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Minutiöse Inventur
der eigenen Existenz |
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Samuel Becketts Deutschlandreise vom 1. Oktober 1936 bis zum 2. April 1937 fällt in eine historische Phase, in der sich die nationalsozialistische Herrschaft bereits tief in alle Bereiche des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens eingeschrieben hatte. Seine Reise führte ihn unter anderem nach Hamburg, Berlin und München, aber auch in die deutsche Provinz. Er besuchte Museen und Ausstellungen, sah Theateraufführungen, besichtigte Sammlungen und suchte die Auseinandersetzung mit der deutschen Kunst- und Kulturlandschaft. Was diese Reise in besonderer Weise dokumentiert, ist sein Tagebuch – das einzige erhaltene Tagebuch Becketts und zugleich ein Text, der ursprünglich ausdrücklich nicht zur Veröffentlichung bestimmt war. Gerade diese fehlende Publikationsabsicht macht das Tagebuch als Dokument so eigentümlich und aufschlussreich. Beckett schreibt nicht für ein Publikum, sondern gleichsam für sich selbst: protokollarisch, spröde, häufig im Stakkato und literarisch demonstrativ unspektakulär. Seine Einträge folgen dem Rhythmus des Alltags und reihen Tätigkeiten, Wahrnehmungen und körperliche Zustände aneinander: Er schleicht und geht, kauft und läuft, fährt und sucht, beobachtet und schleppt sich von einem Ort zum anderen. »Mache Arschloch sauber, wasche Hose, schreibe Karten an Pensionen« – Sätze wie dieser besitzen gerade durch ihre Lakonie eine eigentümliche Radikalität. Nichts wird stilisiert, nichts nachträglich zur Bedeutung aufgeladen. Das Tagebuch verweigert sich – anders als etwa bei Ernst Jünger – damit geradezu der literarischen Veredelung des Erlebten. Auffällig ist zugleich, wie wenig Raum die politische Situation des Deutschen Reiches und Europas in diesen Aufzeichnungen zunächst einnimmt, auch wenn die Herausgeber dies in ihrem Nachwort anders darstellen: Während sich außerhalb seiner unmittelbaren Wahrnehmung die nationalsozialistische Kulturpolitik zunehmend radikalisiert, konzentriert sich Beckett auf die scheinbar nebensächlichen Dinge des individuellen Daseins: Er notiert, was er gegessen und getrunken hat – »ledrige Gulaschsuppe«, Brote mit Camembert, »schlechte Grogs in einem Bordell« –, welche Bücher er liest, welche Holzschnitte, Zeichnungen und Gemälde er betrachtet und welche Orte er aufsucht. Zwischendurch schreibt er Briefe an seine Mutter, zu der er ein durchaus ambivalentes Verhältnis hatte. Das Tagebuch wirkt dadurch weniger wie das Protokoll einer Bildungsreise als wie die minutiöse Inventur einer Existenz, die sich von einem Tag zum nächsten hangelt. Die Konzentration auf das Private gewinnt im historischen Rückblick allerdings eine eigentümliche Spannung. Denn Beckett bewegt sich durch eine Gesellschaft, deren kulturelle und politische Transformation längst unübersehbar ist. Die nationalsozialistische Kunstpolitik hatte bereits begonnen, Museen und Sammlungen systematisch von moderner Kunst zu »säubern«; im Sommer 1937, wenige Wochen nach Becketts Abreise, kulminierte diese Politik in der Münchner Ausstellung »Entartete Kunst«. Insgesamt wurden rund 16.000 Werke moderner Kunst aus deutschen Museen beschlagnahmt; zahlreiche Arbeiten wurden ins Ausland verkauft, andere zerstört. Zugleich wurden Künstlerinnen und Künstler, Museumsmitarbeiter und andere Akteure des kulturellen Lebens durch Berufsverbote und institutionelle Ausgrenzung aus dem öffentlichen Kunstbetrieb verdrängt. Nur wenige Jahre später sollte sich die nationalsozialistische Kulturpolitik vollends als das erweisen, was sie in ihren Anfängen bereits war: ein systematischer Angriff auf ästhetische Autonomie, kulturelle Pluralität und intellektuelle Freiheit. Beckett selbst hält sich mit politischen Kommentaren jedoch weitgehend zurück. Das ist umso bemerkenswerter, als er sich gerade in Museen und Ausstellungen mit jener Kunst auseinandersetzt, die unter der nationalsozialistischen Herrschaft zunehmend unter ideologischen Vorbehalt geriet. Seine Aufmerksamkeit gilt den konkreten Werken, ihrer Materialität und ihrer ästhetischen Wirkung, nicht der politischen Programmatik, die sich ihrer institutionellen Umgebung zunehmend bemächtigt. Darin liegt keine eindeutige politische Indifferenz; vielmehr zeigt sich eine eigentümliche Diskrepanz zwischen der historischen Brisanz seiner Umgebung und der demonstrativen Banalität seiner Aufzeichnungen. Das Tagebuch registriert den Alltag, während sich die Geschichte gewissermaßen am Rand des Blickfeldes vollzieht. Hinzu kommt die ungewöhnliche Körperlichkeit dieser Aufzeichnungen. Beckett berichtet von Schmerzen, Erschöpfung, Kälte und körperlichen Beschwerden; immer wieder muss er irgendwo urinieren. Besonders drastisch schildert er ein Geschwulst am After, das sich gleichsam pilzartig ausbreitet und seinen »Arsch in Fetzen« hängen lässt. Die Reise erscheint dadurch nicht als elegante Grand Tour eines jungen Intellektuellen, sondern als körperlich anstrengende, bisweilen geradezu beschwerliche Fortbewegung durch eine fremde Welt. Der Körper wird nicht ausgeblendet, sondern zum ebenso banalen wie unerbittlichen Gegenstand der Selbstbeobachtung. Gerade aus dieser Verbindung von historischer Hochspannung und alltäglicher Banalität bezieht das Tagebuch seine eigentümliche Modernität. Beckett beschreibt eine Welt, in der die großen politischen und kulturellen Umwälzungen keineswegs automatisch als solche erfahren werden. Während draußen eine Gesellschaft ideologisch gleichgeschaltet und ihre kulturelle Überlieferung gewaltsam deformiert wird, beschäftigt sich der Reisende mit »schlechtem Grog«, »ledriger Gulaschsuppe«, Museumsbesuchen, Wäsche, Briefen und seinen eigenen körperlichen Beschwerden. Das Tagebuch erzeugt damit einen irritierenden Kontrast zwischen der historischen Bedeutung des Moments und der subjektiven Unscheinbarkeit des Erlebens. Immer wieder verdichtet sich dieses Erleben zu einem Zustand innerer Erschöpfung. Beckett fühlt sich »leer und traurig«, friert, hadert mit sich und beschreibt sich als »deprimiert und niedergeschlagen«. Zugleich scheint ihm selbst die Arbeit an der eigenen Existenz kaum zu gelingen: Er müht sich, den »Schweinestall des Selbst« auszumisten. Die Reise durch Deutschland wird so unversehens auch zu einer Bewegung durch die eigene innere Unordnung. Beckett beobachtet die Welt, doch ebenso unerbittlich beobachtet er sich selbst – einen Menschen, der sich durch Städte, Museen, Gaststätten und Bahnhöfe bewegt und dabei kaum irgendwo anzukommen scheint.
Das Tagebuch ist
deshalb gerade in seiner scheinbaren Belanglosigkeit aufschlussreich. Es
dokumentiert nicht die große Geschichte aus der Perspektive des politischen
Beobachters, sondern die Erfahrung des Einzelnen, der sich durch eine historisch
hochbrisante Gegenwart bewegt, ohne sie fortwährend zu kommentieren. Beckett
schleicht und geht, kauft und läuft, fährt und sucht, friert und leidet,
betrachtet Bilder und isst Brote mit Camembert. Es ist eine schier endlose
Aneinanderreihung von Nebensächlichkeiten – und gerade dadurch entsteht ein
eigentümlich verstörendes Bild:
Die Geschichte steht bereits in Flammen,
während der Alltag unbeirrt weitergeht. |
Samuel
Beckett |
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