monsieur Lambert, einem Büroangestellten,
der immer im gleichen Restaurant zu Mittag isst. Im "Chez Picard" finden
sich tagtäglich die gleichen Angestellten zum gemeinsamen Mahl ein. Sie
vertreiben sich ihre Mittagspause mit Diskussionen über die wirklich
wahren Männerthemen – sofern man davon heute überhaupt noch sprechen
kann: Politik und Fußball.
Sempé, französischer Autor und Zeichner, ist vor allem für seine
Geschichten des "Kleinen Nick" bekannt geworden, die er gemeinsam mit
dem Asterix- und Lucky Luke-Autor René Goscinny entwarf. Hervorragend
sind auch seine, gemeinsam mit Patrick Süßkind gestalteten
Bildgeschichten. Seine Erzählungen über die kleinen wundersamen
Ereignisse im Alltag wecken in ihrer Intimität oft längst vergessene
Sehnsüchte und Erinnerungen. Sie sind von einer solchen Faszination,
dass sie die Banalität des Alltags zum blühen bringen und wahre Schätze
bergen.
Die einfallsreiche Kombination aus Text und Illustration unter Einbezug
von Sprechblasen belebt in "Monsieur Lambert" die grafisch perfekt
abgestimmte Choreografie aus Text und Bild und lässt den
Leser-Betrachter förmlich an einem Nachbartisch im besagten Restaurant
Platz nehmen. So erlebt dieser hautnah die tagtäglichen Debatten über
die Politik in der französischen Republik der 60er Jahre und das
permanente Suchen nach der richtigen Besetzung der Stürmerposition in
der "Equipe Tricolore". Erquickend sind auch die Anekdoten des
mürrischen Monsieur Cazenave, der mit seiner inneren Unruhe die Seele
des Restaurants, die Wirtin Lucienne, an den Rand der Verzweiflung
bringt.
Von einem Tag auf den anderen erscheint Lambert immer unpünktlicher zum
gemeinsamen dejeunieren, bis er bald ganz fernbleibt. Selbstredend
bleibt dies von den Tischnachbarn nicht unbemerkt und schon gar nicht
unkommentiert. Und so beginnt das große Spekulieren und Fabulieren über
das Liebesleben des Monsieur Lambert. Denn, wie soll es anders sein,
eine Frau ist der Grund für Lamberts seltsame Wandlung.
Zunehmend tritt Lamberts Abwesenheit dezent in den Hintergrund und die
scheinbar längst vergangenen amourösen Geschichten und Anekdoten seiner
Tischnachbarn bestimmen den Rhythmus der Erzählung. Gemeinsam mit
Lambert erleben sie die Höhen und Tiefen der Liebe, das abenteuerliche
Brennen junger Liebe ebenso wie die erschlagende Tristesse des
Scheiterns.
Mit "Monsieurs Lambert" ist Sempé wieder einmal ein wirkliches
Meisterwerk gelungen. Mit der gelungenen Text-Bild-Kombination setzt er
hier nicht nur ein literarisches, sondern zugleich auch ein
künstlerisches Ausrufezeichen. Eine anrührende Geschichte, die in ihrer
gleichzeitigen Schlichtheit und Eleganz den Leser in den Bann zieht und
mit ihrer Intimität das Herz erwärmt. Einfach schön.
Jean-Jacques Sempé
Monsieur Lambert
Übersetzt von Anna Cramer-Klett
Diogenes-Verlag, 58 S., 18,90 €, ISBN 3-257-02092-9
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