Glanz@Elend
Magazin für Literatur und Zeitkritik
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Volk ohne Traum XXXIV


 





Vorsicht, bitte!

Ein Statement von Uve Schmidt

 „Ich verstehe die Welt nicht mehr“, war einer der goldenen Standardsätze meiner Tante Minna (korrekt meines Vaters Tante), philosophisches Volksvermögen, dessen Verschwinden die wunderbare Jenny Erpenbeck in ihrer samstäglichen FAZ-Kolumne gelegentlich beklagen könnte, denn meine Tante Minna war Deine Tante Adele und Euer Onkel Heinz und wir wissen nicht, was heut’ der Volksmund spricht in simpler Selbsteinschätzung, da selbst solvente Angehörige der Mittelschicht sich „andauernd verarscht fühlen“ (primär von den Staatsgewalten, kaum noch von den modernen Künsten), statt  á la Tante Minna ihre Ignoranz zu bekennen und, wie Tantchen einst, sich bereitwillig aufklären lassen, während meine virtuellen Neffen und Nichten natürlich alles besser wissen als wir Senioren, sofern nicht das Weichbild humanistischer Allgemeinbildung  betreten wird und man den Wertekanon hinterfragt, wobei es mir nicht um Artenschutz und Alterswürde ginge, sondern um den Verbleib  gewisser  Ideale und ganz gewisser Überzeugungen geht, und um Antworten auf Lenins permapolitische Frage: Was tun? So wie die Dinge sich entwickeln auf unserem Planeten, steht der Weltuntergang zwar nicht unmittelbar bevor und es hat auch keine Eile damit, doch die Zukunft sieht allweil düsterer aus als die Regenwolken am Tag, da Noah den Anker lichten ließ. Im Gegenhalt wird behauptet, daß unser Erdenleben noch nie so qualitätvoll, so sicher (vor Naturkatastrophen, Seuchen, Hungersnöten) und friedlich (gemessen  am Dreißigjährigen Krieg und am Holocaust) gewesen wäre wie heute und ganz besonders hier im Lande des Wirtschaftswunders und der Gedenkstätten. Und völlig ironiefrei wird darauf hingewiesen, die Menschheit habe dazugelernt, die Politik sei transparent und in allen Capitalen stünden rote Telefone. Stimmt, aber was haben die Leute gelernt, wieviel Politik bleibt unsichtbar und wer trifft im Ernstfall welche Entscheidungen?!

Ausschlaggebend ist immer und überall ein Kraftfeld, dem weder ein paar Elektriker von GREENPEACE, noch der Papst, noch die Weltbank dazwischenfunken können. Ich kenne aus der Geschichte kein Beispiel, da eine allgemeine Mobilmachung, die Hinrichtung eines Volkshelden oder die demonstrative Zerstörung von Kulturstätten im letzten Augenblick zurückgepfiffen wurde; indes wurden Angriffstermine verschoben, Exekutionen vom Marktplatz in den Keller verlegt (oder umgekehrt), es wurden Baudenkmäler ruinenreif geschossen und nicht plattgemacht, aber geschont wurde nichts und niemand, wenn das tödliche Spiel beschlossenen Sache war, weil gewaltsame Lösungen noch immer die verläßlichsten scheinen, um Gordische Knoten und erratische Blöcke zu beseitigen. Und natürlich gibt es nicht immer nur den bösen Wolf und lauter Lämmer oder nur Schurkenstaaten und den großen Peacemaker, sondern stets nur Kriegsgewinnler und Verlierer. Wir wissen heute, daß die Sowjets mit einem zweiten Weltkrieg rechneten, nur erwarteten sie den Überfall später und Hitler mochte nicht zuwarten, hingegen war die sogenannte Nebenaussenpolitik Londons (und die Einflußnahme der Wallstreet) sehr erfolgreich darin, primär Polen und Tschechen zu antideutschen Torheiten zu ermuntern, um möglichst schnell den Bündnisfall herbeizuführen. Dennoch glauben die Anbeter des Zivilgeistes, daß nach dem Sieg über die Faschisten und Nipponisten aus jedem Aschehaufen ein schwingenstarker Phönix uns erstanden sei: Die UNO mit ihren Haupt- und Spezialorganen, das Atomwaffenpatt, der Staat Israel, der Beginn der Entkolonisierung und die Europäische Union. Tatsächlich sitzt der Hiroshimaschock am tiefsten, doch der Kreis der Atommächte wuchs und wächst bis zum begrenzten Erstschlag der neuen Nukleargeneration in absehbarer Zeit; alle anderen dem Frieden und dem Völkerrecht gewidmeten „Errungenschaften“ (einschließlich der diversen humanitären Nichtregierungsorganisationen) haben genau das Gegenteil ihrer Zielsetzungen bewirkt, auch wenn viele fromme Pläne abgenickt wurden und die Japaner versprechen, die Buckelwale fair zu behandeln. Braucht es noch meinen milden Senf zur Klimaschutzdebatte oder ein Wort zum Weltspartag von Alan Greenspan??

Alle gut gemachten und gut gemeinten Hollywoodfilme zur Thematik Armaggedon, Alieninvasion und konventioneller Angriffskrieg zeigen zeitgenössischen Szenarien unter der Vorgabe des Happy End und sei es nur die heimgekehrte weiße Taube mit einem gültigen Gutschein von McDonalds im Schnabel. Noch nie haben wir einen amerikanischen Antikriegsfilm gesehen, der von einem künftigen Krieg handelt, den  die Amis (laut Drehbuch) angefangen haben und verlieren werden unter nicht bloß blamablen, sondern finalen Umständen, z.B. der Alltag in einem russisch besetzten Alaska, nachdem das  US-Kernland in einer bolivarischen Bartholomäusnacht fast entvölkert wurde und die Chinesen in Kalifornien gelandet sind. Na, wie wär’s? Klar, daß wir keinen muselmanischen Kiezkrieg im Ruhrpott oder in Berlin drehen dürfen, obwohl das Sprichwort mitnichten lautet  Schlafende Hunde beißen nicht, aber wie lange kann man eine reale Bedrohung tabuisieren, die nicht auf einer vermeintlichen Verschwörung fußt, sondern auf abertausenden Füßen, welche an Europas äußeren und inneren Grenzen unterwegs sind zu den Zentren und Nebenhöhlen unserer Prosperität? Was glauben eigentlich unsere Friedensforscher, wie sich im nationalen Notfall  Millionen illegale Einwanderer, Nomaden und Aliasexistenzen verhalten würden, falls es zu schweren Versorgungsnöten und Verteilungskämpfen käme? Was wäre, wenn die militärisch abgemeierte Bundeswehr nach Freiwilligen ruft und sich Milizen formieren – kriegt dann jeder radebrechende Staatsbürger eine Knarre? Und was, wenn Kirchen und Synagogen brennen – muß ein areligiöser Gottesanbeter wie ich zumindest eine Minora retten, um spätere Vorwürfe zu vermeiden? Leicht geknickt würde Maxim Biller in mein  Kleiderschränkchen passen, aber lieber möchte er vielleicht von Thea Dorn versteckt werden? Wann und wie immer es kommt – sicher ist nur, daß wir auch diesmal die Dummen sein werden, trotz aller moralischen Verrenkungen, denn daß irgendeine schwäbische Bastelbedarfsbude den Universalzünder für die islamische, hinduistische oder konfuzianische Megabombe erfunden und/oder geliefert hat, wird sich unschwer nachweisen lassen.

Also, bitte, seid vorsichtig!
 


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