Glanz@Elend
Magazin für Literatur und Zeitkritik
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E = mc2

 


Gott, Einstein und der Rest der Welt
im Zeitraffer vorgestellt von Goedart Palm

Albert Einstein, zungenfröhlicher Pazifist mit (Atom)Bombenkenntnissen, hat eine trivialmythische Rezeption erlebt, die keinem Physiker oder Mathematiker, trotz der luziden Köpfe von Planck, Bohr, Heisenberg, Schrödinger, Hilbert und anderen, je beschieden war.
Der Mythos Einstein, der den Menschen Einstein mit Überlichtgeschwindigkeit überholte, hat sich in unsere unwägbaren Lebenswelten eingeschrieben. Wer aber hinter dem Mythos nach dem Wissenschaftler Einstein fragt, der greift auf die authentische, von Albrecht Fölsing umfassend recherchierte Biographie zurück, die dem wechselvollen Strapazenleben des ersten und vielleicht besten »Metaphysikers der Neuzeit« erfolgreich nachjagt. Fölsing konstruiert das komplexe Genie, das erst in der spannungsgeladenen Verschränkung zwischen Leben und Werk als eine Persönlichkeit entsteht, die Geist und Aggression, Humanität und Skurrilität, Starlife und Isolation synchronisierte. Wissenschaftssoziologisch hochinteressant markiert Einstein eines der letzten, der Theorieintuition verpflichteten Originalgenies, die immer nachhaltiger vom überindividuellen Albert Einstein um 1920 und selbstläufigen Forschungsmaschinerien verdrängt wurden.

Relativitätstheoretiker sind wir alle. Noch das allpräsente »irgendwie« in unserer alltäglichen Sprache kündet vom Fallibilismus in den wankenden Weltbildern, von der Unsicherheit der Gedanken, vom dem Verlust an festem Boden unter den Füßen. Während das 19. Jahrhundert die deterministisch aufgezogene Uhrwerk-Welt als Fundament einer entzauberten Schöpfung entwickelte, ist die Physik, die das naturwissenschaftliche Hartgeld in den Inflationen des Geistes zu sein schien, längst in Wallung geraten: Zeit, Raum und Materie, weniger dingfest denn je, wurden zu einem Minenfeld zwischen Subjekt und Objekt, einem hochexplosiven Urknallszenario verückter Teilchen und Wellen in einem Kosmos ohne göttliche Gelassenheit, aber mit viel teuflischer Heiterkeit.

Albert Einstein, der wie kein anderer das Bild des zerstreuten Professors mit der genialen Krause zur Freude der Nichtverstehenden bereitwillig zum Besten gab, hatte an der Demontage der archimedischen Hoffnung und der Gewißheit Newtons maßgeblichen Beitrag. Was besagt die Relativitätstheorie? Zeit, das Ding, das wir an der Uhr ablesen, läuft verschieden schnell ab, je nach Bewegung des Zeitreisenden. Mit anderen Worten: Wenn einer eine fixe Spritztour durch' s Weltall tut und zur Erde retourniert, ist die daheimgebliebene Ehefrau längst in' s Altenheim gezogen. Auch wenn dieser Umstand im Rahmen der Rentenversicherung gegenüber der Einrichtung von Karenztagen vorzugswürdig ist, bleibt unsere alltägliche Bewegung in Zeit und Raum weiterhin den metaphorischen Intuitionen Newtons unter dem Apfelbaum verpflichtet.

Nicht einmal streift uns das Gefühl sensorischer Verzögerungen von Sinneseindrücken des gleichzeitig Ungleichzeitigen, die immer nur einen Film des gerade Vergangenen präsentieren: Ein Vogel, der vor einer zehnmillionstel Sekunde so existierte, daß wir ihn »jetzt« wahrnehmen, der Mond vor einer Sekunde, die Sonne gar vor acht Minuten und Sterne, die bereits steinalt sind. Je nach der Bewegungsrichtung des Beobachters im Raum krisralliert sich eine andere zeitliche Abfolge von Ereignissen. Gegenwart kann längst vergangen, aber auch zukünftig sein. Da uns im Gegensatz zum unbewegten Beweger Aristoteles eine omnipotente All­Wahrnehmung des Universums verwehrt ist. Das »Hier und Jetzt« hat mithin keinen objektivierbaren Gehalt. Die Zeit erfahren wir als eine pragmatische Illusion von relativer Nützlichkeit, die William James ohnehin als das flüchtende Wesen der Wahrheit bestimmte.

Im Grunde hat Einstein die psychologische Erkenntnis, daß die subjektive Zeit verschieden schnell abläuft, auch auf die früher so objektiv zementierte Zeit ausgedehnt. Wenn einer heute noch den Spruch "Hier stehe ich und kann nicht anders" wagte, würde ihn die experimentell weitgehend gesichterte Theorie Einsteins auf den Boden des Relativen zurückholen. Ohne Angabe des raumzeitrelativen Bezugssystems darf sich niemand länger als Zeitgenosse seines Nachbarn ausgeben.

Einstein hat seinen frühen Erkenntnismut später durch den konservativen Bannfluch gegen die Quantentheorie relativiert: "Gott würfelt nicht!" Ein Restquantum fundamentaler Metaphysik gegenüber dem von ihm mitinszenierten Kontingenz-Drama der Schöpfung wollte er seinem Seelenfrieden erhalten. Zugleich aber trieb den früheren Patenramtsangestellten, der sich nicht für singuläre Phänomene interessierte, die holistische Hybris, Gottes Gedanken enträtseln, den Weltplan entschleiern zu wollen. Diese Intention bescherte Einstein den genialen Zugriff just auf eine Vielzahl von physikalischen Erscheinungen, eine Antwort auf das Weltganze eröffnete ihm sein Schöpfer nicht. Immerhin mag auf der gnostischen Suche nach der verlorenen Zeit im nicht euklidischen Raum-Zeit-Kontinuum ein wenig Hoffnung auf ewige Wiederkehr sein. Oder ist es - gegen den schrecklichen Zarathustra gesprochen - ein unentrinnbares Verhängnis?

Quantenmechanik, Komplexitäts- und Chaostheorien haben das von Einstein durchgewirbelte Universum weiter dynamisiert. Ilya Prigogine hat nicht nur Newtons, sondern auch Einsteins Glauben an die Existenz ewig gültiger Gesetze des Universums in seiner dissipativen Systemtheorie, der zufolge alles instabil und wenig prognostizierbar ist, unterminiert. Der an den Rollstuhl fixierte, nur per Sprachcomputer kommunizierende, freischwebende Dr. Seltsam Hawking hat schließlich die Existenz einer nicht geschöpften, ewig und drei Tage währen­den Welt ausgerufen. In diesem nichtlinearen Universum verklärt sich der Blick nostalgisch auf die Inquisition, die Galilei zusetzte. Die Destruktion des ptolemäisch-geozentrischen Weltscheibensystems in der Verkündung der marginalen Stellung der Erde zur Sonne erschien den Hexenjägern als häretisches Schreckgespenst. Daß ausgerechnet der kopernikanisch gewendete und von Hubbels Cepheiden-Sichtung exilierte Mensch, der irgendwo in einem trudelnden Schuhkarton zwischen Myriaden von Galaxien als glibberndes  Biowesen physiognomische Ähnlichkeit mit dem Autor des Gesamtkunstwerkes haben soll, ist ein kugelrunder Witz am Rockzipfel der Nichtschöpfung.

Einsteins Formel E = mc2, die Demontage der architectura caelistis, wurde zum Wissen der Häuserwände, der Schulbänke und Toiletten. Die Formel klingt so einfach wie ... eben einfach genial. Und was heißt das? Einstein ist Gehirnmasse mal Lichtgeschwindigkeit im Quadrat? Der Satz der Äquivalenz von Masse und Energie verrät in lichtvoller Klarheit, daß die Masse eines Körpers aufgrund ihrer Relativität zunimmt, je schneller sich dieser bewegt - bei Lichtgeschwindigkeit wird die Masse unendlich groß. Der Zugriff an kinetischer Energie entlarvt die Masse, mal schwer, mal träge, als eingefrorene Energie (Arthur March), jederzeit zur Existenz provozierbar. Als Geburtshelfer der Photonen, die das mechanistische Universum endgültig zerschossen, erkannte Einstein, daß die von Planck entwickelte Lichtwellentheorie (E = hv, will sagen, Energie gleich der Frequenz des emittierten Lichts, multipliziert mit einer Konstanten) die Annahme von diskontinuierlich fließenden Lichtkörnchen voraussetzt. Für diese Initiation eines nichtmechanistischen Universums, nicht für die Relativitätstheorie, erhielt Einstein den Nobelpreis für Physik des Jahres 1921.

Einstein durchlebte das gesamte Panorama des Ungleichzeitigen von Physik und Politik. Im zwanzigsten Jahrhundert sind die moralisch explosiven Wege zwischen dem Weltall und seinen anarchischen Atomen, den Studierstuben und Hiroshima, den Jahrbüchern der Physik und dem kollektiven Exitus gefährlich schnell geworden. So propagierte Einstein 1939 gegenüber Präsident Roosevelt den Bau der Atombombe und beschwört nach dem Krieg das Menetekel, dem er kausal verbunden war: die angeblich zwangsläufige Entwicklung der Vernichtungstechnologie zum kollektiven Ende.

Gleichzeitig mit Einstein haben Philosophie, Geisteswissenschaften und Künste Zeit und Raum gesprengt, den Menschen in die Zentrifugale eines auseinanderstrebenden Universums geworfen, seine Gottähnlichkeit als »incredible-shrinking-man-syndrom« verhöhnt. So erscheinen uns die Weltbilder der schon klas­sisch gewordenen Moderne wie die ihrer Vorläufer als didaktische Parabeln des Einstein-Universums. Grandvilles Anamorphosen, Dalis zerrinnende Uhren, Eschers alogische Räume illustrieren die Fibeln der Relativitätstheorie. Giacomettis Figuren nehmen die Gestalt von Menschen an, die wir sehen würden, wenn wir uns mit dem Licht angenäherter Geschwindigkeit zu ihnen hin bewegten.
Einstein, soviel ist nach der Biographie Fölsings sicher, ist nicht nur der Sohn jener poetisch verträumten Alice und Humpty-Dumptys, die gute Kontakte zur grotesk-gekrümmten Welt des Relativen pflegten. Dieser Biographie gelingt es vielmehr, das Bild Albert Einsteins vom Mythos zu befreien und einen Menschen vorzustellen, der nicht weniger komplex als sein Mythos war.

Albrecht Fölsing
Albert Einstein. Eine Biographie.
Broschierte Ausgabe, 2. Auflage,
960 Seiten
Suhrkamp Verlag
12,00 Euro
ISBN 3-51838-990-4


Links zu Einstein:
Einstein Archiv Online
Albert Einstein
Einstein Forum, Potsdam
Einstein Papers Project, Pasadena
Albert Einstein-Gesellschaft, Bern
Albert Einstein Archiv, Zürich
Albert Einstein Online
Albert Einstein in Princeton
www.aip.org
www.einstein05.ch
www.einstein.caltech.edu
www.einsteingalerie.de
www.einstein-camp.de
www.einsteins-erben.de
www.einstein-online.info
www.einstein-website.de
www.nobelprize.org
www.panoramaderzukunftsfragen.de
www.tempolimit-lichtgeschwindigkeit.de

www.welt-der-physik.de
 


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