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Jetzt
ist wieder Musike in der Suhrkamp Soap
Neues von Alfred Semf
Das Thema findet noch immer prominente Plätze in der seriösen
Presse, aber auch in Bild (seitenfüllend!). Ab 1. Januar sind die beiden
Hamburger Investoren offizielle Eigner der Medienholding AG Winterthur,
die 29 Prozent an dem Frankfurter Verlag hält.
Der Tagesspiegel vom letzten Sonntag (07.01.07) hat ein besonders
hübsches Exponat von Herrn Grossner (von Barlach, Conradi und Joachim
Unseld hört man gar nichts mehr) vorzuweisen, eine
Neujahrsglückwunschkarte, die in ihrer Anmutung an
Welterklärungs-darstellungen der Zeugen Jehovas gemahnt, oder auch an
Scientology (man sollte drauf achten, ob Herr Grossner am kommenden
Samstag der Eröffnung der Berliner Repräsentanz der Sekte beiwohnt. Die
Welt retten wollen ja beide! Und Kohle machen, klar!). Die
Glückwunschkarte zeigt in der unteren Hälfte ein Kommandozentrum, nicht
unähnlich dem eines Atomkraftwerks, schwarz-weiss-naiv. In der rechten
oberen Hälfte sehen wir eine von der Sonne großzügig bestrahlte Villa.
Unschwer zu erraten; Grossners Grossvilla am Alsterstand. In der linken
Ecke dann eine Weltkarte, Europa schwarz, der Rest weiß. Eine Fahne der
Medienholding AG Winterthur steckt irgendwo knapp über Mexiko. Darunter
dann die 3 Begriffe, mit denen Grossner so gerne um sich schmeißt:
Wissen Weltethos Weltzukunft 99 (die Karte war offenbar früher schon mal
im Einsatz), weiter zu sehen: ein grinsender Delphin, der mit einer
Weltkugel spielt, sowie eine Heuschrecke (ich vermute, für eine
Heuschrecke ist Herr Grossner zu dumm). Als begnadeter SMS Schreiber hat
sich der Hamburger ja auch hervorgetan, wie dem Spiegel zu entnehmen war
(»..., hope2 c U 2m @ Kleist-Preis«).
Doch lassen wir Grossner und Co. sich ruhig weiter lächerlich machen,
genug Gelegenheit haben sie noch. Die Gerichte haben das Wort, und das
kann dauern.
Überdies ist es an der Zeit, über das neue Suhrkamp Programm zu reden.
Die Vorschauen sind da, schlicht und schön. Man war ja neugierig, aber,
ich schwöre, kein einziges Buch über Hexen! Ehrlich! Statt dessen ein
typisches Suhrkamp Programm, souverän und unvergleichbar. Bekannte Namen
(Beck, Begley, Bernhard, Handke, Hesse, Kluge, Koeppen, Treichel) neben
weniger oder gar gänzlich unbekannten. Dem oft wiederholten Vorwurf,
Suhrkamp hätte keine neuen deutschen Autoren, tritt der Verlag in diesem
Frühjahrsprogramm besonders eindringlich entgegen.
Gleich
vier (!) Autorinnen und Autoren finden mit ihren ersten oder zweiten
Büchern Platz im Hauptprogramm des Verlages. Kevin Vennemann (29),
Ariane Breidenstein (32), Paul Brodowsky (26), Thomas Melle (31) – man
darf gespannt sein, wenn auch die Gefahr besteht, dass sich diese
Autoren gegenseitig im Wege stehen. Einen Reader nebst CD zu diesen
Autoren hat der Verlag produziert, sein Anliegen zu verdeutlichen. Das
Vorwort zu diesem Reader verirrt sich allerdings etwas im sprachlichen
Nirvana. Doch letztendlich bleiben solche Ausrutscher Marginalien. Dem
Programm machen sie nicht schlechter.
Kein zweiter deutscher Verlag hat ein solch ausgeprägtes
Osteuropaprogramm. Hier waren in der Vergangenheit oft die größten
Entdeckungen zu machen. Erinnert sei an Juri Andruchowitsch oder Attila
Bartis. Im Frühjahr freuen wir uns auf einen Roman des jungen Polen
Wojciech Kuczok mit dem schönen Titel »Dreckskerl«. Oder auf einen Band
mit Erzählungen und Fragmenten von Zygmunt Haupt in der schönsten Reihe,
die es auf dem deutschen Buchmarkt gibt, der Bibliothek Suhrkamp.
Ist der Verlag Schuld an der ihm in letzter Zeit oft vorgeworfenen
angeblichen Bedeutungslosigkeit? Kann ein Verlag Schuld sein an der
zunehmenden Verdummung einer Gesellschaft? Kann ein Verlag
verantwortlich sein für den Erfolg solcher Knallchargen wie
BohlenDaddelNaddelWaddel....? Ist Suhrkamp Schuld an der grassierenden
Utopiemüdigkeit? Mit dem Band »Und jetzt?« versucht der Verlag nichts
anderes als eine Bestandsaufnahme über Protest und Propaganda am Anfang
des 21. Jahrhunderts. Und wo? In der edition suhrkamp, dieser
schon oft totgesagten Reihe, die wie keine andere den Begriff der
»Suhrkamp Kultur« repräsentiert. Ebenfalls in der edition ein Band mit
Arbeitsreportagen für die Endzeit, »Schicht!« Die Liste der Beiträger
liest sich wie ein Who is Who der zeitgenössischen deutschen Literatur;
von Wilhelm Genazino über Thomas Kapielski und Oliver Maria Schmitt bis
zu Juli Zeh, um nur einige zu nennen.
Dieses Programm zeugt von einem lebendigen, selbstbewussten Verlag, der
weiß wo er herkommt, und, entgegen lancierten Vermutungen eilfertiger
Grossschreiber, offensichtlich auch wo er hinwill.
Und Herr Grossner weiß das natürlich auch alles genau.
Hope,
not 2 c U @ SV!
Alfred Semf
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