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Die
iranische Sonnenfinsternis
Thomas Hummitzsch
über Dalia Sofers
mitreißenden Schicksalsroman
»Die September von Schiras«
Isaac Amin ist ein stadtbekannter
Juwelier. Er genießt im Teheran der siebziger Jahre den Ruf, der beste
Juwelier des Landes zu sein und stattet als solcher selbst die Gattin
des Schahs mit seinem Geschmeide aus. Es gelingt ihm durch sein reges
Tun ein sozialer Aufstieg bis in die High-Society Teherans. Er hat
Hausangestellte und mehrere Ferienhäuser, unternimmt Reisen in die
europäischen Metropolen und feiert fröhliche Hauspartys mit Freunden und
Bekannten der oberen Schicht. Dass Isaac jüdischer Abstammung ist, ist
für ihn weder geschäftlich noch privat von Bedeutung. Amin ist in erster
Linie Iraner, der sein Bestmögliches für seine Familie leistet und die
Vorzüge, die ihm daraus entspringen, als gerechten Lohn seiner Arbeit
empfindet. Politisch oder gar religiös ist er mitnichten.
Doch diese
gesicherte Existenz gerät mit der islamischen Revolution in Gefahr. Die
Revolutionswächter säubern die iranische Gesellschaft nicht nur von dem
aus ihrer Sicht verkommenen Gedankengut der westlichen Welt, sondern
auch von den Günstlingen und Anhängern des Schahs. In deren Augen gehört
Isaac Amin zu diesen Günstlingen, ging er doch in den hohen Häusern ein
und aus. Amin wird in seinem Büro verhaftet und gerät in die
Foltermaschine der iranischen Revolutionäre. Anfangs geht er davon aus,
dass er bald wieder freigelassen wird, hat er sich doch keines
Verbrechens schuldig gemacht. Doch soll er sich damit täuschen. Es
beginnt eine Odyssee durch die Folterkeller und Verließe der iranischen
Revolution, in denen Isaac Amin altbekannten Gesichtern aus besseren
Tagen begegnet. Er erlebt die täglichen Verluste der persönlichen Würde,
sich in die eigene Kleidung entleeren zu müssen. Die permanente Angst,
der Nächste zu sein, der zur „Vernehmung“ geholt wird. „Wenn Dein Name
nicht dabei ist, danke Gott, wenn er dabei ist, dann bete.“ Das
Auslöschen von Existenzen, die in den Augen ihre Peiniger ihren Wert
verloren haben, wird zur schrecklichen Begleitmusik seiner Haft: „Auf
seiner Pritsche liegend, hört er die Geräusche im Hof. Dann geht es los,
einer nach dem anderen: Schreie, Flehen, Schüsseknallen, Körper, die
dumpf zu Boden sacken – und Stille.“ Ausgerechnet seine
Religionszugehörigkeit wird dem areligiösen Amin zum Vorwurf gemacht und
damit zum Grund seines Martyriums: „Mutter, weißt du, dass dein
besonderer Name mich gezeichnet hat? Dass ich in einer Zelle sitze, die
nicht einmal zum Schweinestall taugt, meine Füße schon halb brandig,
meine Augen schon halb erblindet, mein Körper ausgezehrt und verdörrt?
Wofür bin ich jetzt der Beweis?“
Dieser Roman erzählt jedoch nicht nur die Geschichte von Isaac Amin,
sondern auch die seiner Familie. So beschreibt Dalia Sofer auch die
Aufarbeitung der Amin’schen Ehe, der die liebenswürdigen Gesten abhanden
gekommen sind und die Erwartungen eher enttäuscht als erfüllt. Isaacs
Frau Farnaz fühlt sich schon lang von ihm verlassen. Jeden neuen Anlauf
und jeden Annäherungsversuch hat er schon im Ansatz unterbunden. Isaac
wird erst in den dunklen Verließen bewusst, wie sehr er seine Frau
liebt. Auch Farnaz scheint sich der Wichtigkeit ihres Mannes erst in
vollem Umfang bewusst zu werden, als seine Rückkehr aus dem Büro
ausbleibt. Von Bekannten erfährt sie, dass ihr Mann festgenommen wurde.
Sie muss miterleben, wie die Welt um sie herum zerbricht und sie Zeugin
des moralischen Verfalls der iranischen Gesellschaft, sowohl im Großen
als auch im Kleinen, wird. Die soziale und gesellschaftliche
Verwahrlosung geht mit der Machtübernahme der Mullahs einher, die nicht
nur die Gedanken der Iraner zu bestimmen scheinen: „So viel Haar, denkt
Farnaz – struppiges schmutziges Haar, dass überall im Land wie Unkraut
über Kinne, Backen und Hälse wuchert.“
Dieser Roman der amerikanischen Iranerin Dalia Sofer ist eine Anklage
gegen staatliche Willkür, gegen Folter und Misshandlung sowie gegen
blinde Religiosität. Dalia Sofer zeigt hier die Folgen schlechten
staatlichen Handelns in dem familiären Mikrokosmos und verliert dabei
nicht den Blick für das große Ganze. Immer wieder führt sie dem Leser
die Tragödie der iranischen Revolution als solcher vor Augen, diese
blinde Wut der Islamisten, die Missgunst und Argwohn zwischen Menschen
gesät hat, welche vorher friedlich miteinander gelebt haben. Dabei
beschönt sie nicht im Geringsten die Verhältnisse in der Zeit des
Schahs. Dessen radikale und repressive Methoden werden von den mit Isaac
inhaftierten Kommunisten vor Augen geführt, die unter dem Schah ebenso
wie unter dem Mullahregime verfolgt wurden. Die alltäglichen Umwürfe
lässt Sofer mitnichten aus; so rückt die Verwandlung der orientalischen
Farbenpracht in die traurig-trübe Dominanz des allgegenwärtigen Schwarz
dem Leser nahezu auf den Leib.
Farnaz Amin muss fassungslos mit ansehen, wie die ehemaligen
Angestellten ihres Mannes, denen er durch die Anstellung eine sichere
Existenz verschafft hat, Laden und Werkstatt plündern. Machtlos aber
voller Wut entgegnet sie den Dieben: „Seit wann bist Du bitte schön
‚gläubig’? Vor ein paar Jahren kamst du noch in deinen engen Jeans bei
uns an, um dir unser Auto zu leihen, wenn du eine deiner fünf
Freundinnen abholen wolltest. Denkst du, dieser Bart da macht dich zu
einem Mann Gottes? [...] Und seit wann ist es Gottes Wille, dass man
andere Menschen bestiehlt? Ihr seid nichts als ein Haufen Heuchler, zu
plötzlich an die Macht gekommen, und jetzt könnt ihr nicht damit
umgehen.“ Auch die Haushälterin beginnt, die Revolution und all ihre
Folgen vor ihr zu verteidigen und Farnaz fühlt sich von allen Seiten
bedroht und hintergangen. Enttäuscht muss sie auch hier feststellen,
dass die alten Vertrauensverhältnisse der Vergangenheit angehören und
sie auf sich allein gestellt ist. Ihre Heimat ist ein Ort der
Denunzianten und Verleumnder geworden. „Alle halten mit etwas hinterm
Berg, denkt sie, in diesem Land, wo schon ein falscher Blick, ein
falsches Wort, die falsche Religion einem zum Verhängnis werden kann.
Die Heuchelei ist uns in Fleisch und Blut übergegangen – wir sagen das
eine und meinen das andere.“
Auch die Tochter der Amins, Shirin, hat mit den revolutionären Folgen zu
kämpfen. Nicht genug, dass ihr Vater von einem auf den anderen Tag
verschwindet, muss sie feststellen, dass der Vater ihrer besten Freundin
Revolutionswächter ist. Er besitzt Akten, die festlegen, wer aus welchem
Grund verhaftet und gefoltert wird. Heimlich entwendet sie einige der
Akten aus dem Haus der besten Freunde. Dabei macht sie eine furchtbare
Entdeckung: „In ihrem Zimmer breitet sie die Akten auf dem Tisch aus,
und als sie auf dem Deckel der einen den Namen ‚Javad Amin’ liest,
stürzt sie ins Badezimmer und übergibt sich. Hinterher, während ihre
Mutter ihr das Gesicht sauberwischt, starrt sie auf ihr Spiegelbild, auf
die Kirschspangen in ihrem Haar – Onkel Javads Abschiedsgeschenk. Sie
möchte ihrer Mutter von den Akten erzählen, von seiner Akte, aber
sie beißt sich auf die Zunge.“ Ihre Freundin wird unweigerlich von dem
Vater für die Revolution begeistert. Es stehen sich hier zwei Kinder
gegenüber, deren einer Vater der Revolution zum Opfer fällt, die der
andere Vater ankurbelt und unterstützt. Als Shirin erfährt, dass sich
ihre Freundin im Krieg gegen den Irak für ihr Land opfern würde und dies
damit begründet, dass sie sich einen Schlüssel für das Paradies
verdienen wolle, entgegnet sie ihr: „Wenn du ins Paradies kommst, macht
dir Gott dann nicht die Tür auf? Wozu brauchst du noch einen Schlüssel?“
Hunderttausende sog. Bassidsch wurden im Iran-Irakischen Krieg in die
Minenfelder und damit in den Tod geschickt, um das zu erobernde Gelände
vor dem heranrückenden Heer von Minen zu befreien.
Währenddessen verliert sich der Sohn der Amins, Parvis, in der Weite,
Kälte und Anonymität New Yorks. Die Familie hatte ihn nach dem Sturz des
Schahs in die amerikanische Metropole geschickt. Er erlebt das Drama
seiner Angehörigen nur aus der Ferne und sein Leben scheint kaum davon
betroffen zu sein. Allegorisch hat er mit einer diametralen Radikalität
zu kämpfen. Er verliebt sich in die Tochter seines jüdischen Vermieters,
die in einer aus Osteuropa stammenden, chassidischen Familie aufwächst.
Rachel gehorcht allein den moralischen und streng religiösen Ansichten
ihres Vaters. Ähnlich wie seine unter den Mullahs leidende Familie ist
er fassungs- und hilflos ob der religiösen Dominanz ihrer Religion, die
sich absurder Weise in dem gleichen schwarzen Farbton ausdrückt, wie die
des antisemitischen Mullah-Regimes: „Wie sträflich vergeudet solch
zarte, hübsche Arme doch an die Frommen sind, denkt Parvis. Wozu solche
Arme, wenn sie die von ihnen betörten nicht umarmen dürfen?“ Sein
Vermieter und Vater der Angebeteten bemerkt sehr wohl Parvis stilles
Verlangen, schiebt einer Verbindung der beiden aber einen Riegel vor.
Sie würde der jüdischen Religion als solcher Schaden, da sie den Glauben
verwässere und so „die fette Sahne von einst wie Magermilch schmecken
würde.“ So ergibt sich die wahnwitzige Konstellation zwischen Vater und
Sohn, bei der das gleiche Maß des Jüdischseins einmal ein Zuviel und
einmal ein Zuwenig darstellt, um in einer Gesellschaft glücklich leben
zu können. Allerdings muss hier bemerkt werden, dass die New
York-Episoden anfangs unmotiviert und nahezu fehl am Platz wirken und
sich erst im Laufe der fortschreitenden Lektüre mit der eigentlichen
Geschichte in ein treffendes Verhältnis setzen lassen.
Die Autorin macht durch die ausführliche Schilderung der Erlebnisse und
Gedankenwelt der Amins die Misere deutlich, die die Umbrüche der
Revolution hervorgerufen haben. Sie hebt die Herausforderung für die
Frauen hervor, deren Männer inhaftiert oder hingerichtet wurden und die
nun in ihrer Not den Frauenverachtenden bärtigen Revolutionswächtern
gegenüberstehen. Sie malt die Konsequenzen für die Kinder der Verfolgten
und Inhaftierten aus, deren beste Freunde nun auf einmal Feinde sein
sollen. Und nicht zuletzt die innerfamiliären Differenzen, die von den
Ereignissen der Revolution lediglich überdeckt und ruhig gestellt
werden.
Isaac Amin kann sich nach monatelangen, ergebnislosen Befragungen und
Misshandlungen freikaufen, indem er sein gesamtes Vermögen der
Revolution zur Verfügung stellt. Seine Freilassung scheitert fast noch
an der Unauffindbarkeit eines Personaldokuments, ohne das er seine
Ersparnisse nicht abheben und den Revolutionären aushändigen kann.
„Verlorene Geburtsurkunde, denkt er: Gibt es ein besseres Sinnbild für
die Fragilität seiner Existenz?“ Schließlich findet sich das Dokument
und er übergibt seinen Peinigern sein Vermögen. Er verkauft anschließend
sein gesamtes Hab und Gut, um die Hilfe von Schmugglern in Anspruch zu
nehmen und mit seiner Frau und Tochter dem islamistischen Iran zu
entkommen. Und auch wenn sich Isaac und Farnaz im Schmerz um ihre
zurückgelassene Heimat einander wieder näher verbunden fühlen, so steht
doch unauslöschbar eine neue Mauer zwischen ihnen, eine unüberwindbare
Mauer gebaut aus Folter und Todesangst. „Ihr wird klar, dass ihr Mann
von nun an das alleinige Anrecht aufs Unglücklichsein haben wird, aus
dem simplen, unwiderlegbaren Grund, dass er im Gefängnis war, dass er
dem Tod ins Auge geblickt hat, viele Male, dass er andere hat sterben
sehen, sterben hören. Ihr eigener Kummer, unbedeutend gegen den seinen,
wird unterdrückt werden müssen, wenn sie weiterhin miteinander leben
wollen, weil zwischen ihnen schlicht kein Platz für soviel Schmerz ist.“
Dalia Sofer ist mit „Die September von Schiras“ ein fabelhafter Roman
gelungen. Die Beschreibungen der iranischen Gefängnisse erinnern an
Rafik Schamis Schilderungen der syrischen Folterzellen in seinem
Erfolgsroman „Die dunkle Seite der Liebe“. Sofer findet in ihrem Buch
stets die richtige Mischung aus Melancholie und Traurigkeit, aus
Verärgerung und Wut sowie aus Fassungslosigkeit und machtloser Demut.
Der Leser wird unmittelbar in den Strudel der nachrevolutionären
Ereignisse gesogen und kann sich aus diesem erst am Ende - gemeinsam mit
den fliehenden Amins – befreien. Was diese zurücklassen ist nicht nur
ihr gesamtes Hab und Gut, sondern vor allem ihre Identität. Dies macht
die einmalig aufleuchtende Verbindung des Buchtitels mit der
südwestlichen iranischen Stadt Schiras (besser bekannt als Namensgeberin
der bekannten Weinrebsorte) deutlich. Es ist die Stadt der Jugend Isaac
Amins, wo er seine Ferien verbrachte und später seine Frau kennenlernte.
„Wenn dann der September kam und er seine Sachen packte und zurück nach
Teheran fuhr, wusste er, dass er in acht Monaten wiederkehren würde.
Anders als der gegenwärtige September trugen die September von Schiras
die Verheißung der Rückkehr in sich.“
Dalia Sofer Die September von Schiras
Aus dem Amerikanischen von Sabine Roth.
Carl Hanser Verlag, 335 S., ISBN-10:
3446207678, 19,90 €.
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