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Poetikvorlesungen

 


Foto: © Regine Mosimann / Diogenes Verlag
Vom Leben, vom Tod, und vom Übrigen auch dies und das
Lothar Struck über Urs Widmers Poetikvorlesungen

Urs Widmers Frankfurter Poetikvorlesungen vom Anfang des Jahres liegen nun in Buchform vor. Und vielleicht, nein: sicherlich, braucht es für den Leser gelegentlich tatsächlich solcher Vergewisserungen – obwohl es Peter Hamm neulich im "Literaturclub" ganz schön zusammenfasste, als er dieses Buch nachdrücklich empfahl: Am Ende stehe fest, so Hamm sinngemäss, und das wisse natürlich Urs Widmer auch, dass jeder noch so kluge Text über Schriftsteller wie Beckett, Kafka, Robert Walser, Keller oder Sophokles nicht soviel sagen kann wie nur ein Satz dieser Schriftsteller selber. Aber um dieses festzustellen, bedarf es – paradoxerweise - solcher Spurensuchertexte wie die von Urs Widmer.
Wenn er über das Leiden der Dichter referiert (und – da ist Widmer ganz alte Schule – dies als eine Voraussetzung für Literatur sieht und sich damit natürlich gegen jede Schreibschulroutine wendet), sich in einer (imaginären) polonaiseartigen Zottelkolonne mit anderen Schriftstellern sieht, wenn er über das Verstummen von Rimbaud spricht oder uns noch einmal in die Situation der Schriftsteller von 1945 versetzt, die eine entstellte Sprache vorfanden (Widmer nennt das Sprachattrappe und man hätte sich gewünscht, mehr von den stereotypen Sprachattrappen des gegenwärtigen Kapitalismus zu erfahren, die er kurz andeutet), wenn die schier nicht aushaltbare Kränkung für die Dichter durch Freud konstatiert (und fortan verschoben sich, so Widmer, die Grenzen der Naivität für die Dichtung), wenn er Beckett als den Čechov nach Freud beschreibt oder wenn er emphatisch ein Plädoyer für die Phantasie hält – immer dann lebt der Geschichtenerzähler Urs Widmer auf und nimmt uns mit seiner Leidenschaft für die Literatur mit und die ein oder andere Sentenz, die er mal lässig, mal schelmisch einstreut, hallt nach. Und man ist richtig froh zu lesen, dass sich auch jemand wie Widmer nicht an alle Bücher erinnern kann, die er gelesen hat.
Schwärmerisch die Exkursion in Werk und (politisches) Leben des Schweizer Nationaldichters Gottfried Keller. Widmer steuert sowohl anekdotisches als auch psychologisches bei – aber ohne in holzschnittartige Deutungsmuster zu verfallen. Keller, der Dichterfürst der Schweiz, wollte ein Dichter sein, der aus der Mitte des Volkes heraus spricht, der ganz selbstverständlich das sagte, was alle dächten, fühlten und wollten – das war sein Ziel. Und dann folgen zwei dieser Widmer-Sätze, von denen man nicht immer weiss, ob sie Schwermut ausdrücken sollen oder einfach auch schwermütig sind, die aber (das glaubt man instinktiv) die Lektüre seitenlanger Essays ersparen, ohne jedoch Plattitüden zu sein: Je berühmter er [Keller] wurde, desto größer war das Scheitern der ursprünglichen Hoffnung. Der Ruhm deckte eine Sehnsucht zu…die viel radikaler gewesen war als der banale Wunsch, ein bewunderter Einzelner zu sein. Und am Ende hat man das Gefühl, vielleicht jetzt erst den "Grünen Heinrich" ein bisschen (mehr) verstanden zu haben.
In seiner letzten Vorlesung erzählt uns Widmer die Sophokles-Tragödien – mit einem Augenzwinkern und ironischem Unterton, aber nie despektierlich dem Werk oder Sophokles gegenüber (neben dem er wohl nur noch Shakespeare gelten lässt). Und die unveränderte Strahlkraft des Oedipus-Mythos (der geschickt von der späteren Freud-Exegese entkoppelt wird) erschliesst sich uns wieder neu. Lothar Struck

Widmer Urs
Vom Leben, vom Tod und vom Übrigen auch dies und das
Frankfurter Poetikvorlesungen
Diogenes
Mit Namensregister
Leinen, 160 S.
ISBN 3-257-06598-1
Euro 18.90 / sFr 32.90
 


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