Glanz@Elend
Magazin für Literatur und Zeitkritik
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Leselandschaft

 


Lesen ist kein Wert an sich


Tolkien im Lederprachtband für 900 €, Tolkien mit Goldkante, Tolkien als Backstein, Tolkien als Volksausgabe, Tolkien als Buchkassette zum Film ...







Tollkühne Ansichten eines Clowns

Das Spektakel des ZDF hat endlich ein Ende. Jetzt wissen wir, was die Deutschen am liebsten Lesen: Vor allem Tolkien bis zum Anschlag, und wenn alles in Scherben liegt, die Bibel als Seelentröster, um aus dem Schutt die Säulen der Erde wieder aufzubauen. Da haben die Ansichten eines Clowns keine Chance.
Nun ist es grundsätzlich müßig über Qualität & Sinn von Ranglisten zu streiten, aber wir Deutschen scheinen nichts Sinnvolleres zu tun zu haben, als in allen Lebensbereichen unsere Superstars zu wählen. Ich denke, das hat Methode, denn durch die medial suggerierte Teilhabe an vermeintlich bedeutenden Entscheidungen und Ereignissen läßt sich die eigene Bedeutungslosigkeit leichter ertragen. Gefeiert wird das Lesen an sich, moderiert von den oligarchen Bannerträgern des gestriegelten Amusements in der grinsenden Unverbindlichkeit des gegenwärtigen öffentlichen Sprechens, das die Menschen zugleich witzigt und verdummt.

Lesen ist kein Wert an sich
Auch das Lesen ist in den vergangenen Jahren jenem Prozeß der Verwahrlosung unterlegen, der alle von den Bedingungen der Industriegesellschaft geprägten Lebensbereiche des postmodernden Menschen zeichnet.

Heute wird unter dem Etikett »Literatur« alles verkauft, was zwischen zwei Buchdeckel paßt und eine Marktnische ausfüllt. Ehemals identitätsstiftende und kulturtragende Verlage verkommen dank Mc Kinsey zu seelenlosen Produktionsstätten der Ware Buch, in denen der Autor bestenfalls als Marke be- und gehandelt wird, wie folgender Auszug aus dem »Manifest« eines renommierten deutschen Verlagshauses belegt:
»Die XXX Verlage erheben den Anspruch, Jahr für Jahr eine angemessene Rendite zu erwirtschaften. - Jedes ihrer Programme hat einer ökonomisch verbindlichen Logik zu folgen, die zwei grundsätzliche Kalküle akzeptiert: Erstens ein kurzfristig angelegtes Kalkül, das auf die Wirtschaftlichkeit des Verlegens tagesaktueller Stoffe ausgerichtet ist. Zweitens ein Kalkül, das auf einen langfristigen Autoren- bzw. Programmaufbau zielt. - Wurde im Rahmen ökonomischer Vernunft alles getan, um einen Autor durchzusetzen und ist dessen langfristige Erfolglosigkeit absehbar, wird auch im Rahmen des zweiten Kalküls das fortgesetzte Verlegen abgelehnt. - XXX erwartet vor jedem Vertragsabschluß eine angemessene Vorkalkulation, die sowohl realistische Auflagenhöhen kennt, als auch konkrete Vermarktungsüberlegungen und die angemessene Berücksichtigung von Zweit- und Drittverwertung.«
Man braucht nur das Wort »Autor« durch »Produktlinie« zu ersetzen und schon wäre der Text auch auf eine Seifenfabrik anwendbar.
Nicht verlegerisches Unvermögen, inkompetente Personal- und damit Programmpolitik werden analysiert, sondern banale, vulgärkapitalistische Floskeln, die der ökonomisch verbindlichen Logik folgen, einem intelektuellen Euthanasieprogramm gleichkommen, werden als Therapie für einen Patienten gefeiert, der dafür nichts geringeres als seine Seele verkauft hat.
Ein Verlag ist aber keine Seifenfabrik, und ein Autor keine Duftnote. Ein Verlag braucht (einen) Verleger und Lektoren, die zuerst der Qualität des Textes verpflichtet sind und nicht seinem Erfolg.
Stattdessen erklärt das Kalkül des Kapitals das suchende Lesen kurzerhand langfristig für unmündig, und füttert es mit »tagesaktuellen Stoffen« ab. Es ist nicht am Lesen interessiert, sondern an seiner Kaufkraft.
Die Kommunikationsindustrie demokratisiert das konformistische Geschwätz, aber liquidiert die Dichtung.
Das Lesen lebt jedoch von der Bereitschaft der Lesenden, sich einem Prozeß auszusetzen, der unter Umständen geeignet ist, seine Identität zu verändern. Beim Lesen trifft sich die Phantasie des Lesers mit den Vorstellungen des Autors in einem Raum, der nur während des Lesens existieren kann. Hier erst entsteht das, was Literatur einzigartig macht, hier findet die Poesie statt. Diese Landschaften sind unbewaffnet, unkalkulierbar und uneinnehmbar. Sie werden allen Listen zum Trotz weder von den Controllern der Medienkonzerne, noch von der Nomenklatura der Literaturkritik eingenommen werden können. In diesen Landschaften lebt das Lesen, jenseits von Sansibar, in den Wäldern hinter der Bahnlinie . . . Franz Tunda

 


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