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Voll
im Thema, mitten daneben!
Herbert Debes über Rolf Hochhuths Theaterstück
»McKinsey kommt«
»Seit Arthur Miller vor fünfzig Jahren 'Tod
eines Handlungsreisenden' auf die Bühne brachte, wird hier erstmals wieder der
'Rausrationalisierte' ins Zentrum eines Dramas gerückt: Die Katastrophe der
Entlassenen.« Rolf Hochhuth
Am 13. Februar 2004 wird im Kleinen Haus des Brandenburgischen Theaters der
Stadt Brandenburg an der Havel das neue Stück »McKinsey
kommt« von Rolf Hochhuth unter der Regie von Oliver Munk uraufgeführt.
Vorausgesetzt es kommt nichts dazwischen.
Ginge es nach Herrn Hochhuth, würde die nach der Wende durch den Kollaps ihrer
Stahlindustrie und die darauffolgende Abwanderung arg geschundene Stadt, spätestens
am 14. Februar zur revolutionären Keimzelle gegen die gnadenlose Diktatur der
Weltwirtschaft. Arbeitslose gibt es in Brandenburg mehr als genug, die Frage ist
nur, ob sie den Weg ins Theater finden wollen, das nach der hochgehandelten
Uraufführung von Hans Wallows Politsatire »Glatzer
oder der hektische Stillstand« vor fast auf den Tag genau drei Jahren, wieder
einmal im Mittelpunkt des Deutschen Theaterschaffens steht. Noch dazu in ein Stück,
das ihnen ganz genau die Zusammenhänge der Weltwirtschaft und ihre Auswirkungen
auf den Arbeitsmarkt erklärt, um sie anschließend im sauren Regen der Mark
stehenzulassen.
Meine Kritik richtet sich nach der vom
Autor freigegebenen, bei dtv erschienenen Druckfassung des Stücks, und ich wünsche
dem Regisseur und den Schauspielern, vor allem den vom Haus abgestellten,
Langmut und gute Nerven, die nicht ausbleibenden Auseinandersetzungen über eine
zu realisierende Spielfassung durchzustehen, oder rechtzeitig den Aufstand zu
proben.
Marcel Reich-Ranicki hat natürlich recht, wenn er über Hochhuth sagt: »Der
Mann hat ein Gespür für Themen...« Keine Frage, Rolf Hochhuth ist ein
hochpolitischer Autor. Sein Problem war, ist und wird es wohl bleiben, daß er
ein unverbesserlicher Schulmeister ist, der verkennt, daß Brechts
Agitationstheater, trotz aller Politisierung ein poetisches ist. Für »McKinsey
kommt« hat Hochhuth viele den Kern des Themas treffende Fakten
zusammengetragen, zumeist allgemeinzugängliche Zeitungsartikel, die er jeweils
seinem »Schauspiel
in fünf Akten mit fünf Epilogen« als »Aktkommentare”
voransetzt. (Spätestens hier dürfte im Publikum Freude aufkommen) Gefolgt von
ausführlichen Regieanweisungen, welche die Haltung der Schauspieler erklären
sollen. Höchst aufschlußreich für das Selbstverständnis des Autors ist dabei
u. a. der vergleichende Hinweise auf Shakespeares »Nachspruch,
vom König gesprochen« – drunter macht’s der Meister nicht. Die Grenzen des
Erträglichen überschreitet allerdings der von den Schauspielern zu sprechende
Text.
»Hilde:
Das Grundgesetz ist veraltet, weil es zwar regelt,
daß wir allein vor dem Gesetz gleich sind.
Nicht aber vor der Wirtschaft, die heute jeden
viel stärker im Griff hat. Alle dreißig Jahre
sind andere Mächte obenauf. Wenn Don Carlos ausruft:
‚Geben Sie Gedankenfreiheit!‘
war das todesmutig in seiner Zeit.
Zweihundert Jahre später müßte er rufen:
Zähmt die Wirtschaft!
Kurt, lacht: Don Carlos, hätte es aber heute schwerer
als der frühere, weil die Mächte nicht mehr nur einen Kopf
haben, wie damals der König von Spanien,
heute ist die Macht: die Banken und Konzerne – eine Hydra,
der einzelne wehrloser.
Hilde: Meinte schon Voltaire: Er werde lieber
von einem Löwen regiert als von zweihundert Ratten!
Bin neugierig, wir haben nun als Finanzminister
einen Sozi, wird der verhindern, daß weiterhin
Mercedes null Gewinnsteuern zahlt?«
So sprechen keine Menschen. So schreiben Autoren, die dem Volk
bedeutungsschwangeren Faktenbrei ins Maul legen, die Stimme des Volkes selbst
jedoch schon Jahre nicht mehr gehört haben. Es schmerzt bereits, diesen
sprachfernen Text zu lesen, wie müssen
erst die Schauspieler leiden, von Hochhuth zu Texttransportkörpern
degradiert, die seine Binsenwahrheiten über die Rampe zu stemmen haben. Und es
kommt noch schlimmer: Hochhuth stellt jedem Akt ein Gedicht nach, das von einem
Schauspieler, der vor den Vorhang zu treten hat(!), gesprochen werden soll. Den kröhnenden
Abschluß des Stückes bildet, nachdem im Bundesverfassungsgericht »Europas
falsche Fahne« demonstrativ verbrannt worden ist, das Gedicht:
»Arbeitslose
Die Frau, die noch vier Stunden putzen geht,
bemüht freundlich, doch verächtlich zum Mann,
der zwar nach Arbeit Schlange steht,
doch keine – und nie mehr! – finden kann:
“Depressiv verpennt hocken wir mutlos im Loch.
Wer Arbeit hat – hat das nie gefühlt!
Hier arbeitet nur einer noch:
Unser Eisschrank, der’s Bier dir kühlt ...”
Er lacht verzerrt: “Die kürzen noch die Rente.
Dann ‚findet selbst kein Bier mehr statt‘ ...
Europa zählt zur Jahrtausendwende
mehr Stempler, als Spanien Einwohner hat!”«
Fällt dann der Vorhang, wird das solchermaßen aufgebaute »depressiv
verpennte« Brandenburger
Publikum den Autor hochleben lassen und ihn auf seinen breiten märkischen Schultern zum
Parkplatz tragen ... Herbert Debes
Rolf
Hochhuth
McKinsey kommt
Molières Tartuffe
Zwei Theaterstücke
Mit einem Essay von Gert Ueding
Deutscher Taschenbuch Verlag
155 Seiten
€ 10,-
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