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Glanz@Elend |
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Klassiker - Neu übersetzt |
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Luxusausgabe im Schuber Laurence Sterne, Tristram in Deutschland und das Geheimnis der ‚marbled page’. Die Liste der Bewunderer und Verehrer ist lang, und sie wächst auch nach zwei Jahrhunderten ungebrochen fort. Lessing, Diderot, Goethe, Wieland, Herder, Jean Paul, Schopenhauer, Puschkin, Nietzsche, Thomas Mann, Joyce, Flann O’ Brian, Italo Svevo, Arno Schmidt, Julian Barnes, Frank Schulz, Javier Marias undundund. Kein Wunder, ist Laurence Sternes Tristram Shandy doch der Anfang des modernen Romans, und ohnehin eins der komischsten, originellsten, zweideutigsten und überraschendsten Bücher der Weltliteratur. Schon zu Lebzeiten machten seine Bücher in ganz Europa Furore, in Deutschland, Holland und Frankreich wurde Sterne baldigst übersetzt – aber gerade die Deutschen liebten ihn – trotz seiner Anzüglichkeiten ganz besonders. Was aber erklärt die enorme Halbwertzeit des Buches, wie kommt es, daß der Tristram Shandy auch heute noch so frisch und unverbraucht wirkt, so modern in besten Sinne des Wortes? Ganz einfach, Sternes Roman überrascht auf jeder Seite, er funktioniert ganz anders als gewöhnliche Bücher: Das fängt beim Titel an, denn es heißt nicht, wie damals allgemein üblich, „Das Leben und die Abenteuer von ...“, sondern: „Leben und Ansichten von ...“. Und selbst diesen Titel führt der Text wieder ad absurdum: Über das Leben des Protagonisten erfährt man genau genommen so gut wie nichts, ja bis zum Ende des dritten Bandes braucht es – der, man bedenke, ein gutes Jahr nach den ersten beiden erschien –, bis der angebliche Held überhaupt geboren wird. Auch danach kommt man über seine bruchstückhaft wiedergegebene Jugend nicht hinaus, sondern schweift unzählige Male in die entlegensten Felder skurriler Theorien ab, um schließlich nach einer Frankreichfahrt bei den unfreiwilligen amourösen Abenteuern des impotenten Onkel Toby zu enden. Um ‚Ansichten’ geht es dafür umso mehr: weniger um die Tristrams allerdings, als um die seines Vaters, des kopflosen Kopfmenschen Walter Shandy, die des aufs Festungswesen fixierten Onkel Toby, oder die anderer Figuren. Viel mehr als in der Handlung spielt der Roman in den Köpfen der Beteiligten – zu denen selbstverständlich auch der Leser selbst zu zählen ist, der immer wieder angesprochen, zum Vor- und Zurückblättern bewegt und zur Stellungnahme aufgefordert wird. Sein Spiel treibt Sterne auch – und besonders – mit der Dimension der Zeit, mit der erzählten Zeit, die oft sprunghaft Monate und Jahre übergeht, um dann beinahe stillzustehen, und der Erzählzeit: „Ich bin“, reflektiert der Erzähler, “diesen Monat ein ganzes Jahr älter als heute vor zwölf Monaten; und da ich, wie Ihr seht, beinahe bis zur Mitte meines vierten Bandes gediehen bin – und doch nicht weiter als bis zu meinem ersten Lebenstag – so leuchtet’s ein, daß ich schon jetzt dreihundertvierundsechzig Tage mehr von meinem Leben zu schreiben habe, als damals, wie ich anfing; so daß ich statt mit meinem Werk voranzukommen, wie gewöhnlich Schriftsteller pflegen, durch das, was ich daran getan habe – im Gegenteil um ebensoviel Bände zurückgeworfen werde – sollte jeder Tag meines Lebens so betriebsam sein wie dieser – Und wieso auch nicht? – und sollten die Ereignisse und Ansichten davon ebensoviel Beschreibung in Anspruch nehmen – Und weshalb sollten sie abgekürzt werden? da ich ergo bei diesem Tempo 364 mal geschwinder schreiben würde – muß daraus folgen, mit Verlaub EW. Gestrengen, daß ich, je mehr ich schreibe, desto mehr zu schreiben haben werde – und mithin, daß Ew. Gestrengen, je mehr Ew. Gestrengen lesen, desto mehr zu lesen haben werden“ (Band IV, Kap. XIII). Wie kein zweiter beherrscht Sterne die Kunst der Doppeldeutigkeit, der versteckten sexuellen Anspielung, des zweideutigen Wortwitzes, bringt auch das Unterbewußte in seinem Buch zum Klingen. Michael Walters Übersetzung läßt als erste diesen Aspekt voll zur Geltung kommen. Kongenial erfindet er Sternes Sprachkapriolen nach. Außerdem gibt es noch Sternes virtuosen und ausgeklügelten Gebrauch von Punkten, Doppelpunkten, langen, sehr langen und kurzen Gedankenstrichen, Asterisken, bildlichen Symbolen, krakeligen Zeichnungen und Leerstellen für nicht geschriebene, aber durch den Kontext angedeutete Wörter. Kein deutscher Übersetzer außer Walter hat erkannt, wie bedeutungsträchtig Sterne hier arbeitet. Sternes gestalterische Eigenheiten gehen so weit, daß z.B. Vorder- und Rückseite einer Seite komplett schwarz sind; daß eine Seite ganz leer bleibt, daß die Seitenzählung an einer Stelle springt und daß jeder der 4000 Leser der Erstausgabe von 1763 ein Unikat in den Händen hielt: denn die geheimnisumwobene farbig marmorierte Seite, die ‚marbled page’ in Band III, Kap. XXVI wurde mit höchstem Aufwand individuell gefertigt. Nach der Horazschen Vorgabe, daß die Dichtung wie ein Bild sei, nennt unser Autor jene berühmte, in den Erstausgaben ein wenig organischem Gewebe unterm Mikroskop gleichende Seite „buntscheckiges Sinnbild meines Werkes“.
Doch auch die
‚konventionelleren’ Tricks Sternes haben es in sich. Sterne bestimmt mit
seinem Satzzeichenstakkato Tempo und Rhythmus des Lesevorgangs wie ein
Dirigent das Spiel seines Orchesters, unterstreicht er dies mit seinem
periodischen, extrem rhythmischen Satzbau – und läßt dem Leser trotzdem
eigenen Freiraum. Schon auf der Mikroebene der verschlungenen Sätze deutet
sich an, was auf der Makroebene des gesamten Textes den Autor Sterne
berühmt machte: Sternes Verfahren der „progressiven Digression“, der die
Handlung vorwärtsbringenden Abschweifung, der Reflexion im Text über den
Text, der Einmischung des Autors in den Erzählvorgang, der
Fiktionalisierung der Fiktion, des Spiels im Spiel. Laurence Sterne wurde 1713 in Irland als Sohn eines Soldaten geboren. Nach unsteten Jugendjahren studierte er in Halifax und Cambridge, 1738 wurde er Geistlicher in der Nähe von York. 1759 erschien sein erstes Buch, die History of a Good Warm Watch-Coat, eine Geißelung kirchlichen Ämteschachers und des Kampfes darum in York. 1759 veröffentlicht Sterne auf eigene Kosten die ersten beiden Teile des Tristram Shandy, das Buch wird – wegen seiner Qualität und unterstützt von ungewöhnlichen Marketingtricks Sternes ein Großerfolg. Ein berühmter Londoner Verleger wird die weiteren sieben Bände, sowie Sternes Sermons und seinen zweiten Roman Sentimental Journey through France and Italy (1768) in hohen Auflagen unters Lesevolk bringen. Sterne selbst, seit Jahren gesundheitlich angeschlagen, stirbt im Jahr 1769. Alle Bücher Sternes machen international Furore, finden ungezählte Nachahmungen, zudem kursieren zahlreiche Fälschungen unter Sternes erfolgversprechendem Namen auf dem Buchmarkt. Posthum erschienen große Mengen von echten und gefälschten Briefen und sein Journal to Eliza.
Michael Walter,
der Übersetzer, wurde 1951 in Wiesbaden geboren. Er studierte in Mannheim
und Freiburg und arbeitet als freier Übersetzer in München. Er ist
Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, übersetzte u.a.
Stevenson, Melville, Ian McEwan, Julian Barnes, Woolfe, Irving, Orwell,
Dische, Gibbon, Lewis Caroll und eben Laurence Sterne.
„Auch heute noch,
nachdem er sich 200 Jahre in der Lesewelt befindet, gilt von Laurence
Sterne The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gent. das Urteil, daß es
zu den 10 größten Büchern gehöre, die bisher in englischer Sprache
geschrieben worden sind.“ Arno Schmidt „Der freieste Schriftsteller aller Zeiten.“ Friedrich Nietzsche „Yorick-Sterne war der schönste Geist, der je gewirkt hat: wer ihn liest, fühlt sich sogleich frei und schön; sein Humor ist unnachahmlich, und nicht jeder Humor befreit die Seele.“ Johann Wolfgang Goethe „Er ist ebenbürtig mit William Shakespeare, und auch ihn, den Lorenz Sterne, haben die Musen erzogen auf dem Parnaß.“ Heinrich Heine „Humoristische Großartigkeit.“ Thomas Mann
„Gern hätt ich Sterne
fünf Jahre meines Lebens abgetreten, ...., und hätt ich auch gewiß gewußt,
daß mein ganzer Überrest nur acht oder zehn betrüge, mit der Bedingung
aber, daß er hätte schreiben müssen, gleich was, Leben und Ansichten, oder
Predigten oder Reisen.“ Gotthold
Ephraim Lessing |
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