|
Wilfried
Steiner
Der Weg nach Xanadu
Roman.
Insel
288 Seiten. € 19,90
ISBN 3-458-17149-5
»Eine Tür öffnet sich in einem Buch, und man
kann hindurchgehen in ein anderes Leben – und wenn nötig die Tür
auch wieder hinter sich zuknallen. Unerreichbar sein in einer Zone, in der die
Außenwelt keinen Zutritt hat – zumindest nicht bis zum nächsten Abend- oder
Mittagessen.«
Mit seinem Roman »Der Weg nach Xanadu« führt uns Wilfried Steiner hinter eine
dieser magischen Türen. Dort lernen wir Alexander Markowitsch kennen. Ein
sympathischer Genußmensch, der als Anglistikprofessor in Wien arbeitet. Seine
Spezialität ist die englische Romantik. Für Samuel Taylor Coleridge
(1772-1834) hegt er eine besondere Vorliebe. Markowitsch lebt in den sogenannten
»geordneten Verhältnissen« eines Jungesellen in den besten Jahren, der sich
schon seit einiger Zeit keinen außergewöhnlichen Gemütsschwankungen mehr
aussetzt, es sei denn, man kredenzt ihm eine ganz besonders gute Flasche
Rotwein, es dürfen auch zwei sein. Als eines Tages ein Student bei ihm
anklopft, und ihm mitteilt, er möchte bei ihm über »STC« promovieren, ist
Markowitsch bereits in Gedanken dabei, ihn abzuwimmeln, da stürzt eine junge
Frau die Tür herein, offenbar die Freundin des jungen Mannes. Von diesem Moment
an gerät sein Leben aus den Fugen. Schlagartig erwacht der Jagdinstinkt des
Professors. Er verliebt sich Hals über Kopf in Anna, nimmt Martin als
Doktoranten an, und fängt, von den beiden angestachelt, an, sich wieder
intensiv mit Coleridge zu beschäftigen, dessen Leben ein Geheimnis in sich
birgt, dem Markowitsch bislang nie nachgegangen ist. Er träumt plötzlich immer
wieder von einem mysteriösen Zimmer, in dem Coleridge seine legendären
Gedichte wie den »Rime of the Ancient Mariner« geschrieben haben soll. Aber
warum schrieb dieser seine bedeutenden Texte alle in nur einem Jahr. Woran litt
er so jämmerlich? Und warum sprach der Dichter von einer Schuld, die er auf
sich geladen hat? Als ihn Anna in einer sternklaren Nacht auffordert, in den
Lake District zu reisen, und vor Ort dem Geheimnis nachzugehen, packt
Markowitsch seine Koffer, und macht sich, selbstverständlich mit seinen zwei
Kopfkissen, ohne die er nicht einschlafen kann, auf den Weg nach England ...
Unbeeindruckt von den Moden des literarischen Zeitgeistes schickt Wilfried
Steiner das Lesen auf den Weg nach Xanadu. Dort, so weiß nicht nur ein
Gedichtfragment von S. T. Coleridge, ließ »Kubla Khan / Einen prunkvollen
Freudenpalast errichten: /Wo Alph, der heilige Fluß, / Durch Höhlen, die dem
Menschen unermeßlich sind,/ Hinunter zu einem sonnenlosen Meer floß.«
Steiners Weg nach Xanadu ist eine virtuoses Plädoyer für die Macht der
Poesie. Sein Professor Markowitsch verliert in der labyrinthischen Lebenswelt
von Coleridge jede wissenschaftliche Distanz zu dem Objekt seiner Forschung. Er
gewinnt dafür jene Energie zurück, die Leidenschaft genannt wird, nicht nach
Sinn fragt, sondern Glück fordert, und aus dem fremden Leben eigenes Sein
zurückerobert. Am Ende der Geschichte angekommen, fragt sich das Lesen, ob es
die Tür zur Wirklichkeit wieder aufstoßen, oder sich mit Professor Markowitsch
auf den nächsten Tag freuen soll. Mag sein, daß manchem Realisten der Preis
dafür zu hoch ist. Aber umsonst ist der Tod ... Herbert
Debes
|