|
Glanz&Elend Literatur und Zeitkritik Impressum & Datenschutz |
||
|
Home Belletristik Literatur & Betrieb Krimi Biografien, Briefe & Tagebücher Politik Geschichte Philosophie |
||
|
|
||
|
Betrachtungen einer Epoche
Helmuth Kiesel überzeugt
mit seiner Geschichte der deutschsprachigen |
||
|
Schreiben in finsteren Zeiten von Helmuth Kiesel ist Band XI der Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart. Er schließt die Lücke zwischen Band X, der 2017 ebenfalls von Kiesel verfassten Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1918 – 1933 und dem bereits 2006 erschienenen Band XII über die »deutsche Literatur« nach 1945. Es ist eine Herkules-Aufgabe, der sich Helmuth Kiesel unterzogen hat und wenn man ehrlich ist, dann kann man sich niemand anderen vorstellen, der dies hätte derart großartig bewältigen können. Um den Lesefluss nicht zu hemmen, verzichtet Kiesel vollständig auf Fuß- oder Endnoten und verpackt bibliographische Details im Text. Das gilt auch für die den jeweiligen Kapiteln vorangestellten bisher erschienenen Aufsätze, Zusammenstellungen und Monographien zu Teilaspekten eines Themas. Im Anhang gibt es neben einer Auswahlbibliographie ein detailliertes Personen- und Sachregister. Besonders detailreiche Ausführungen zu Werken, Protagonisten oder Thesen werden in kleinerer Schrift abgedruckt. Es ist möglich, diese Stellen zu überspringen, ohne den Zusammenhang zu verlieren. Ich rate davon ab; was Helmuth Kiesel zu sagen hat, ist durchweg fundiert und interessant. Immer wieder wird Bezug genommen auf Band X, der die 14jährige »Blütezeit« der deutschen Literatur umfasst, um das Ausmaß des »terroristisch durchgesetzten Bruchs mit der kulturellen Tradition«, die sich mit dem 30. Januar 1933 zeigte, deutlich zu machen. Kurz wird diskutiert, ob man von »Machtergreifung« oder, neutraler, »Machtübernahme« reden sollte. Kiesel verwendet dann fast durchgängig »Machtergreifung«.
Exil gegen binnendeutsch Interessant sind die Ausführungen über die Differenzierung zwischen »Exil« und »Emigration« (später noch »Immigration«). Während Exil als zwar notwendig, aber selbstbestimmt und dauerhaft kategorisiert wird, bedeutet Emigration, dass eine eher überhastete, mit der Sorge um Leib und Leben verbundene Flucht einhergeht, die aber als vorübergehend angesehen wird. Bisweilen werden die Begriffe trotz dieser Unterschiede synonym verwendet. Zumindest im europäischen Ausland mussten die Migranten bisweilen unliebsam empfundene Rücksichten nehmen. Der Arm der Nazis war lang. Später fielen mit Österreich (der »Anschluß« und die Folgen für die österreichische Literatur werden ausführlich erörtert), dem bis 1935 unter französischen Protektorat stehenden und für viele NS-Gegner Obhut bietendem Saarland, der Tschechoslowakei, der Niederlande (hier hatte sich ein Verlag für Exilliteratur gebildet) und Frankreich viele Rückzugsländer weg. Selbst in der sicheren Schweiz war man nicht vor Nachstellungen gefeit. Der Exilliteratur wird die »binnendeutsche« Literatur gegenüber gestellt. Es handelt es sich um Prosa, Lyrik oder Theaterstücke von Autoren, die während der NS-Zeit aus unterschiedlichen Gründen in Deutschland verblieben waren und zwischen 1933 und 1945 zum Teil publizierten. Die Bezeichnung »binnendeutsch« ist überwölbend gemeint und beinhaltet sowohl affirmative, reinste NS-Propaganda-Literatur wie auch das, was man »innere Emigration« oder, mit Dolf Sternberger, »verdecktes Schreiben« nannte. Im weiteren Verlauf des Buches werden die Unterschiede deutlich. Kiesels Epochengeschichte folgt weitgehend der Chronologie der Ereignisse. Zu Beginn der Machtergreifung werden die mit großer »Zielstrebigkeit und Durchsetzungskraft« durchgeführten, fast überfallartigen Veränderungen in der Kultur- und Schriftstellerszene gezeigt, die Übernahme der Nazis der »Sektion für Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste« etwa. Da gab es den Schock unter den sich rasch in die Emigration flüchtenden Autoren, die Jubelgesänge von Gottfried Benn, Hanns Johst oder Friedrich Sieburg, die begeistert von der »Revolution« schwadronierten und daneben die Beschwichtigungen der Gutgläubigen, die an eine nur kurze NS-Zeit glaubten. Kiesel hebt die quantitativ wie systematische »Exorbitanz« der Bücherverbrennungen hervor, die bisweilen »karnevaleske« Züge trugen. Die eindrücklichsten Fanale sind der Reichstagsbrand und die Liquidierung der zu mächtig werdenden SA in der sogenannten »Nacht der langen Messer« (die häufig genannte Bezeichnung »Röhm-Putsch« übernimmt bereits die Deutung der Nazi-Herrscher). In der binnendeutschen Publizistik dieser Zeit konnte man grob drei Richtungen ausmachen: Zum einen die Bekenntnisartikel, -stücke und -romane unterschiedlicher Qualität, sowie, zur »Einübung in den Wertekanon«, diverse SA-, BDM- HJ-Romane. Adäquates gilt – wie immer – auch für Lyrik und Drama, wenn auch in kleinerem Umfang. Zentral behandelt wird Gottfried Benns anfänglicher Enthusiasmus und seine Befürwortung eines »totalen Staats« der bei seinen Verehrern Ratlosigkeit und Entsetzen erzeugte und die Reaktionen darauf auch im Exil, etwa durch Klaus Mann. Verstörend auch Waldemar Bonsels Ergebenheitsadressen. Selbst die (jüdische) Nesthäkchen-Autorin Else Ury verfasste begeistert ihren Roman Jugend voraus!. Es half ihr nicht; sie wurde in Auschwitz ermordet. Es gehört zur Chronistenpflicht, sich mit Hanns Johsts Schlageter-Drama zu befassen, einem reinen Propagandastück. Kiesel breitet eine Fülle von Publikationen aus und findet bisweilen deutliche Worte, etwa zu den antisemitischen Infamien in Hans Zöberleins Der Befehl des Gewissens, ein Buch, das als »widerwärtig« bezeichnet wird. Später, im Rahmen der Diskussion um Literatur und Luftkrieg, wird der 1944 entstandene Roman Front der Herzen von Robert Hohlbaum als »abstoßendes Beispiel literarischer Durchhaltepropaganda« bezeichnet. Aber es gibt auch Bemerkenswertes, das »ärgerlich« ist, wie etwa im Roman S. S. eines gewissen A. Tiefenbach, der in Wirklichkeit Herbert Blank hieß und das Buch »1933 auf höheres Geheiß und gleichsam als Sühne für seine Abweichungen von der Parteilinie geschrieben haben« soll. Kiesel muss knirschend konstatieren, dass S. S. »das mit Abstand am besten geschriebene, zugleich verlogenste und schamloseste Buch dieser Art« war. Gezeigt wird, wie Hitlers Machtergreifung und die raschen Systematik der Gleichschaltung einige Protagonisten überrumpelt hatte. Da gibt es Fehleinschätzungen von Carl Zuckmayer, Hoffnungen von Thomas Mann auf ein rasches Ende des NS-Staates oder auch das Zögern von Hans Fallada, der später sogar als Teilnehmer einer NS-Propagandakompanie den Einmarsch der Wehrmacht in Frankreich begleitete und seiner Frau enthusiasmiert darüber berichtete. Auch Jochen Klepper wird genannt, der aus der SPD austrat, um seine Position beim Rundfunk nicht zu verlieren, was am Ende trotzdem passierte, weil er mit einer jüdischen Frau verheiratet war. Klepper trat später sogar freiwillig in die Wehrmacht ein (und fand Gefallen daran), wurde jedoch rasch entlassen. Die Verfolgung und der Deportationsbefehl für seine Frau und die Stiefkinder kamen trotzdem; die Familie beging 1942 Suizid. Klepper ist neben Thomas Mann, Victor Klemperer, Klaus Mann, Erich Ebermayer und Ernst Jünger einer der »Diaristen«, die Kiesel immer wieder zitiert, wenn historische Ereignisse aus der unmittelbaren Erfahrung heraus kommentiert werden.
Neugruppierungen Durchaus zahlreich diejenigen, die sich, wie man es später nannte, in die »innere Emigration« begaben, wie beispielsweise Ricarda Huch, Ernst Wiechert, Werner Bergengruen, Hermann Kasack, Reinhold Schneider, Elisabeth Langgässer, Friedrich Reck-Malleczewen, Erika Mitterer oder Oskar Loerke. Wenige gab es, die auf Distanz gingen, aber weiter publizistisch tätig waren. Hier nennt Kiesel natürlich die Jünger-Brüder sowie Ernst von Salomon und Ernst Niekisch, während er Gottfried Benn und Frank Thieß in die innere Emigration verortet, was zweifellos zu diskutieren wäre. Eine nicht unbedeutende Gruppe sind jene jungen Autoren, die versuchen, sich neutral zu verhalten, wie etwa Marie-Luise Kaschnitz, Wolfgang Koeppen, Günter Eich (dessen Aufnahmeantrag in die NSDAP wird im Buch thematisiert), Hermann Lenz oder Karl Krolow (wie immer bietet Kiesel noch mehr Namen an). Es sind Schriftsteller, die zum Teil später im Nachkriegsdeutschland wichtig wurden. Dieser »jungen Generation« wird die »junge Mannschaft« gegenübergestellt. Hierbei handelt es sich um NS-aktivistische junge Autoren, »Parteidichter«, die Gedichte aber auch Marsch- und Kampflieder verfassten, insgesamt, so Kiesel, »poetisch eingefärbte Verbrämung[en] und Rechtfertigung[en] der Mordtaten der Machtergreifungszeit«. Sie (und andere) werden später auch Kriegslyrik verfassen und den Krieg heroisieren. Sie sind aus guten Gründen vergessen, aber Kiesel lässt sie nicht aus. Schließlich blieben einige, wenige national-konservative Autoren, die den Nazismus widerstrebend oder zumindest distanziert sahen. Da werden neben Stefan George und Hans Carossa auch Ernst Wiechert genannt. Wiechert beklagte noch 1937 die »Gleichschaltung« der deutschen Autoren und protestierte ein Jahr später gegen die Inhaftierung Martin Niemöllers. Dafür landete er für kurze Zeit in ein KZ, wurde aber nach Protesten aus dem Ausland entlassen, blieb in Deutschland und stand von nun an unter »Beobachtung«. Das Manuskript von Der Totenwald, seinem Bericht über die Verhaftung und Inhaftierung, vergrub er sicherheitshalber im Garten. Er erschien erst 1946. Überraschend zählt Kiesel auch Gerhard Hauptmann zur Gruppe derer, die dem NS-Staat skeptisch gegenüber standen. Er habe sich in der Öffentlichkeit nie zu Hitler bekannt, so heißt es im Buch. Gleichzeitig wird aber erklärt, Hauptmann habe auf Hiddensee am 1. Mai 1933 die Hakenkreuz-Flagge gehisst. Wie schnell sich der Wind drehen konnte, erfuhr beispielsweise Hans Grimm (Volk ohne Raum, 1926), der anfangs hofiert wurde, dann aber in der Gunst fiel. Die meisten widerständischen Autoren waren im Exil; sehr viele davon Kommunisten, die keine andere Möglichkeit hatten, als Deutschland zu verlassen. Viele bürgerliche Autoren emigrieren nicht, was zumeist persönliche oder finanzielle Gründe hatte. Einige, die weggegangen waren, kehrten nach kurzer Zeit wieder zurück wie Irmgard Keun, Peter Huchel, Wolfgang Koeppen oder Erik Reger. Sie wollten sich eine Art unpolitisches Refugium bauen, loteten mit »Mut, Vorsicht und Geschicklichkeit« Spielräume aus und mussten bei Publikationen stets eine Nachzensur fürchten – oder schrieben für die imaginäre Schublade (mit allen Gefahren). Dabei mussten sie ständig damit rechnen, wegen nichtiger Anlässe verhört oder kurzfristig eingesperrt zu werden. Kiesel dokumentiert an einer Stelle eindrucksvoll eine lange Liste all derer, die die »Qualen der Folterstätten des Dritten Reichs« mindestens zeitweise ertragen mussten oder ermordet wurden. Sie reicht von Erich Mühsam und Carl von Ossietzky über Kurt Hiller, Armin T. Wegner, Wolfgang Langhoff, Karl August Wittfogel, Axel Eggebrecht, Werner Finck bis zu Werner Krauss, Theodor Wolff und Jean Améry, um nur die bekanntesten zu nennen. Lebensbedroht waren die jüdischen Autoren, von denen viele rasch Deutschland verließen. Aber auch hier gab es Stimmen, die vor Übereilung warnten wie den Religionshistoriker Hans-Joachim Schoeps, der ernsthaft »eine Versöhnung von Nationalsozialismus und Judentum herbeiführen wollte« und in diesem Sinne publizistisch tätig war. Kurios auch der sich Juni 1933 gründende »Kulturbund deutscher Juden«, der, wie Kiesel erwähnt, von Oktober 1933 bis September 1934 558 Veranstaltungen durchführte und noch im Juni 1937 90.000 Mitglieder zählte. Im weiteren Verlauf wird geschildert, wie Literatur mit jüdischen Themen bis Mitte der 1930er Jahre noch publiziert wurde.
Wie zeigt sich NS-Literatur? Nicht nur bei Emil Strauß, der zum NS-Adepten wurde, was seinen Freund Hermann Hesse quälte, zeigt sich, dass bei der Beurteilung der Werke von Autoren mit NS-Gesinnung oder einer NSDAP-Mitgliedschaft nicht automatisch auf die literarische Qualität geschlossen werden kann. Bei der Mitgliedschaft handelt es sich um ein Indiz, aber zur Beurteilung sollten, so Kiesel, Textanalysen und Kontextbeobachtungen herangezogen werden. NS-Affinität zeigt sich eindeutig, etwa in offenem oder verdeckten Rassismus, Deutschtümelei, Einseitigkeit in der Darstellung sozialer Sphären, Antikommunismus, Expansionismus, Führerkult, Schollenromantik und Anti-Katholizismus. Ausführlich werden die fünfzehn Kriterien für NS-Literatur von Ralf Schnell aus dem Jahr 1987 behandelt. Dazu gehört eine Utopie des Aufbruchs, ein Leben und Aufgehen in einer kollektiven Identität, der »Volksgemeinschaft«, die sakralisiert wird. Unterschieden wird die nationalsozialistische Literatur von der »faschistischen« eines Ezra Pound, Louis-Ferdinand Céline oder Drieu LaRochelle. »Das Hauptkennzeichen nationalsozialistischer Dichtung«, so zitiert Kiesel Schnell, »ist ›die spezifische Ästhetik ihrer ‹Haltung›. Diese Ästhetik will Kampf, Unterwerfung, Ausgrenzung und Herrschaft. Sie dient nicht lediglich einem politischen Ziel, das Bewegung, Partei oder Staat ihr gesetzt hätten, sondern sie verfolgt selber ihre Zwecke: allen die identische Rede aufzuzwingen, allen ein identisches Reden abzuzwingen. Hierdurch definiert sie ihre Besonderheit‹, nämlich ihren totalitären Charakter und Anspruch.« Insbesondere der letzte Punkt ist ein Kriterium, dass sich nicht nur auf nationalsozialistische Literatur anwenden ließe. Was bleibt ist das Dilemma eines »Auseinandertretens von politisch-ethischem und literarischem Urteil« (Kiesel). Kiesel nennt zu Beginn die Gründe für die »an Selbstverrat grenzende Unterwerfung des Bürgertums unter das neue Regime«, schließt sich aber der von kommunistischen Autoren zuweilen vertretenen These, man hätte im Januar 1933 einen Bürgerkrieg riskieren sollen, nicht an. Die kommunistische Widerstandsliteratur fällt häufiger wegen ihrer Dogmatik und ihrem »sozialistischen Realismus«, ästhetisch durch; sie sollte mobilisieren und/oder dem Widerstand (falsche) Hoffnung geben und verherrlichte die Sowjetunion. Wer sich der Linie der »marxistischen Gesellschafts- und Geschichtstheorie« verweigerte und die grandiosen Selbstüberschätzungen der kommunistisch inspirierten Möglichkeiten herausstellte, wurde in der Szene mindestens kritisiert. Das galt unter anderem für Walter Kolbenhoff (Untermenschen, 1933), Ernst Glaeser (Der letzte Zivilist, 1935) und Karl August Wittfogels als Roman bezeichneter, unter dem Pseudonym Klaus Hinrichs 1936 in London publizierter Bericht Staatliches Konzentrationslager VII / Eine ›Erziehungsanstalt‹ im Dritten Reich. Bei den großen Säuberungen unter den Exilanten in der Sowjetunion ab 1935 wurden vermeintlich Abtrünnige verhaftet, verschleppt oder erschossen. Später wird der durch den überraschenden und viele schockierenden »Hitler-Stalin-Pakt« entstehenden Zick-Zack-Kurs unter den von Säuberungen ohnehin schon verunsicherten Moskauer Exilanten beleuchtet, der zu teilweise absurden Ge- und Verboten führte. Man benötigte eine gehörige Portion Opportunismus und die »richtigen« Freunde, um dort zu überleben. Jemand wie Brecht erkannte dies und hielt sich fern aus dem eigentlich so gepriesenen Sowjetreich. Und so manches von Bertolt Brecht findet keine Gnade bei Kiesel, wie etwa Die Spitzköpfe und die Rundköpfe (1931) oder die Ballade vom armen Stabschef (1935), in dem die Ereignisse um den sogenannten »Röhm-Putsch« persifliert wurden. Kiesel stört an der Ballade »der Umstand, daß Brecht sich dazu herabließ, seine Stimme, wenn auch nur zum satirischen Angriff auf Hitler, Ernst Röhm zu leihen.« Besonders zu Beginn schrieb Brecht ganz im gewünschten Stil der Komintern und auch später rückte er nicht vom Stalinismus ab. Später wird Kiesel die »Schlagkraft« der Diktion in Brechts neu gefundener, lyrischer Ausdrucksweise (reimlos und unregelmässige Verse) anerkennen und herausstellen. Einer der deutschen Protagonisten der Komintern, Willi Münzenberg, der später bei den Genossen in Ungnade fiel und unter ungeklärten Umständen ums Leben kam, wird mit seinen Braunbüchern als mindestens zeitweise größter »Organisator der Exilpublizistik« positiv gewürdigt. Die Romane der eher konservativ-(»links«-)bürgerlichen Exilanten haben beim Autor einen besseren Stand. Zu nennen sind beispielsweise Lion Feuchtwangers rasch nach dem Machtwechsel erschienenen Panoramaroman Die Geschwister Oppenheimer, Joseph Roths Der Antichrist, die »politischen Zeitromane« von Oskar Maria Graf, Bruno Franks politisch-realistischer Roman Der Reisepaß und vor allem Alfred Döblins Babylonische Wandrung oder Hochmut kommt vor dem Fall, ein, wie Kiesel betont, alle anderen überragenden Emigrationsroman. Später, wenn es gilt, die Epochen- Zeit- und Geschichtsromane literarisch zu bewerten, stellt Kiesel vor allem Klaus Manns Mephisto und Alfred Döblins Amazonas-Trilogie zusammen mit Thomas Manns Joseph-Tetralogie heraus. Neben den sich an Aktualitäten direkt orientierenden Texten werden eine Fülle spezieller Gattungen aufgefächert, wie etwa Erklärungsromane (Anna Seghers, Adam Scharrer) Angestelltenromane (Werner Türk, Franz Carl Weiskopf), Betriebs- und Straßenkampfliteratur (Jan Petersen, Ernst Erich Noth) oder Folter- und Lagerberichte (z. B. Wolfgang Langhoff), die häufig aus formalen Gründen als »Romane« bezeichnet wurden. Daneben gibt es eine Fülle von Machtergreifungsromanen und -erzählungen. Neben Hermynia zu Mühlens Unsere Töchter, die Nazinen oder Ferdinand Bruckners Drama Die Rassen hebt Kiesel zwei Bücher wegen ihres hohen künstlerischen Rangs heraus. Zum einen der 1938 verfasste, eher diagnostische Roman Der Augenzeuge von Ernst Weiß und zum anderen Hermann Brochs Die Verzauberung (1935 begonnen; mehrfach überarbeitet), einem gleichnis- bzw. modellhaften Text, der sich oberflächlich als »Gebirgsroman« gibt. Weiß' Roman erschien in der Emigration, Brochs Die Verzauberung erst nach dem Tod des Autors im Nachkriegsdeutschland.
Wer schrieb besser? Mit der Machtübernahme der Nazis stockte die literarische Moderne in Deutschland. Großstadtromane wurden als Produkte der »Dekadenzperiode« angesehen. Stattdessen wurden konventionell erzählte Bauern- und Dorfromane und Waldbücher publiziert sowie Landlebenlyrik und Bauerndramen, in teilweise verkitschender und idyllisierender Form. Hinzu kommen Arbeiterromane, die den Arbeiter (ähnlich wie den Bauern) heroisierten. Kiesel findet auch hier zuweilen Pretiosen, die neugierig auf die Lektüre machen, wie etwa Philomene Ellenhub von Thomas Bernhards Großvater Johannes Freumbichler, Ernst Wiecherts Das einfache Leben oder Hans Falladas Wir hatten mal ein Kind. Ebenfalls gab es eine Welle von Weltkriegsromanen jenseits von Jüngers Stahlgewittern oder Remarques Im Westen nichts Neues. Und er findet weitere, vielleicht etwas zu früh vergessene Bücher, wie Arnold Zweigs Erziehung vor Verdun oder Hauptmann Thodde von Otto Karsten. Besonders instruktiv sind die Kapitel über die Exil und binnendeutschen Zeit- und Geschichtsromane. Während in Zeitromanen die Entwicklungen über Jahrzehnte, im Einzelfall Jahrhunderte bis zur Gegenwart gespiegelt wurden, konnte man in Deutschland in Historienromanen mit verdecktem Schreiben durchaus regimekritische Aspekte ansprechen, die nach außen als historische Beschreibungen etikettiert wurden. Als besonders gelungene binnendeutsche Zeitromane findet Kiesel unter anderem Ilse Molzahns Töchter der Erde oder Rudolf Borchardts im Stil der Hochkultur verfasster Roman Vereinigung durch den Feind hindurch. Mit Jochen Kleppers Der Vater, einem Ausflug in die Zeit Friedrich Wilhelm I. von Preußen und Reinhold Schneiders »antirassistischen« Roman Las Casas vor Karl V. werden zwei außerordentliche Werke des christlichen-historischen binnendeutschen Romans gewürdigt. Dennoch drängt sich der Eindruck auf, dass die im Exil verfassten Epochen- Zeit- und Geschichtsromane literarisch bedeutender sind. Als Beispiel dient Klaus Manns Mephisto und vor allem Alfred Döblins Amazonas-Trilogie, die Kiesel auf eine Stufe stellt mit Thomas Manns Joseph-Tetralogie.
Betrachtung statt Kritik Interessant sind einige Details am Rande, wie etwa die Ausführungen zum Konflikt zwischen Goebbels und Rosenberg über den deutschen respektive »nordischen« Expressionismus. Rosenberg setzte sich am Ende durch; der Expressionismus wurde als »entartet« deklariert. Später referiert Kiesel ausführlich über den Expressionismus- bzw. Formalismusstreit in den kommunistischen Exilliteratur mit und gegen George Lukács, was verblüffende Parallelen zum Vorgehen im NS-Staat aufzeigt. Auf den ersten Blick ist es erstaunlich, dass das Kapitel über die Literatur, die während des Zweiten Weltkriegs entstanden ist, nur rund 200 Seiten umfasst. Das hat zum einen damit zu tun, dass bereits zuvor der chronologische Charakter zu Gunsten einer werkgenetischen Übersicht einzelner Autoren teilweise aufgehoben wurde. Zum anderen werden jedoch in diesem Kapitel nur mehr literarische Werke behandelt, die unmittelbar den Kriegsausbruch und die Geschehen im Krieg zum Thema haben. Auch hier referiert Kiesel neben der Primär sowohl die Sekundär- wie auch die Tagebuchliteratur.
Der Krieg und drei überraschende »Hauptwerke« Am Ende des Buches nennt Kiesel noch drei Hauptwerke »der letzten Jahre«. Die Auswahl ist überraschend. Zuerst wird Gerhard Hauptmanns Atriden-Tetralogie genannt, vier mythologische Dramen zwischen 1940 und 1944 entstanden (erstmals komplett 1947 veröffentlicht). Das Kernthema dieser Stücke sei, so Kiesel, das Menschenopfer und die Re-Implementierung des Menschenopfers gegen Goethes »Humanisierung des Stoffes« in Iphigenie auf Taurus. Die Komplettausgabe der vier Dramen erschien erst nach dem Krieg, 1947. Hier zeigt sich ein wieder aufkommendes, kleines Manko dieses Buches. Zwangsläufig werden mitunter Werke genannt, die aus den unterschiedlichsten Gründen zwar in der Zeit zwischen 1933 und 1945 verfasst (oder wenigstens begonnen) wurden, dann jedoch erst nach dem Krieg (manchmal erst Jahrzehnte später) veröffentlicht wurden. Nicht einmal vergisst Kiesel, dies zu erwähnen. Dennoch hätte ich mir eine deutlichere Trennung dieser Bücher von denen gewünscht, die in dieser Zeit erschienen waren. Schließlich werden sinnnvollerweise auch die jeweiligem literarischen Gattungen getrennt. Es ist ein nicht zu unterschätzender Unterschied, ob die Literatur in den finsteren Zeiten publiziert wurde oder erst danach (etwa wenn es um eine mögliche Editierung durch den Verfasser oder – schlimmer – Nachlassverwalter geht). Das zweite hervorgehobene Werk ist Hermann Hesses Das Glasperlenspiel. Kiesel folgt hier der Interpretation von Gunnar Decker, der hier »nicht weniger als eine Befreiung des ‹deutschen Geistes› von seiner nationalsozialistischen Pervertierung« sieht. Schließlich werden noch Brechts Parabelstücke Der Gute Mensch von Sezuan und Der kaukasische Kreidekreis herausgestellt. Gegen Ende wird die Publikations- und Rezeptionsgeschichte einiger wichtiger Autoren unmittelbar nach dem Krieg gestrafft weitererzählt. Auch hier ragen wieder Thomas Mann (Doktor Faustus) und Alfred Döblin (Der Oberst und der Dichter) heraus. Der Jünger-Kenner Kiesel vergisst allerdings auch Heliopolis nicht. Diese drei Autoren bilden zuverlässig den Kern von Kiesels literarischen Autoritäten.
Bilanz Obwohl das Buch fast 1.400 Seiten umfasst, können bei der Fülle des verarbeiteten Materials bei der Besprechung der einzelnen Werke Nuancen nur teilweise akzentuiert werden. Man hat dennoch das Gefühl, dass Kiesel zumeist die richtigen Prioritäten setzt; Redundanzen sind nicht ganz zu vermeiden, fallen aber kaum ins Gewicht. Der Leser wird bei einigen Beschreibungen tatsächlich neugierig, wobei es fast immer ein Indiz ist, ob sich das Buch noch halbwegs gut beschaffen lässt (häufig nur antiquarisch). Kaum jemand dürfte ohne neuen Lesestoff aus diesem Buch herauskommen.
Zuweilen hört man, ein solcher Steinbruch diene vor allem als Nachschlagewerk
und eine durchgängige Lektüre böte sich nicht an. Ich glaube indes, dass sich so
mancher Zwischenton vor allem jenseits des Registerabrufs zeigt. Wie auch immer
– Helmuth Kiesels Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur
Gegenwart wird Generationen von Germanisten als zuverlässiger Lotse durch
unwegsames Gelände dienen. |
Helmuth
Kiesel |
|
|
|
||