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Glanz&Elend
Literatur und Zeitkritik


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Glanz&Elend
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Klassik-Archiv




Biographischer Abriß

Aphorismen:

Sprüche und Widersprüche
Pro domo et mundo

Karl Kraus
(*28. 04 1874 - † 12.06.1936)





Nachts

 

Tragische Sendung der Natur! Warum ist diese lange Lust des Weibes nicht feststellbar wie der männliche Augenblick!

Der Zustand der Geschlechter ist so beschämend wie das Resultat der einzelnen Liebeshandlung: Die Frau hat weniger an Lust gewonnen, als der Mann an Kraft verloren hat. Hier ist Differenz statt Summe. Ein schnödes Minus, froh, sich in Sicherheit zu bringen, macht aus einem Plus ein Minus. Hier ist der wahre Betrug. Denn nichts paßt zu einer Lust, die erst beginnt, schlechter als eine Kraft, die schon zu Ende ist; keine Situation, in der Menschen zu einander geraten können, ist erbarmungsloser und keine erbarmungswürdiger. In dieser Lücke wohnt die ganze Krankheit der Welt. Eine soziale Ordnung, die das nicht erkennt und sich nicht entschließt, das Maß der Freiheit zu vertauschen, hat die Menschheit preisgegeben.

Liebe und Kunst umarmen nicht was schön ist, sondern was eben dadurch schön wird.

Erotik macht aus einem Trotzdem ein Weil.

Erröten, Herzklopfen, ein schlechtes Gewissen – das kommt davon, wenn man nicht gesündigt hat.

Die Huren auf der Straße benehmen sich so schlecht, daß man daraus auf das Benehmen der Bürger im Hause schließen kann.

Das Weib läßt sich keinen Beschützer gefallen, der nicht zugleich eine Gefahr ist.

Man kann eine Frau nicht hoch genug überschätzen.

An der schönen Herrin sprangen ihre Hunde empor wie seine Gedanken und legten sich ihr zu Füßen wie seine Wünsche.

Sie sagte, sie lebe so dahin. Dahin möchte ich sie begleiten.

Ich bin schon so populär, daß einer, der mich beschimpft, populärer wird als ich.

Daß die Sprache den Gedanken nicht bekleidet, sondern der Gedanke in die Sprache hineinwächst, das wird der bescheidene Schöpfer den frechen Schneidern nie weismachen können.

Ich beherrsche nur die Sprache der anderen. Die meinige macht mit mir, was sie will.

Wenn die Sprache ein Gewand ist, so wird sie schäbig und unmodern. Bis dahin mag man unter Leute gehen. Ein Smoking macht nicht unsterblich, aber beliebt. Doch was haben nur neuestens die jungen Herren an? Eine Sprache, die aus lauter Epitheta besteht! Ein Gewand ohne Stoff, aber ganz aus Knöpfen!

Die Literatur von heute sind Rezepte, die die Kranken schreiben.

In keiner Sprache kann man sich so schwer verständigen wie in der Sprache.

Die Sprache hat in Wahrheit der, der nicht das Wort, sondern nur den Schimmer hat, aus dem er das Wort ersehnt, erlöst und empfängt.

Die Sprache tastet wie die Liebe im Dunkel der Welt einem verlorenen Urbild nach. Man macht nicht, man ahnt ein Gedicht.

Wenn ich nur ein Telephon habe, der Wald wird sich finden! Ohne Telephon kann man nur deshalb nicht leben, weil es das Telephon gibt. Ohne Wald wird man nicht leben können, auch wenn’s längst keinen Wald mehr geben wird. Dies gilt für die Menschheit. Wer über ihren Idealen lebt, wird doch ein Sklave ihrer Bedürfnisse sein und leichter Ersatz für den Wald als für das Telephon finden. Die Phantasie hat ein Surrogat an der Technik gefunden: die Technik ist ein Surrogat, für das es keines gibt. Die Anderen, die nicht den Wald, wohl aber das Telephon in sich haben, werden daran verarmen, daß es außen keine Wälder gibt. Die gibt es nicht, weil es innen und außen Telephone gibt. Aber weil es sie gibt, kann man ohne sie nicht leben. Denn die technischen Dinge hängen mit dem Geist so zusammen, daß eine Leere entsteht, weil sie da sind, und ein Vakuum, wenn sie nicht da sind. Was sich innerhalb der Zeit begibt, ist das unentbehrliche Nichts.

Vor dem Heiligtum, in dem ein Künstler träumt, stehen jetzt schmutzige Stiefel. Die gehören dem Psychologen, der drin wie zuhause ist.

»Gottvoll« ist in mancher Gegend ein Superlativ von »komisch«. Ein Berliner, der eine Moschee betrat, fand diese gottvoll.

Es gibt eine Lebensart, die so tüchtig ist, daß sie jede Bahnstation in einen Knotenpunkt verwandelt.

Zeitgenossen leben aus zweiter Hand in den Mund.

Alle Naturwissenschaft beruht auf der zutreffenden Erkenntnis, daß ein Zyklop nur ein Auge im Kopf hat, aber ein Privatdozent zwei.

Manche teilen meine Ansichten mit mir. Aber ich nicht mit ihnen.

Wenn einer alle meine Ansichten hat, so dürfte die Addition noch immer kein Ganzes ergeben. Wenn ich selbst keine einzige meiner Ansichten hätte, so wäre ich immer noch mehr als ein anderer, der alle meine Ansichten hat.

Der Bibliophile hat annähernd dieselbe Beziehung zur Literatur wie der Briefmarkensammler zur Geographie.

Die Schule ohne Noten muß einer ausgeheckt haben, der von alkoholfreiem Wein betrunken war.

Psychologie ist ein Omnibus, der ein Luftschiff begleitet.

Euer Bewußtes dürfte mit meinem Unterbewußten nicht viel anfangen können. Aber auf mein Unterbewußtes vertraue ich blind, es wird mit eurem Bewußten schon fertig.

Psychoanalyse ist die Krankheit, für deren Therapie sie sich hält.

Ein guter Psycholog ist imstande, dich ohneweiteres in seine Lage zu versetzen.

Mein Bewußtsein hat einen Hausknecht, der immer acht gibt, daß kein ungebetener Gast über die Schwelle komme. Psychoanalytiker haben auch unter ihr nichts zu suchen. Erwischt er einen, der ins Archiv will, so führt er ihn in den Empfangsraum, wo ich persönlich ihm mit seiner Diebslaterne ins Gesicht leuchte.
Sie greifen in unsern Traum, als ob’s unsere Tasche wäre.

Die Literaten, die jetzt geboren werden, sind weniger konsistent als ehedem die Gerüchte waren. Ich habe noch Gerüchte gekannt, an denen etwas dran war. Dem, was heute aus Schreibmaschinen zur Menschheit spricht, würde ich nicht über die Gasse trauen.

Das vertrackteste Problem dieser Zeit ist: daß sie Papier hat und, was gedruckt wird, käme es auch aus dem Mastdarm, als Urteil wirkt und als Humor.

Der Vielwisser ist oft müde von dem vielen, was er wieder nicht zu denken hatte.

Der Journalismus ist ein Terminhandel, bei dem das Getreide auch in der Idee nicht vorhanden ist, aber effektives Stroh gedroschen wird.

Wenn ein Schwätzer einen Tag lang keinen Hörer hat, wird er heiser.

Als ich zum erstenmal von Freidenkern hörte, glaubte ich, es seien Redakteure, die wie die Theaterkarten auch die Gedanken gratis bekommen, wenn sie bei der Direktion einreichen.

Ich sah einen, der sah aus wie der Standard of life. Einen anderen, der sah wie der sinkende Wohlstand aus. Der Redakteur verließ das Hotelzimmer des Herrn Venizelos und sah aus wie der Status quo. Vorbei ging die Welt, die hatte das Gesicht der besitzenden Klassen und das Gesäß der breiten Schichten.

Ich kann beweisen, daß es doch das Volk der Dichter und Denker ist. Ich besitze einen Band Klosettpapier, der in Berlin verlegt ist und der auf jedem Blatt ein zur Situation passendes Zitat aus einem Klassiker enthält.

Dieser Krieg wirkt aus den Verfallsbedingungen der Zeit. Er ist die eigentliche Realisierung des Status quo.

Paternoster heißt ein Lift. Bethlehem ist ein Ort in Amerika, wo sich die größte Munitionsfabrik befindet.

Wie wird die Welt regiert und in den Krieg geführt? Diplomaten belügen Journalisten und glauben es, wenn sie’s lesen.

Einmal rief ein Weib: »Extraausgabe! Neue Freie Presse!« Sie hatte an der Hand ein dreijähriges Kind; das rief: »Neue feile Presse!« Und sie hatte einen Säugling auf dem Arm; der rief: »Leie leie lelle!« Es war eine große Zeit.

»Bleiben Sie denn unbewegt vor den vielen, die jetzt sterben?« »Ich beweine die Überlebenden und ihrer sind mehr.«

»Es handelt sich in diesem Krieg –« »Jawohl, es handelt sich in diesem Krieg!«

Wir Menschen sind bessere Wilde.

Der Anspruch auf einen Platz an der Sonne ist bekannt. Weniger bekannt ist, daß sie untergeht, sobald er errungen ist.

In der deutschen Bildung nimmt den ersten Platz die Bescheidwissenschaft ein.

Was zugunsten des Staates begonnen wird, geht oft zuungunsten der Welt aus.

Das Übel gedeiht nie besser, als wenn ein Ideal davorsteht.

Die deutsche Sprache ist die tiefste, die deutsche Rede die seichteste.
Der Franzose hat sich von seiner Oberfläche noch immer nicht so weit entfernt, wie der Deutsche von seiner Tiefe.

Wir hier müssen erst das werden, was wir nicht sein sollen.

Immer schon habe ich es draußen in der Welt ungemütlich gefunden. Wenn ich trotzdem so oft hinausgereist bin, so geschah es nur, weil ich es hier gemütlich gefunden habe.

Diplomatie ist ein Schachspiel, bei dem die Völker matt gesetzt werden.

Die Entwicklung der Technik ist bei der Wehrlosigkeit vor der Technik angelangt.

Jetzt sprechen hat entweder zur Voraussetzung, daß man keinen Kopf hat, oder zur Folge.
Wenn man dem Teufel, dem der Krieg seit jeher eine reine Passion war, erzählt hätte, daß es einmal Menschen geben werde, die an der Fortsetzung des Krieges ein geschäftliches Interesse haben, das zu verheimlichen, sie sich nicht einmal Mühe geben und dessen Ertrag ihnen noch zu gesellschaftlicher Geltung verhilft so hätte er einen aufgefordert, es seiner Großmutter zu erzählen. Dann aber, wenn er sich von der Tatsache überzeugt hätte, wäre die Hölle vor Scham erglüht und er hätte erkennen müssen, daß er sein Lebtag ein armer Teufel gewesen sei!

Alles was geschieht, geschieht für die, die es beschreiben, und für die, die es nicht erleben. Ein Spion, der zum Galgen geführt wird, muß einen längeren Weg gehen, damit die im Kino Abwechslung haben, und muß noch einmal in den photographischen Apparat starren, damit die im Kino mit dem Gesichtsausdruck zufrieden sind. Schweigen wir. Beschreiben wir es nicht, die es erlebten. Es ist ein dunkler Gedankengang zum Galgen der Menschheit, ich wollte ihn als ihr sterbender Spion nicht mitmachen. Und muß, und zeige ihr mein Gesicht! Denn mein herzbeklemmendes Erlebnis ist der horror vor dem vacuum, das diese unbeschreibliche Ereignisfülle in den Gemütern, in den Apparaten vorfindet.

Ich glaube: Daß dieser Krieg, wenn er die Guten nicht tötet, wohl eine moralische Insel für die Guten herstellen mag, die auch ohne ihn gut waren. Daß er aber die ganze umgebende Welt in ein großes Hinterland des Betrugs, der Hinfälligkeit und des unmenschlichsten Gottesverrats verwandeln wird, indem das Schlechte über ihn hinaus und durch ihn fortwirkend, hinter vorgeschobenen Idealen fett wird und am Opfer wächst. Daß sich in diesem Krieg, dem Krieg von heute, die Kultur nicht erneuert, sondern nur durch Selbstmord vor dem Henker rettet. Daß er mehr war als Sünde: daß er Lüge war, tägliche Lüge, aus der Druckerschwärze floß wie Blut, eins das andere nährend, auseinanderströmend, ein Delta zum großen Wasser des Wahnsinns. (…)

»Das Leben geht weiter«. Als es erlaubt ist.

Ich bin dafür, daß man den Leuten verbietet, das, was ich denke, zu meinen.

Oft ritze ich mit der Feder meine Hand und weiß erst dann, daß ich erlebt habe, was geschrieben steht.

Wort und Wesen – das ist die einzige Verbindung, die ich je im Leben angestrebt habe.

Umgangssprache entsteht, wenn sie mit der Sprache nur so umgehn; wenn sie sie wie das Gesetz umgehen; wie den Feind umgehen; wenn sie umgehend antworten, ohne gefragt zu sein. Ich möchte mit ihr nicht Umgang haben; ich möchte von ihr Umgang nehmen; die mir tags wie ein Rad im Kopf umgeht; und nachts als Gespenst umgeht.

Wenn Tiere gähnen, haben sie ein menschliches Gesicht.

An vieles, was ich erst erlebe, kann ich mich schon erinnern.

Ein Sprichwort ensteht nur auf einem Stand der Sprache, wo sie noch schweigen kann.

Wider besseres Wissen die Wahrheit zu sagen, sollte für ehrlos gelten.

Das ist es, was die Welt rebellisch macht: Überall ist Firma, aber dahinter vielleicht doch, unseren Blicken unsichtbar, ein Firmament. Überall ist Ware, aber dahinter vielleicht doch noch, unbehelligt, das Wunder. Weil wir’s nicht sehen, sagen wir, es seien Materialisten. Wir aber haben vom idealen Lebenszweck den Namen genommen, um ihn dem Lebensmittel zu geben, dem Schweinespeck. Unser todsicheres Ingenium hat den Idealen den Skalp abgezogen und dem Leben den Balg und verwendet sie als Hülle, Marke und Aufmachung. Wir sind die Idealisten. Und gegen diesen Zustand, das im Munde und im Schilde zu führen, wovon wir bestreiten, daß es der andere im Herzen habe, weil er es nicht im Munde und im Schilde führt, während doch schon dies ein Zeichen für jenes ist und die Lebensgüter eben in der Trennung von Leben und Gütern gedeihen und in der Verbindung verdorren – gegen diesen Zustand lehnt sich ein Instinkt auf, der im politisch offenbarten Bewußtsein der Völker als Neid, Raubgier, Revanchelust, unter allen Umständen aber als Haß in Erscheinung tritt. Es ist der Haß gegen den Fortschritt und gegen die eigene Möglichkeit, ihm zu erliegen. Es ist nicht allein der Stolz, nicht so zu sein wie diese, sondern auch die Furcht, so zu werden wie diese. Es ist das europäische Problem; das aber vermutlich erst von einer nichtbeteiligten Seite gelöst werden wird.

Wo kommen all die Sünden nur hin, die die Menschheit täglich begeht? Sollten überirdische Wesen nicht finden, daß der Äther schon zum Schneiden dick sei?

Den hier ausgwählten Aphorismen liegt die Ausgabe: Karl Kraus, Schriften; Erste Abteilung, Band 8, Aphorismen, herausgegeben von Christian Wagenknecht zugrunde.
 

Karl Kraus
Die letzten Tage der Menschheit
Tragödie in fünf Akten mit Vorspiel und Epilog
Reihe Österreichs Eigensinn - 800 Seiten, gebunden
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»Wer ihn gehört habe, der wolle nie mehr ins Theater gehen, das Theater sei langweilig verglichen mit ihm, er allein sei ein ganzes Theater, aber besser, und dieses Weltwunder, dieses Ungeheuer, dieses Genie trug den höchst gewöhnlichen Namen Karl Kraus.« Elias Canetti

Die Fackel online als gratis Volltext
Die 922 Nummern und rund 22.500 Seiten der vom österreichischen Schriftsteller Karl Kraus 1899 gegründeten Zeitschrift "Die Fackel" sind ab sofort dank eines Projekts des Austrian Academy Corpus der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) online abrufbar.
Um Zugang zu erhalten, ist auf aac.ac.at/fackel eine Gratis-Registrierung nötig, auch eine Volltext-Suche ist möglich. Getestet, und es funktioniert.

 


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