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Fotokunst

 


Der kunstvolle Stillstand des Lichtes
Peter V. Brinkemper zu dem großartigen Bildband über die Werkserien des Hiroshi Sugimoto erschienen bei Hatje Cantz

Hiroshi Sugimoto, 1948 in Tokio geboren, speichert in seinen Fotografien die Zeit, um zu einer reinen visuellen Form zu gelangen. Durch eine spezielle Technik der kontrastiven und überlangen Belichtung transformiert er Objekte, öffentliche Räume und Architektur jenseits der alltäglichen Wahrnehmung, Veränderung, Bewegung und Benutzung in entrückte, überwirkliche Sphären, in denen die üblichen Kriterien von Bewegung und Stillstand, Leben und Tod überwunden zu sein scheinen.
Vielleicht ist es kein Zufall, dass seine Auseinandersetzung mit den sprichwörtlichen Wachsfiguren (siehe Descartes´ Diskussion über die Res Cogitans und die wächserne Res Extensa), mit prächtigen und oft nostalgischen Filmtheatersälen, mit Monumenten der klassischen Architektur und mit Horizontausschnitten zwischen Meer und Himmel allesamt mit dem Thema "Zeit als raumzeitlicher Übergang zwischen Licht und Dunkel" zu tun hat.

Am deutlichsten tritt diese elementar fotografische Philosophie des angehaltenen und auch wieder umgelenkten Lichtstroms in den Kino-Bildern zu Tage: Die Rückverwandlung eines verdunkelten Saals aus seiner Funktionalität, einen Raum, einen Behälter zu bieten, in dem ein Lichtspieltheater die Zuschauer durch eine Leinwand in den Sog einer Raum-Zeit-Bildprojektions-Maschine mit ihrem typischen Schnitt- und Bewegungsrhythmus zieht. Aus diesem virtuellen Kanal wird eine verästelte, nachbarocke Bildrahmenarchitektur um ein makellos weißes Fenster mit dem Blick auf ein imaginäres Jenseits, die überhelle gegenstandslose Geometrie eines "Rest- und Raumselbstbildes" (frei nach Matrix), das sich wie ein weißer Fleck in die Fotografien Sugimotos und in das ästhetische Bewußtsein des Betrachters einbrennt.

Oder umgekehrt die ambivalente Reinszenierung der klassischen Wachsfiguren nach Motiven der Renaissance in ihren Top-Ansichten und fast zu perfekten Kostümen als wahrhaft rückverlebendigte Holbeinsche-Malerei-Objekte und dagegen die leicht dekonstruierte Entblößung der zeitgenössischen VIP-Plastiken in ihrer dreidimensionalen künstlerischen Unzugänglichkeit und Persönlichkeitsschrumpfung, die bald der durchstartende Holo-Film als Problemkonstante beschäftigen wird. Die klassische Architektur hat bereits eine andere, erratische Dimension, wenn sie jenseits des an ihr vorbeirasenden Verkehrs und durch sie eilenden Publikums wahrgenommen und festgehalten wird. Und der unauffindbare Horizont, das dampfig-vaporöse Nirgendwo zwischen der See und dem Himmel enthüllt in den Seascape-Aufnahmen Sugimotos eine eigene temporale Aussagenlogik über den angeregten und doch ungreifbaren Zustand von Licht, Luft, Element und Energie ohne die üblichen Konturen und Formationen einer Landkante, See-, Küsten- und Hafenlinie.

Hiroshi Sugimoto
Text von Kerry Brougher, Pia Müller-Tamm, Hiroshi Sugimoto,
gestaltet von Takaaki Matsumoto
Deutsch
Hatje- Cantz
384 Seiten, 221 Abb., davon 39 farbig, 181 in Triplex
26,30 x 28,70 cm / Leinen mit Schutzumschlag

68,- Euro
ISBN 978-3-7757-1934

Aktuelle Ausstellung: K20 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf
14.7.2007–6.1.2008
 


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