Glanz@Elend
Magazin für Literatur und Zeitkritik
© by Herbert Debes & Kurt Otterbacher

 

Startseite

Reisen

 


Ein britischer Snob in Afrika
Ingrid Mylo über ein
Juwel der Reiseschriftstellerei


     Ein wahrer Gentleman zeichnet sich, laut Shirley Maclaine in dem Film 'Steel Magnolias', dadurch aus, daß er "das Geschirr aus dem Spülbecken nimmt, bevor er hineinpißt". Nach Evelyn Waughs Auffassung gehört zu seiner Ausstattung auch die Wertschätzung und Pflege des Müßiggangs. Was gewisse Gefahren birgt. Ab welcher Gradierung heißt Müßiggang Faulheit, und wann beginnt er in Langeweile auszuufern?
 Der Schauspieler George Sanders ("If you covered him with garbage George Sanders would still have style", würdigen ihn die unvergleichlichen Kinks in 'Celluloid Heroes'), Gentleman par exellence, hat in einem Hotel an der Costa Brava seinem Überdruß durch eine Überdosis Ausdruck verliehen und sich mit der Begründung "because I'm bored" aus dem Leben verabschiedet. Langeweile ist das, was Waugh am meisten fürchtet, und so, wie er darüber schreibt, begreift man diese Bedrohung, spürt den abgestandenen Atem der Langeweile im Nacken, spürt das Blut zäher fließen, spürt die Lähmung in den Gliedern, in den Gedanken.
     Angetreten ist er, um über die Krönungsfeierlichkeiten in Abessinien zu berichten, die im Herbst 1930 den Ras Tafari in den König der Könige Haile Selassie verwandeln (und schon da und dort ziehen sie Zäune hoch, "die dem Zweck dienen, die ärmeren Viertel vor möglicherweise kritischen Blicken zu verbergen). Und Waugh berichtet. Über die Weltläufigkeit der Armenier. Über Zitronenlimonade, die die Mohamedaner zu jeder Gelegenheit trinken. Über die Unmöglichkeit, gleichzeitig untätig zu sein und wach in Aden. Über die Kolonialpolitik der Engländer. Darüber, daß die Türken angeblich mit zunehmendem Alter langsam immun werden gegen die Syphilis. Über die vergleichsweise milden Stockschlägen, mit denen die Schüler in Tabora, Tanganyika, bestraft werden, im Gegensatz zu den entsprechenden Züchtigungen englischer Internatsschüler. Über Basare, Flohbisse und die Hitze von Sansibar. Alles gut und schön spöttisch, ja, denkt man, und blättert die Seiten um, wohltemperierte Unterhaltung, und mit jedem Umblättern vorbei und vergessen.
     Dort aber, wo Waugh sich selbst in den Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit rückt, zieht der Tonfall an, wird dringlicher: und aus den plauschigen, schöngeistigen allgemeinen Betrachtungen werden Leidsätze von biestiger Brillanz: persönlich, poetisch, scharf, einfallsreich. Die meisten Leute, wenn sie sich über ihre Person auslassen, langweilen mit ihren Ausführungen an einem herum, während Waugh, der sich so leicht und schnell langweilt wie ein reifer Pfirsich Druckstellen bekommt, am spannendsten ist, wenn er schildert, was er an Ungemach und Beschwerden am eigenen Leib zu erdulden hat. Haarklein. Bis in die Poren.

Evelyn Waugh: Befremdliche Völker, seltsame Sitten.
Expeditionen eines englischen Gentleman. Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.
Frankfurt. Eichborn (AB 270) 2007, 325 S. EUR 27,50
 


Glanz@Elend
Magazin für Literatur und Zeitkritik

© by Herbert Debes & Kurt Otterbacher

Startseite
Belletristik |Biographien |
Briefe & Tagebücher | Geschichte | Philosophie | Politik |
Foto, Bild & Kunst |
Lyrik | Krimis, Thriller & Agenten | Klassikerarchiv