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Jeanette
Winterson
Der
Leuchtturmwärter
Roman
Aus dem Englischen von Monika Schmalz
Berlin Verlag
256 Seiten.
Gebunden
18.00 €
ISBN-13: 9783827005755
Eine verschlungene,
vielschichtige Liebesgeschichte von großer poetischer Leuchtkraft und der
ganzen quirligen Vitalität einer Jeanette Winterson. Das Mädchen mit dem
verheißungsvollen Namen Silver, »teils Edelmetall, teils Pirat«, hat rotes
Haar und weder Vater noch Mutter. Sie lebt bei Mr Pew, dem blinden
Leuchtturmwärter, der seit jeher die Leuchtfeuer von Cape Wrath hütet und
dessen Alter niemand kennt. Von ihm, halb Seher, halb Sänger, erlernt
Silver die Wartung des Leuchtturms, vor allem aber die Kunst des
Erzählens. Auf all ihre Fragen gibt es eine Geschichte — Geschichten ohne
Anfang und Ende, immer bereit, neu erzählt, neu erfunden zu werden. So wie
die leidenschaftliche Lebens- und Liebesgeschichte des geheimnisvollen
Babel Dark, die sich über die Seiten und Zeiten hinweg entfaltet und
Silver als eine Art Karte dient, der sie folgen muss auf der Suche nach
ihrem eigenen Lebensroman. Wie immer stürzt sich Jeanette Winterson
lustvoll und rückhaltlos in das Abenteuer des Schreibens und überzeugt:
Wer diesen Roman aus den Händen legt, ist erfüllt vom Glauben an die Macht
der Liebe und des Erzählens — man könnte auch sagen: der Literatur.
Leseprobe
Jeanette Winterson -
Der Leuchtturmwärter -
Berlin Verlag
Meine Mutter nannte
mich Silver. So kam ich auf die Welt: teils Edelmetall, teils Pirat.
Ich habe keinen Vater. Das allein ist noch nichts Ungewöhnliches, selbst
Kinder, die einen Vater haben, sind oft überrascht, ihn zu sehen. Mein
eigener Vater kam aus dem Meer und verschwand auf demselben Weg. Er
gehörte zur Mannschaft eines Fischerboots, das eines Nachts, als die
Wellen krachten wie dunkles Glas, in unserem Hafen Schutz suchte. Sein
zersplitterter Rumpf hielt ihn lange genug an Land, um in meiner Mutter
vor Anker zu gehen.
Schwärme von Babys wetteiferten ums Leben.
Ich gewann.
Ich wohnte in einem Haus, das steil in den Hang gehauen war. Die Stühle
mussten am Boden festgenagelt werden, und wir durften nie Spagetti essen.
Wir aßen nur, was am Teller klebte — Auflauf, Gulasch, Risotto, Rührei.
Einmal probierten wir’s mit Erbsen — ein Fiasko. Hin und wieder finden wir
noch welche, verstaubt und grün in den Zimmerecken.
Manche Menschen werden auf einem Hügel groß, andere im Tal. Die meisten
von uns wachsen auf ebenem Grund auf. Ich kam in der Schräglage zum Leben,
und so habe ich seither gelebt.
Abends brachte mich meine Mutter in einer Hängematte zu Bett, die kreuz
und quer vor dem Hang aufgespannt war. Sanft gewiegt von der Nacht,
träumte ich von einem Ort, wo ich nicht mit dem eigenen Körpergewicht
gegen die Schwerkraft anzukämpfen bräuchte. Meine Mutter und ich mussten
uns aneinander binden wie zwei Kletterer, nur um bis vor unsere Haustür zu
gelangen. Einmal ausgerutscht, und wir hätten bei den Kaninchen auf den
Bahnschienen gelegen.
»Du bist nicht der Typ, der aus sich rausgeht«, sagte sie zu mir, obwohl
das wohl eher damit zu tun hatte, dass das Rausgehen so mühselig war.
Während andere Kinder beim Verlassen des Hauses beiläufig gefragt wurden:
»Hast du auch an deine Handschuhe gedacht?«, bekam ich zu hören: »Hast du
auch alle Schnallen an deinem Sicherheitsgurt zugemacht?«
Warum wir nicht umgezogen sind?
Meine Mutter war allein erziehend mit einem unehelichen Kind. Es hing kein
Schloss an der Tür in jener Nacht, als mein Vater vorbeikam. Also schickte
man sie den Hügel hinauf, raus aus der Stadt — mit dem eigenartigen
Ergebnis, dass sie darauf herabblickte.
Salts. Meine Heimatstadt. Eine Stadt wie eine Muschel, an Land
geschleudert, steinzerfressen, sandverkrustet. Ach ja, und wir hatten
einen Leuchtturm.
Es heißt, man könne vom Körper eines Menschen auf sein Leben schließen.
Für meinen Hund gilt das ganz bestimmt. Die Hinterbeine meines Hundes sind
kürzer als seine Vorderbeine, weil er sich immer mit dem hinteren Ende in
die Erde stemmt und mit dem vorderen Ende draufloskraucht. Auf ebener Erde
hat er eine Art federnden Gang, was ihn noch lustiger wirken lässt. Er
weiß nichts davon, dass andere Hunde hinten und vorne gleich lange Beine
haben. Wenn er überhaupt
denkt, dann denkt er, alle Hunde seien genau wie er; wie’s aussieht,
leidet er nicht an dem krankhaften Zwang zur Selbstbeobachtung wie die
Menschen, die jeder Abweichung von der Norm mit Angst oder Strafe
begegnen.
»Du bist nicht wie die anderen Kinder«, sagte meine Mutter. »Und wenn du
in dieser Welt nicht überleben kannst, solltest du dir besser eine eigene
Welt schaffen.«
Das abweichende Verhalten, das sie mir unterstellte, war in Wirklichkeit
ihr eigenes. Sie war es, die äußerst ungern aus dem Haus ging. Sie war es,
die nicht in der Welt leben konnte, die für sie vorgesehen war. Sie wollte
unbedingt, dass ich frei war, und tat alles, was in ihrer Macht stand,
damit das niemals geschah.
Wir waren aneinander geschnallt, ob wir wollten oder nicht. Wir waren eine
Seilschaft.
Und dann stürzte sie ab.
Das geschah so:
Der Wind blies stark genug, um einem Fisch die Flossen abzureißen. Es war
Faschingsdienstag, und wir waren unterwegs gewesen, um Mehl und Eier für
Pfannkuchen zu kaufen. Eine Zeit lang hielten wir uns Hennen, doch die
Eier rolltendavon, und unsere Hennen waren die einzigen auf der Welt, die
sich beim Eierlegen mit den Schnäbeln festklammern mussten.
An diesem Tag war ich aufgeregt, weil man in unserem Haus wirklich gut
Pfannkuchen hochwerfen konnte — mit dem steilen Hang gleich unter dem Ofen
wurde aus dem Ritual des Lockerns und Hochwerfens eine Art Jazz. Meine
Mutter tanzte beim Kochen, weil es ihr half, ihr Gleichgewicht zu halten,
sagte sie.
Sie schleppte den Einkauf und zog mich hinter sich her wie einen
nachträglichen Einfall.
Copyright © 2006 Berlin Verlag
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