Glanz@Elend
Magazin für Literatur und Zeitkritik
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Zukunft


Manfred Wöhlcke
Das Ende der Zivilisation
Über soziale Entropie und kollektive Selbstzerstörung
dtv
303 Seiten
ISBN 3-423-34054-1

Das Beste, was es zur Zeit zu diesem Thema gibt. All denen, die glauben, zu wissen, wie die Dinge zusammenhängen und laufen, wird das Lachen im Halse stecken bleiben. Es ist alles noch viel schlimmer. Für wenig Geld ein pralles Buch, gefüllt mit allen Problemen, Katastrophen und Prognosen über das Ende dessen, was wir Zivilisation zu nennen uns angewöhnt haben, seit einem von uns der Knochen auf den Kopf gefallen ist. hd

Aus dem Vorwort
Dies ist ein in mehrfacher Hinsicht ärgerliches Buch: Erstens werden fast alle Illusionen zerstört, die unserem Weltbild eine erfreuliche Färbung geben; zweitens wird mit der Bejahung von phänomenologischen und morphologischen Analogien die ganze moderne Sozialwissenschaft in Frage gestellt; drittens wird der Leser in ein Labyrinth geführt und dort allein gelassen; viertens werden keinerlei Rücksichten auf die gängigen Grenzen des Humors genommen; und fiinftens sind die Konsequenzen dieser Abhandlung schlichtweg trostlos.
Der einzige Trost, den ich dem Leser zu geben vermag, besteht in der Versicherung, daß ich selber bei der Niederschrift dieses Textes am allermeisten leiden mußte und auch die Fahnenkorrekturen nur mit größter Überwindung erledigt habe.
Ich bin Soziologe. Man weint viel in diesem Beruf, aber von allen deprimierenden, Büchern, die ich kenne, ist dieses mit Abstand das deprimierendste. Es wird dennoch seine Leser finden, und zwar unter jenen sozialwissenschaftlich interessierten Personen, die den in Deutschland so häufigen und sonderbaren Hang zur Selbstbestrafung haben.
Die soziologische Erkenntnis kommt selten, aber plötzlich. Je mehr ich mich seit mehr als dreißig Jahren mit der Soziologie beschäftigt habe, um so sinnloser erschien sie mir, und zwar aus zwei Gründen: Erstens bekam ich den Eindruck, daß sie die spirituellen Probleme der menschlichen Existenz nicht zu lösen hilft, sondern im Gegenteil verstärkt, und zweitens wurde mir immer bewußter, daß die Geschichte der Theorien von einer ganz anderen, nämlich realen Geschichte begleitet wird. Als ich die Hoffnung schon aufgegeben hatte, jemals das gleißende Licht der soziologischen Erkenntnis zu erblicken, wurde mir dieses Geschenk plötzlich zuteil, aber es erwies sich schon bald als ein veritables Danaergeschenk.
Ich gehe davon aus, daß die menschliche Gesellschaft wahrscheinlich schon vor, spätestens aber nach dem Durchlaufen des sogenannten Entwicklungsprozesses kollabiert und die Menschen als stammesgeschichtliche Gattung von diesem Planeten verschwinden werden. Es ist nun leider nicht nur diese These an sich, die deprimierend ist, sondern die Tatsache, daß es gute Argumente gibt, die sie plausibel machen.
Es gibt viele Wege in die Katastrophe. Die Menschheit hat sich entschlossen, alle Varianten des Untergangs gleichzeitig auszuprobieren, um herauszufinden, welche die beste ist. Der Selektionsprozeß, der die Entwicklung der Arten hervorgebracht hat, wirkt auch bei deren Untergang. Die erfolgreichste biologische Gattung - nämlich der Mensch - wird den sichersten Weg finden, um sich selber zu vernichten, sofern sich nicht einer der anderen Wege bereits vorher für diesen Zweck als ausreichend erweist.
Alle jene Leser, die sich von der Lektüre dieses Buches die Befriedigung einer gewissen masochistischen Frivolität erhoffen, werden eine Enttäuschung erleben, denn sie werden zwar gequält, aber ihre Frivolität wird nicht befriedigt.
An dieser Stelle endete das Vorwort der ersten Auflage dieses Buches (Soziale Entropie - Die Zivilisation und der Weg allen Fleisches, 1996). Aus gegebenem Anlaß habe ich mich entschlossen, für diese zweite Auflage noch einige Anmerkungen anzufügen:
Ich denke, daß jeder Leser, der sich einer zumindest durchschnittlichen Intelligenz erfreut, bereits nach den ersten Absätzen des Vorworts den Eindruck bekommen haben muß, daß es sich bei diesem Buch um eine Satire handelt. Sie ist freilich von besonderer Art, denn sie entstammt nicht dem Kabarett, sondern der Sozialwissenschaft. Natürlich beraubt man eine Satire zu einem beträchtlichen Teil ihres Witzes, wenn man sie als solche deklariert. Deswegen habe ich das in der ersten Auflage nicht getan. Jetzt erscheint mir dies aber geraten, nachdem einige verbiesterte Rezensenten die erste Auflage verrissen haben, ohne offenbar verstanden zu haben, worum es in diesem Buch eigentlich geht: Es handelt sich um ein humorvoll und provokativ formuliertes Plädoyer für eine kritische Besinnung bezüglich der Qualität des sogenannten Fortschritts.
Ich betrachte den zivilisatorischen Prozeß ähnlich wie ein Arzt, der sich mehr für die Krankheit als für die Gesundheit interessiert, und konzentriere mich entsprechend auf die negativen Aspekte und Tendenzen der soziokulturellen Entwicklung. Wenn man das tut, kann einem allerdings wirklich angst und bange werden, und man bekommt ernsthafte Zweifel, ob die Menschheit alles Unheil bewältigen wird, das sie bereits erzeugt hat und ständig neu erzeugt. Jeder einzelne Bestandteil aus der Büchse der Pandora, die wir geöffnet haben, kann den Untergang der Zivilisation herbeiführen. In ihrer Summe sind diese Übel möglicherweise unbeherrschbar. Die unterschwellige Botschaft dieses Buches lautet: Wir müssen uns an vielen Fronten erheblich mehr als bisher anstrengen, um die von uns selber eingeleitete Apokalypse zu vermeiden.
Die Form einer Satire habe ich aus zwei Gründen gewählt: Erstens erlaubt sie es, den ernsthaften Kern der Argumentation durch Überspitzung deutlich hervorzuheben, anstatt ihn unter den in den Sozialwissenschaften üblichen Konjunktiven, Euphemismen, Abstraktionen, Einschränkungen, Absicherungen, sprachlichen Marotten, theoretischen Kapricen und methodischen Skrupeln zu verschütten; zweitens wollte ich den schweren Stoff durch die Zugabe von (zumeist schwarzem) Humor etwas verdaulicher machen. Im übrigen möchte ich auch nicht verschweigen, daß es mich nach vielen aseptischen Texten, die ich in den letzten dreißig Jahren als Sozialwissenschaftler geschrieben habe, sehr gereizt hat, endlich ein wenig Farbe und Leben in die trostlosen Elfenbeintürme zu bringen.
 

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