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Wird die Zukunft solidarischer?

Ein Blick zurück und nach vorn mit Heinz Budes Werk über »Solidarität«

Von Phillip D. Th. Knobloch

Mittlerweile wird immer deutlicher, wie wichtig Solidarität für eine Gesellschaft ist. Jedoch hat uns die aktuelle Corona-Krise auch deutlich vor Augen geführt, dass es mitunter gar nicht so einfach ist zu entscheiden, was Solidarität im konkreten Fall bedeutet. Ist derjenige mit seinen Mitbürgern solidarisch, der schon vor einer Tragepflicht nur noch mit Schutzmaske in den Supermarkt geht? Oder ist dies gerade ein Zeichen von fehlender Solidarität, da die Masken etwa in Krankenhäusern viel dringender gebraucht werden? Angesichts derartiger Fragen erscheint es in der aktuellen Krise lohnenswert, vertieft über Solidarität nachzudenken. Da Heinz Bude kürzlich ein Werk mit dem Titel »Solidarität« vorgelegt hat, liegt es nahe dieses nun zur Hand zu nehmen, um mit dem Autor nach der Zukunft dieser großen Idee zu fragen.

Ein wichtiger Ausgangspunkt für die Überlegungen Budes ist die immer wieder aufkommende Klage über den Verlust von Solidarität in unserer Gesellschaft. Angesprochen werden hier nicht nur allgemeine Entwicklungen, wie die Zunahme an egoistischem Verhalten und die Ausbreitung einer Ellenbogenmentalität, sondern vor allem auch die Schattenseiten des globalen Kapitalismus. Exemplarisch verweist Bude im Vorwort auf unterbezahlte Gebäudereiniger, illegal Beschäftige in Sweatshops sowie auf entwurzelte Hausangestellte aus dem globalen Süden.

Für Bude verweisen diese Beispiele nicht nur darauf, dass es derzeit an vielen Stellen an Solidarität mangelt. Vielmehr fehle sogar die »Sprache der Solidarität für dieses Elend im Reichtum« (S. 9). Solidarität mit den Leidtragenden der Globalisierung, so lässt sich verkürzt schließen, werde mittlerweile nicht einmal mehr gefordert.

Dafür lassen sich an anderer Stelle zunehmend Forderungen nach mehr Solidarität vernehmen. Dabei handle es sich laut Bude jedoch um Formen exklusiver Solidarität, die sich etwa auf das eigene Volk beziehen, und andere, beispielsweise Fremde, Zuwanderer und Flüchtlinge, explizit ausschließen. Während Forderungen nach Solidarität traditionell von linker Seite kamen, kommen sie demnach derzeit vor allem von rechts. Diese problematischen Entwicklungen geben Heinz Bude Anlass, über die Zukunft der Idee der Solidarität nachzudenken.

Am Anfang seiner »Meditationen über […] Solidarität« (S. 11) verdeutlicht Heinz Bude am Verhalten des sogenannten Trittbrettfahrers ein grundlegendes Problem. Unter Rückgriff auf Studien von Mancur Olson wird darauf verwiesen, dass Menschen dazu neigen, sich nur dann freiwillig für kollektive Güter zu engagieren, wenn sie dabei auch einen individuellen Vorteil ziehen. Daher sei es auch relativ normal, dass sich Menschen wie Trittbrettfahrer verhalten, indem sie versuchen von kollektiven Gütern zu profitieren, ohne sich jedoch für diese einzusetzen.

Um den Begriff der Solidarität weiter zu klären, ruft Bude danach verschiedene historische Positionen auf. Vom Freundschaftsbegriff des Aristoteles gelangt er zur christlichen Brüderlichkeitsethik, vom römischen Recht zur Französischen Revolution und der Formel »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit«. Hier wird dann der Beginn der neueren Geschichte des Solidaritätsbegriffs verortet. Begriffsgeschichtlich ist laut Bude jedoch erst das 19. Jahrhundert das eigentlich Jahrhundert der Solidarität. Dies wird nicht nur an den ersten soziologischen Theorien deutlich, wie etwa bei Auguste Comte, der die Angewiesenheit aller auf ihre Mitmenschen thematisiert, sondern auch an den politischen Bewegungen des Solidarismus in Frankreich und der Sozialdemokratie in Deutschland. Solidarität ist hier eine Kategorie des Stolzes der Arbeiterklasse, die etwa in der sozialdemokratischen Vereinskultur ihren Ausdruck findet.

An den Überlegungen Emil Durkheims wird anschließend gezeigt, warum zwischen einem modernen und einem traditionellen Begriff der Solidarität unterschieden werden sollte. Während für Durkheim sogenannte primitive Gesellschaften durch eine mechanische Solidarität zusammengehalten werden, die sich in einem etwa über die Religion vermittelten starken Kollektivbewusstsein ausdrückt, ist es in modernen Gesellschaften eine organische Solidarität, die hier den sozialen Zusammenhalt sichert. Dabei gründe diese moderne Form der Solidarität paradoxerweise auf der Arbeitsteilung. Denn je mehr sich die einzelnen Gesellschaftsmitglieder beruflich spezialisieren und dadurch unterscheiden, desto abhängiger werden sie voneinander. Diese Abhängigkeiten gelte es zu begrüßen, um solidarische Lebensformen einzuüben und einen Sinn für die Gemeinschaft zu entwickeln. Die Arbeitsteilung dient bei Durkheim der System-, die durch Sozialisationsprozesse in Innungen, Verbänden und Gewerkschaften erworbene Solidarität der Sozialintegration.

Heinz Bude stellt jedoch infrage, ob kollektive Körperschaften immer noch imstande sind, ein Solidaritätsgefühl zu nähren, das die gesamte Gesellschaft eint. Übersehen hätte Durkheim Formen der Solidarität, die im alltäglichen Miteinander entstehen, beispielsweise zwischen Kollegen, Nachbarschaften und Freunden. Jedoch gibt Bude auch zu bedenken, dass diese Formen interpersonaler Solidarität eher nicht geeignet sind, um ein Verantwortungsbewusstsein für die gesamte Gesellschaft auszubilden.

Obwohl man den Sozialstaat als eine »Form institutionalisierter Solidarität« (S. 45) begreifen kann, gibt Bude zu bedenken, dass Solidarität auch in diesem Bereich weitgehend verloren gegangen sei. Denn um eine möglichst umfassende sozialstaatliche Versorgung beanspruchen zu können, ist es nötig, sich auch individuell gegen die Risiken Alter, Arbeitsunfähigkeit und Arbeitslosigkeit abzusichern. Darüber hinaus würden mittlerweile immer mehr Menschen davon ausgehen, dass sie sich besser selbst gegen die »Standardrisiken der industriellen Arbeitsgesellschaft« (S. 45) absichern könnten – mitunter durch Übungen der Achtsamkeit, ausreichend Bewegung, durch eine gesunde Ernährung, durch Yoga oder Gartenarbeit. Diese Selbstbesorgten, wie Bude sie nennt, seien von der Idee der Solidarität und vom bisherigen Modell eines sorgenden Sozialstaates abgerückt, da hierdurch Abhängigkeiten statt Selbständigkeit und Selbstverantwortung kultiviert würden. Entsprechend sei dann auch der Sozialstaat am Ende des 20. Jahrhunderts neu justiert worden. Während der deutsche Sozialstaat laut Bude zunächst vor allem auf Solidarität unter Männern ausgerichtet war, hat sich mittlerweile auch in Bezug auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf vieles verbessert. Ein Gefühl von Solidarität habe sich jedoch auch hierdurch nicht eingestellt.

Im Rückblick auf die deutsche Nachkriegsgeschichte werden jedoch auch Phasen aufgezeigt, die durch Solidarität und gegenseitige Verantwortungsübernahme gekennzeichnet waren. Dies sei etwa nach 1945 während des Wiederaufbaus aufgrund der »kollektiven Kriegsfolgebetroffenheit« (S. 77) so gewesen, später aber auch im Zuge des Beitritts der DDR zur Bundesrepublik. Vor dem Hintergrund ökonomischer Probleme und angesichts der Globalisierung hätte die rot-grüne Regierung unter Gerhard Schröder und Joschka Fischer um die Jahrtausendwende dann auf die Steigerung der Konkurrenzfähigkeit gesetzt. Zwar sei Deutschland dann tatsächlich zur stärksten Wirtschaftsmacht Europas aufgestiegen, doch stellt sich für Bude die Frage, ob auf diesem Weg nicht auch die Solidarität in der Gesellschaft verloren gegangen sei.

In einem eigenen Kapitel setzt sich Bude mit dem Thema der Achtsamkeit auseinander, die mittlerweile vielen als Therapie gegen die Übel einer beschleunigten und selbstverantwortlichen neuen Arbeitswelt gilt. Bei einem im Sinne entsprechender Programme entwickelten achtsamen Selbst handle es sich laut Bude vielleicht sogar um eine neue Subjektivierungsform, die den mit dem sogenannten unternehmerischen Selbst einhergehenden Problemen entgegenwirken soll. Da den Achtsamen der eigene Seelenfrieden wichtiger sei als die Sorge um andere, befürchtet Bude, dass auch dieser Trend eher Solidarität verhindert als nährt.

Gesellschaftstheoretische Überlegungen führen Bude dann zu dem Schluss, dass es Gerechtigkeit ohne Solidarität nicht geben kann. Während für die Gerechtigkeit und die Garantie von Freiheits-, Teilnahme- und Wohlfahrtsrechten der demokratische Rechtsstaat zuständig ist, sei es Aufgabe der Zivilgesellschaft, beispielsweise über Vereine, Netzwerke und Freundschaften Formen der Verbundenheit und Verlässlichkeit zu kultivieren. Da die Zivilgesellschaft in den meisten westlichen Ländern jedoch mittlerweile vor allem im Hinblick auf das Thema Zuwanderung tief gespalten sei, die einen Solidarität mit der eigenen Gruppe forderten, die anderen jedoch Solidarität mit den Anderen, sei auch dieses Gesellschaftsmodell – und damit die Solidarität – in eine große Krise geraten.

Interessant werden die Überlegungen Budes an dieser Stelle insofern, als er nun große Zweifel an der Plausibilität des Konzepts eines umfassenden »Wir« der zivilgesellschaftlichen Solidarität äußert. Denn jedes solidarische Wir-Konzept gewinnt erst durch Abgrenzung von einem »Ihr« seine Konturen, das als unterdrückend wahrgenommen wird. Dies ist der Grund dafür, dass derartige Wir-Konzepte zwar einerseits geeignet sind, um Solidarität von der eigenen Gruppe einzufordern und einzuholen, dabei stets aber auch eine andere Gruppe von der Solidarität ausgenommen wird. Bude verweist dabei etwa auf die Frauenbewegung, auf Minderheitsbewegungen und ganz allgemein auf soziale Bewegungen, die sich, je nach Fall, gegen die Hegemonie, gegen die Etablierten oder die Normalen etc. positionieren und exklusiv solidarisieren. Vorstellbar ist es für Bude zwar durchaus, dass die vielen kleinen Solidaritäten die große gesellschaftliche Solidarität ersetzen, jedoch gibt er zu bedenken, dass sich in einer derartig inklusiven Gesellschaft auch keiner mehr für die jeweils anderen zuständig fühlen würde.

Während bisher vor allem der Verlust von Solidarität zu beklagen war, ohne dabei jedoch Zukunftsperspektiven zu eröffnen, wird im letzten Kapitel zumindest der Versuch unternommen, das im Untertitel des Buches geäußerte Versprechen, es gehe in dem Buch um die Zukunft einer großen Idee, gerecht zu werden. Denn nun thematisiert Bude nicht mehr nur den Solidaritätsverlust in Deutschland und anderen westlichen Ländern, sondern versucht, in der kritischen Analyse neuer Ungleichheiten auch eine globale Perspektive einzunehmen. Neu ist an dieser Stelle, dass er auf die Notwendigkeit verweist, das Thema Solidarität künftig auch in Bezug auf das Verhältnis zwischen dem globalen Norden und dem globalen Süden zu diskutieren. Denn einerseits nehme die Ungleichheit in den westlichen Ländern zu, während der globale Norden im weltweiten Wettbewerb zunehmend in die Defensive gerate und der globale Süden die Offensive übernehme. Neue Formen der Solidarität könnten nur dann gewonnen werden, wenn auch ein neues Wir gebildet wird, und zwar jenseits eines Wir des Nordens und eines Wir des Südens. Damit hat Heinz Bude sicherlich recht. Jedoch wäre es interessant, mehr über dieses neue Wir und die neuen Formen globaler Solidarität zu erfahren. Da das Buch aber genau an dieser Stelle endet, bleibt die Zukunft der großen Idee der Solidarität hier weitgehend offen.

Man muss dem Autor sicherlich zugutehalten, dass die Fokussierung auf den Begriff der Solidarität insofern aufschlussreich ist, als man über diesen eine Vielzahl aktueller Gesellschaftsentwicklungen und -probleme angehen und im Zusammenhang diskutieren kann. Die gilt sicherlich u.a. für die erwähnten Veränderungen in der Arbeitswelt und deren Auswirkungen hinsichtlich neue Formen der Subjektivierung, für die Problematik einer ausufernden Identitätspolitik, die Spaltung der westlichen Gesellschaft im Kontext von Rechtspopulismus und Migration, die Notwendigkeit der Überwindung des methodologischen Nationalismus in der Gesellschaftsanalyse etc. Zu all diesen Themen wurde jedoch auch schon viel gesagt, dazu oftmals in deutlich systematischerer Form. Vielleicht mag der Wert des Buches daher auch eher darin bestehen, einen gesellschaftstheoretischen Diskussionsstand zu dokumentieren, der mittlerweile Geschichte ist. Denn es drängt sich der Gedanke geradezu auf, dass mit und nach Corona die Frage nach Solidarität, von der kleinsten Gruppe bis zur Weltgesellschaft, nicht nur neu und anders diskutiert werden muss, sondern jetzt vor allem auch anders diskutiert werden kann. Mit seinem lesenswerten Werk über »Solidarität« hat Heinz Bude hierfür einen durchaus interessanten Ausgangspunkt markiert.

Artikel online seit 13.04.20
 

Heinz Bude
Solidarität
Die Zukunft einer großen
Idee
Carl Hanser Verlag
176 Seiten
19,00 €
978-3-446-26184-6

Leseprobe

 


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