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Eine
Frage der Ehre
Ein Statement von Kurt Otterbacher
»Operation
Walküre« war der Codename für den Staatsstreich deutscher
oppositioneller Militärs, dem die Ermordung Hitlers durch einen
Sprengstoffanschlag Stauffenbergs vorausgehen sollte. Dieser fand
bekanntlich am 20. Juli 1944 statt - und er mißlang. Er mißlang, weil er
halbherzig und zögerlich durchgeführt wurde. Das galt ebenso für
»Walküre«, die wie der Anschlag auf Hitler - auch wegen jener
Zögerlichkeit - von vornherein zum Scheitern verurteilt war. Für sich
genommen, kann, ja muß, der legendäre 20. Juli als Beispiel für
gigantischen Pfusch ausgelegt werden. Da waren keine überzeugten
Antifaschisten am Werk, gab es keine glühenden Hitler-Gegner, wie all
die Lobhudeleien und Nachkriegs-Beweihräucherungen bis heute nahelegen.
Wenn Gerhard Schröder, der nicht nur deswegen als schlechtester Kanzler
aller Zeiten in die Geschichtsbücher eingehen wird, ausgerechnet
»Walküre« und den 20. Juli (nicht etwa die Geschwister Scholl) als
europäisches Vorbild für Zivilcourage und Tapferkeit gewürdigt haben
will, so liegt dem vielleicht unterbewußt eine realistische Einschätzung
von europäischem Mut zugrunde. Die sich genau so lange behaupten kann,
wie Amerikaner, Engländer und Kanadier die Drecksarbeit in der Welt
machen.
»Valkyrie«
heißt der Film, den Bryan Singer (»Die üblichen Verdächtigen«) mit dem
oscargekrönten Drehbuchautor Christopher McQuarrie (»Die üblichen
Verdächtigen«) und dem mehrfach oscarnominierten Schauspieler Tom Cruise
(»Born on the Fourth of July«) in Deutschland an Originalschauplätzen
drehen will. Wie der Titel schon sagt, geht es darin um die »Operation
Walküre« und den 20. Juli. Tom Cruise spielt den Stauffenberg.
Vielleicht haben die Amerikaner sogar den blinden Fleck im deutschen
Widerstand entdeckt. Der besteht darin, daß die Männer im Umfeld von
»Walküre« gar nicht anders konnten, als zumindest unterbewußt alles
dafür zu tun, Anschlag und Staatsstreich zum Scheitern zu bringen. Sie
befanden sich in einem anders nicht auflösbaren Dilemma. Sie hatten
Hitler UND Deutschland die Treue geschworen. Sie wollten Hitler töten,
nach ihren eigenen Ehrbegriffen eine Treulosigkeit sondersgleichen, um
größeren Schaden von Deutschland abzuwenden, Schaden, den sie selbst bis
dahin mit angerichtet hatten. Stauffenberg wäre demnach ein Mensch, der
weniger im Widerstand gegen Hitler gestorben ist, sondern viel mehr für
seine Ehre. Der 20. Juli »Eine Frage der Ehre«? Ja - und wer wäre dann
besser geeignet, den Stauffenberg zu spielen, als Tom Cruise?
Es besteht immer die Gefahr, daß ein Film daneben geht. Wir Deutschen
haben eine Ahnung davon, bei uns gehen viele Filme daneben - und werden
noch gelobt dafür. In Hollywood sicher auch, nur kriegen wir die meist
nicht zu sehen. Bei »Valkyrie« ist allerdings die Gefahr, daß es ein
guter Film sein wird, größer. Noch größer die Gefahr, daß aus dem
Widerstand gegen die Nazis, den Deutschland so hätschelt, daß aus diesem
Widerstand das verzweifelte Ringen von Individuen um ihre Ehre wird. Was
die Sache für mich nicht schlechter macht. Im Gegenteil. Schon als
Schulkind hat mich die Vergötterung der Stauffenbergs gestört. Jetzt
würde plötzlich der 20. Juli verständlich, menschlich und anrührend.
Nun wird eingewendet, zum Beispiel von Klaus-Uwe Benneter, dem
ehemaligen Hanswurst von Schröder, daß es »ein Schlag ins Gesicht eines
jeden aufrechten Demokraten« sei, wenn Tom Cruise den Stauffenberg gebe.
Weil nämlich Tom Cruise ein Scientologe sei. Bisher konnten wir in
keinem Film bemerken, daß Cruises schauspielerische Leistung durch
seinen Glauben bzw seine Sektenzugehörigkeit beeinträchtigt worden wäre.
Warum sollte es ausgerechnet bei dieser Rolle anders sein?
Ist nicht vielmehr Herrn Benneters Bemerkung ein Schlag in den Unterleib
eines jeden Demokraten - z. B. weil er klammheimlich ein Berufsverbot
ausspricht, weil er zwei Dinge vermengt, die nichts miteinander zu tun
haben - und weil er dann auch noch per Sippenhaft das gesamte Filmteam
mitbestrafen will?
Und ist nicht Peter Steinbach, der Gralshüter des Bendler Blocks (dort
sind einige Attentäter hingerichtet worden), übergeschnappt und hat die
Drehgenehmigung für den Originalschauplatz verweigert, weil er Angst
davor bekam, daß er die Deutungshoheit über den von ihm persönlich
gehüteten Widerstand-der-Nibelungen-Schatz verlieren könnte? Mit
Scientologie die Amis schlagen, um zu verhindern, daß diese unsere
Attentäter »vermenschlichen«, die uns doch als Ikonen so wichtig sind
wie den Engländern ihr König Artus und seine Tafelrunde?
Es sollte uns jedenfalls eine Ehre sein, Bryan Singer - oder jedem
anderen, der an dem Stoff arbeiten will - eine Drehgenehmigung zu
erteilen. Kurt Otterbacher
VALKYRIE
von Bryan Singer, USA/D 2007, mit Tom Cruise, Kenneth Branagh,
Carice van Houten, Stephen Fry, Armin Mueller-Stahl.
Buch:
Christopher McQuarrie & Nathan Alexander
Thriller
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