Glanz&Elend Literatur und Zeitkritik                                           Impressum & Datenschutz

 

Home   Belletristik   Literatur & Betrieb  Krimi   Biografien, Briefe & Tagebücher   Politik   Geschichte   Philosophie  


 


Der rasende Rolando

Eine zufällige Merkwürdigkeit

Eine Glosse von Wolfram Schütte
 

Der heute neununddreißigjährige Fußballspieler Cristiano Ronaldo ist eine einzigartige Merkwürdigkeit des Augenblicks.

In einem Alter, in dem Fußballer physisch üblicherweise ihre professionelle Karriere beendet haben, ist der (bei Freistößen) statuarisch - wie eine zu Leben erwachte Arnold-Breker-Figur - über den Rasen stolzierende »Superstar« das unübersehbare Wahrzeichen im Angriffszentrum der portugiesischen Nationalmannschaft.
Ausnahme-Athleten wie ihn, vergleichbar Unikaten à la Joyce, Mozart oder Picasso in der Kunst, gab & gibt es immer wieder im Sport. Das ist nicht die denkwürdige Merkwürdigkeit, die ihm jetzt im Europameisterschafts-Spiel Portugal/Slowenien zugestoßen ist & deren Zeugen zig Millionen von Zuschauer auf der ganzen Welt wurden.

Vorauszuschicken wäre, um den außergewöhnlichen Vorfall mit seiner tragikomischen Pointe zu verstehen, dass Portugal das Spiel unbedingt gewinnen musste, um weiterhin im Wettbewerb bleiben zu können & dass Cristiano Ronaldo – neben den zahllosen Trophäen seiner Karriere an deren Ende – auch noch unbedingt eine gewinnen wollte, die er sich selbst gestellt hatte: der älteste Spieler zu sein, der jemals in einer Europa-Meisterschaft ein Tor geschossen hat.
Mag das eine, bzw. seine jüngste fixe Idee sein: nicht nur seine Mitspieler kannten & billigten sie, auch die halbe Welt der Zuschauer-Fans erwartete, dass er sie selbstverständlich im Handumdrehen realisieren würde - & damit der Unvergleichliche seine Mannschaft, wie schon über Jahrzehnte hinweg so oft, ganz allein, durch nur seine kickende Präzisionskunst zum Triumph führen würde.

Der Spielverlauf ermöglichte ihm – neben manchen vertanen Chancen – gleich zwei Gelegenheiten, seine von ihm so einzigartig ritualisierten Inszenierungen auszuführen: »Cristiano« nimmt schrittweise Maß für seine Furcht einflößenden Torschüsse - wie der Scharfrichter sein Schwert weit ausholend aller zuschauenden Welt präsentiert, bevor es tödlich niedersaust.

Zwei »Standard«-Situationen - ein Freistoß & ein Elfmeter (!) -: Besseres, um nicht zu sagen Leichteres, hätte diesem »begnadeten« Künstler der Ball-Platzierung nicht vor Augen & Fuß kommen können – um sich seinen solipsistischen Traum zu erfüllen, er allein, der Weiße Ritter eines mittelalterlichen Mythos, führe das Vaterland (& alle seine Schutzbefohlenen & Bewunderer) groß zum Sieg!  

Aber der Heros, der wie viele Fußballer dieser Europa-Meisterschaft den Segen des Himmels mit erhobenen Zeigefingern erfleht hatte, scheiterte diesmal spektakulär gleich zweimal. Der Himmel – ob die Gottheit seines Vornamens, der bösartige Gott-sei-bei-uns oder gar die launischen Götter der Antike – war ihm diesmal nicht mehr gnädig: den ausgezirkelten Freistoß schoss er daneben & der Elfmeter wurde vom gegnerischen Torwart teuflischerweise glanzvoll pariert!

Es war, als sollte die Scham über sein so offen erkennbares zweimaliges Versagen ihn überwältigen: der ebenso glücklose wie zornige Held in seinem Pech begann zu weinen - herzzerreißend, allein am Elfmeterpunkt, weinte der große Mann mit dem kantigen Kopf & mächtigen Hals wie ein von aller Welt verlassener kleiner Junge. Nein: weinten nicht auch schon Gilgamesch & die homerischen Helden, niedergeschlagen vom »Walten des Schicksals«?

Plötzlich war für einen kostbaren Augenblick der tiefste Tragische Moment der antiken Welt in einem deutschen Fußballstadion präsent! Und die Großaufnahme des indiskreten Zooms der elektronischen Kamera übertrug das greinende Gesicht des Gedemütigten in alle Welt. Was für ein bestürzender Augenblick des totalen Scheiterns auf der ganzen Linie war dieser Sturz des Giganten!

Aber es sollte dabei nicht bleiben.

Als es am Ende des unentschieden-torlosen Spiels der beiden Mannschaften zum individuellen Elfmeterschießen kam, war der fast untröstliche Cristiano Ronaldo der erste Portugiese, der trotz des ihm »bösen Omens« endgültig wissen wollte, ob der gefallene Rettungsengel bei seinem zweiten Elfmeterschuss erneut versagen würde.
Aber siehe da: nun brach er den katastrophalen Bann, der doch so niederschmetternd folgenreich über ihn verhängt gewesen zu sein schien. Seinem Beispiel folgten zwei weitere Teamkollegen & so kickten sie gemeinsam die portugiesische Mannschaft zum Sieg.

Wenn man an ein Numinoses glaubte (ich tue es nicht), schien es nun, als wollte (gewissermaßen hölderlinisch gesprochen) ein »Göttliches« dem hochmütig-erfolgsverwöhnten fußballerischen »Halbgott«, der qua »Triumph des Willens« seine »übermenschliche Leistung« erzwingen wollte, humanistische Mores lehren: wenn nicht christliche, so doch menschliche Demut; politisch gesprochen: Cristiano Rolando erlebte vor aller Augen seinen Sturz in die Demut, vom solitären Autoritarismus zur solidarischen Egalitarität.
Zu erleben war sowohl der schmerzhafte, wutentbrannte, tränenreiche Untergang des nietzscheanischen »Übermenschen« als auch die glückshafte Rehumanisierung Cristiano Ronaldos - und ihr könnt sagen, ihr seid bei diesem grandiosen Schauspiel als staunende Augenzeugen dabei gewesen.  

Was ihm, als er sich (aus Eitelkeit) überforderte (& dadurch psychisch »verkrampfte«?), zwiefach misslang, glückte ihm, als er von seinem imaginären Sockel gefallen war: Portugal hat das Spiel durch Elfmeterschießen dreier Spieler gewonnen & Cristiano Ronaldo ist, zumindest bis sein zwei Jahre älterer Team-Kollege »Pepe« nicht auch noch ein Tor im nächsten Spiel der Portugiesen schießt, der älteste Torschütze der Europa Meisterschaft 2024.

Eine denkwürdige Merkwürdigkeit!

Artikel online seit 03.07.24
 


 

 


Glanz & Elend
- Magazin für Literatur und Zeitkritik
Home   Literatur   Krimi   Biografien, Briefe & Tagebücher   Politik   Geschichte   Philosophie    Impressum - Mediadaten