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Kommentar Die Enzyklika im Originaltext |
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Und ist nicht all dem vehementen (wie auch berechtigtem) Furor wider Religionen in unserer eher säkular daherkommenden Moderne gemein, dass sie, was erbauliche Perspektiven angeht, eher bescheiden daherkommen? Dies mag zwar in Anbetracht all der falschen Verheissungen und deren katastrophale Folgen der letzten rund 80 Jahre nicht unbedingt per se falsch sein, aber, um ein Zitat abzuwandeln, der Mensch lebt nicht nur von der Destruktion (bzw. Dekonstruktion) allein. Zerstört man sein bisheriges Weltbild, beginnt fast unweigerlich die Suche nach Alternativen. Benedikts Enzyklika versucht in diese Kerbe den "Pflock des Augenblicks" (Friedrich Nietzsche) zu schlagen. Das Thema ist dabei auch noch auf einer zweiten Ebene die Hoffnung: Der Text soll Hoffnung auf die Hoffnung machen. Und natürlich gibt es niemals einen Zweifel daran, um welche Art Hoffnung es sich handelt – um die christliche.
Jesus war kein
Befreiungskämpfer Später wird dies noch deutlicher, wenn er Marx angreift, der über die politische Revolution gesellschaftliche Heilsvorstellungen umsetzen wollte – und schlichtweg vergessen habe, was nach Erfüllung seines Systems zu geschehen habe. Marx hatte nicht berücksichtigt, so Benedikt, dass die Freiheit immer auch Freiheit zum Bösen bleibt. Und mit verblüffender Einfachheit wird für ökonomisch-politische Heilsversprechungen festgestellt: Wenn wir nicht auf mehr hoffen dürfen als auf das jeweils gerade Erreichbare und auf das, was die herrschenden politischen und wirtschaftlichen Mächte zu hoffen geben, wird unser Leben bald hoffnungslos. Und fast ein wenig verbohrt wirkt Benedikt, wenn er dann noch einmal nachlegt, dass eine Welt, die sich selbst Gerechtigkeit schaffen muß, […] eine Welt ohne Hoffnung sei. Da schüttelt der Leser ob dieses Allgemeinplatzes schon den Kopf. Mit ähnlicher Verve geisselt der Papst den allgemeinen Fortschrittsglauben (und zeigt auch keine Berührungsängste, hier Adorno zu zitieren) und – das ist auch nicht neu – den Individualismus der Moderne. Aber auch die aktuelle Wissenschaftsgläubigkeit ist nicht in seinem Sinn. Die gegenwärtige Gesellschaft werde von Christen als uneigentliche Gesellschaft erkannt, so subsumiert Benedikt. Und mit Francis Bacon hat alles angefangen – in ihm macht er den Schuldigen aus (die Schuld spielt, das zeigt – leider - auch diese Enzyklika, immer noch eine sehr grosse Rolle im christlichen Denken) und in eindeutiger Diktion wird klargestellt, dass die ,,Erlösung’’, die Wiederherstellung des verlorenen ,,Paradieses’’, wenn sie von dem neu gefundenen Zusammenhang von Wissenschaft und Praxis sozusagen versprochen würde, ins Leere greift. Der Glaube an den Fortschritt (man könnte hinzufügen an jeglichen irdischen Fortschritt) muss unvollkommen bleiben und befriedigt nicht.
Überraschendes
Pathos Die Hoffnung spielt dabei in der christlichen Botschaft eine wichtige Rolle. Benedikt versucht sich an neuen Definitionen und Begründungen (freilich im Rahmen dessen, wie Religionen ihre Begründungen vorbringen können) – wobei zwar an alten Texten angeknüpft wird, deren Gestaltungsversuche der Hoffnung jedoch neu besetzt, sozusagen erfrischt werden. Seine Hoffnungsmaschine lebt auch von der Hoffnung auf das ewige Leben. Auch hier versucht er, die alten Zöpfe zu toupieren. Das ewige Leben ist natürlich nicht das ewige fleischliche Leben – es ist auch keine Leben im (vorher sanft neu definierten) Himmel. Erst recht – das erwähnt er gar nicht – ist es eine Art Weiterleben im "Gedächtnis seiner Lieben" (Kant). Die Definitionsführung für eine aufgefrischte Deutung des Begriffs des ewigen Lebens ist dabei höchst interessant. Zunächst einmal untersucht er (in christlichen Quellen), wie der Begriff des Lebens definiert und besetzt ist. Was bedeutet ein "glückliches Leben"? Wonach sehnen wir uns, wenn wir glücklich sein wollen? Das Gefühl eines glücklichen Lebens, so seine These, kann fast nur negativ definiert werden. Wir wissen meist nur, was wir nicht wollen; danach gibt es kaum noch allgemeinen Konsens. Benedikt schlussfolgert: Wir möchten irgendwie das Leben selbst, das eigentliche, das dann auch nicht vom Tod berührt wird; aber zugleich kennen wir das nicht, wonach es uns drängt. Wir können nicht aufhören, uns danach auszustrecken, und wissen doch, daß alles das, was wir erfahren oder realisieren können, dies nicht ist, wonach wir verlangen. Der moderne Mensch ist trotz all seines Wissens, Studierens, trotz seines Wohlstands und seiner irdischen Besitztümer nicht zufrieden; er vermag seinem Leben keinen Sinn mehr zu geben kann und – damit bleibt er immer beim Thema – er ist hoffnungslos.
Verweile doch, du
bist so schön… Der erfüllte Augenblick – der Gegenstand des faustischen Pakts! In dem Moment, als Faust diesen beschwört, feststellt, sein Verbleiben ersehnt, endlich am Ziel seines Lebens zu sein scheint – in der gleichen Sekunde verliert er an Mephisto seine Seele und in realiter sein Leben. Was aber mit dem heutigen Christen? Bliebe er am "Leben"? Dann wäre ja das "ewige Leben" doch eine Art Verlängerung des fleischlichen Lebens – oder ist es der letzte Augenblick des Lebens (wie bei Faust)? Wie diesen Augenblick des Eintauchens in den Ozean der unendlichen Liebe erfassen? Handelt es sich um eine (profane?) Glücks- und/oder Augenblicksverheissung? Doch wohl kaum. So stupend und originell Benedikts Lesart ist – sie produziert neue Fragen.
»Unsere
Existenzen greifen ineinander…« Ein weiterer, bemerkenswerter Punkt in Benedikts Gedankenkette ist sein Umgang mit den moralischen Voraussetzungen des Menschen, die er in der Kapitelüberschrift Die wahre Gestalt der christlichen Hoffnung in einem durchaus emphatischen Bekenntnis zur Freiheit münden lässt:
Der moralische
Schatz der Menschheit ist nicht da, wie Geräte da sind, die man benutzt,
sondern ist als Anruf an die Freiheit und als Möglichkeit für sie da.
Das aber bedeutet:
Versuch eines
Fazits Was aber den aufmerksamen Leser überrascht, sind die Diagnosen über den Zeitgeist, die der Papst in grosser Nüchternheit und unter weitgehender Vermeidung des erhobenen Zeigefingers trifft. Hier dürfte er weit über die Grenzen der gläubigen Christen hinaus Zustimmung finden, auch wenn er gelegentlich ziemlich pauschalisierend daherkommt. Diese Enzyklika ist auch ein Angebot an andere Religionen; ein Zeichen, in den stürmischen, "gottlosen Zeiten" zusammenzustehen. Und mehrfach betont Benedikt die Wurzeln des Christentums im Judentum; auch dies eine eindeutige Botschaft. Kritische Töne über die Vergangenheit des Christentums gibt es einige, aber sehr gemässigt. Betrachtet man Benedikts Botschaft unter Marketinggesichtspunkten, so hat er den Spagat (bis auf das fast mystische Ende – ein Totengespräch mit Maria) zwischen dogmatischem Glaubenshüter und konziliantem Menschenfischer ganz gut hinbekommen: Der Text ist in weitgehend einfacher Sprache geschrieben (ohne trivial zu sein), fest und stringent argumentierend und doch als freundliches Angebot an den Leser formuliert, sich dem Christentum (wieder) zuzuwenden. Obwohl diese Art Texte a priori Zustimmung zu dem verlangen, was sie eigentlich erst erzeugen wollen, dürfte auch für den potentiellen Atheisten die Lektüre ein Gewinn sein. Benedikt erweist sich bei aller (immanenten) Dogmatik als ein durchaus aufgeschlossener Oberhirte. Es wird ein hoher Anspruch vermittelt, auch und gerade an der Institution Kirche. Und es ist diese Diskrepanz zwischen der religiösen Botschaft und dem "weltlichen" Agieren der Kirche, die trotz der schönen Worte bei vielen Menschen die Skepsis überwiegen lassen dürfte. Denn wie so oft muss man den Worten auch Taten folgen lassen. Aber hiervon ist in dieser Schrift keine Rede; sie bleibt intellektuelle Richtlinie, die Hoffnung und Trost erst durch das Andocken an die christlichen Glaubenssätze in Aussicht stellt. Was auch anderes sonst? Lothar Struck
Alle kursiv
gedruckten Passagen sind Zitate aus der Enzyklika "Spe Salvi – Über die
christliche Hoffnung" |
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