Glanz@Elend
Magazin für Literatur und Zeitkritik
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Rolf Dobelli
Fünfunddreißig
Eine Midlife Story
Leinen, 208 S.
ISBN 3-257-06352-0
Euro 16.90

Vom Erschrecken über sich selbst

Erstarrt sitzt der Mann auf einer Bank am Ufer des Zürichsees. Es ist Februar, kalt, es regnet. Seine Schuhe stehen in kleinen Pfützen, er ist völlig durchnäßt. Er ist kein Obdachloser, kein Drogenabhängiger. Der da sitzt, ist Gehrer. Heute ist sein fünfunddreißigster Geburtstag. In seiner Firma wartet man mit Schnittchen und Wein auf ihn, den erfolgreichen Marketingchef. Er wird für heute aus Harvard zurückerwartet. Dorthin hat ihn seine Firma auf ein Seminar für Führungskräfte geschickt. Eine Auszeichnung für Gehrers außerordentlich erfolgreiche Arbeit. Aber Gehrer kommt nicht aus Boston, er ist mit der Maschine aus Indien gelandet. In Harvard ist ihm etwas passiert, was Führungskräften nicht passieren darf. Gehrer ist durchgeknallt, hat das Seminar geschmissen, die Dozenten vor den Kopf gestoßen, sich Hals über Kopf in das erstbeste Flugzeug geflüchtet, und ist schließlich in Indien gelandet. 
Dort hat er sein Laptop in den Ganges geworfen, seine Rolex verschenkt, und ist in den Fluß eingetaucht, samt Anzug und Krawatte. Sein Handy hat er behalten. Dann fuhr er mit dem Zug durch das Land, kam bis zum Meer, auf das er lange geschaut hat
...
Jetzt sitzt er da, im Regen am Zürichsee, im Büro haben sie schon angefangen zu trinken, seine Frau wartet in einem Nobelrestaurant. Vergeblich. Gehrer ist bewegungsunfähig. In ihm rattert eine Gedankenmaschine, die er offensichtlich nicht kontrollieren, geschweige denn stoppen kann. Sein bisheriges Leben, die Beziehung zu seiner Frau, seine Karriere rast wie ein auf schnellen Rücklauf gestelltes Videotape durch seinen Kopf. Schließlich muß ihn jemand gefunden haben, denn Gehrer öffnet seine Augen in einem hellen Zimmer und sieht das Weiß der Bettwäsche.
Rolf Dobelli scheint zu wissen, von was er da schreibt, hat er doch selbst als Finanzchef und »CEO« in einem Konzern gewirkt, bevor er mit Freunden die Firma »getAbstract« (weltweit größter Anbieter von Buch- & Textzusammenfassungen) gründete.
Das Leben als rasender Stillstand, in dem die human-resource-unit Karriere macht, und der Mensch dahinter vollendet sich in den Slogans und Glücksversprechen der men-in-black, deren oberste Maxim die Optimierung der Wertschöpfungskette ist. Das dürfte in etwa der Philosophe der Bertelsmänner entsprechen. Dobelli läßt Gehrer auf der Bank sitzen, läßt ihn keine Lösung finden, legt keine Spuren für einen möglichen Neuanfang. Er tut das Richtige. Im Ganges auf Reinigung zu hoffen, ist naiv. Ein Westeuropäer holt sich dort höchsten Amöbenruhr. Es nützt auch nichts, aufs Meer zu schauen. Das Meer hat keine Fragen und es kennt keine Antworten. Gehrer müßte dabei schon die Blickrichtung umkehren. Sich selbst zu vergessen, das wäre die Kunst. Die Verlorenheit zu akzeptieren, das Absurde anzunehmen, die Poesie des Nichts zu erkennen. Aber das kann Gehrer ja noch lernen, wenn er aus der Klinik entlassen wird, er ist ja erst 35.
Rolf Dobelli hat uns die Geschichte vom Erwachen eines jener Elite-Soldaten erzählt, die glauben, im Krieg der Konzerne selbst einen guten Schnitt machen zu können, bis sie eines Tages über sich selbst erschrecken, weil ihre Seele auf dem Sprung ist, sich einen neuen Menschen zu suchen.
Herbert Debes
 


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