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Goethe und seine Opfer
Eine Schmähschrift von Tilman
Jens
»Edel
sei der Mensch, / hilfreich und gut! / Denn das allein
/ unterscheidet ihn / von allen Wesen, / die wir kennen.«
So beginnt Goethe 1783 sein Gedicht
Das Göttliche.
Nach der
Lektüre von Tilman Jens “Schmähschrift Goethe und seine Opfer”
verfestigt sich beim Lesen dieser hehren Zeilen zunehmend der Gedanke,
Goethe spreche im festen Glauben an eine unmittelbar bevorstehende
Vergöttlichung von keinem andern als sich selbst.
Nun ist uns Tilman Jens ja seit dem Fall Johnson nicht gerade durch
Zimperlichkeit bei der Recherche zu seinen Themen bekannt. Und auch das
Erscheinen der Erstausgabe dieser frechen ‚Schmähschrift’ im Goethe-Jahr
1999 belegen sein ausgeprägtes Gespühr dafür, zur rechten Zeit am
rechten Ort präsent zu sein, diesmal mit den Leichen im Keller des
größten deutschen Dichters aller Zeiten. Großer Widerspruch regte sich
erstaunlicherweise nicht. Die Fakten waren offenbar auch anderen
bekannt, passten nur nicht ins Bild der offiziellen
Goethe-Feierlichkeiten. Der eigentliche Anlaß ist passé, das Thema indes
bleibt nicht nur für Germanistik-Studenten brisant.
Denn, wenn ‚der Olympier’ in Erscheinung trat, dann habe es ‚nach
Opfern’ gerochen, schreibt kein Geringerer als der Goethe-Verehrer und
nach ihm zweitgrößter (hat jemand einen anderen Vorschlag?) deutscher
Dichter, Thomas Mann. Jens nimmt dessen These offensichtlich sehr
lustvoll auf, und findet im Keller so prominente Namen wie Jakob Michael
Reinhold Lenz, Maximilian Klinger, Johann Heinrich Merck, Johann
Gottfried Herder, Charlotte von Stein, Schiller, Hölderin, Fichte,
Christiane von Goethe, Heinrich von Kleist u. a., die Goethe mehr oder
weniger diskret in den Wahnsinn, Ruin, zumindest aber aus seinem
Dunskreis getrieben hat.
‚Er schwebt über dem menschlichen
Elend gleich dem Bewohner eines anderen Himmelskörpers’, schrieb am 10.
Juli 1807 Christine Gräfin von Reinhard an ihre Mutter. Damit hatte sie
wohl recht, wenn auch leicht untertreibend, denn für das Elend der
Anderen war allzuoft der Geheimrat selbst verantwortlich, der keinen
neben sich ertragen konnte, von dem in seiner subjektiven Wahrnehmung zu
erwarten war, daß er ihm, das heißt, seiner Eitelkeit und seinem Ruhm
gefährlich werden könnte, sei es als Dichter oder Amtsinhaber. ‚Wollte
ich mich gehenlassen’, hat Goethe am 21. März 1830 zu Eckermann gesagt,
‚so läge es wohl in mir, mich selbst und meine Umgebung zu grunde zu
richten.’
Im
Konjunktiv ist leicht zu bedauern, was im Leben läßt erschauern. “Man
hätte offener zu ihm reden sollen. Aber mit einem ‚großen Manne offen zu
reden ist wohl nicht deutsche Art.’, schrieb Thomas Mann 1928. Da hat er
leider auch heute noch allzu Recht, und es ist gut, daß es dieses Goethe
Buch der anderen Art gibt, das zu jedem Goethejubeljahr seine Aktualität
zurückgewinnt. Herbert Debes
Tilman
Jens - Goethe und seine Opfer -
Eine Schmähschrift
Patmos -
152 Seiten -
9,95 -
ISBN 349169115X
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