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Foto: © Stefan Geyer

Durch die Tage, übers Jahr

Betrachtungen, Notizen und Gänge aus einem Jahr in Frankfurt/Main.

Von Stefan Geyer
 

November

Verstopft die Saalburgallee, Dauerstau, Baustelle. Straßenbahnschienen werden erneuert, die Fahrbahn auf eine Spur verengt. Ungeduldige hupen hilflos. Auch auf der Berger Straße, dort die Gehwege, teilweise aufgerissen, Gruben, Kabel liegen bloß, mit rot-weißen Absperrgittern gesichert. Kaum ein Unterschied zum Normalzustand, wenn hier die Wege mit Gastrozelten verbaut sind. Verschnürt und verschlossen das Wasserhäuschen Fein, nasses Herbstlaub hat die Regie übernommen. Melancholie, ähnlich der Peterskirchhof, schlafend. Schirme und Lichter des Erzeugermarkts trotzen dem nassschweren Novembergrau. Abgelöst von Nachtschwarz, das die Stadt in ein Trauerkleid hüllt. Auch das Herbstlaub schwarz. Die Allee, überragt von schwarzen Ästen, liegt still. Eine Frau in einem Kleinwagen biegt nach links, kein Blinker. Ein Fluch, sie schaut erstaunt. An der Gaststättenwand eine neue Markise, mit Fernbedienung, die blonde Frau, eingehüllt in einen dicken Wintermantel, schlafsackgleich, einsam am gewohnten Tisch, Zigarette und Kellerbier, Gruß, ein bekanntes Bild. Zur Hälfte gefüllt die Gaststube, der angestammte Platz des ewigen Stammgastes bereits wieder verwaist. Grau begleitet den Tag, wie alle Tage, grau die Mäntel, grau die Straßen und Gesichter. Treu an meiner Seite die Erkältung, wie alle Winter. Quer durchs Nordend, altbekannte Wege. “Wenn Radwege gebaut werden, müssen auch Parkplätze gebaut werden”, drei Männer beieinander, Arbeitskleidung. In der Humboldtstraße einst eine Wohnungsbesichtigung, extra aus Berlin gekommen, zwei Zimmer, für fünf Jahre. Ich komme zu spät, verkatert, wahrscheinlich zu riechen. Keine weitere Nachricht. Schlagermusik dröhnt aus einem Zelt auf dem Börsenplatz, ein Bett im Kornfeld. Ohrstöpsel und alles übertönen. Trockener Riesling bei Heinstadt, eine Käsebrezel von Kronberger, wie so oft. Mia kommt nicht. Glimpflich ein weiterer Sturz, in der Schillerstraße. Leichter Schmerz im rechten Knie, auch in der linken Hand. Doppelter Espresso am Kaffeemobil vor C&A an der Konstablerwache, stark, gut und preiswert. Tot der Platz ohne Markt. Nichts kann ich mir einfallen lassen, muss nehmen was da ist, was ich sehe, höre und fühle. Mein Geburtstag, manch Jüngere sind älter als ich. Unverändert trägt der Tag sein graues Kleid. Samstäglich gedrängt der Markt. Mia ruft an, es tut gut. Später der Bruder, will mich wieder in die Provinz locken. Viel haben wir uns nicht zu sagen. Die Erkältung nach wie vor ständiger Begleiter. Das Bismarckdenkmal in Hoechst wird vom Sockel geholt, mit Gewalt. Unwahrscheinlich, dass es wieder errichtet wird. Vor einer Woche kam der Freund aus England, Begrüßung am Flughafen, pünktlich der Flug. Aus Manchester, Terminal 1, Raum A, praktisch, nah am Bahnhof. Werner, ein Freund und Nachbar in Berlin, seit dreißig Jahren fest in England. Professor Emiratus, University of York. Klaglos streift er mit mir vier Tage durch die Stadt, er, der Radfahrer. Kleinmarkthalle, Erzeugermarkt und Mosaik Jazzbar seine Lieblingsorte. Fleischwurst bei Frau Schreiber. Die halbe Innenstadt beherrscht vom Weihnachtsmarkt, vom Eisernen Steg über Römerberg, Paulsplatz bis Hauptwache und Roßmarkt, überall Glühwein, Lebkuchen, Bratwürste, heißer Apfelwein, Glühwein, heiße Maronen, Bethmännchen, Schnitzereien, Kartoffelpuffer (mit Apfelmus oder Knoblauchsoße), Schwenkgrill, Glühwein, weiß und rot, gesüßt oder ungesüßt, meist gesüßt, Punsch, Zuckerzeug, Glühweindüfte durchdringen die Luft, Karussel, sogar ein kleines Riesenrad, für die Kinder, am Roßmarkt, gegen die tausend Lichter hat der Herbst keine Chance, Schmuck, Mützen und Pullover, selbstgestrickt, Glühwein, keine Weihnachtslieder, aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein. Ein Mann auf der Berger Straße, dicke Winterjacke, Mütze, knielange Hose, die nackten Füße in Badelatschen. Der ungeliebte aber notwendige Gang zum Waschsalon, zu lange schon aufgeschoben, das Knattern der Kunststoffrollen des Trolleys ein unentrinnbarer Begleiter. Die Waschzeit, vierzig Minuten, im Cafè Ypsilon überbrücken, Cappuccino und Bienenstich, mit Trinkgeld neun Euro. Zwei junge Frauen, gutaussehend, gegenüber am Nachbartisch, lernen Französisch. Später der Markt, es ist Donnerstag. Nur spärlich besucht, Hauptattraktion ist der Weihnachtsmarkt. Gespräch beim Weingut Metzler über gezuckerten und ungezuckerten Glühwein. Auch auf dem Weihnachtsmarkt ungesüßter Glühwein, man muss wissen wo. Die Gaststätte übervoll, der Stammgast aber an seinem Platz, von Montag bis Freitag, die Szenerie überblickend. Die übliche Tischgesellschaft, reden um zu reden, reden um nichts zu sagen. Viel Blaulicht auf dem Platz, Polizei, Rettungswagen, Feuerwehr, Busse und Bahnen stehen. Schaulustige, Gaffer. Eine einundsiebzig jährige Frau, ist am nächsten Tag in der Rundschau zu lesen, lag unter einen Bus der FVG, schwer verletzt, aber lebend. Am Abend gewinnt Eintracht Frankfurt 1:2 bei Midtjylland, Dänemark. Seit achtzehn Spielen in der Europa League unbesiegt, Rekord eingestellt. Röderbergweg, Laub raschelt unter den Füßen, Honsellbrücke, Osthafenbrücke, der Goetheturm lugt aus dem Stadtwald, gleich liegt die Nacht über der Stadt und dem Mainufer, Konturen verschwimmen, Menschen verschwinden im Schwarz, Festbeleuchtung an der Gerbermühle, kurz nur, dann wieder Nacht. Schließlich die Lichter von Offenbach, Bier im Stehen beim Wasserhäuschen am Hafen, Schlappeseppel, 0,3 l. 2,20 Euro. Später Glühwein (zu süß) auf dem Weihnachtsmarkt, Kartoffelpuffer (frisch) mit Apfelmus. Schwer zu finden die Weihnachtsausstellung, der Superladen an neuem Ort. Mokka hilft telefonisch. Mia ist schon da, mit einer Ohrenentzündung, ständig hat sie etwas anderes. Schön in der schwarzen Lederhose. Später, wie jedes Jahr, mit Mokka Punsch auf dem Weihnachtsmarkt (auch zu süß). Zum Abschluss zwei kleine Biere am Wilhelmsplatz. Geschenke, nicht lange her, mein Geburtstag. Der Winter hält Einzug, die Temperaturen sinken, blauer Himmel, Spaziergangswetter. Welchen Weg dieses Mal, die immer selben Fragen. Alle bekannt die Wege, unzählige Male schon gegangen. Sie führen zum Markt an der Konstablerwache, es ist Samstag. Samstagsgedränge, jeden Samstag. Kein Platz mehr bei Metzler, anders bei Heinstadt. Riesling und das erste von zwei Zigarillos am Tag. Das zweite später in der Nacht auf dem Balkon. Bekannte Gesichter, hier ein Wort, dort zwei, Wünsche für einen schönen ersten Advent. Bienenstich statt Weihnachtsgebäck für den ersten Adventssonntag. Auch Schwarzkohl, erstmals, ein Eintopf mit weißen Bohnen, morgen. Doch noch einen Glühwein (ungesüßt) bei Metzler. Der beste. Du trinkst Glühwein, fragend der Mann mit dem Hut aus der Gaststätte hinter mir. Espresso (doppelt) für den Heimweg. In der Gaststätte kein ewiger Stammgast, wie immer am Wochenende, war schon immer so über all die Jahre.

Dezember

Weihnachtsbeleuchtung schimmert matt, Nieselregen aus tiefen Wolken beherrscht den Dezemberanfang. Ein Obdachloser sitzt willenlos, den Kopf gesenkt, angelehnt am Verteilerkasten, im Regen. Ein Bild des Elends, oft zu sehen in Frankfurt. Passanten mit gesenkten Köpfen, Mützen, Hüte, Schirme. Schweigend. In der Gaststätte der Stammgast, selbstverständlich, sein Platz von Montag bis Freitag, ab 17:15, Open End. Der Bembel mit seinem Namen, nur für ihn. Zaghaft lugt die Sonne, tags drauf, durch die graue Wolkendecke, auch kein Regen. Der Obdachlose weitergezogen, er wird wiederkommen, Selbstgespräche, unbeachtet. Die Weihnachtsmarkttasse ist zurück, zunächst zurückgezogen wegen Produktionsfehler, nicht hitzebeständig, aber jetzt die neue Tasse. Frankfurt atmet auf am Fuße des Weihnachtsbaums, Florian heißt er, nach dem Schutzpatron der Feuerwehr, ist 26 Meter hoch, wie eine Infotafel verrät. Aus einer neuen Tasse zwei Tage später Glühwein (ungesüßt), bei schönem Winterwetter, schneefrei, kalt und trocken. Das Wasserhäuschen Fein geschlossen, doppelter Espresso beim Kaffeeauto vor C&A an der Konstablerwache. An der Konrad-Adenauer-Straße eine Baulücke, ein langes Gebäude fehlt, unbemerkt. Was stand dort, das jetzt abgerissen wurde? Frei der Blick zum Gericht. Die Berger Straße zwischen Höhen- und Eichwaldstraße eine einzige offene Baustelle, kein Parkplatz rechtsseitig stadtauswärts. Umbaumaßnahmen? Der Obdachlose streift umher. Wildschweinbratwurst, wieder auf dem Weihnachtsmarkt, Roßmarkt, auf dem Paulsplatz ein Eierbecher in schwarz, mit Eintracht-Enblem. Abends aus im Pokal, in Leipzig. Zum Abschluss Bockbier, Tucher, kein Carolus, auch kein Andreas Maier. Der aber wenige Tage später, Bockbier mit ihm und Gespräche. Kam vom Bekleidungsgeschäft Timberland, hatte eine Cargohose anprobiert, passte perfekt. Ich zahlte und bestellte sie in Schwarz, Olivgrün, wie vorrätig, wollte ich nicht, habe schon so viel in Olivgrün. Der Verkäufer bot mir beide Hosen an, mit 20 Euro Rabatt. Kurz überlegt. Der Winter zeigt sich wieder von seiner häßlichen Seite, Schneeregen, kalt, zieht durch die Kleidung. Auch unter dem Zeltdach bei Metzler tropft es. Glühwein (ungesüßt), der beste, später heißer Schobbe und Williams bei Otto, es hilft. Mit der 12 zurück, nicht zu Fuß. Es wird nicht hell in diesen Tagen. Der DFB stimmt für die WM in Saudi Arabien 2034. Immer der Gedanke, erlebe ich das noch? Wenn ja, was wahrscheinlich ist, wird es mich nicht interessieren, seit Katar. Eintracht Frankfurt spielt unentschieden gegen den FC Augsburg. Das Pokalaus in Leipzig vor einigen Tagen noch nicht vergessen. Grau ist weiterhin die bestimmende Farbe. Ansonsten die üblichen Prognosen, weiße Weihnachten ja oder nein. Unterdessen ändert sich die Welt. Syriens Diktator in die Wüste, sprich nach Moskau, geschickt. Allgegenwärtig die Frage wie es weitergeht in Syrien, andere unterdessen schaffen Tatsachen und knabbern an dem Land. Der Stammgast an seinem Platz, pünktlich, der Mittwochsstammtisch, ein Höhepunkt der Woche. Die 1,5° Grenze ist nicht mehr zu erreichen. Donnerstag, Markttag. Riesling bei Metzler. Paula schreibt, bist du auf dem Markt? Dann komme ich noch. Anderthalb Weine mit ihr, Lachen, Reden. Am Abend Fortsetzung in der Mosaik Jazz Bar. Seltene Stunden, warmherzig, Küsschen zum Abschied. Der Obdachlose stapft die Berger Straße hinauf. Wieder einer mit Winterjacke und kurzen Hosen. Nur spärlich besucht der Schillermarkt, auch beim Weingut Heinstadt. Die Füße kalt, der Riesling auch. Mia aus Rüsselsheim mit Verspätung. Vertrautes Gespräch in der nächsten Stunde, wie so oft. Auf dem Heimweg Zaho de Sagazan im Ohr. Eine Empfehlung von Titel, Thesen, Temperamente. Großartige Musik, außerordentliche Stimme, Chanson und Elektronik, Kraftwerk meets Piaf. Eintracht Frankfurt verliert 3:2 gegen Olympique Lyon. Die erste Niederlage nach achtzehn unbesiegten Spielen in der Europa League. Schon wieder Stammtisch beim Stammgast an seinem Platz, Tisch zwei. Jeden Tag. Wärmer wieder. Die Berger wie gewohnt, verschwunden die weiß-roten Absperrgitter. Als wäre nichts geschehen.

Tage des Abschieds, Paula nach Brasilien, Alessandra nach Thailand, die Köche der Gaststätte in Ägypten und Indien. Ich in Frankfurt. Weihnachten im privaten Raum kaum sichtbar. Keine Lichter in den Fenstern, keine kleinen, lustigen Weihnachtsmannpuppen, die über Balkongeländer klettern. Nur auf Weihnachtsmärkten, auf Straßen und in Schaufenstern ist etwas davon zu sehen. Kein Schnee im ganzen Winter, wie letztes Jahr. Schnee ist Erinnerung, Vergangenheit. Aber ständig Wetterprognosen, sich widersprechend. Doch noch weiße Weihnachten, oder der wärmste Dezember aller Zeiten, im wärmsten Jahr aller Zeiten. Die 1,5° Grenze auch Vergangenheit, auch Erinnerung. Jetzt schon die ersten Prognosen, wie wird der Sommer, ein Rekordsommer, wie das Rekordfrühjahr, der Rekordherbst, der Rekordwinter. Jahre voller Rekorde, nach oben gibt`s keine Grenze. Die letzten Tage des Weihnachtsmarkts, der 24. in Sichtweite, die Menschen eilen ihm in Hektik entgegen. Dann im Kreise der Familie entspannen und froh sein, wenn alles vorbei ist. Auf dem Weihnachtsmarkt die Suche nach dem Geschmack der Kindheit, Schmalzbrot. Salz fehlt. Die Gaststätte voll, alle wollen sich nochmal sehen vor dem Urlaub, sich vergewissern, dass alle noch da sind im alten Jahre, auch wieder zu Beginn des neuen. Wie war der Urlaub, das Essen, das Wetter, Weihnachten, das Hotel, die Betten, bei der Familie mit den Geschwistern und Enkeln? Im kommenden alle weg oder tot. Der ewige Stammgast an seinem Platz, natürlich. Im Gespräch, Monolog mit einer Bekannten, die stumm. Bembel mit seinem Namen, bestellt im Internet. Schoppen pur, immer. Kartenspieler, in Ruhe, vertieft und konzentriert. Den Hund streicheln. Kalter und grauer Vorweihnachtssamstag. White Chrismas gibt`s nur im Radio. Menschen eilen umher, letzte Geschenke, letzte Einkäufe, muss alles reichlich da sein, Essen, vor allem Essen. Und trinken, Bier, Wein, Schnaps und Sekt, Sekt für den 24. mit der Familie. Die Berger Straße großräumig umgehen. Sandweg, nicht schön, aber leer, gut für Fußgänger. Ein letzter Markt auf der Konstablerwache vor Weihnachten. Samstag, der Platz des ewigen Stammgastes von anderen belegt, Wochenende für den Stammgast, wie immer schon, auch schon mit seiner Frau, verstorben vor zwei Jahren. Im Fernsehen die Eintracht, 1:3 verloren gegen Mainz. Winterpause. Alles überschattet von einem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Magdeburg, sechs Tote, über 200 Verletzte. Ein Arzt und Psychologe saudischer Herkunft. Verschwörungstheorien, rechte Ideologie. Äußerst ungewöhnlich. Wintersonnenwende. Die Nächte werden kürzer, die Tage bleiben wie sie sind.

Der 23. Dezember, vorweihnachtliche Hektik allüberall. Die Berger und die Zeil meiden. Voll die Gaststätte, nochmal alle treffen vor den Feiertagen. Der Stammgast an seinem Platz. „Das hier ist mein Leben“, sagt er. Es kommt noch seine Gesellschaft, die übliche. Frohe Weihnachten, schöne Feiertage, was gibt`s zu essen? Wolkenlos verabschiedet sich Weihnachten, kalt und sonnig. Leer der Mainuferweg nach Offenbach, leer wie die Stadt, leer der Schillermarkt, leer von Menschen, leer von Händlern, Obdachlose lagern im U-Bahnhof Eschenheimer Tor, schlafend. „Zwischen den Jahren“, dieses Niemandsland der Zeit. Mokka schon am Hafen 2, vor verschlossener Tür. Also Wein und Pizza am Hafen, nachmittags. Vor 17 Uhr schon gegessen, ungewöhnlich. Noch eine Pizzeria am Uhrtürmchen, die dritte schon, auf engstem Raum, Nirwana in rot über dem Eingang und dem Fenster. Noch nicht geöffnet. Der Stammgast an seinem Platz in der Gaststätte, unverrückbar, ein Fels, der Mann mit dem Hut ihm gegenüber. Bier, Apfelwein, Calvados. In eintöniges Grau getaucht, tiefe Wolken, Melancholie, kalt. Leer die Stadt, leer der Markt, zum letzten Mal in diesem Jahr, gedrängt die Menschen bei Wein, Bier und Apfelwein. Nochmal sehen im alten Jahr, ob alle noch da sind. Gedämpft die Stadt, im Nebel, keine Konturen, keine Kontraste, schemenhaft. Neblig nass und diesig verabschiedet sich das Jahr, die Luft, ist zu lesen, getränkt von Feinstaub. Kein Wind. Nicht atmen, nicht lüften. Ein letztes Mal in der Mosaik Jazz Bar, ein letztes Plaudern mit Taoufik, dem besten Wirt der Welt, Merlot. Bis nächstes Jahr, ob alle noch da. Dichter Feinstaub unverrückbar über der Stadt am Silvesterabend, der Hals rau, die Luft schwarz und schwer. Raketen steigen, Kracher krachen, Böller böllern, Korken knallen auf dem Weg ins Ungewisse. Dünner Schnee auf den Dächern.

Januar

Blauer Himmel, Wind, auch das Wetter hat sich vom alten Jahr verabschiedet, der Feinstaub weggeblasen, atmen, lüften. Entferntes Knallen, Resteböllern. Wie jedes Jahr. Voll die Gaststätte, Sauerkrautessen, wie immer an Neujahr, damit das Geld nicht ausgeht. Der Stammgast an seinem Platz, selbstverständlich, die übliche Besetzung. Nichts Neues im neuen Jahr. Der Himmel wieder grau, Nieselregen, herbstlich gehüllt die Stadt, später klart es auf, kurz. Am Uhrtürmchen ein einsamer Zeitungsverteiler der MLPD, sammelt Unterschriften, nötig zur Teilnahme an der Bundestagswahl in sieben Wochen. Später steht er immer noch da, mittlerweile mit Unterstützung eines zweiten Mannes, rote Jacken beide. Nirwana, Döner, Grill, Pizza über Fenster und Tür des neuen Eckimbiss. Alltag kehrt zurück, wieder gehen, wieder leben. Die ersten toten Weihnachtsbäume am Straßenrand, ausgedient, aussortiert, entsorgt, warten auf die finale Verwertung. Die Umbauarbeiten am ehemaligen Café Lido am Luisenplatz abgeschlossen, 70% Mieterhöhung nicht zu schaffen. Eine Weinbar jetzt, hell, groß, schlicht, eine Weinbar! Die Stadt verhalten, noch nicht angekommen im neuen Jahr, als würde ihm noch nicht getraut, vorsichtige Schritte, tastend, langsam, ob wohl das Eis hält. Nicht loslassen kann das sogenannte Thurn- und Taxispalais, der Weihnachtsmarkt verlängert bis Ende Januar. Froh, dass mal Menschen dort sind. Kalt, klar und trocken, ein schöner Wintertag nach den nassen und grauen Tagen. Leer und voll auf dem Markt, leer der Markt, voll die Getränkestände, Heinstadt, Otto, Dienst, dicht gedrängt, mundgeruchnah. Nächtlicher Schnee, fein, trocken, Pulverschnee, eine feine weiße Decke. Ein Hauch von Winter. Am Morgen Tauwetter. Nasser Schnee, Schneeregen, Vorboten der Prognose, Wetterprognose, immer. Die Buchhandlung leer, das Buch nicht vorrätig, bei der Chefin bestellt, ein Geschenk für Mia, ihr Geburtstag. Bücher immer wichtig für sie. Fünfzig Minuten Verspätung ihr Zug aus Berlin. Verschieben es auf morgen, das Geburtstagstelefonat. Noch leer die Gaststätte, der Stammgast aber, unverrückbar, an seinem Platz, die übliche Gesellschaft am Tisch, der Mann mit dem Hut natürlich, immer im Mantel am Tisch. Auch ein weiterer. Der Mittwochsstammtisch, immer, ritualisiert. Aprilwetter im Winter, Dauerregen, dann wieder trockene Kälte und Sonne. Jeden Tag anders. Schillermarkt, noch immer spärlich besetzt. Kalt aber trocken, Winterwetter. Fast ein Pfund vier Jahre alten Gouda, 19,80 Euro. Mia, das erste Mal im neuen Jahr. Riesling bei Heinstadt, erzählen was war, sie in Berlin, ich in Frankfurt. Geschenke, vor drei Tagen ihr Geburtstag. Abschied am Bahnsteig, immer, S8, Hauptwache. Bis bald. Der Stammgast schon ins Wochenende, das Wochenende zuhause. Auch der Mann mit dem Hut nicht an Tisch zwei, nur Montag bis Freitag. Besetzt der Tisch von Fremden. Kein Rabatt in der Buchhandlung, das darf nur die Chefin. Die nicht da. Die Berger Straße meiden an einem kalten, trockenen und sonnigen Wintersamstag. Sandweg, Musikantenweg die Alternative, bis Zeil und Konstablerwache. Immer mehr Alltag, vorbei die Feiern und Feste, alle wieder da aus dem Urlaub. Wieder Kaffee bei der rollenden Espressomaschine vor C&A, doppelter Espresso, bei Technoklängen. Voll der Markt, fast alle Stände wieder da, viele Besucher auch. Neujahrswünsche überall. Wein, weiß und kalt bei Metzler, Riesling. Glühwein, rot und heiß bei Heinstadt. Guter Blick ins Innere der Schneiderei an der Mercatorstraße, sehr großes Fenster. Ein altes Motorrad, schwarz, ohne Tank und Lampe vor dem Schaufenster auf dem Gehweg, am Rand. Vielleicht eine BMW, schon seit Jahren dort. Eine spanische Fahne im Schaufenster. Voll der Raum, überall Stoffreste, Bügel mit Kleidung, Schneiderutensilien und andere Dinge, rätselhaft, kaum zu queren. Nur ein kleiner Platz am Tisch, der Schneider und eine Frau (seine?) messen Stoff mit einem Zollstock, vielleicht ein Schnittmuster. Eintracht Frankfurt gewinnt 0:1 bei St. Pauli. Marmoush das Tor in seinem vielleicht letzten Spiel für den Verein. Schluss mit Schnee und Regen sagen die ewigen Prognosen. Schon Frühling im Februar und März. Letztes Jahr das wärmste seit Aufzeichnung. Sonne, einzelne Wolken, Frost und trocken. Ein schöner Wintertag, perfekt für einen Spaziergang, aber die Zeit lässt es nicht zu. Und die tägliche Wetterprognose dieses Mal sicher richtig. Schnee bis in die Niederungen und sehr kalt. Ganz sicher, ganz bestimmt. In der trockenen Kälte rührt ein Mann am Uhrtürmchen eifrig und lautstark die Werbetrommel für Jesus, den man in sein Herz lassen solle. Die Menschen interessiert eher, ob Marmoush noch gegen Freiburg spielt. Er hat, und beim 4:1 ein Tor beigetragen. Es war sein letztes Spiel für die Frankfurter. Passanten in der Löwengasse: „Isch hab ja noch die groß Wohnung. Ja, wenn man da schon lange wohnt. Isch wohn da ja scho seit fuffzisch Jahr...“. Der Mittwochsstammtisch, Höhepunkt der Woche, der ewige Stammgast hält Hof. „Unn scho widder is a Woch rum“, sagt er. Abends meine Lesung in der Stadtbibliothek. Etwa zwanzig Leute verteilen sich im Raum, dem Foyer. Meine Stimme rau, mein Konzept schlecht, zu wenig Struktur. Das Publikum zurückhaltend, kein Buch verkauft, keins signiert. Ein enttäuschender Abend. Aufgerissen die Stadt, Löcher, Bohrer, rot-weiße Absperrgitter überall. Die Sonne steht tief und blendet. Das wichtigste Utensil, die Sonnenbrille. Spaziergänger am Mainufer, der Frankfurter Seite, dort Sonne, die schon wärmt. Menschen sitzen auf Bänken und wenden die Gesichter ins warme Licht, eine Ahnung von Frühling. „…. und das Auto als Statussymbol hat ausgedient“, bemerkt er zu ihr im Vorübergehen auf dem Römerberg. Immer mehr Stände auf dem Konstimarkt, bald wieder komplett. Espresso jetzt 2,20 statt 1,80, doppelt 3,30. Riesling wie letztes Jahr. Die Berger Straße meiden auf dem Rückweg, entspanntes Gehen in Nebenstraßen. Am Uhrtürmchen haben die Impfgegner- und Verschwörungspartei Die Basis den missionarisch gestimmten Jesus-Fan abgelöst. Vier bis fünf Leute versuchen Unterschriften zur Teilnahme an der Bundestagswahl zu sammeln. Tiefer Nebel den ganzen Tag. Jeden Tag anders, wie die Prognosen. Eine Frage beim Weingut Heinstadt auf dem Schillermarkt, nicht an mich gerichtet: „Was würden unsere Mütter sagen, wenn sie uns so sehen könnten?“ Meine würde sagen: „Hast du lange Unterhosen an?“. Ich behalte es für mich. Die Eintracht gewinnt auch ohne Marmoush 2:0 gegen Dortmund. Nach Spielende verabschiedet er sich von den Fans. Applaus und Tränen. Sonniger Winterspaziergang zur Konstablerwache, Markttag. Wieder die Berger Straße umgehen, wie meist. Sandweg, Musikantenweg. Ein Mann, der Sonne entgegen, verschwindet regelmäßig, wenn er an seinem elektrischen Zigarettenersatz zieht, in einer mächtigen Wolke, zieht sie hinter sich her, wie eine alte Dampflok. Kalt, Mia geht nicht ans Telefon, ruft auch nicht zurück, wie gestern. Mache mir Sorgen. Riesling S bei Metzler, später Glühwein bei Heinstadt. Zu dünn angezogen, auch die Füße kalt. Der Samstagsprediger schreit unverständlich und ungehört seine Botschaft über die Zeil, Passanten hetzen vorbei, die ersten Stände bauen ab. In der Gaststätte der Platz des ewigen Stammgastes verwaist, es ist Samstag. Endlich Mia am Telefon. Ich vermisse dich. Auf dem späten Heimweg spielen vier Männer mit einem Fußball in der Löwengasse. Wer kann ihn am längsten in der Luft halten, 1,2,3,4,5,6,7,8,... Wahlplakate überall, sehr große und kleine, abgerissen, verunstaltet. Eine dünne, weiße Schicht auf Dächern, Bäumen und Wegen. Nur kurz, am Nachmittag wieder weg. Der vorletzte Präsident wird auch der neue an diesem Tag. Keine gute Nachricht für die Welt. Am selben Tag vor vier Jahren war er weg, eine erfreute Notiz in der Chronik. Jetzt alles wieder von vorne. Inversionswetterlage, schon wieder, Frankfurt unter einer Feinstaubglocke, seit vier Tagen. Einmal im Monat Feinstaubalarm, muss man sich wohl dran gewöhnen, falls das geht. Aufgerissen auch erneut die Berger, weiß-rote Absperrgitter zwischen Uhrtümchen und Eichwaldstraße, linkerhand. Vielleicht endlich die Parkplätze. Mia wieder nicht ans Telefon, auch wieder kein Rückruf. Der Stammgast an seinem Platz, auf den Mittwochsstammtisch wartend, den Höhepunkt der Woche. Der Bembel mit seinem Namen, im Internet bestellt („Isch geh doch ned in`n Sandweg, des werd mer doch gebracht“.) Feinstaub, immer noch. Aber Donnerstag, Markttag, Konstablerwache. Welchen Weg? Alle vertraut, alle bekannt. Dennoch mit offenen Augen. Leer der Bethmannpark, leer und gedämpft. Mütter, Väter, Kinder auf dem Spielplatz, eine Elster krächzt auf einem kahlen Ast. Eine dunkelhäutige Frau schiebt einen Wagen mit Gummireifen durch die Wallanlagen, voll mit schlafenden Kleinkindern, nicht zu zählen, nicht zu unterscheiden, ein Knäuel. Leer der Markt, nur wenige Besucher und noch immer nicht alle Stände, Platz überall. Schon wieder Mia nicht erreicht, was ist? Die Berger umgehen auf dem Rückweg, Nebenstraßen, ruhig, keinen geraden Weg, geradeaus, links, rechts, abbiegen. Ecken, immer wieder neu und doch so vertraut, hinter jeder ein mögliches neues Geheimnis. Woolworth, DM und Denns vergessen, achtlos vorbeigelaufen, in Gedanken. Butlers, zwei Teedosen, Bier im Henscheid, die Gaststätte meiden, der ewige Stammgast feiert Geburtstag, an seinem Tisch, Tisch zwei. Jetzt ist er weg, Omar Marmoush in Manchester, 15 Millionen im Jahr.

Die Kerzen brennen runter
Das Obst verdorrt
Der Schlaf wartet
Das Grab kommt näher
(sagt der Bäcker vom Schillermarkt)

Endlich wieder Riesling mit Mia, Weingut Heinstadt. Auf der Berger schließt eine Boutique, Ausverkauf, Rabatte, alles muss raus, letzter Tag 28.01. Wahrscheinlich demnächst ein neuer, Döner-Falafel-Pizza-Grill-Laden, Fastfoodmeile Untere Berger Straße. Spiel zwei nach Marmoush, Eintracht Frankfurt gewinnt 2:0 gegen Ferencvarosi Budapest. Schon lange nicht mehr den Bulgaren gesehen, in seiner Nische an der Commerzbank sitzend, einen Becher vor sich und einige Päckchen Tempotücher. Er bettelt nicht, er verkauft Papiertaschentücher, eine Frage der Selbstachtung. Ich kaufe immer was. Er spricht gut Deutsch, scheint halb Bornheim zu kennen. Handschlag, wie geht's dir, wo warst du? Ein Euro, manchmal zwei, ein Päckchen Tempo. Grau, nass, zu warm. Samstags auf der Zeil und im Elektronikmarkt, kein Fachverkäufer, ich bin leider nicht frei, der Herr. Eilt vorbei. Eine kleine, aber laute Palästinenserdemo am Roßmarkt. Kein Wort vom Massaker der Hamas vom 07. Oktober. Voll der Markt, erst spät einen Platz mit Getränk. Erstmals in diesem Jahr Andreas Maier, beim Apfelwein, wo sonst. Gutes Neues Jahr. Eine sehr gute schwäbische Seele beim Bäcker, mit Kümmel und grobem Salz, schwäbisches Gebäck. Kein Espresso. Zum Abschluss Riesling im Gedränge bei Metzler, darf ich mal vorbei, der Herr. Espresso später beim Kaffeedreirad vor C&A, doppelt, kräftig, gut. Zaho de Sarasan auf dem Rückweg, feucht die Günthersburgallee, die Berger meiden. Kein ewiger Stammgast in der Gaststätte, zwei junge Frauen essen Handkäs mit Messer und Gabel. Eintracht Frankfurt spielt nur Unentschieden in Hoffenheim, 2:2. Es ist zu warm für Januar. Man hat sich schon gewöhnt an solche Nachrichten. Zu warm wohl auch der Februar, alles deutet darauf hin. Die Frankfurter Rundschau im überregionalen Teil, im Lokalteil hingegen, wird es am Wochenende wieder Winter, ein Kälteeinbruch könnte bevorstehen. Roßmarkt, Goethe- und Rathenauplatz sollen umgestaltet werden, mehr Grün, hellerer Belag klimagerecht. Schrieb ich schon 2014 in den Frankfurter Wegsehenswürdigkeiten, Grauer Grund heißt der Text. Vor achtzig Jahren befreite die Rote Armee das KZ Auschwitz. Eine rote Rose und eine Grabkerze, nicht, oder nicht mehr, brennend, neben einem Stolperstein im nächtlichen Dunkel der Neuhofstraße. Donnerstag, einige Wolken, gelegentlich etwas Sonne, unentschieden, Aber der Gang zur Konstablerwache, Markttag. Über Röderbergweg und Mainufer. In der Nachbarschaft eine kleine Frau, alt, weiße Haare, rote Schirmmütze mit Ohrenklappen (Ignaz, aus dem wunderbaren Roman Die Verschwörung der Idioten von John Kennedy Tool trägt auch eine solche Mütze, ganzjährig und nicht in Rot). Mit kräftiger Stimme sagt sie zu einem großen, deutlich jüngeren Mann ihr gegenüber: „Da hat mer doch nix mehr vom Lebe, da wird mer doch für Plemplem gehalte“. Was wohl der Zusammenhang war? An der Honsellbrücke grüßt am Horizont der Goetheturm aus dem Stadtwald. Frankfurter Mainufer, niedergetrampelte Rasenflächen werden bepflanzt, abgesperrt durch weiß-rotes Flatterband. Neues Leben auf totem Grund. Nicht voll der Markt, wie so oft am Donnerstag. Auch fehlten wieder einige Stände, aber doch deutlich mehr als auf dem Rödelheimer Wochenmarkt. Zunächst hatte ich ihn übersehen, nicht als Wochenmarkt identifiziert. Durch die Suche ein Rundgang durch den Stadtteil, ein Labyrinth, geleitet vom Navi, wo ist ein Markt? Ulrich hatte davon berichtet, er wohnt in Rödelheim und sei jeden Mittwoch dort mit anderen beim Wein anzutreffen, aber es gab keinen Wein, gar nichts zu trinken, keinen Ulrich. Ein Imbiss, Obst und Gemüse, Feinkost, ein Bäcker, auf dem Bahnhofsvorplatz. Das war`s, ein trauriges Bild. Hatte etwas erwartet, dass sich mit dem Bernemer Wochenmarkt mittwochs und samstags vergleichen ließe. Die Beine schwer nach 15 Kilometern. Der ewige Stammgast, sein Leben, sein Stammtisch, sein Bembel, sein Tisch zwei. Allein am nächsten Tag, der Mann mit dem Hut beim Wein auf dem Markt an der Konstablerwache, immer, jeden Donnerstag. Viel Polizei am ehemaligen Gericht, eine spontane Demo gegen Rechts. Eine gemeinsame Abstimmung von CDU, Af* und FDP. Überall Empörung, Aufschrei und Entsetzen, eingerissen die sogenannte „Brandmauer“. Michel Friedmann tritt aus der CDU aus. Demos überall, bundesweit, zehntausende Menschen auf der Straße, auch auf dem Römerberg. Mia auf dem Schillermarkt am Freitag, mit der guten Freundin Nadja. Ein Riesling für sie, zwei für mich, Traubensaft für Nadja. Was ist passiert in der letzten Woche, das meiste aus den Telefonaten bekannt. Ein alter Mann, klein, mit Hut und Stockschirm, Kettenraucher, beobachtet das Treiben bei Heinstadt aus gebührendem Abstand, wie im Zoo. Gelegentlich stößt er Laute aus, unverständlich, Grunzen, Schreie, tierisch, mit Gesten unterstützt, absurdes Theater. Niemand beachtet ihn. Der letzte Kran beim Hochhausensemble Four ist abgebaut.

Februar

Ein kalter und schöner Wintersamstag. Sonne, schon mit spürbarer Kraft. Der übliche Gang zur Konstablerwache, Markttag. Am Stichweg zwischen Sand- und Musikantenweg mediterranes Flair in einem begrünten Hof. Ein gelbes Gebäude, davor ein hohes Palmengewächs, eingezäunt der Vorgarten, bestrahlt vom Sonnenlicht. Im Musikantenweg zwei rote Rosen und eine Grabkerze, ebenfalls rot, neben zwei Stolpersteinen zum Gedanken an die Familie Kahlmann. Ihnen gelang die Flucht nach England. Noch jetzt Erleichterung. Gedrängt die Menschen auf dem Markt und an den Ständen. Kein Platz bei Metzler. Ein Sportler mit Rucksack, kurzer Sporthose und kurzärmeligen T-Shirt schlendert völlig entspannt durch die Menge. Zwei Polizisten kontrollieren drei junge Männer am Rande des Markts, an einer Ecke Höhe Große Friedberger Straße, krächzt der Missionar Unverständliches über die Zeil. Andreas Maier schon auf dem Heimweg. Schöne Wintertage, drei, vier in Folge, Sonne, kalt, kein Schnee. Schnee ist von früher, ist Erinnerung, zugefrorene Seen, Schlitten fahren, Schlittschuh laufen, Schneeballschlacht. Erinnerung ist Leben, schreibt Robert Walser in seiner Erzählung Der Spaziergang. Sonne auch in Sachsenhausen, Sonne überall. Spaziergänger am Main, allein oder zu zweit, gelegentlich in kleinen Gruppen, auch in den Wallanlagen. Das Wasserhäuschen Fein, ein Lieblingsort, geschlossen, seit Wochen schon, kein Hinweis. Brunchen im Lokalbahnhof, mit Mokka, unsere Geburtstage feiern. Nur fünf Wochen auseinander. Zum Wochenbeginn wieder grau, grau, grau und kalt. In der Burgstraße sitzt auf einem niedrigen Mauervorsprung ein mächtiger, glatzköpfiger Mann. „Immer an die frische Luft, damit du lebst, an die frische Luft“, sagt er. „Stimmt“, erwidere ich im Vorübergehen. Auch wieder der Marktschreier in Sachen Jesus am Uhrtürmchen. Unbeachtet und unverständlich schreit er die Passanten an. An Tisch zwei der Stammgast, raumgreifend, keinen Zweifel aufkommen lassend wessen Platz das ist, seit Jahren, von Montag bis Freitag, den Zweierbembel mit dem eingravierten Namen vor sich. Er hält Hof, Sprechstunde ab 17 Uhr 15. „Es geht de Mensche wie de Leut“, sagt er zu einem Bekannten, der ihm Gesellschaft leistet. Wenige Schneeflocken aus grauem Himmel, eine Idee von Winter. Seit drei Tagen wieder eine Feinstaubglocke über der Stadt, alle zwei Wochen, als müsse man sich dran gewöhnen. Der Himmel grau, die Stimme rau. In drei Wochen Wahl, immer noch keine endgültige Entscheidung, wen. Nichts fühlt sich richtig an. Die Friseurin konnte auch nicht weiterhelfen. Erzählte von ihrem 15-jährigen Sohn und dessen Problemen in der Schule, Probleme mit den Mitschülern. Verbreitet Mobbing und Gewalt, zum Abschied ein Mein Lieber. Es ist Mittwoch, der ewige Stammgast an seinem Platz, alles im Blick. Schade, dass Gedanken verschlossen bleiben. Der Grauschleier hält an. Das vergangene Jahr wieder das wärmste seit Aufzeichnungsbeginn. Wann war das? Wird hingenommen, immer weitermachen. In der Martin-Luther-/Ecke Böttgerstraße ein neues Lokal, Matto, von 9 – 22 Uhr. Der Name der Stammkneipe in Berlin ebenfalls Matto, nach Friedrich Glauser, Matto regiert. Vorher ein Tagescafé, hat nicht lange durchgehalten. Aufgerissene Straße, weiß-rote Absperrgitter überall, auch an der Kreuzung Bleich-/Konrad-Adenauer-Straße, weiß-rot die Stadt. Der Autoverkehr schlängelt sich durch, hupend, fluchend und schimpfend. Angenehm leer der Konstimarkt, es ist Donnerstag, immer am Donnerstag ist es leer. Genügend Platz am Tresen vom Weingut Metzler. Riesling S, wie meist. Der Mann mit dem Hut auch, nicht in der Gaststätte, wie jeden Donnerstag. Der ewige Stammgast vielleicht alleine an Tisch zwei. Mia kommt nicht. Wasserhäuschen Fein noch immer geschlossen. Frankfurt aus der Ferne. Zwanzig Minuten vor Abfahrt am Bahnhof, der Zug noch leer. Problemlos einen Platz im Speisewagen. Vorher Schillermarkt, zur Mittagszeit, gut besucht der Stand vom Weingut Heinstadt, Mittagspause, völlig anderes Publikum als am Nachmittag. Am Goetheplatz haben die Umbauarbeiten begonnen, überfällig, eingezäunt der Platz zwischen Rathenauplatz und Roßmarkt, auch hier viel rote-weiße Sperren. Der letzte Kran am Hochhausensemble Four ist abgebaut. Zug fährt relativ pünktlich los. Eine Frau im Pelzmantel geht durch die Gänge der Waggons und bettelt um Geld für eine Fahrkarte. Zurück im Grau von Frankfurt mit pünktlichem Zug. Kaiserstraße, Taunusanlage, Opernplatz, Nordend, Bornheim. Kein Stammgast an Tisch zwei, es ist Sonntag. Nachricht von Joe aus Stuttgart, es war gut, mal wieder rauszukommen. Der älteste Freund, parallele Leben. Eintracht spielt 1:1 in Gladbach, noch immer Dritter. Seit Tagen wieder Feinstaubglocke. Die ewigen Wetterprognosen, jeden Tag, Schneefall, in ein paar Tagen Polarluft, oder früher Frühling. Was glauben? Den Stammgast kümmert`s nicht, bei jedem Wetter an Tisch zwei, im Sommer draußen, Tisch dreißig. Sonne am Vormittag, Schneeregen am Nachmittag, tiefliegende Wolken. Raus oder nicht raus? Donnerstag, Markttag, also raus. Auch noch Schnee, dick und nass. Feinstaubglocke weggewaschen. Wenig Betrieb auf dem Markt, viel Platz bei Metzler, viel Platz bei Hüttenthal. Nasse Kälte dringt durch die Kleidung. Auf der Zeil ein Gorilla, groß, mächtig, die Zähne fletschend. Vor sich ein kleiner Becher für die Münzen. Zwei junge Frauen an Tisch zwei. Der ewige Stammgast hat sich krankgemeldet. Wieder frei der Gehweg an der Berger-/Ecke Schellingstraße. Nach Jahren der Neubau endlich fertig, auch der Gehweg am Musikantenweg wieder frei. Neu eröffnet auch die altgediente Pizzeria Dick und Doof an der unteren Berger, bis vor kurzem an der oberen beheimatet, am Bornheimer Ballermann. Nach Jahrzehnten dort. Mieterhöhung nicht mehr verkraftbar. Rote und weiße Luftballons umrahmen Tür und Fenster, schon wieder rot und weiß, überall. Der Blick frei ins Innere. Gut besucht, das Lokal. Wieder etwas Schneeregen, Regen gestern, einige Flocken auch. Frisch die Luft. Nicht sehr bevölkert der Schillermarkt, Mia kommt auch nicht, erst wenn es wieder wärmer wird. Ebenfalls gut besucht die Gaststätte, voll belegt auch Tisch zwei. Der ewige Stammgast in seinem Element. Ein fremder Gast an Tisch eins, dem eigentlichen Stammtisch. Blut- und Leberwürstchen mit Kraut. Erkundigt sich, ob der Wirt Bernemer sei und ob`s den Grünkohl noch länger gäbe. Sehr viele Menschen, tausende, auf Römerberg und Paulsplatz. Fahnen, Transparente, Reden, die Kundgebung eines breiten Bündnisses gegen Rechts, organisiert vom CSD, unterstützt auch von Eintracht Frankfurt. Wählt Liebe, das Motto. Sehr gut auch wieder besucht der Konstimarkt, Gedränge und Geschiebe in den engen Wegen durch die Buden. Erst spät ein kleines Plätzchen an einer Ecke des Tresens bei Heinstadt. Mia kommt ungeplant. Endlich zeigt auch die Töngesgasse ein anderes Gesicht, als Fahrradstraße, mit umzäunten Grünflächen statt Parkplätzen, keine weiß-roten Absperrgitter mehr. Ein paar sonnige Tage, kalt auch, der Feinstaub weggeblasen. Wieder sehr eng auf dem Konstimarkt, irgendwann ein kleines Plätzchen bei Heinstadt. Mia später auch, eine Stunde nur, doch die wirkt lange nach. Ich zwei Riesling, sie einen. Die Eintracht gewinnt 3:1 gegen Holstein Kiel, dritter Platz gefestigt. Am Abend Der Lange Tag der Bücher, Lesemarathon im Haus am Dom, ich als Letzter. Die Verlegerin hatte Fragen vorbereitet, die dann immer wieder einflossen, so bekam das Ganze eine gute Struktur. Etwa 30 – 35 Leute im Publikum, viel Applaus, viel Lob. Verlegerin mahnte, ich solle mir beim Folgebuch nicht so viel Zeit lassen. Stellte Herbst in Aussicht. Ein Schockmoment. Die Brille, den blauen Kugelschreiber aus der Stuttgarter Staatsgalerie und das Notizbuch vergessen, vermutlich im Café Ypsilon, vergessen bei einer Pause auf dem Weg zum Markt an der Konstablerwache. Dort anzurufen, ist mir erst am nächsten Tag eingefallen. Es war alles noch da. Der ewige Stammgast alleine an Tisch zwei, schweigend, den Bembel mit Namen vor sich. Plötzlich der Frühling. Bei Heinstadt auf dem Schillermarkt kein Gedränge. Feigensenf, Chilisenf, den schärfsten Meerrettich der zu haben ist beim Thüringer Stand. Warten auf Mia. Noch drei Tage bis zur Bundestagswahl, sie genauso unentschieden wie ich. Wir einigen uns, sie wählt das eine, ich das andere. Ein fahler Geschmack wird bleiben. Viele leere Ladenfenster auf der Berger, noch immer auch weiß-rote Absperrgitter, aufgerissene Schächte. Wir haben die Immobilie für Ihre Gastronomie. Schon der dritte Tag mit fast frühlingshaften Temperaturen. Erwartbar voll daher der Markt an der Konstablerwache, Gedränge überall, kaum ein Durchkommen. Grauburgunder, zurzeit ausgetrunken, Weißburgunder, Chardonnay, Riesling, auch Spätburgunder und Rosé, Crémant, Winzersekt. Flaschenweise für zuhause, nicht am Stand, nur glasweise. Morgen ist Sonntag, Wahltag. Bei Hüttenthal doppelter Espresso, wie immer. Sehr nette Leute, alle. Eine der Verkäuferinnen gibt mir einen kleinen Löffel zum Umrühren, statt des üblichen Holzstäbchens. „Weil wir uns so lange nicht gesehen haben“, ist ihre Begründung. Kleine Geste, große Wirkung. Es sind immer die kleinen Dinge. Der ewige Stammgast nicht an Tisch zwei, es ist Samstag, nie am Samstag und Sonntag. Auch ein Stammgast hat mal Wochenende. Er meldet sich auch krank, wenn er nicht kommen kann. Jede Entscheidung falsch und gleichzeitig richtig. Mia auch. Sie wählt die einen, ich die anderen zwischen denen wir geschwankt haben, so für jeden je eine halbe Stimme von uns. Country im Ohr, Gilian Welch, später Bonnie Prince Billy. Nicht das Gerede um mich herum hören. Wahltag und die Eintracht spielt gegen die Bayern, verliert mit 0:4. Das Wahlergebnis erstaunlich nah an den Prognosen, zweitstärkste Partei die Rechten, stärkste die CDU, mit ihrem schlechtesten Ergebnis jemals, das schlechteste auch für die SPD. Die Linken sind die wahren Gewinner, fast 9%. FdP raus, BSW nicht drin. Das sind noch die besseren Nachrichten. In Frankfurt ein anderes Bild. CDU vor Grün, die Linken vor Blau. Bio Metzgerei Spahn auf der Berger öffnet bald wieder, mit einem neuen Inhaber. Aprilwetter, Sonne und Regen zur selben Zeit, leer der Markt, wie so oft am Donnerstag, das Kaffeeauto vor C&A geschlossen, ein ungewohnter Anblick. Menschen mit lustigen Hütchen schunkeln auf einer Bank beim Weingut Metzler, Faschingslieder. Der ewige Stammgast an Tisch Zwei, ein gewohnter Anblick, ein Gesprächspartner steht auch zur Verfügung, zur Zufriedenheit des Gastes. Fasching hält Einzug in der Gaststätte. Erste Anzeichen von Frühling, Krokusse gelegentlich, scheues Grün an Büschen und Bäumen, die Sonne wärmt. Aprilwetter weiterhin, Regen, Sonne, Kälte. Zu dünn angezogen auf dem Weg zum Schillermarkt. Ein dünner Mann mit roter Basecap verhält sich merkwürdig, will eine Flasche Rosésekt klauen, er hätte auch was anderes genommen. Wird vertrieben vom Juniorchef, der verfolgt ihn. Eine Frau hält ihn zurück, der vermeintliche Dieb hätte ein Messer gezeigt. Kurz darauf Mia, ein Ritual. Was ist geschehen in der letzten Woche, was war wichtig? Wann machen wir wieder einen Ausflug? Sie Riesling, trocken, ich auch, der zweite für mich. Abschied an der Konstablerwache. Durch nasses Grau zurück. Trump wütet gegen alle, jetzt gegen Selenskyj, Merz spielt Trump, wettert gegen NGOs, die ihm und seiner Partei kritisch gegenüberstehen. In der Gaststätte ist der ewige Stammgast schon wieder gegangen, Fremde sitzen an Tisch zwei, als wäre das normal. Sehr voll wieder der Konstimarkt, erst spät einen kleinen Platz bei Heinstadt. Eine kleine Frau mit Rollator bittet um etwas Kleingeld. Viele Eintrachtfans, schwarz-weiße Schals, Kutten mit Vereinsenblemen überall, viel Apfelwein und Bier. Fußballfans trinken keinen Wein. Später verliert die Mannschaft mit 1:4 gegen Leverkusen. Auf der Berger zieht der Flaschensammler mit dem asiatischen Äußeren seine Runden, der Einkaufstrolley gut gefüllt mit der Beute. Er fällt kaum noch auf, ist immer da, zieht täglich seine Runden, nicht nur in Bornheim. Ein langer Stock sein Werkzeug. Wieder ein sonniger Tag, die Menschen erwachen aus dem Winterschlaf, gut besetzt die Gastrostühle am Uhrtürmchen, kein Missionar, kein Musikant. Ein ehemaliger Freund, Sonnenbrille, Zigarette, Weisswein, wichtig dreinblickend. Ich geh vorbei. Verschwommen nur noch die Erinnerungen. Das Zeitgefühl beim Gehen verändert sich, die Zeit spielt keine Rolle mehr, nur noch das Jetzt.
 

März

Schon seit einigen Tagen Frühlingswetter. Tiefstehende Sonne verwandelt die Menschen in Silhouetten. Die Apfelweinwirtschaft Föhl in Neu-Isenburg, am einzig schönen Platz in dem Ort, der Marktplatz, eine Entdeckung, für mich. Erstmals dort, gutes Essen, guter Apfelwein, denselben, den der ewige Stammgast alltäglich, außer Samstag und Sonntag, an Tisch zwei aus dem Bembel mit seinem Namen trinkt. Auch heute wieder, in Gesellschaft. Alle anderen Tische ebenfalls belegt, Stimmengewirr. Anderntags fällt ein Mann beim Weingut Metzler auf dem Konstimarkt, rücklings von der Bank und bleibt benommen liegen. Rettungswagen, Krankenhaus. Das Kaffeemobil vor C&A ist wieder in Betrieb, nicht hingegen das Wasserhäuschen Fein in den Wallanlagen an der Petersstraße. Kein Hinweis, die Außenmöblierung unter Planen geschützt, vor Diebstahl und Witterung. Kein Hinweis wann, und ob, es weitergeht. Großräumig eingezäunt das Areal um das ehemalige Lorey Kaufhaus in der Großen Eschersheimer Straße, Vorbereitungen für den Abriss. Nur die Fassade soll stehen bleiben, Denkmalschutz, Fassadismus. Der Rest dann neu, durchgehend bis zur Schillerstraße. Irgendwo auf ein Zitat von Christoph Ransmayer aus Die Schrecken des Eises und der Finsternis gestoßen: Im Gehen wurde ihm die Welt nicht kleiner, sondern immer größer. Das deckt sich mit meinen Eindrücken in der kleinen, großen Stadt Frankfurt. Immer noch sonniges Wetter, unbedingt die Berger meiden auf dem Weg zum Markt. Sandweg und Musikantenweg sind gute Alternativen. In der Wallanlage unweit des Bethmannweihers die Justus-Liebig-Schule, eingerüstet für eine dringend notwendige Sanierung. Die Schönheit des Baus aus den Sechzigern ist noch zu ahnen. Sehr voll der Markt, wie zu erwarten an einem warmen Frühlingstag. Mia kommt nicht. Der brach liegende Platz an der Staufenmauer wird umgestaltet, oder, besser gesagt, gestaltet, was er bislang nicht war. Schon weit vorangeschritten die Arbeiten, eine endgültige Gestalt erkennbar. Ebenso umgestaltet werden soll das ehemalige Gebäude der Deutschen Bank am Roßmarkt, wie die drei, zu einem verschmolzen, Plätze davor auch, begrünt und nachhaltig. Auch die alte Oper sowie der nach ihr benannte Platz davor, sollen begrünt werden. Frankfurt entdeckt seine Innenstadt, auch gegen die fortschreitende Aufheizung durch den Klimawandel. Nach dem 3:1 gegen Amsterdam verliert die Eintracht 1.2 gegen Union. Ekitiké verschießt einen Elfer in der letzten Minute. Platz drei an Mainz. Die jährliche Rückrundenkrise, man hat sich schon fast daran gewöhnt. Ungewohnter Stille über der Stadt, der Flughafen wird bestreikt. Der ewige Stammgast und der Mann mit dem Hut an Tisch zwei, das Wochenende ist vorbei. Nach dem Flughafen sind U- und Straßenbahnen dran, Verdi hat zum Streik aufgerufen. Großer Andrang an Bushaltestellen, Busse fahren noch. Die Stadt wird umgegraben, neue Baustellen tauchen auf, andere verschwinden. Fertig ist die Töngesgasse, Grün statt Parkplätze, Fahrradstraße. Die vergessene kleine Schwester, der Holzgraben zwischen Zeil und Töngesgasse, die Rückseite von Frankfurt, immer noch mit sehr schrägen Gehwegen, auf denen sich kaum gehen lässt. Auch die Braubachstraße stellenweise aufgerissen, Baumaßnahmen auch in der Nationalbibliothek und im Frankfurter Salon. Als ob es ansteckend wäre. Die übliche Besetzung an Tisch zwei, der ewige Stammgast, der Mann mit dem Hut und ein weiterer, der gerne viel redet, auch wenn es nichts zu sagen gibt. Vorbereitung für den Mittwochsstammtisch, Höhepunkt der Woche. Dazwischen der Bembel mit Namen. Der Winter fährt nochmal seine Klauen aus, die letzten Zuckungen. Feuchte Kälte zieht durch die Kleidung, manche sind verschnupft. Eintracht Frankfurt gewinnt nach sehr gutem Spiel 4:1 gegen Ajax Amsterdam. Viertelfinale Europaleague. Auf der Burgstraße fragt ein offenbar ortsunkundiges Pärchen nach dem Weg zur Wiesenstraße, der Anwohner schaute ratlos. Ich konnte helfen, es ist einfach, geradeaus dann rechts. Ich werde für meine Ortskenntnis gelobt, der Anwohner klopft mir anerkennend auf den Rücken. Die Leute kennen ihre direkte Umgebung nicht mehr. Der ewige Stammgast an Tisch zwei, den Bembel mit Namen vor sich. Ungewohnte Besetzung, es wurde über den vergangenen Streik bei U- und Straßenbahn geredet, dass man mit dem Auto hätte fahren müssen. Die Eintracht gewinnt 1:3 in Bochum. Nicht mehr leugnen lässt sich der bevorstehende Frühling, wolkenlos tagsüber, nachts sehr kalt. Übergangszeit. Noch hat der ewige Stammgast seinen Außenposten an Tisch dreissig nicht bezogen, aber lange wird es nicht mehr dauern. Überall ist der nahende Frühling zu spüren, die Forsythien werden dichter und gelber. In ein paar Tagen wird der Blick vom Roederbergweg zum Goetheturm, der seinen Kopf aus dem Stadtwald reckt, nicht mehr möglich sein. Die Platanen werfen im Licht der tiefstehenden Sonne kunstvolle Schatten auf das Pflaster. Menschen sitzen auf Bänken am Mainufer, halten das Gesicht der wärmenden Sonne entgegen, dösen, lesen oder schauen aufs Display, Spaziergänger tragen die Jacken im Arm. Eine freundliche und friedliche Stimmung, nichts ist zu spüren vom allgemeinen Weltuntergangsgetöse. Entspannt auch in der Kleinmarkthalle, nur an einem neuen Stand, der japanisches Streetfood wie Sushi und Matcha anbietet, stehen vorwiegend junge Leute in einer zehn Meter langen Schlange geduldig an. In der Küche wuseln fünf bis sechs Köchinnen und Köche. Ein Kleinkind krabbelt zu meinen Füßen auf Entdeckungsreise zwischen Tisch- und Stuhlbeinen umher. Die Mutter hat ein wachsames Auge, sie lächelt mich an. Perfekt ist langweilig, wahre Worte am Zaun eines Vorgartens im Nordend. Die beliebte Schneekugel im Historischen Museum ist kaputt, die Reparaturen werden eine Weile dauern. Das Kaffeemobil vor C&A an der Konstablerwache musste seine bescheidene Außenmöblierung, die niemanden behindert hat, wegräumen. Ein neuer Filialleiter des Klamottenkaufhauses hat sich daran gestört und, nach seinen Worten auch die Kundschaft. Vor zwei Tagen stachen zwei Frauen, Mutter und Tochter, am helllichten Tag auf eine andere Frau ein und verletzten sie schwer. Das alles auf der Berger Straße. Das Grauen lauert um die Ecke. Der Markt auf der Konstablerwache bei wolkenlosem Himmel gut besucht, die Bäume umgeben von einem zartgrünen Hauch, der Frühling in Sichtweite. Trüb der Himmel, Saharastaub, Feinstaub, überall Staub. Rauer Hals. Mia kommt zum Schillermarkt, ihr Zug verspätet, wie so oft. Eine lange Schlange an der Ausgabe des Wasserhäuschen Fein, erstmals seit Ende letzten Jahres geöffnet, nur noch Kartenzahlung. Noch immer klopft der Frühling an die Tür, mehr noch, tritt ein, freudig begrüßt von Vielen. Verstärkter Pollenflug, laufende Nasen, tränende Augen, hartnäckiges Nießen allenthalben. Wie immer bei einem solchen Wetter der samstägliche Konstimarkt übervoll, ein stetes Geschiebe und Gedränge durch die Reihen. Die Jesusjünger am Rande des Markts haben Verstärkung bekommen, zwei Stände mit blauen Transparenten, darauf unmissverständliche Mahnungen und Verlockungen. Wer sich nicht Jesus zuwendet, wird mit ewiger Verdammnis bestraft, alle anderen lockt das Paradies. Eine kleine, alte Frau vor der Sparkasse singt, kaum hörbar, übertönt von den Marktschreiern in Sachen Jesus. Ein Pappbecher vor sich für eventuelle Spenden, ich werfe eine Münze hinein. Am Fuße der Rampe zum Plateau des Platzes steht ein asiatisch aussehender Mann, trinkt Bier aus der Flasche und bewegt sich rhythmisch zu Technoklängen, die aus einem Ghettoblaster neben ihm dröhnen. Samstag an der Konstablerwache. Neben dem Kaffeemobil vor C&A dienen jetzt zwei Stehtische als Ersatz für die weggefallene Außenmöblierung, mittlerweile sind es drei. Die Stadt erwacht aus dem Winterschlaf. Der bulgarische Taschentuchverkäufer ist wieder da, sitzt wie eh und je in seiner Nische neben der Commerzbank am Uhrtürmchen, seine Taschentücher und der obligatorische Becher vor ihm. Er grüßt freundlich, erzählt, wo er in den letzten Monaten war. Ich werfe einen Euro in seinen Becher, er gibt mir ein Päckchen Taschentücher. An Tisch Zwei der ewige Stammgast, es ist Montag, eine neue Woche beginnt. Bald gesellt sich auch der Mann mit dem Hut dazu. Tapas in der Kleinmarkthalle, nicht so, als ob ich dort nochmal hinmüsste. Es ist kühler, der Frühling macht Pause. Wie trostlos doch die Konstablerwache ohne Markt. Tisch zwei wird nach und nach komplett, der Mittwochsstammtisch tagt. Noch immer Frühling, Mia kommt nicht zum Schillermarkt. Sehr gut besucht der Stand von Heinstadt, dem rheinhessischen Weingut auf dem Schillermarkt, Treffpunkt mit Mia, die aber heute nicht kommt. Sehr voll auch der Friedberger Platz, kaum ein Durchkommen. Die Freitagsparty, immer bei sonnigem und trockenem Wetter, das Leben verlagert sich langsam wieder auf die Straße. Zwei Frauen, offensichtlich Freundinnen, spazieren die Günthersburgallee hinauf. Eine zieht hin und wieder an einer Elektrozigarette und zeigt gelegentlich ein hinreißendes, verschwörerisches Lächeln. Es gehört eine große Portion Masochismus dazu, zum Konstimarkt zu gehen, wenn die Eintracht um 18:30 ein Heimspiel hat. Übervoll der Markt, kaum ein Durchkommen. Die Mannschaft gewinnt 1:0 gegen den VfB. Am Friedberger Platz in der Sonne sitzen, ein Seppelsche trinken und über Kopfhörer Musik hören, eine sehr schöne halbe Stunde. Der ewige Stammgast nicht in der Gaststätte, es ist Samstag.

April

Auch an der Ecke Ringel- Spessartstraße, bis vor Kurzem stand dort eine Aral Tankstelle, wird gebaut. Ein Bagger, ein Dixiklo, keine Baugrube. Was wird da wohl entstehen? Auf das Pflaster am Uhrtürmchen hat jemand akkurat, mit bunter Kreide, Botschaften geschrieben, niemand bleibt stehen um sie zu lesen. Ich lerne, dass der Brunnen vor dem französischen Café Reichsdorf Brunnen heißt. Der ewige Stammgast bleibt ungewohnt lange, länger als sonst, trinkt später mit einem weiteren regelmäßigen Stammgast noch zwei Vierer-Bembel, ohne Namen. In der Sonne sitzen am Fein Wasserhäuschen, endlich wieder geöffnet nach langer Pause, nur Kartenzahlung. Der Altkleidercontainer auf der gegenüberliegenden Straßenseiten stört den Blick auf die grünen Wallanlagen. Viel zu wenig Regen im März, Dürre droht, schon wieder. 2024 das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen. Jedes Jahr das wärmste Jahr. Plötzlich ein Windstoß, ein Fahrrad fällt um, trockenes Laub und Staub wird herumgewirbelt. Ein Pärchen auf je einer Harley Davidson fährt vorbei, er vorne, sie mit geringem Abstand hinterher. Der Mittwochsstammtisch fast komplett, der ewige Stammgast und zwei weitere aus dem engen Kreis. Zufrieden der ewige Stammgast, sein Metier, sein Leben. Wildes Geschnatter der Kanadagänse am Mainufer. Menschen auf Bänken, das Gesicht himmelwärts, der Sonne entgegen. Lange entbehrt. Die Umbaumaßnahmen am Goetheplatz noch in vollem Gange. Auf der Konstablerwache eine kleine, alte Frau, mit brüchiger Stimme singt sie ihre ungehörten Lieder. Ein verbeulter Becher vor ihr, ich werfe eine Münze hinein. Zwei junge Frauen sitzen vor dem Fein und zeichnen das Wasserhäuschen, ein Eichhörnchen flitzt über die Straße. Der ewige Stammgast hat seinem Platz an Tisch dreißig eingenommen, das Sommerquartier. Frühling, Sonne, 20 Grad, wummernde Bässe auf der Straße, 15 Meter Schlange vor einem Eiscafè im Oederweg. Mia auf dem Schillermarkt, bei Heinstadt, Riesling trocken, das liebgewonnene Ritual. Immer noch sonnig und trocken, seit Wochen trocken, Dürre droht, Dürre ist schon da, soziale Dürre auch. Das Orange Beach, das Strandwasserhäuschen unter der Niederräder Brücke im Gutleut, muss zum Ende des Jahres schließen. Die Bahn plant, dort eine weitere Eisenbahnbrücke zu bauen. Ich war nie dort, schätze aber solche Orte. Es würde mir gefallen. So stirbt Stück für Stück ein wenig mehr soziales und kulturelles Leben, eine lebenswerte Stadt. Verschoben der Umbau der Kleinmarkthalle. Eintracht Frankfurt verliert 2:0 bei Werder Bremen, trotzdem immer noch Dritter. Noch sind sie grün und saftig, die Wiesen im Günthersburgpark, aber wenn die Dürre anhält, wird sich das bald ändern. Jetzt noch ein schönes Bild, gelb und weiß gesprenkelt das Grün, Gänseblümchen und Löwenzahn. Ebenso prall und gesund präsentiert sich die Grüne Lunge. Fragen tauchen auf: Was ist der Klang von Frankfurt, was der Geruch? Noch keine Antworten gefunden. Die Eintracht spielt 1:1 in London, gegen Tottenham. Zuhause regiert der Frühling, noch immer kein Regen. Osterferien, der Samstagsmarkt auf der Konstablerwache nicht ganz so gut besucht, wie an anderen Samstagen, viele sind in den Osterferien. Am nächsten Tag gewinnt die Eintracht 3:0 gegen Heidenheim. Die Karwoche beginnt kühler, an der Gaststätte fallen Teile der Fassade auf den Gehweg, der glücklicherweise in diesem Moment leer war. Der ewige Stammgast noch nicht da, später hat er ein Thema. Es riecht nach Regen, der später auch fallen wird, viel zu wenig. Überall Bärlauch, alle im Wald zum Bärlauchpflücken, alle essen Bärlauch. Kaufen lässt er sich auch, wie die Kräuter der Frankfurter Grünen Soße, nur echt, wenn sie aus Frankfurt kommen, ab Gründonnerstag bis in den Oktober. Dann beginnt die Zeit der Importe. Plötzlich fährt der Winter nochmals seine müden Krallen aus, immer noch kein Regen. Der Platz am Uhrtürmchen ist vom Abenteuerspielplatz Riederwald belegt, zur Freude der Kinder. Jedes Jahr wieder allerlei Gerätschaften zur Belustigung der Kleinen, es wuselt und wieselt, lautes Lachen, Schreien und Weinen hallt über den Platz. Bis sie müde sind. Dicht gedrängt die Gänge und Stände des Konstimarkts, Eintrachtfans überall, am Abend das wichtige Spiel gegen Tottenham (0:1). Ausgeschieden. Mit Andreas Maier einen Schoppen getrunken, er imitiert vortrefflich Peter Kurzeck. Eine Frau geht sehr zügig die Große Friedberger Straße in Richtung Bleichstraße und stößt dabei immer wieder aggressive, sehr laute Schreie aus. Dann zieht sie ruhig weiter, bis zum nächsten Mal. Der ewige Stammgast an Tisch zwei, an seiner Seite ein mir bislang unbekannter Gesprächspartner. Der Zweier-Bembel vor sich, mit eingraviertem Namen. Zwei, eines Doppelmords in Bad Nauheim, verdächtigte Männer wurden verhaftet. Der Frühling legt eine Pause ein. Aber sonnig am Samstag, der Markt weniger voll, die Urlaubszeit macht sich bemerkbar. Kühler Ostersamstag, der versprochene Regen bleibt aus, bis auf einige Minuten am Abend. Die Eintracht spielt 0:0 in Augsburg. An der Ecke Ringel-Spessartstraße entsteht ein Wohnhaus, trotzdem keine Baugrube. Aprilwetter, in der Ferne Donnergrollen. Am Nachmittag ist noch nicht viel los auf der Dippemess, die meisten Schausteller bereiten ihre Geräte und Stände vor für den abendlichen Andrang. Würste jeder Art und überall, Süßkram, billiger Schmuck und Pommes, bunte Getränke und Zuckerwatte. Nur wenige Fahrgeschäfte sind schon in Betrieb, alles ruhig bei den Auto Scootern, das Riesenrad dreht müde seine Runden, eine Höllenmaschine ähnlich einer Schiffschaukel mit Schleudersitzen schwingt hin und her, das Kettenkarrussel dreht in der Höhe einsam seine Runden. Einige suchen den Grusel in der Geisterbahn. Die Reihe der jungen Wartenden an der Sushi- und Matchabude in der Kleinmarkthalle ist heute kürzer als an manchen anderen Tagen, nur etwa zehn Meter. Später endlich Regen, heftig. Zuflucht bietet das Restaurant Seefeld an der Scheffelstraße, Eckenheimer Landstraße. Österreichische Küche, freundliches Personal, Tiroler Platte, Rotwein. Der ewige Stammgast sitzt überraschend an Tisch drei, dem Lokal den Rücken zugewandt. Tisch zwei komplett belegt vom Mittwochsstammtisch. Endlich Regen, selbst die Zimmerpflanzen freuen sich. Die regnerischen Tage sind vorbei, eine neue Kaffeebude an der Schillerstraße, hell, modern, junges Publikum, wie am japanischen Stand in der Kleinmarkthalle. Der ewige Stammgast in Gesellschaft, er nennt sich “eine Kontinuität”.

Irgendjemand röhrt mit einem, vermutlich gemieteten, orangefarbenen Lamborghini die Berger entlang und fühlt sich wahrscheinlich allen anderen gegenüber überlegen. Sonne, am Abend ein Heimspiel der Eintracht gegen Leipzig, schwarz-weiß und schwarz-rot der Konstimarkt. Vor allem an den Bier- und Apfelweinständen, Wein eher weniger. Endlich wieder ein längerer Spaziergang mit Mia am Main. Sie war niedergeschlagen, zum Abschied ging`s ihr besser. Eintracht-Fans haben Grund zum Feiern, 4:0 gegen Leipzig. Eine 26-jährige Frau kommt in einem AMG Mercedes ums Leben, wenige Tage vorher verlieren in einem weiteren Mercedes zwei Menschen ihr Leben. Beide Autos waren zu schnell unterwegs. Viel zu warm für diese Jahreszeit. Gut besucht ist die Nationalbibliothek, auch klimatisiert. An der Kreuzung Nibelungenallee - Eckenheimer Landstraße regeln zwei Polizisten den Verkehr, die Ampeln sind ausgefallen, alle fahren langsamer. Der ewige Stammgast hat den Außenposten an Tisch dreißig bezogen, der Mann mit dem Hut streckt den Bauch im geöffneten Hemd der Sonne entgegen, zur Sonne, zur Freiheit. Es ist fast schon schwindelerregend, in welchem Tempo in Bornheim Mitte, wahrscheinlich auch andernorts, Lokale schließen und andere an selber Stelle eröffnen. Auf Balkan folgt chinesisch, folgt türkisch, folgt japanisch, folgt italienisch u.s.w. Die Halbwertzeit einer gemeinen Pizzeria liegt bei etwa anderthalb Jahren. Den Markt an der Konstablerwache gibt es hingegen seit 36 Jahren. Ausnahmsweise am Mittwoch, am Donnerstag der erste Mai, Feiertag. Sehr überschaubare Besucherzahlen, und etliche Stände fehlen auch. Weinfest in Bornheim, großes Gedränge, auf einer kleinen Bühne gibt eine Cover-Band ihr Bestes, es wird mitgesungen, einige tanzen vor der Bühne, Weingläser in der Hand. Bornheimer Ballermann. Musik, schwankende Gestalten mit glasigen Augen, die laut und sehr falsch mitgrölen. Erhobene Arme werden hin und her geschwenkt. Zwei hübsche Schwestern in ähnlichen Klamotten, verkaufen gut gelaunt Wein am Stand vom Biowinzer aus Rheinhessen. Sonst auch immer der Mann mit dem Hut, dieses Mal nicht. Auch der ewige Stammgast nicht, er sitzt am Außenposten an Tisch dreißig, trinkt keinen Wein. Am Sonntag endlich der ersehnte Regen, zehn Minuten Weltuntergang, Gewitter, Hagel, Starkregen. Das Weinfest geht weiter.

Mai

Der Alltag kehrt zurück, keine Spuren mehr vom Weinfest. Deutlich niedriger auch die Temperaturen, fast schon kalt. Die Eintracht spielt 1:1 in Mainz, der ewige Stammgast an seinem Platz, vor sich den Bembel mit seinem Namen, ihm gegenüber der Mann mit dem Hut. Alles wie immer also. Kein Regen in Sicht, in Prognosen wird vor Dürre gewarnt. Eine neue Kassierin bei Alnatura ist sichtlich nervös und kramt im Kleingeld, als wolle sie es zählen. Friedrich Merz wurde im ersten Wahlgang nicht gewählt, im zweiten hat`s dann geklappt. Klassischer Fehlstart, ist noch nie passiert. In der Kleinmarkthalle an einem modernen türkischen Stand eine Flasche Riesling mit Eintracht-Adler und einem Portrait von Steppi. Ich weiß jetzt auch, wo er jeden Tag frühstückt. An der Kontablerwache hat sich eine Gruppe Lieferfahrer mit ihren schnellen E-Bikes und den blauen Transportboxen versammelt. Vielleicht wird der nächste Angriff auf Passanten geplant. Der ewige Stammgast noch allein an Tisch zwei. Noch ist niemand zur Sprechstunde erschienen, immer Montags bis Freitags ab etwa 17:15. Aber der Mittwochsstammtisch wird sicherlich noch erscheinen. Donnerstag, Markttag. Andreas Maier und Rudi Deuble beim Apfelwein. Für einen Schoppen geselle ich mich dazu. Der ewige Stammgast an Tisch zwei, viel Gesellschaft, er ist in seinem Element. Das Lokal gefüllt, ein ehemaliger Kollege feiert Geburtstag. Der neue Papst ist Amerikaner. Erstmals den neuen Waschsalon in der oberen Berger Straße genutzt. Sehr gut, modern, Kartenzahlung ist möglich, es gibt einen Tisch, Kaffee und Snacks, sogar WLAN. Für mich ein großer Vorteil, ich spare Zeit. Niemand sitzt am Tisch. Im Lokal Gickelschlag wurde gebaut, es sieht nach einer baldigen Wiedereröffnung aus. Die Küche wird Hausmannskost bieten. Es passiert was, auch auf städtischer Ebene. Der Masterplan Mobilität wird, nach zweijährigen Beratungen, verabschiedet. Hoffnung auf eine gerechtere Verteilung des öffentlichen Raums. Mit Mia Riesling auf dem Schillermarkt, erstmals seit zwei Wochen. Am nächsten Tag ein Spaziergang nach Fechenheim und Offenbach. Die Sitzgelegenheiten am Fünffingerplätzchen in Bornheim werden abmontiert und einige Tage später durch neue Bänke, die im Kreis aufgestellt werden, ersetzt. Eine Kundgebung am Römer für ein Verbot der Af*, nicht sonderlich gut besucht, nur wenige hundert Leute. Zwei junge Männer kommen vorbei, einer murmelt was von „linken Bastarden“, später ein anderer aus entgegengesetzter Richtung, der kaum hörbar sagt „Und die Grünen gleich mit...“. Gegenwart in Frankfurt, nicht nur dort. Eintracht spielt nur unentschieden gegen St.Pauli, die Entscheidung zur Champions League vertagt. Trockenheit seit Tagen, viel Sonne, nachts sehr kalt. Die Wetterprognosen überschlagen sich, wann kommt die Kalte Sophie, auch Eisheilige genannt, steht uns der heißeste Sommer aller Zeiten bevor? Die zwei Platanen am Merianplatz mutwillig und sinnlos vergiftet, unmöglich, das Motiv nachzuvollziehen. Sie waren sechzig Jahre alt, eine Rettung ist ausgeschlossen. Jemand hatte Löcher in den Stamm gebohrt und Glyphosat reingespritzt. Eine Amsel sorgt im Treppenhaus für Aufruhr. Wohl durch die geöffnete Haustür reingekommen, nicht mehr raus. Nach einigen vergeblichen Versuchen gelang es, das Tier in die Freiheit zu entlassen, durch die Wohnung und die geöffnete Balkontür. Ob sie dankbar ist? Eine junge Frau, gekleidet, wie junge Leute gekleidet sind, enge grüne Hose, T-Shirt, Basecap, Sneaker, durchwühlt die Mülleimer der Kleinmarkthalle. Sie findet eine Pappschachtel mit den Resten einer Speise, holt sie aus dem Mülleimer und isst den kalten Rest. Ein schöner Abend mit Andreas Maier und Andreas Platthaus im ausverkaufen Literaturhaus. Viel Applaus. Rückweg durch das Ostend, Ostendstraße. Die EZB verschwindet fast im Dämmerlicht. Eine weitere Pizzeria folgt auf eine ehemalige Pizzeria am Uhrtürmchen, Slop oder so ähnlich, original neapolitanische Pizza. Den Name muss man sich nicht merken, in anderthalb Jahren kommt eine neue Pizzeria, deren Namen man sich dann auch nicht merken muss. Der ewige Kreislauf. Die Fassade des ehemaligen Lorey Kaufhauses in der Großen Eschenheimer Straße massiv abgestützt, sie steht unter Denkmalschutz. Das eigentliche Gebäude wird abgerissen. Auf der Zeil verbreitet ein sechsköpfiges Alphorn Ensemble Alpenklänge im Getümmel. Es klingt sehr gut. Freitag, der Friedberger Platz übersät mit Menschen, lange Schlange an den Ständen, Bratwurst, Pommes, natürlich Wein. Bier und Apfelwein vom Wasserhäuschen. Der asiatische Flaschensammler geht seiner Tätigkeit nach, durchstöbert Mülleimer mit einem Stock in der Günthersburgallee. Der Einkaufstrolley mit dem Ertrag im Schlepptau. Es wird kühler. Gut besucht der samstägliche Konstimarkt, wie immer. Der letzte Bundesligaspieltag, es geht um viel, es geht gut. Die Eintracht gewinnt 1:3 in Freiburg und sichert die Champions League über die Bundesliga, Platz drei. Auch in Mainz geht`s um Europa, Der FSV schafft die Conference League. Nach dem Spiel ziehen einige Leute feiernd durch die Altstadt, andere feiern mit Bier am Bahnhof. Mit Mia bei Riesling und Spundekäs in der Weinstube Lösch. Die FR veröffentlicht auf einer Seite sich widersprechende Wetterprognosen vom selben Autor, Hitzewelle gegen Starkregen und Schwüle. Das Eiscafé in der Wittelsbacher Straße, kurz vorm Ernst-May-Platz, die erst, nach einer längeren Umbauphase im letzten Jahr eröffnet wurde, ist schon wieder geschlossen. Am Ostbahnhof ist eine Baustelle am Ort des ehemaligen Bahnhofsgebäudes eingerichtet, Baucontainer gestapelt, schweres Gerät herbeigeschafft. 76 Jahre Grundgesetz, am Uhrtürmchen eine bescheidene Feierlichkeit mit Musik und Infotisch. Einige Passanten hören zu, im Halbkreis. Keine Feierlichkeit am Schillermarkt, auch keine Mia, die S-Bahn fährt noch immer nicht. Aber Riesling, ein neuer Jahrgang, besser als vorherige. Eine neue Statistik besagt, die zweitmeisten Wege in der Stadt werden zu Fuß zurückgelegt, immerhin 37%. Den größten Anteil hat der ÖPNV, dann das Auto und am Ende das Fahrrad, aber mit immerhin noch 20%, das ist eine Verdoppelung innerhalb weniger Jahre. So ist zu sehen, wie sich eine verbesserte Infrastruktur auswirkt. Der samstägliche Konstimarkt nicht so überlaufen wie sonst, später auch etwas Regen, aber immer noch viel zu wenig. Auch die Temperaturen gehen runter. Der ewige Stammgast hat wieder an Tisch zwei Quartier bezogen, in trauter Zweisamkeit mit dem Mann mit Hut. Später noch ein Lokalpolitiker mit Ziegenbart. Die erste Wespe, der Sommer ist da. Am nächsten Tag wird wieder der Außenposten bezogen, ohne den Mann mit Hut. Nur der Märchenonkel ihm gegenüber. Später, bei einsetzendem Regen wird umgezogen, Tisch zwei ist besetzt, also an Tisch fünf, ungewohnt. Mit dem ICE 1 nach Berlin. Als damals, in den Achtzigern, die ersten ICE 1 in Westberlin einrollten, ich sah sie meist auf der Brücke am Savigniplatz, hatte ich das Gefühl, das jetzt die Zukunft in die Halbstadt eingezogen wäre, sie nicht mehr abgeschnitten sei vom Rest der Welt. Dass ich selbst etwa vierzig Jahre später in einem ICE 1 aus Frankfurt am Main, der Stadt, in der ich jetzt seit 25 Jahren lebe, nach Berlin fahren würde, lag außerhalb jeder Vorstellung. Über die ehemalige Strecke, Fulda, Kassel, Göttingen, Wolfsburg. Damals hieß das Ziel noch Bahnhof Zoo. Auch Hildesheim, von dort eine frühere Liebschaft, habe ihren Namen vergessen, lange bevor die ersten ICE in Westberlin einfuhren. Wir lernten uns in einer Kneipe im Wedding kennen, sie hieß Nowawes, benannt nach dem Ort, in dem Peter Weiss geboren wurde. Ich war erst seit wenigen Wochen in Berlin. Wenn ein Berlin-Frankfurter in Berlin ist, ist Berlin auch immer ein Stück Frankfurt, das auch immer ein Stück Berlin ist, wenn er in Frankfurt ist.

Juni

Die jährliche Fahrradsternfahrt rollt durch Berlin, zehntausende nehmen die Stadt in Besitz, Schwierigkeiten, den Tempelhofer Damm zu queren. Früher war ich selbst dabei. Entspanntes Treiben unterschiedlichster Art auf dem Tempelhofer Feld. Es wird Baseball gespielt, für mich nicht erkennbar, was dort geschieht und weshalb. An einer Ecke der Landebahn sind etliche Skater zusammengekommen und führen ihre artistische Kunststücke vor, Radfahrer drehen ihre Runden, Jogger, weitere Skater und Spaziergänger wie ich sind unterwegs, alle finden ihren Platz. Am Horizont steht ein bunter Drachen in der Luft, in einer anderen Ecke wird für den Karneval der Kulturen geprobt. Leider bin ich dann schon wieder weg. Ein letzter Gang über das Tempelhofer Feld, ein Cappuccino in der Markthalle und zurück mit leichter Wehmut nach Frankfurt. Der Zug ist pünktlich. Später der Obdachlose, der unablässig mit seinen Habseligkeiten und einer Colaflasche in der Hand die Berger auf und ab schlürft. Er bettelt nicht. Und der ewige Stammgast an Tisch dreissig, in Gesellschaft eines weiteren Üblichen. Alles wie immer, aber Frankfurt ist auch wieder ein Stück Berlin. Die Arbeiten am Günthersburgpark sind abgeschlossen, die Wege mit neuem Belag. Endlich Regen aber weniger als erwartet und erhofft. Der ewige Stammgast wieder an Tisch zwei, er empfängt zum Mittwochstammtisch. Es fehlt der Mann mit Hut, dafür gehört der Märchenonkel jetzt zur Runde. An der Baustelle Ringel- Spessartstraße wird ein Kran aufgebaut. Gerne würde ich stehenbleiben und zuschauen, wollte ich doch schon immer wissen wie die riesigen Kräne aufgebaut werden. Auf dem Markt an der Konstablerwache ist der Besucherandrang überschaubar, es ist Donnerstag. Schillermarkt, doppelter Espresso im neuen Cafè 2b, Matjesbrötchen und Riesling bei Heinstadt. Mia kommt, über zwei Wochen nicht gesehen. Ich habe dich vermisst. Ich dich auch. Bürostühle auf der Straße, abgenutzt, kaputt. Seit Corona und Homeoffice immer öfter. Der ewige Stammgast nicht an seinem Platz, ebenso wie der Mann mit Hut, auch Stammgäste haben an Feiertagen frei. Plötzlich Sommer, der ewige Stammgast hat seinen Außenposten an Tisch dreißig bezogen, den Mittwochsstammtisch um sich versammelt. Auf dem Platz ein Bürostuhl, weiß, auf den ersten Blick intakt aussehend, auf den zweiten auch. Hohe Lehne, Armstützen, auf Rollen. An einigen Stellen ist die Farbe abgebröckelt. Der Trend zum Homeoffice zeigt sich auch auf der Straße. Auf dem Fünffingerplätzchen regt sich was, an einigen Stellen unter den Kastanien sind Pflastersteine gelockert. Es sieht nach einem Plan aus, der aber noch nicht erkennbar ist. Der Beginn der Umgestaltung, von der vor einigen Jahre geredet wurde? Mittlerweile sind neue Bänke installiert, Holz, mit Armlehne, sechs Stück kreisförmig angeordnet. Auch der Metzger in der Kleinmarkthalle, von dem ich in der letzten Zeit immer dachte, er sei geschlossen, ist durchaus lebendig und hat geöffnet. Ich bin nur immer dran vorbei gelaufen, einer Täuschung aufgesessen. Es gibt, nur durch zwei Stände getrennt, zwei Metzger, die beide Bouletten anbieten. Der zweite, ganz hinten in der Reihe, direkt am Ausgang, war lange geschlossen, daher die Annahme. Schillermarkt ohne Mia. Es ist sehr heiß, 30° und mehr, die Gaststätte sehr voll, innen und außen. Der ewige Stammgast stoisch an Tisch dreißig, ihm gegenüber der Mann mit Hut, auch der redselige Kollege darf nicht fehlen, ein gewohntes Bild. Das Neueste vom Wetter. Der Parkplatz hinter dem brutalistischen Postgebäude an der Saalburgallee ist leer. Keine gelben DHL Autos, keine Lastenfahrräder, auch keine Packstation. Die große Hitze steht auf dem Platz. Im Sepember wird es dem Gebäude an den Hals gehen, es wird dem Bagger und dem Abrissmonster zum Fraß serviert. Ungeliebt, aber es gehörte dazu, viel genutzter Bestandteil Bornheims. Es wird fehlen. Der Markt auf der Konstablerwache nur schwach besucht, die Hitze hält die Leute zuhause. Abkühlung am Sonntag, starkes Gewitter am Morgen. Der letzte Tag der Bar bevor der Wirt in den Urlaub fährt, ich gönne es ihm. Die übliche Besetzung am Tresen, der Schwätzer schweigt. Hochsommerliche Hitze, über 30°. Ein Gang zum Hessentag nach Bad Vilbel, durch Wiesen, Felder und Wälder. Die Sonnenbrille ist weg, böse Überraschung, sie war teuer und liegt jetzt irgendwo zwischen Lohrberg und Bad Vilbel unter einem Busch im Gras. Starkes Gedränge in Bad Vilbel, eine halbe Stunde anstehen für eine Bratwurst, im Hintergrund dreht sich ein Riesenrad. Andrea, wir sind uns kurz vorher zufällig begegnet, steht inzwischen bei den Getränken. Sechs Euro eine Bratwurst, immer mehr Gedränge und Geschubse. Nichts wie weg hier. Andrea kämpft sich durch. Tschüss. Die Gaststätte nur etwa halb so gut besucht, wie am Tag zuvor. Der ewige Stammgast nicht an seinem Platz, am Feiertag wird nicht gearbeitet. Frankfurt ist die fahrradfreundlichste Großstadt Deutschlands. Das ist gut, vom Fußverkehr lässt sich das leider nicht sagen. Fast leer liegt der Friedberger Platz in der Sonne. An Freitagen oft kein Durchkommen, langweilen sich jetzt die Händler und die Pissoirs sind ungenutzt. Das lange Wochenende und die Hitze. An Tisch dreißig hält der ewige Stammgast wieder Hof. Wieder geöffnet, nach langer Pause und gescheiterten weiteren Gastroversuchen, der Gickelschlag, mit heimischer Hausmannskost. Dergleichen ist ja gar nicht mehr so leicht zu finden. Sommerliche Hitze, teilweise über 35°, Ende Juni. Unterm Dach steht die Hitze. Der Konstimarkt nur schwach besucht. Im Brentanobad kommt ein neunjähriges Mädchen ums Leben. Die Stadt gelähmt von der Hitze. Zwei dickbäuchige Männer in Unterhemden sitzen auf einer Bank, trinken Bier und reden nicht. Nur wenige Spaziergänger am Mainufer, einige sitzen auf schattigen Bänken, auch die Gänse im Schatten. Am Stand der netten Türkin, Jessi nent sie sich, in der Kleinmarkthalle rotiert ein Ventilator an der Decke, köstlich der trockene Riesling und Gözleme mit Käse. Ein Spatz hüpft, pickt und fliegt durch die Halle. Volle Besetzung an Tisch dreißig, der ewige Stammgast, der Mann mit Hut, Stinkstivvel, das Bier-Apfelwein-Pärchen. Der Wirt trinkt einige Ich-geh-gleich-Biere bis er wirklich geht. Heftige Gewitter, aber nicht in Frankfurt. Nur für fünf Minuten etwas Abkühlung, die Gewitter, der Regen andernorts, teilweise auch zu viel. Die Neugestaltung des Platzes an der Staufenmauer sind fast abgeschlossen, es fehlt noch der Schatten, einige Schirme sollen noch kommen. In einer Ecke brummt ein Generator, Stromanschluss gibt es noch keinen. Kaffee verschiedenster Art, diverse modische Getränke, die alle irgendwas mit Spritz heißen. Bis vor Kurzem eine Brache, jetzt ein schöner innerstädtischer Platz zum Verweilen. Übervoll die Mülleimer in der Günthersburgallee, einer der schönsten Straßen Frankfurts verwahrlost. Pizzakartons, Zigarettenschachteln, rote und schwarze Kotbeutel, all das und noch viel mehr verteilt auf dem Weg. Tisch dreißig gut belegt, der Mittwochsstammtisch am Donnerstag. Die sechzig Jahre alten Platanen am Merianplatz müssen gefällt werden, vergiftet durch Glyphosat und nicht mehr zu retten. Nicht nur in Frankfurt werden Bäume vergiftet. Schillermarkt ohne Mia, sie muss lektorieren. Aber der georgische Gitarrist, der regelmäßig vor der Gaststätte spielt und auch immer ein kleines Bier bekommt, ist da. Ich spende einen Euro. Der ewige Stammgast in ungewohnter Bekleidung an Tisch dreißig, er trägt ein schwarzes Basecap. Die Tischgesellschaft wird ergänzt vom Märchenonkel und dem Schwätzer, der Mann mit Hut fehlt. Lese ein Zitat, angeblich von Goethe (wir sind schließlich in Frankfurt): Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen. In der Berger Straße hat eine Wohnung gebrannt, ein Toter. Eine gute Alternative zur Berger Straße, um entspannt in Richtung Innenstadt zu spazieren, ist der Sandweg. Keine schöne Straße, aber mit relativ breiten, nicht zugestellten Gehwegen und nur wenigen Passanten, Menschen sind oft die größten Verkehrshindernisse. Der Sandweg ist keine Einkaufsstraße. Wer mit offenen Augen und aufmerksam den Sandweg entlang geht, wird auch an dieser Straße einige schöne Fassaden entdecken. Schöner ist zweifellos der Musikantenweg zwischen Berger und Sandweg, wenn dort auch die Gehwege schmaler sind. Aber auch am Musikantenweg sind nur wenige Leute unterwegs. Einige Häuser, gut restauriert, verbreiten durch ihre Fassaden in Pastelltönen und Klappfensterläden eine südländische Atmosphäre. Auf dem Konstimarkt nur wenig Betrieb, es ist zu heiß. Die Sonne brennt gnadenlos. Auf einer Bank in der Günthersburgallee unter Platanen ist es auszuhalten, ein kaltes, koffeinhaltiges und alkoholfreies Getränk, das nicht aus Österreich stammt, erfrischt erfreulich. Die wenigen schattigen Plätze beim Stoffel sind belegt, lange ist es in der Sonne nicht auszuhalten. Ein toter, zerlegter Baum im Günthersburgpark, gleich daneben einige kleine, offensichtlich erst kürzlich, gepflanzte Bäume.

Juli

Die Hitze wird immer drückender. Menschen schleichen durch die Straßen, suchen den Schatten. Der Nachfolger des Panoramabades in Bornheim, das Main Bad Bornheim, ist schon wieder geschlossen, es sind weitere Arbeiten nötig. Erst im Mai wurde es eröffnet, im September soll`s weitergehen. Ich glaube nicht, jemals dort hin zu gehen, aber wer weiß. Auch der offizielle Baubeginn der nordmainischen Bahn nach Hanau. Vielleicht können wir 2040 damit fahren. Der sogenannte erste Spatenstich wurde, unter Teilnahme einiger städtischer Prominenz, vollzogen. Die wenigen Menschen, die unterwegs sind, möglichst leicht bekleidet, im Schatten. Der ewige Stammgast an Tisch dreissig, beschirmt, der Mann mit Hut ohne Hut, auch Stinkstivvels am Tisch. Es ist so heiß dass selbst die Vögel verstummen und am Boden oder auf den Bäumen bleiben und die Mauersegler sich verstecken. Nur wenige Stände auf dem Bernemer Markt, die verbliebenen bauen am Mittag wieder ab. Es ist zu heiß. Ähnlich in der Kleinmarkthalle, einige Läden verhüllt, nur wenige Besucher. Die Hitze geht in die Beine, das Gehen fällt schwer. Eine schattige Bank im Bethmannparkt. Mia ruft an, zuhause nach der Schule, erschöpft. Zwei blasse Frauen, schlank, sommerlich gekleidet, stark tätowiert, weißhäutig, ziehen in Richtung Berger Straße. Immer wieder erwartungsvolle Blicke auf das Regenradar, doch die dunkelblauen Wolken ziehen großräumig an Frankfurt vorbei. Später, Wolken, Wind und auch Vögel. Poe, die Hauskrähe trinkt, Nüsse und Apfel verschmäht sie zunächst. Kaum steht der Napf, kommt Poe schon vom gegenüberliegenden Haus angeflogen. Er hat Durst. Das nächtliche Gewitter sorgte für etwas Abkühlung, aber noch immer sehr warm am Morgen unter dem Dach. Eine neue Bar in der Arnsburger Straße. Bar und Café Ausländer lautet der überaus merkwürdige Namen, Gäste sind an diesem Nachmittag keine zu sehen. Es wird schwer abseits der Berger. Nur schwach besucht der Markt auf der Konstablerwache. Eine kleine Cohiba Zigarre zum Riesling bei Metzler, gekauft für vier Euro in einem Kiosk unweit. Immer mehr Außenbestuhlung auf der Berger Straße. Der Obdachlose, er spricht mit sich selbst in einer osteuropäischen Sprache, kauert im Schatten an einer Hauswand. Er bettelt nicht. Letzter Schultag vor den großen Ferien. Ab morgen fängt die schönste Zeit in der Stadt an, wenn sie leerer wird und die Luft besser, und mehr Ruhe einkehrt. Mia kommt zum Schillermarkt, sie freut sich auf die Ferien. Fotos der Abschlussklasse. Eine Ratte huscht über den Weg in den Wallanlagen, vielleicht auf der Flucht vor dem Laubbläser. Der Markt an der Konstablerwache nur halb so gut besucht wie an anderen Samstagen, Ferien und Hitze. Zwei Rettungswagen stehen bereit, manche haben wohl die Hitze nicht vertragen. Die Jesusjünger haben groß aufgefahren, Transparente, Musik, fromme Ansprachen. Alle tragen blaue T-Shirts. Die jährliche Strausswirtschaft unter den Arkaden von St. Josef in der Berger ist wieder da, ein Riesling. Neulich in der Rundschau ein Bericht, mit welchen Autos die Eintracht Spieler zum Training anreisen. Da war alles dabei, was schnell, teuer und überflüssig ist. Schon normal sind Audi, BMW und Mercedes. Aber dann natürlich Lamborghini, Ferrari etc. Einer kommt sogar im Bentley, in einem seltenen auch noch, wie die Rundschau bewundernd schreibt. Nur Mario Götze wird fast schon bemitleidet, weil er nur in einem Hyundai vorfährt. Er sei Markenbotschafter, wird entschuldigend erwähnt, er müsse das tun und sein Gefährt sei das stärkste Modell dieser Reihe. Endlich Abkühlung, unter 20°, Zeit zum Atmen, Zeit zu lüften. Poe hat den Wassernapf runtergeworden, liegt jetzt unerreichbar in der Regenrinne. Nero Buddha, das nepalesische Lokal in der Berger Straße ist erstaunlich gut gefüllt, der Flaschensammler mit dem asiatischen Äußeren ist auch wieder unterwegs, den gefüllte Einkaufstrolley im Schlepptau. Im Gallus sind zwei Zwillingsbrüder, 27, die auf Elektrorollern unterwegs waren, ums Leben gekommen, umgenietet von einem Autofahrer. Endlich ein paar kühlere und verregnete Tage, vereinzelt auch Gewitter. Der ewige Stammgast hält wieder an Tisch zwei Hof. Die Römerkoalition ist geplatzt, die FDP hat sich verabschiedet. Ein Bäcker auf dem Konstimarkt wünscht mir ein schönes Wochenende. Ich nehme es als Kompliment, er ist wohl der Meinung, ich ginge einer geregelten Beschäftigung nach. Eine Hochzeitsgesellschaft in der Gaststätte, die Braut in Weiß, wie es sich gehört, ein kaputtes Knie macht Krücken erforderlich. Der ewige Stammgast nimmt es stoisch, der Märchenonkel und sein Adlatus leisten Gesellschaft, der Bembel mit Namen. Paula kommt überraschend, zwei Wein, zwei Apfelwein. Es gibt viel zu erzählen. Offenbach ist die viertsicherste Stadt Deutschlands und die sicherste Hessens, weit vor Frankfurt. Wer hätte das gedacht? Der Ruf mal wieder schlechter. Der Mainkai ist gesperrt, weitere Aktivitäten sind nicht zu sehen. Frikadelle in der Kleinmarkthalle, Schillermarkt ohne Mia. Alles ist leerer, die Mosaik Jazzbar ist wieder geöffnet, aus dem Urlaub zurück der Wirt. Schwül, bedeckt, warm. Unagenehmes Wetter, trotzdem sehr voll auf dem Konstimarkt. Anstrengend wenn ein Ohr völlig zu ist, verstopft. Die immer selben Wege. Ein Ei geht kaputt und läuft im vollen Einkaufsbeutel aus. Abenteuer des Alltags. Eine der beiden Platanen am Merianplatz wurde ein zweites Mal vergiftet. In wenigen Tagen wird gefällt. Unbegreiflich! Das ehrwürdige Lokal Gickelschlag in der oberen Berger Straße ist, nach einigen Interimsnutzern, wieder geöffnet, als Gickelschlag. Deutsche Küche, normale Preise, es sieht einladend aus. Einige Gäste sitzen draußen unter weißen Bindingschirmen. Junge Menschen kommen entgegen, mit Sporttrikots. Wahrscheinlich aus der nahen Eissporthalle, Eishockey, Nummer 3. Der Wirt der Mosaik Jazzbar zeigt Fußball auf der großen Leinwand, Schweden : Deutschland bei der WM der Frauen. Es steht 3:1 für Schweden. Ein lahmer Abend, nur ein Pärchen in der Ecke, leise Unterhaltug, Bier. Der Bruder einer Freundin stirbt, keine sechzig Jahre alt, Krebs. „Immer wenn ich eine Jacke dabei habe, brauche ich sie nicht und immer wenn ich keine dabei habe, friere ich“, eine Frau im Vorübergehen. Es steht 4:1 für Schweden. Plötzlich Plopp!, das taube Ohr ist wieder frei. Und umgehend ist der Schwätzer zur Linken wieder zu hören... Doch mal wieder Regen, zehn Minuten, heftig, gerade noch rechtzeitig Schutz im Supermarkt gefunden. In den nächsten Tagen soll mehr Regen kommen, es wäre gut. Poe, die Hauskrähe, hat Konkurrenz bekommen, Wespen machen sich über die Apfelstückchen her, stundenlang, lassen nichts übrig. Der ewige Stammgast und der Mann mit dem Hut unterm Schirm an Tisch dreissig. Wieder zieht der Regen an der Stadt vorbei, schön aber nicht gut. Er kommt doch noch, der Regen, bringt Wind mit und niedrigere Temperaturen. Die Stadt atmet auf. Zur selben Zeit am Merianplatz die vergifteten Platanen gefällt. Niemand trinkt Kaffee oder Spritz auf dem Platz an der Staufenmauer. Ein Radfahrer am Holzgraben telefoniert: „Ich will wissen wann du da bist, auf die Minute!“, mit Nachdruck. Der junge Mann, der vor eingen Tagen zwei Rollerfahrer im Gallus getötet und einen Dritten schwer verletzt hatte und anschließend Fahrerflucht beging, wurde verhaftet. Er ist 23 Jahre alt, er ist 23 Jahre alt und hatte sich zuvor eine Ladung Lachgas gegönnt. Unerwartet der Märchenonkel am Stand der freundlichen Türkin in der Kleinmarkthalle. Er fehlt beim Mittwochsstammtisch an Tisch zwei. Der ewige Stammgast in seinem Element, auch der Mann mit dem Hut fehlt, immer am Mittwoch. Licht wie im Oktober, Herbst im Juli. Zwei geisterhafte Damen bei Metzler auf dem Konstimarkt, eine rot, die andere blau, Lippenstift, Make Up, Sonnenbrille. Die Berger Straße ein Hindernissparcour. CSD Wochenende erstmals nicht auf der Konstablerwache, sondern am Maunkai. Dort ist mehr Platz, die Stadt wird bunt. Ein sonniger Tag, der Außenbereich der Gaststätte sehr voll. Der ewige Stammgast an Tisch dreihundert, ein gewöhnungsbedürftiger Anblick. Bei ihm am Tisch drei junge Frauen mit zwei Kindern, kein Mann mit Hut, kein Märchenonkel, kein Schwätzer. Das Café Größenwahn muss zwei Bänke, die jahrelang an der Hauswand standen, entfernen, der Gehweg sei so zu schmal. Was auf der Berger Straße normal ist, geht andernorts nicht. Besonders absurd, weil der Abschnitt der Nordendstraße an dieser Stelle für den Autoverkehr gesperrt ist und als Spielfläche dient. Eine denkwürdige Begegnung nahm dort ihren Anfang. Sehr heiß, am Abend schwül. CSD Wochenende am Mainkai. Tag der Demo, bunt, laut, überall Regenbogenfarben und fröhliche Menschen. Die Straßen der Innenstadt autofrei, die Stadt gehört den Menschen. Am Sonntag kommt er dann , Starkregen, Gewitter, Erfrischung, wohltuend. In Berlin Hitze, Maria ruft an, Biergarten im Rheingauviertel. Hugo Ettikité geht nach Liverpool, 95 Millionen. Wieder ein Starkregen, der Himmel schwarz, die Stadt wird durchgespült, die Gäste strömen ins Trockene. Später am Abend eine alte Frau, klein, weißes Haar, Handtasche beige, wie die Kleidung. Sie verlangt in gebrochenem Englisch nach Wein, Rot ist auf Nachfrage gewünscht. Der Probeschluck Spätburgunder gefällt, wird bestellt und bezahlt. Zwei Minuten später ist das Glas leer und die alte Dame verlässt das Lokal. Der ewige Stammgast bekommt das alles nicht mit, er ist schon vor geraumer Zeit gegangen. Aufbauarbeiten für die Sommerwerft in Höhe der Flößerbrücke, sie beginnt in wenigen Tagen. Kaum Passanten am Main, auch auf dem Kinderfest auf der Sachsenhäuser Seite. Es ist Mittwoch, Jessi, die nette Türkin in der Kleinmarkthalle, spendiert Brezelchen zum Riesling. Eine junge Frau an ihrer Seite, unverkennbar die Tochter. Ozzy Osborne ist gestorben, mit 76 Jahren und nur zwei Wochen nach seinem letzten Auftritt. Weitere Bäume in Hessen mit Glyphosat vergiftet, in der Büchner Stadt Goddelau, in Limburg, und in Butzbach. Wer weiß, was noch nicht entdeckt wurde. Beim Fein gibt`s kein Radler mehr, „ist bei uns nicht mehr gelistet“. Die Fußball Frauen scheiden bei der EM im Halbfinale gegen Schweden aus. Fast schon herbstliches Wetter, relativ kühl und bewölkt. Auf dem Konstimarkt fehlen einige Stände, Urlaub. Der asiatische Flaschensammler geht auf dem Friedberger Platz seiner einsamen Tätigkeit nach, wie immer mit einem Stock in der Hand und dem Trolley mit dem Ertrag im Schlepptau. Endlich wieder Regen, der ewige Stammgast ausnahmsweise an Tisch zwanzig, unter einem Schirm. Der Regen wird heftiger. Zwei Frauen im Ernst-May-Viertel im Gespräch: „Da stand noch das Frühstück auf dem Tisch, und das Mittagessen“. Der Röderbergweg ein Spiel aus Licht und Schatten, kühl unter den austreibenden Platanen. Der Danziger Platz, zwischengenutzt als Parkplatz, harrt seiner Umgestaltung. In der Unterführung zur Hanauer Landstraße sind erste Arbeiten im Gange. Am Ende der Unterführung linkerhand ein Falafelwagen ohne Kundschaft, gegenüber eine riesige Baustelle, vier Kräne ragen in den Himmel und sind in Betrieb, ein Ballett. Das Hafenpark Quartier, Baufeld nord, so heißt diese Baustelle. Der südliche Abschnitt ist weitgehend fertiggestellt. Frankfurt im ewigen Wandel, nie fertig gestellt. Eine Regenwolke schickt einige Tropfen zur Erde, es riecht gut. Der Skaterpark und das Mainufer so gut wie nicht besucht, Ein paar Läufer, ein Radfahrer, Kinder, die Fußball spielen. Am Horizont ragt das wahre Wahrzeichen Frankfurts aus dem Stadtwald, der Goetheturm. An der Honselbrücke sitzt eine junge Frau auf einem Mäuerchen, helle Jacke, schwarze Haare, schaut Richtung Hanauer Landstraße und streicht sich Haare aus dem Gesicht. Die schon lange bekannten Wege, stete Wiederholung. Einge Radfahrer haben unter der Osthafenbrücke Schutz gefunden und warten das Ende der Regens ab. Ich gehe weiter. Aber nach etwa 200 Metern suche ich ebenfalls Schutz unter einem Baum auf der sachsenhäuser Seite und schaue auf den Fluß und den Regen. Einige Jogger und Radfahrer lassen sich nicht beirren und ziehen ihrer Wege, bis auf die Haut durchnässt. Als der Regen etwas nachlässt setze auch ich meinen Weg fort. , lange nicht mehr dort entlang gegangen. Als die Bauarbeiten am Hochhausquartier Four noch im Gange waren und die Türme in den Himmel wuchsen, habe ich oft diese Mainseite gewählt, um den Fortgang zu beobachten. Hochhäuser im Bau interessieren mich mehr als fertige. Das Gelände der Weseler Werft auf der gegenüberliegenden Mainseite ist noch leer, nur einige sind zu sehen, die zwischen den Zelten und Buden umherlaufen und rätselhaften Tätigkeiten nachgehen. Drei große, hölzerne Liegen auf der Wiese am Ufer hatte ich bislang noch nicht gesehen. Stete Veränderung auch im Kleinen. Der Obdachlose, der schon seit langer Zeit sein Lager auf dem Kopfsteinpflaster unter der Flößerbrücke eingerichtet hat, liegt unter einer Decke, schaut nach oben und sieht merkwürdig zufrieden aus. Um ihn herum eine leere Flasche, Tassen, Tüten und weiterer Müll. Eine Taube pickt irgendwas vom Boden auf. Zwei Nilgänse begleiten ihre, erst kürzlich geschlüpften, Kücken und beobachten mit wachsamen Augen ihre ersten Schritte. Die Gänsetreppe an der Alten Brücke ist stark bevölkert, ausschließlich von Nilgänsen. Nur wenige Touristen ziehen über den Eisernen Steg, der Regen wird einige abhalten. Einige der Liebesschlösser an den Geländern sollen aus technischen Gründen entfernt werden. Langsam rollt die Rangierlok in Höhe des Historischen Museums, laut klingelnd und hupend in Richtung Westhafen. Gesperrt für Autos ist wieder der Mainkai, wie immer sitzen die Schmuckverkäufer vor dem Historischen Museum hinter ihren Auslagen, in Erwartung von Kundschaft. Wenig überraschend ist es in der Kleinmarkthalle relativ entspannt, ebenso auf dem Liebfrauenberg. Auf dem Außentresen der Bar My Frankfurt stehen einige vorbereitete Aperol Spritz. Seit Kurzem leuchtet das Eckhaus an der Kreuzung Liebfrauenstraße, Holzgraben in poppigem Bunt, mehrfach taucht das Logo des Massiv Central auf. Ein einsamer Rufer aus der ganz rechten Ecke mit einem Megaphon hetzt gegen die Kandidatin für einen Richterposten am Bundesverfassungsgericht, Brosius-Gersdorf. Niemand hört zu. Ebenso wie in der Kleinmarkthalle geht es auf dem Schillermarkt sehr ruhig zu, die Urlaubszeit ist zu spüren. Der sehr gute georgische Gitarrist, der auch gelegentlich vor der Gaststätte aufspielt, hat seinen Platz vor der Börse eingenommen und sein Instrument ausgepackt. Die Gaststätte muss heute auf den ewigen Stammgast verzichten, er fehlt aus unbekannten Gründen. Der Mann mit Hut wirkt verloren. Es regnet kurz und heftig. Herbst im Juli, kaum mehr als 20 Grad, immer wieder Regen. Die Frankfurter Straße in Neu Isenburg, kein Wohlfühlort und das Eis schmeckt auch nicht. Zudem ist die Timberland Filiale im Isenburg Center bereits geschlossen. Ein Lichtblick in diser Stadt der Marktplatz mit Apfelwein Föhl und die Straßenbahnhaltestelle am Stadtrand. Das sogenannte Thurn und Taxis Palais ist eingerüstet. Nudelsuppe Ende Juli, es ist kalt und grau. Diese Stille in der Nacht, schrecklich und herrlcih zugleich, sie greift zu, ergreift Besitz, lässt nicht, die Gedanken fahren Achterbahn bis die Flasche leer ist und der neue Tag beginnt.

August

Der Lieblingskiosk, nicht zu verwechseln mit einem Wasserhäuschen, ist nah an den Menschen. Jede Menge Kaltgetränke in einer Reihe Kühlschränke, Zigaretten, das übliche. Was ihn so außergewöhnlich macht, steht an der Kasse. Ein kleiner Humidor mit kleinen Havannas zu drei oder fünf Euro, auch einige größere Zigarren, Daneben Papiertaschentücher, die Päckchen einzeln zu haben auch Elektrolyte, auch die Tütchen ebenfalls einzeln zu haben. Das sei besonders an Wochenenden sehr beliebt. Auch Kiffer werden bedacht, vorgefertigte Tütchen, die nur noch gestopft werden müssen, ergänzen das Sortiment. Der Laden am Kreisel im Schwulenviertel, Schäfergasse, Große Friedberger Straße, Lange Gasse, Frankfurt Kiosk prangt auf der roten Markise. Ein junger, dünner Mann mit Glatze redet erregt in einer unbekannten Sprache auf eine kleine, auf ihren Rollator gestützte, alte Frau mit weißen Haaren ein. Die Großmutter? Sie schweigt. Regen setzt ein, es ist nicht kalt. Eine Frau mit Rucksack führt einen dreibeinigen Hund an der Leine. Die obere Berger ist noch nicht zum Leben erwacht an diesem frühen Nachmittag. Einige junge Leute reihen sich vor dem Sushi- und Matchastand in der Kleinmarkthalle, etwa zehn bis fünfzehn Meter reicht die Schlange. Bei der Frau Schreiber etwas weniger Leute, vorwiegend Erwachsene, die eine Schlange von rechts, bei der Frau Schreiber von links, beinahe berühren sie sich. Budenzauber in der Innenstadt, ein Streetfoodfestival an der Hauptwache, an vielen mobilen Imbissbuden. Wer soll das alles essen? Daneben einige Stände von Sportartikelanbieter anlässlich des City-Triatlons am kommenden Sonntag. Unberührt vom Rummel der Schillermarkt, wie jeden Freitag. Dazu das Mainfest auf dem Römer und am Mainufer. Der älteste Jahrmarkt der Stadt, stammt aus dem 14. Jahrhundert. Und doch nichts anderes als ein ganz normaler Rummel. Mit Glühwein, Lebkuchen, angepasster Deko und Musik, lässt sich das Gleiche am Jahresende als Weihnachtsmarkt verkaufen, mit dem Unterschied, dass es auf dem Mainfest einen Autoscooter gibt. Trinke lustlos ein Bier und fotografiere Graugänse. Herbst im August, unter 20 Grad, Regen, Wind. Die Lieblingsschokolade kostet mittlerweile 4,- €. Sehr merkwürdiges Wetter plötzlich, nicht warm, nicht kalt, leicht drückend. Der Kreislauf ist durcheinander. Wetter wie im Oktober, der Himmel milchig grau, Asche der Waldbrände in Kanada, heißt es im Wetterbericht. In der Ostendstraße steht eine Frau auf dem Balkon und spielt Ball mit einem Jungen auf der Straße (ihr Sohn?). Er wirft den Ball nach oben, sie wieder nach unten, nach oben, nach unten. Nur wenige Spaziergänger am Mainufer. Ein Flaschensammler läuft die Mülleimmer ab, manche Passanten reichen ihm eine leere Flasche oder Dose. Die Sophia tuckert unter niederländischer Flagge unbeladen flussaufwärts. Urlaub überall, auch in der Kleinmarkthalle, die Hälfte der Stände geschlossen, auch Jessi, die nette Türkin, ist im Urlaub, ihr Stand geschlossen. Ein ähnliches Bild bietet der donnerstägliche Markt auf der Konstablerwache. „Besser allein als schlecht begleitet“, sagt der Gemüsehändler, der alleine an seinem Stand steht. Er sagt es zunächst auf Spanisch. Ein Spaziergang mit Mia, unter anderem über den Lerchesberg. Mein Patenonkel wohnte einst dort, nicht mehr gefunden, das Haus mit dem großen Garten, Erinnerungsfetzen, der Garten, die Tochter, der Sohn, der Opel Commodore. Oft dort gewesen. Was ist aus ihnen geworden? Auch sonst kein Mensch auf der Straße, nicht in den Gärten, keine Stimmen, keine Kinder. Teure Autos. Abschluss in der Buchscheer. Guter Handkäs, guter Apfelwein. Ein schöner Ort. Der Kerbezug hat an der Wittelsbacher Allee Aufstellung genommen. Dicht an dicht stehen die Menschen an der oberen Berger Straße. In der Hitze, Bier und Apfelwein in der Hand. Gut gefüllt die Kneipen entlang des Zugs. Plötzlich sommerliche Hitze, 35 Grad und mehr. Am Bernemer Mittwoch drängen sich trotzdem die Menschen. Sehr leer hingegen der donnerstägliche Konstimarkt, nur wenige Stände, die die fehlen, haben vor der Hitze kapituliert. Auch nur wenige Besucher. Schon zwei Tage später plötzlich herbstlich kühles Wetter, sehr angenehm. Endlich lüften unterm Dach. Die letzte Ferienwoche, die Stadt füllt sich, wird lauter und die Luft schlechter. Saisonauftakt mit Pokalspielen, die Eintracht gewinnt 0:5 beim Oberligisten FC Engers, ohne Ekitikè (Liverpool), ohne Tuta (Kuweit) und ohne Trapp (FC Paris). Aber mit Doan (SC Freiburg) und Burckhardt (FSV Mainz 05). Der Fuß- und Radweg über die Deutschherrenbrücke ist endlich wieder geöffnet. Ein neuer Stützpunkt für den ewigen Stammgast, Tisch vierhundert, auf eigenen Wunsch. Der Bembel mit Namen ist geblieben, der Mann mit Hut fehlt. Deutlich zu spüren der kommende Herbst, Temperatur, Licht, Stimmung, auch etwas drückend und trübe. Erstmals nach Monaten wieder über die Deutschherrenbrücke gegangen. Nach der Sanierung wieder begehbar, Klassik am Main, es wird aufgebaut. Jessi, die nette Türkin aus der Kleinmarkthalle, ist wieder aus dem Urlaub zurück, bräuchte sofort wieder Urlaub, sagt sie. Sie bittet mich, für sie eine Proseccoflasche zu öffnen, sie hätte Angst. Auf einer Bank am Friedberger Platz sitzt ein Mann, Vollbart, Sonnenbrille, Weinflasche in der Hand. Er unterhält sich laut mit einem imaginären Gegenüber, gelegentlich laut auflachend. Dann ist er wieder still. An der Kreuzung Vogelsbergstraße / Günthersburg Allee ist die Baustelle verschwunden, keine rot-weißen Absperrgitter mehr, freier Weg. Am neuen Platz der ewige Stammgast, auch neue Gesichter in seiner Gesellschaft. Später noch der Märchenonkel, papageiengleich mit der grünen Hose, dem bunten Hemd und dem Schal. Ein seltsamer Hut krönt das Ensembel. In einer Toreinfahrt spielen zwei Kinder Fußball, bei jedem Treffer auf das große Gittertor scheppert es heftig, begleitet von Jubelrufen. Stinkstivvel betritt eine Gaststätte, eine andere. Einige Bäume im Hof bekommen gelbe Blätter. Mit Mia auf dem Schillermarkt, ihre erste Schulwoche nach den Ferien ist vorüber. Ein Zeppelin schwebt über der Stadt, macht Werbung für irgendwas, durch Bornheim fährt eine historische Straßenbahn. Ein Mann in einem rosa Hoodie betritt das Lokal, der ewige Stammgast an Tisch vierhundert in Begleitung des Schwätzers und des Märchenonkels. Gochujang, eine rote Chilliepaste und Sojasoße aus dem Asialaden. Ein Tip aus der Rubrik Kochen ohne Kohle bei Spiegel Online. Urlauber auf den Weg nach Bali, ich freue mich auf eine Woche in einem pfälzer Weingut. Die Platanen auf dem Eskişehirplatz noch grün und voll, bald gelb, braun und kahl, der Herbst klopft an. Eine Gruppe Rentner verabschiedet sich vor der Gaststätte, einer trägt eine blau-weiß gestreifte Jacke auf deren Rücken in Rot drei Buchstaben prangen: USA. Samstag, deutlich kühler, unter 20°, bewölkt. Schöner Herbst, gutes Wetter für einen Spaziergang zum Konstimarkt. Ein Jaguar E Type, grün, sehr gut erhalten, rollt den Sandweg empor, Blicke verfolgen ihn. Die Eintracht Fans sind im Stadion, der Markt daher nicht so voll. Immer bei Samstagsspielen um 15:30, ab 14:30 ist es dann entspannter, die Getränkestände nicht mehr so belagert, wobei das eher für Bier und Apfelwein gilt. Bei Metzler gab`s keinen Platz mehr, also Heinstadt, die Bäcker auch ausverkauft. Fußballfans sind keine Weintrinker. Erster Spieltag, 4:1 gegen Bremen, ohne Ekitiké, ohne Tuta, ohne Trapp. Der ewige Stammgast in der Gaststätte, an einem Samstag, Tisch drei, als wolle er zeigen, dass dies ein Besuch außer der Reihe ist. Den georgischen Gitarristen lange nicht gesehen, nicht vor der Gaststätte, nicht vor der Börse, freitags zum Schillermarkt, nicht vor der Sparkasse am Uhrtürmchen. Der meiste Müll liegt immer unter den Mülleimern auf dem Gehweg, vor der Haustür war es immer besonders schlimm. Als der Eimer schließlich abmontiert wurde, verschwand auch der Müll. Hofflohmärkte in Bornheim und Bockenheim. Kreidemarkierungen auf den Bürgersteigen weisen darauf hin. Ein flüchtiger Blick. Ein kühles Wochenende wird abgelöst von heißem Wetter, später von großer Schwüle und Gewitter. Der ewige Stammgast an Tisch 400 fällt von der Bank, mit vereinten Kräften wird ihm aufgeholfen. Als wäre nichts gewesen trinkt er weiter seinen Schoppen. Jessi in der Kleinmarkthalle hat Linsensuppe gekocht, püriert, vegetarisch mit wenig Salz. Es ist köstlich. Es donnert, der ewige Stammgast hat den Außenposten verlassen und Zuflucht an Tisch zwei gesucht und gefunden. Tisch zwei verlassen hat der Märchenonkel. Ein weiterer Stammgast, den alle nur den Porschefahrer nennen, hat sich auch ins Trockene geflüchtet, in Begleitung seiner Mutter. Endgültig verabschiedet hat sich der Sommer, Regen, Wolken, heftige Gewitter. Die Stadt wird gewaschen, sehr schwül, schwer die Beine. Verdacht auf eine vereitelterte Kindsentführung im Günthersburgpark. Immer mit Vorsicht zu behandeln, solche Nachrichten, die Polizei ruft zu erhöhter Aufmerksamkeit auf, gefasst wurde niemand. Autos und Motorräder röhren durch die Stadt, nicht durch die Berger, die ist eine Baustelle, Slalomlaufen zwischen rot-weißen Absperrgittern. Beschwerlich der Zugang zu den Geschäften. Die Berger meiden, dort eine neue Eisdiele, nebst Café. Weiter unten, Nähe Merianplatz, eine Hähnchenbraterei, Gastrowüste untere Berger Straße, Gastlichkeit nicht mehr gefragt, schnell muss es gehen, Kaffee aus dem Pappbecher, mit den Fingern irgendwas aus Pappschalen. Lieferdienste auf E-Bikes brettern durch die Straße und über Gehwege. Die Mondsichel lugt durch eine Wolkenlücke, My Way auf der Gitarre am Straßenrand, Spendenbecher. Junge Leute rasen mit E-Scootern über Gehwege. Big City Life. Der sehr gute georgische Gitarrist war schon lange nicht mehr zu sehen und zu hören. Ein Bus der VfG fährt vorbei, die erste Bank, die du lieben wirst. Autos biegen falsch ab, fahren bei Rot über die Kreuzung. Deutlich zu spüren der Herbst, zu riechen auch. Alle reden über die Champions-League-Auslosung der Eintracht, wird sehr schwer. Die bevorstehende Palästina Großdemo versetzt die Stadt in Aufregung. Wie wird das Wetter zum Museumsuferfest? Gewitterwolken ziehen übers Land, am Nebentisch werden Burger verspeist, mit aufgerissenen Mündern, Pommes dazu. Zwei Männer und eine Frau am Wasserhäuschen, Bauch, Bier, Fluppe. Eine Wespe in meinem Bier. Museumsuferfest bei trockenem, herbstlichem Wetter. Gut besucht die Museen, Musik unterschiedlichster Art schallt über den Main und die Menschen. Viele sind unterwegs, ohne zu drängeln. Fünf Euro für 0,3 l Bier im Garten des Städel. Ein Eurofünfzig günstiger beim Ruderverein Germania nebenan. Wie immer gute, sehr unterschiedliche Musik in den verbundenen Gärten des MAK und der Villa Metzler. Im MAK eine Austellung über 100 Jahre Das Neue Frankfurt, sehr interessant und bis heute prägend. Wegweisend Ludwig Landmann und Ernst May, mutige Pioniere. Im Café Süden ein alter Mann, gebückt, mit Stock und blauem Kittel. Die Krempen des hellen Schlapphuts weit nach oben geklappt. Er kauft ein Eis beim benachbarten Salon und schenkt es einer jungen Bedienung aus dem Schöneberger. Das Schöneberger vermittelte mir als frisch aus Berlin zugezogenem wegen des Namens ein kleines Stück Heimat, ein kleines Stück Berlin. Die Ernüchterung kam, als mit bewusst wurde, dass sich dieser Kneipenname auf die Berger Straße bezieht, ein sicherlich beabsichtigtes Wortspiel. Um 22 Uhr das Abschlussfeuerwerk zum Museumsuferfest, wieder zu hören bis Bornheim. Die Kreuzung Spohr- Neuhofstraße und Friedberger Landstraße großräumig mit weiß-rotem Flatterband abgesperrt, Baustelle, die Kanalrohre werden erneuert.


September


Am Fünffingerplätzchen etliches Gerümpel, ein Einkaufwagen gefüllt mit irgendwas, etliche Tüten, daneben Pappen angebracht, ein weißer, quadratischer IKEA Tisch, das Lager eines Obdachlosen, zu sehen ist niemand. Ein Spaziergang mit Mia am Main, Abschluss in der Kleinmarkthalle bei Jessi, Börek, Gözleme und trockener Riesling. Erstmals seit einem Jahr wieder Fahrrad gefahren. Noch Unsicherheiten. Paula in der Gaststätte, der ewige Stammgast ebenfalls. An Tisch vierhundert der Märchenonkel, es fehlt der Mann mit Hut. Eine hübsche junge Frau mit Metallica T-Shirt verkauft mir Gebäck auf dem Markt an der Konstablerwache. Eine Papiertüte steht neben einem Mülleimer, gefüllt mit sieben Flaschen Champagner, vollen Flaschen. Ich lasse sie stehen. Die Blätter der Kastanien in der Günthersburgallee werden braun, überall zu spüren und zu sehen, der Herbst. Ein Mann mit einer beigen Hose, einem schwarzen Polo Shirt steht an der Kreuzung Heide-, Saalburgstraße, telefoniert und gestikuliert wild. Dabei überquert er immer wieder die Heidestraße. Die schweigsame Frau, sonst immer alleine an Tisch drei sitzt, Apfelwein trinkt, etwas isst und traurig schaut, gesellt sich zum ewigen Stammgast an Tisch vierhundert. Fressgass, Rheingauer Weinmarkt, keine Musik, viel Wein, durchschnittliches Speisenangebot, was es halt so gibt auf solchen Festen, Würste, Pommes, Flammkuchen etc, wenig inspirierend. Vier Männer, basketballspielergroß, dunkel gekleidet, stehen sich gegenüber, Bierflaschen in der Hand, und unterhalten sich angeregt, Eintracht und anderes, sie wirken vertraut, kennen sich sicher länger. Ein Wochenende mit fünf Toten im Autoverkehr. Am Feldberg fährt jemand mit einem Porsche an einen Baum, das Auto wird zerrissen, die beiden Insassen sterben. Zwischen Offenbach und Sachsenhausen sterben drei Personen bei einem Unfall auf der Autobahn mit neun beteiligten Fahrzeugen. Herbst, Regen, kühl, Männer stehen am Wasserhäuschen, Bierflaschen in der Hand. Der ewige Stammgast hat seinen Außenposten verlassen und wieder Tisch zwei bezogen, begleitet vom Mann mit dem Hut und dem Märchenonkel. Sie lesen sich gegenseitig die Wetteraussichten von ihren Apps vor. Frankfurt von Außen, eine Woche Auszeit in der Pfalz. Zwei Stunden entfernt von Frankfurt und schon mittendrin im Urlaub. Bequem mit Bahn und Rad zu erreichen und entspannen an der südlichen Weinstraße. Ich brauch kein Mallorca. Am frühen Nachmittag in einer Strausswirtschaft, Wein, weiß und rot, dazu Pfälzer Pastete. Anders als andernorts in der Pfalz auch nachmittags geöffnet. Auch die Schlossschenke am Hambacher Schloss in der Mittagszeit geschlossen, ein touristischer Magnet und dann kriegt man dort nichts zu trinken und zu essen! Rentner auf E-Bikes fahren die Straße hinauf. Ich zu Fuß, immer zu Fuß, mit dem Rad zum Ausgangspunkt, dann zu Fuß, immer zu Fuß. Nachrichten über das Handy, es ist alles so weit weg. Schöne Landschaft, schöne Wege, gute Speisen und Weine zu günstigen Preisen. Weshalb so weit weg? Voll der Konstimarkt. Viele Eintrachtfans vor dem Auftakt zur Championsleague gegen Galatasaray am Abend. Auch zwei bis drei türkische Fans. Ein alter Mann kauft sich am Wasserhäuschen neben dem Café Süden eine Flasche Binding. Er setzt sich mit dem Bier an einen Tisch im Süden., draußen, wird begrüßt und bekommt ein Glas. Die letzten Zuckungen des Sommers, zwei Tage heiß und schwül. Die Eintracht gewinnt ihr Auftaktspiel in der Championsleague mit 5:1. Über eine Woche nicht in der Gaststätte, der ewige Stammgast fehlt, es ist Samstag, der Märchenonkel und der Schwätzer statt dessen an Tisch zwei. Der Mann mit Hut auf dem Konstimarkt. Erstaunliches Gedränge vor Josef`s Bio, dem Nachfolger vom Biometzger Spahn, Menschen mit Flaschen in der Hand, andere mit Döner. Auf der Berger ein Stau, für Fußgänger, wegen der Schlange vor Josef`s Bio. Heftiger Regen und deutlich niedrigere Temperaturen läuten den Herbst ein. Die Eintracht verliert 3:4 gegen Union. Das Wetter passt zu den Weihnachtsangeboten in allen Supermärkten, Süßkram in allen Formen und Farben. Bei 25° war das alles aber auch schon im Angebot. Erstmals die Heizung, niedrigste Stufe, Ende September. Als Senior vor Senioren, gut moderiert von Miranda Leontowitsch in der Stadtbibliothek, Lesung aus Der Stadtwanderer, 40 Leute, interessiert, Mia kam unerwartet, trotz Regen. Ungewohnte Besetzung an Tisch zwei, der ewige Stammgast natürlich, der Schwätzer, ebenso natürlich, sowie zwei gelegentliche Gäste, trinkfeste Leute. Der Stammgast in seinem Element. Das berühmte Bornheimer Oktoberfest am Fünffinger Plätzchen. Drei Buden, Bier, Apfelwein und Wein Dünker. Biergarnituren, drei Tische mit blau-weißen Rauten. Es regnet, die Bühne noch nicht gespielt. Der Metzger in der Kleinmarkthalle mit den besten Bouletten der Welt hat geschlossen, kein Hinweis an den runtergelassenen Rollläden. Hungrig zum Schillermarkt, ein Käsebrötchen und trockener Riesling bei Heinstadt. Telefonat mit Mia, sie kommt nicht. Kein Regen. An Tisch zwei der ewige Stammgast, in Begleitung des Schwätzers, sonst niemand. Untragbar noch immer die Situation für Fußgänger auf der Berger, Baustellen und ausufernde Gastromöblierung verjagen die Menschen von den Gehwegen, auf der Fahrbahn gehen. Sehr gut. Der Märchenonkel mit seinem Adlatus, kein ewiger Stammgast, es ist Samstag. Immer wieder erstaunlich, was die Leute so an Aperol wegsaufen. Neben der Gaststätte eine Bar, die scheinbar nichts anderes ausschenkt, junge Leute davor, Gläser auf den Tischen. Beim Café Süden eine Außenbar, Stehtische, viele Menschen unter dem Schirm mit den Lampions. Auf dem kleinen Tresen eine ganze Batterie Aperolflaschen. In den benachbarten Kneipen die Menschen dichtgedrängt vor den Monitoren. Die Eintracht spielt in Gladbach, 4:6 nach 0:6 Führung! Zu viele Autos in der Wiesenstraße, Gedanken über das Verlaufen. Wer nicht geht, kann sich auch nicht verlaufen und wer sich verläuft, geht. Die Lokale in der oberen Berger Straße stellen bei schönem Herbstwetter die Monitore in die Fenster zum Außenbereich, am Abend spielt die Eintracht in der Champions League bei Atletico Madrid. Es war kein Vergnügen, die Eintracht verliert mit 5:1, verdient, chancenlos, vorgeführt.


Oktober

Der schönste Monat des Jahres fängt an, warten auf den Goldenen. Den ewigen Stammgast kümmert`s nicht, an Tisch zwei bei jedem Wetter, von Oktober bis April, der Mittwochsstammtisch versammelt. Eine junge Frau läuft die Roßdorfer Straße in Richtung Bornheimer Landwehr, Stadtteilbibliothek. Dunkle Haare, dunkle Kleidung, in der Hand ein aufgeschlagenes Buch, sie liest beim Gehen. Ist die Leihfrist abgelaufen? Strahlendes Oktoberlicht, seit langem mal wieder Straßenbahn, als ob ich eine weitere Reise antreten würde. Das Rondell der Schalterhalle der Bundesbankfiliale an der Taunusanlage, kreisrund, einige Skulpturen, eine Filmkulisse und architektonisches Kleinod. Zwei Schalter geöffnet, einer für Devisen, der andere, um Münzen in Scheine zu wechseln. Zugänglich auch die Passagen durch das Hochhausensemble Four, überraschend großzügig. freilich noch in unfertigem Zustand. Schleifen, Bohren, ein Kaffeemobil. Es erinnert an das Sonygelände neben dem Potsdamer Platz. Gründerzeit Eckhaus, auf ihm soll ein Hochhaus wachsen. Die Plakette an einer Hauswand erinnert daran, dass an dieser Stelle die Schneiderwerkstatt von Friedrich Georg Goethe befand, der Großvater von Johann Wolfgang. Ohne Goethe geht es nicht in Frankfurt. Betriebsamkeit auf dem Römerberg, drei Tage Jazz zum 3. Oktober, umsonst und draußen. Die Eintracht verliert verdient mit 0:3 gegen die Bayern. Ein nasses, stürmisches Herbstwochenende, gut wenn man nicht aus dem Haus muss. Trio Infernal an Tisch zwei, der ewige Stammgast, zunächst mit dem Schwätzer und dem Mann mit Hut. Dann Schichtwechsel, der Märchenonkel und sein Adlatus. Der ewige Stammgast als die Konstante. Wir sind eine Konstanz, sagte er einst, als seine Frau noch lebte und ebenfalls täglich, außer an Wochenenden und Feiertagen, an Tisch zwei saß. Einheitsherbstgrau, die Sonne versteckt sich den ganzen Tag, kein Regen, nicht kalt. Gutes Spaziergangswetter. Wenig Betrieb in der Kleinmarkthalle, gut wie immer der Riesling bei Jessi, ein Lieblingsort. Nüsse, immer mehr als geplant, geschickte Verkäufer, enorme Preise. Unterschiede bei Wasabinüssen, bis zu fünf Euro für die gleiche Menge nur zwei Stände weiter. Wenig Leben in der Gaststätte, der ewige Stammgast einsam an Tisch zwei. Ein tödlicher Unfall auf der Miguelallee, eine alltägliche Meldung, Kollateralschaden, wird hingenommen. Propalästinensische Demo am zweiten Jahrestags des terroristischen Überfalls der Hamas auf Israel. Die Baustellen auf der Berger haben sich vorgefressen zum Uhrtürmchen und weiter zur Saalburgstraße. Die Berger meiden. Ein bislang ungehörter Begriff, Naturdenkmal. Dreiundzwanzig neue in Frankfurt, meldet die FR. Darunter der Maulbeerbaum neben dem Grab Katharina Elisabeth Textors, spätere Goethe, Johann Wolfgangs Mutter, auf dem Schulhof der Liebfrauenschule neben dem Peterskirchhof an der Stephanstraße. Zum Zeitpunkt ihrer Beerdigung stand dieser Baum bereits. Auch die Platane neben dem Nebbinschen Gartenhaus in der Bockenheimer Anlage, mit stattlichen sieben Metern Stammumfang, wurde derart geehrt und unter Schutz gestellt. Josef`s Bio in der oberen Berger, der Nachfolger von Biometzger Spahn, ist zu einer reinen Dönerbude geworden, muss gut sein, Schlange wie beim Sushi-Matcha und bei Frau Schreiber in der Kleinmarkthalle, jeden Tag. Einige Alibiwürste liegen fast unbemerkt in der Auslage. Alles sicher nicht im Sinne des Vorgängers. Große Besetzung an Tisch zwei, der ewige Stammgast, der Bembel mit Namen vor ihm, das Kellerbier-Großer-Tiefgespritzter-Pärchen, der Märchenonkel und sein Adlatus. Der Stammgast in seinem Element, es ist ihm anzusehen. Vier Kinder toben durch die Gaststätte. Morgen ist Wochenende und Tisch zwei wird anderen Gästen Platz bieten. Ein Jemand parkt ein Auto in einer Parkbucht und beschädigt dabei ein Fahrrad, es knirscht. Wieder drängt sich das erste Polizeirevier in die Schlagzeilen, wieder auf sehr negative Art. Fünf Polizistinnen und zwölf Polizisten, allesamt von der Streife des Reviers sind durch Brutalität, insbesonderen gegen Migrantinnen und Migranten, aufgefallen. Die Opfer wurden ihrerseits angezeigt wegen Widerstands gegen gegen die Staatsgewalt. Ein rechter Hintergrund wird nicht unterstellt(!). Menschenmassen auf dem Konstimarkt, viele stehen mitten im Weg und versperren ihn, als seien sie alleine auf der Welt. Menschen sind oft die größten Verkehrshindernisse. Die Platanen am Danziger Platz gefällt für einen neuen Bahnhof der nordmainischen Bahnstrecke. Am anderen Ende der Stadt hat die Buchmesse begonnen, Wecker, Grippeimpfung, spazieren durch Herbstgrau, Riesling und Lamacun bei Jessi in der Kleinmarkthalle, Apfelwein mit Mia, Lesung im Römer, Mia heiratet, es wird sich nichts ändern. Die Lesung in den Römerhallen, es hallt ganz schrecklich. Der ewige Stammgast allein an Tisch zwei, kein Schwätzer, kein Märchenonkel, kein Mann mit Hut. In der Nacht inspiziert eine Frau mit Einkaufstrolley bornheimer Mülleimer auf der Suche nach Pfandflaschen. Immer mehr Fast Food auf der unteren Berger, Fressgass durch Bornheim und das Nordend, keine Gastlichkeit, anstellen, bestellen, zahlen und dann irgendwas mit den Fingern aus Pappschalen in sich reinstopfen. Systemgastronomie überall. Buchmesse, Ausnahmezustand, eine Oase der Kultur inmitten des alltäglichen Wahnsinns. Alte Kollegen, alte Freunde, alte Bekannte, die Verlegerin. Allesamt Buchmenschen, Bücher schnorren, Bücher kaufen. Alle haben ähnliche Themen, im Mittelpunkt das Wort. Samstagabend erstmals im Gusti Kulturkiosk, dreissig Jahre Verbrecher Verlag. Herbst, hin und wieder Sonne. Zum ersten Mal mit Miranda über die Messe, entspannt, ohne Hektik, ohne Krampf. Mia hatte keine Lust, sie ist bei Open Books unterwegs, liebt Lesungen. Einmal Jan Costin Wagner in den Römerhallen, es hallt, der Text lässt mich kalt. Zwei Tage sind genug und schnell vorüber. Die Eintracht spielt 2:2 in Freiburg. Er sei „vernünftig melancholisch“ gewesen. Der ewige Stammgast neben ihm, vor ihm der Bembel. Herbstbunt die Stadt, modrig-frisch die Luft. Perfektes Wetter für ausgedehnte Spaziergänge. Lange nicht mehr gesehen den bulgarischen Taschentuchverkäufer vor der Commerzbank in Bornheim, ebenso wie den hervorragenden Gitarristen aus Georgien. Eine neue Brille, die erste richtige. Alles anders, die Perspektiven, die Proportionen, als sei ich nur einen Meter groß. Über den Röderbergweg spaziert ein älteres Pärchen gemessenen Schritts, sie schweigen sich an, bis sie sagt: „Das gemischte Hack schmeckt mir nicht mehr, das Schwein schmeckt zu sehr vor.“. Er stimmt zu. Der weitere Verlauf des kulinarischen Austausches bleibt mir verborgen. Freundliche Begrüßung mit Jessi, Gözleme mit Käse, trockener Riesling, zum Abschluss doppelter Espresso, wie immer. An einem anderen Tisch der Märchenonkel und sein Adlatus, später auch in der Gaststätte. An einem Tisch acht Männer und eine Frau mit Schals und Kappen des Liverpool FC. Am Nebentisch zwei Frauen, deutlich als Eintrachtfans erkennbar. Sie unterhaltens ich angeregt, vermutlich über das Spiel am Abend, völlig entspannt und freundlich. In der Stephanstraße kniet ein verwahrloster Mann auf dem Gehweg, mit dem linken Arm stützt er sich ab und mit der rechten Hand notiert er etwas mit einem Kugelschreiber auf einem kleinen Fetzen Papier. Zu gerne wüsste ich was. Die Eintracht verliert das Heimspiel gegen Liverpool mit 1:5. Heftiger Sturm verhindert den üblichen Gang zum Konstimarkt, auch in der Nacht noch heftiger Regen. Voll die Gaststätte bei bekannter Besetzung an Tisch zwei, der ewige Stammgast, der Märchenonkel, sein Adlatus. Der schreibende Obdachlose in der Großen Friedberger Straße. Das Stück Papier auf einem Fahrradsattel, er schreibt. Steppi bei Jessi in der Kleinmarkthalle, Signierstunde, die drei Stunden dauert, Mia kommt nicht zum Schillermarkt. Der ewige Stammgast erst spät in der Gaststätte, nach 18 Uhr, später noch Stinkstivvel und der Schwätzer. Immer mehr Abschiebungen, vor allem in die Türkei und nach Georgien, Befürchtungen, der hervorragende Gitarrist könnte ebenfalls abgeschoben sein. Ein kalter Herbsttag, der November steht vor der Tür und damit das Ende dieses Jahres. Einkaufen auf dem Konstimarkt, die Eintrachtfans sind schon im Stadion. Es hat sich gelohnt, endlich wieder ein Sieg, 2:0 gegen St. Pauli. Käse, Wurst, Obst und Wein, Zeitumstellung, dieser Blödsinn schon wieder, eine Frechheit. Ausnahmsweise in der Gaststätte eine Flasche Wein holen. Der Märchenonkel und sein Adlatus an Tisch zwei, eine mir unbekannte Frau dabei. Sie legt den Kopf auf den Tisch, der Märchenonkel krault ihren Nacken. Ein nassgrauer, windiger Tag, kühl und gelegentlich der Wind heftiger, Haufen bunter Blätter auf den Gehwegen, zusammengeweht. Ein schöner Herbsttag, das Wetter ist zu spüren. Pokalspiel am Dienstag, die Eintracht verliert nach gutem Spiel 2:4 gegen Dortmund im Elfmeterschießen. Gedränge an Tisch zwei, ständige Kommentare des Schwätzers, Stammtischempörung. Alessandras letzter Tag vor der großen Reise, in vier Wochen ist sie wieder da. Die Fahrt nach Wiesbaden, Knut Elstermann im Murnau Filmtheater. Mia sagt ab, ihr Zug ist ausgefallen, sie wäre viel zu spät gekommen. Ich auch eher lustlos, aber es wurde ganz kurzweilig. Ein sonniger Herbsttag, ich früh beim Arzt, unausgeschlafen, nüchtern, ein Mittgasschlaf war nötig. Über den Merianplatz schlendert ein älteres Pärchen, sie bedauert das Fehlen der Platanen. „Ach Gott“, erwidert er, „wenn isch dran denk wie mir früher hier Tischtennis gespielt ham“. Voll bei Metzler, Riesling bei Heinstadt. Andreas Maier kurz beim Apfelwein, er ging, ich kam. Überschaubare Besetzung an Tisch zwei, der ewige Stammgast. Der Märchenonkel, sein Adlatus und der Schwätzer. Vertrautes Bild. Der letzte Tag dieser Aufzeichnungen. In der Berger Straße bleibt eine Frau an einer, dank ausufernder Gastromöblierung, sehr engen Stelle stehen und schaut auf ihr Handy. Nach einem freundlichen und bestimmten Hinweis geht sie aus dem Weg. OH! Gut gefüllt die Kleinmarkthalle, Jessi freundlich wie immer, Gözleme mit Käse, fast wie immer, Riesling trocken, auch wie immer. Nüsse bei den Arabern, immer gibt man mehr Geld aus, als geplant. Dafür gibt`s den Erotik Mix als Geschenk, auch wie immer. Der Vortragssaal in der Evangelischen Akademie füllt sich. “Läuft in Frankfurt”, lautet der Titel der Veranstaltung, und “Gestalte den Fußverkehr mit!”. Drei Stunden zum Thema. Projekte werden vorgestellt, es wird lebhaft diskutiert, das Thema scheint in der Stadtpolitik angekommen. Nicht zu sehen und zu hören ist die Beauftragte für den Fußverkehr. Sie sei aber anwesend und intensiv an den Vorbereitungen beteiligt gewesen. Merchandisingartikel liegen bereit, Kugelschreiber, Schlüsselanhänger, ein Anstecker und ein kleiner roter Zollstock. Mit dem Kugelschreiber, aus Holz, schreibe ich diese Zeilen. Eine Demo der sogenannten Querdenker, die ich nur Querschläger nenne, zieht über den Römerberg, Lautsprecherwagen, Transparente, professionell gestaltete Schilder, Deutschlandfahnen. Es wird unter anderem die “Aufklärung der Coronaverbrechen” gefordert. Eine Montagsdemo am Freitag. Kinder in bizarren Kostümen ziehen durch die Straßen und fordern Süßes oder Saures. Eine propalästinensische Demo kreuzt die Braubachstraße, palästinensische Flagge, unverständliche Parolen. An Tisch zwei der ewige Stammgast, der Märchenonkel und sein Adlatus, sie gehen bald, ebenso wie das Kellerbier-Großer-Saurer-Pärchen. Auch im kommenden Jahr wird der Stammgast seinen Platz an Tisch zwei einnehmen und Hof halten, Montag bis Freitag ab 17:15. Zwei grauhaarige Männer, vermutlich osteuropäischer Herkunft, sitzen auf einer Bank vor der Commerzbankfiliale am Uhrtürmchen. Sie spielen Gitarre und singen kräftig und stimmgewaltig, Weisen aus der Heimat, ein Plastikbecher zu ihren Füßen. Zum Abschluss des Zeitraums der Aufzeichnungen sogar noch ein Feuerwerk, zwei mächtige Schläge aus Richtung der Innenstadt und weiter östlich tatsächlich einige Raketen, vermutlich eine private Feier.

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