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»Du brauchst nur einen einzigen wahren Satz zu schreiben.
Schreib den wahrsten Satz, den du kennst.«

(Ernest Hemingway, Miss Stein doziert in Paris – Ein Fest fürs Leben)

»Hemingways letztes Geheimnis«

In seinem neuen Roman »Achilles in Taormina« jongliert Michael Kleeberg
virtuos
mit den Mythen und Legenden um das Leben & Werk Ernest Hemingways.

Von Lothar Struck
 

Achilles in Taormina heißt das Buch des Karlmann-Schöpfers und Bundesrepublik-Chronisten Michael Kleeberg und es verspricht, über ein »Leben auf der Suche nach Hemingways letztem Geheimnis« zu erzählen. Und das passiert auch - auf eine listig-originelle Art. Protagonist dieses Romans ist ein gewisser Michael Kleeberg. »Let's confuse the buggers« steht schon als ein Motto dem Roman voran (der popkulturelle Hintergrund ist interessant, spielt aber keine Rolle) und es dauert tatsächlich ein bisschen, die eingestreuten Verwirrungen, denen der Leser ausgesetzt ist, zu sortieren. Denn dieser Ich-Erzähler Michael Kleeberg (von nun an wird dieser hier kursiv geschrieben) ist zwar in einigen Punkten dem realen Michael Kleeberg nachempfunden, dann aber doch eine ganz andere Figur mit einem anderem Leben.

Zunächst ist da der Wunsch des Gymnasiasten und Studenten Michael Kleeberg, seinem Idol Ernest Hemingway nachzueifern und rasch so etwas wie »Krieg« aus eigener Erfahrung zu erleben. Und so verdingt sich der 19jährige als Freiwilliger, um adäquat zu Hemingways Spanien-Einsatz von 1937 mehr als 40 Jahre später in Nicaragua das korrupte Somoza-Regime zu bekämpfen. So geht es im Juni 1979 ins Grenzgebiet zwischen Costa Rica und Nicaragua. Er wird Teil einer internationalen Freiwilligentruppe von rund 40 Personen und erfährt eine kurze militärische Ausbildung. Für die politische Agitation ist ein DDR-Mann vor Ort. Kleeberg lernt dort die zwei Jahre jüngere Lynn kennen und lieben, eine Amerikanerin, aus, wie sich später zeigen wird, gutem Haus. Sie schwören sich sobald wie möglich zu heiraten. Drei Wochen später geht es endlich an die Front. Sie geraten prompt unter einem höllischen Beschuss, überstehen jedoch den stundenlangen Angriff irgendwie. Am gleichen Tag wird verkündet, dass Somoza das Land verlassen hat.

Mrs. Stanfield ist Agnes von Kurowsky

Kleeberg hatte jetzt sein Kriegserlebnis. Mit dem Aufbau des Sozialismus hatten beide nichts im Sinn. Sie fliegen zu Lynns Eltern nach Gulfport. Der Empfang ist kühl; Lynns Vater, ein Arzt jüdischer Herkunft, verbietet dem Deutschen das Haus. Der kommt gegenüber bei den Stanfields unter, beide über 80, ein »reizendes« Pärchen. Ohne es zu ahnen, wird damit Kleebergs Hemingway-Leidenschaft so richtig angefeuert, denn Mrs. Stanfield ist niemand geringeres als Agnes von Kurowsky, jene amerikanische Krankenschwester, die Ernest Hemingway nach dessen Verwundung im Ersten Weltkrieg in Italien 1918 behandelt hatte und in die er bis über beide Ohren verliebt war und Heiratspläne schmiedete, ohne sie überhaupt danach zu fragen. (Sie hatte kein Interesse.)

Aber Michael Kleeberg erzählt nicht nur über den Hemingway-Forscher Michael Kleeberg, sondern verknüpft literaturhistorische Einschübe mit dem Privatleben dieser Figur. Nachdem Lynn von ihrem Vater auf eine andere Universität geschickt wurde und sie dort ihren zukünftigen Ehemann kennenlernte, stürzt sich Kleeberg endgültig in den Hemingway-Kosmos, gewinnt Agnes' Vertrauen und bekommt ihr Tagebuch von 1918 zu lesen. Er fühlt sich »im Herzen des wahren Lebens angekommen«. Die Briefe Hemingways musste sie auf Wunsch ihres zukünftigen Ehemanns damals vernichten. Einer ist jedoch erhalten. Nach ihrem Tod 1984 öffnet Kleeberg den launig-schwärmerischen Brief Hemingways, in der sie als »future Mrs. Hemingstein« angesprochen wird.

Mangels schriftstellerischem Talent (sein in Deutschland publizierter Erzählband verkaufte sich 412 Mal), beschließt Kleeberg in die USA zurückzukehren und »zu arbeiten«. Er veröffentlicht einen Essay über die Rezeption Hemingways in Deutschland, lernt dadurch James Nagel, einen Doyen der Hemingway-Forschung, kennen und assistiert bei Hemingway in Love and War, der Publikation der Tagebücher und Briefe von Agnes von Kuwowsky, herausgegeben von James Nagel und Henry Villard (ohne den letzten Hemingway-Brief beizusteuern).

Das alles wird im Rückblick erzählt. Achilles in Taormina beginnt 2024. Kleeberg lässt 45 Jahre Revue passieren, erinnert sich an die kleinen und großen Zufälle, die »Kladden« bei Personen oder in Archiven mit nicht vermuteten Neuigkeiten, die zu neuen Recherchen führten und ein bisschen erinnert dieser Michael Kleeberg im Laufe des Romans manchmal an Tom Hanks als Robert Langdon auf der Suche nach irgendeinem Vatikan-Dokument.

Michael Kleeberg heiratet 1988 in eine wohlhabende Familie ein. Er promoviert, aber eine Professur erhält er trotz Beziehungen nicht. Es reicht immerhin für eine gut bezahlte Redakteursstelle beim Atlantic Monthly. Hier kann er seinen weltweiten Hemingway Recherchen frönen und Kleeberg lässt den Herrn Reporter ganz schön rumkommen und mit Prominenten sprechen. 1990 und 1992 wird er Vater; seine Tochter nennt er Lynn, was später für Konfusion sorgen wird. Seine Frau ist geduldig, sanft und reich und ahnungslos, dass er immer noch »seine« Lynn liebt.

200 Seiten – prägend für die Literatur des Jahrhunderts

Kleeberg beschäftigt sich zunächst ausgiebig mit der (kurzen) Italien-Zeit Hemingways, seinem Lebenshunger, der Verliebtheit zu Agnes, entdeckt hier Neues und Ergänzungen. Als kommender Wissenschaftler interessiert er sich für die Verwandlung des Reporters in einen Schriftsteller. »Hemingways Revolution war zwar eine epochale, aber eine schmale und kurzfristige gewesen«, so Kleeberg. Es gibt eine experimentelle Phase zwischen 1922 und 1923. Dann schuf er »seine Meisterwerke zwischen 1924 und 1927«, also in Paris, unter Gertrude Steins und Sherwood Andersons Einfluss (wie man zuletzt bei Edward Frank nachlesen konnte). Danach, so Kleeberg, »war es im Grunde vorüber, auch wenn in späteren Stücken das Prinzip noch aufscheint«. (Es gibt eine Ausnahme.)

Und so prägten etwas mehr als 200 Seiten die Literatur des 20. Jahrhunderts. Worin zeigt sich nun dieser »Zauber« Hemingways? Kleeberg lässt andere darüber sprechen, wie beispielsweise Hans Fallada: »Erzählen ist Weglassen. […] Details über Details, Weglassen aller Gefühle, […]– und aus all dem steigt Traurigkeit auf, die Verlorenheit im Leben, unsere Ziellosigkeit, Ausgeliefertsein an das Schicksal. Hemingway spricht nie davon, er spricht nie von Gefühlen. Er zeichnet nur die Striche, die notwendig sind für die Kontur. Das andere überläßt er seinen Lesern«.

Für die lange Strecke eines Romans eigne sich, so die These, das sogenannte »Eisbergmodell« nicht. Kleeberg lässt den Romanerstling Fiesta szenen- buw. phasenweise noch gelten, steht dann jedoch den Werken in den 1930er Jahren zunehmend gleichgültiger gegenüber. Hinzu kam: Hemingway konnte »keine so komplexen, vielschichtigen und hellsichtigen Romanplots schreiben wie Fitzgerald, und er blieb noch in seinen größten Anstrengungen zurück hinter der Magie und Poesie und leuchtenden Evokationskraft von dessen Sätzen«, speziell was Tender in the Night angeht (dt.: Zärtlich ist die Nacht), den Roman, an dem Scott Fitzgerald beinahe verzweifelt wäre. Hemingway war beeindruckt, aber nach außen versuchte er, Fehlerchen zu entdecken und setzte nachträgliche und später dann posthume Retourkutschen. Kleine Rachen gegen jenen Scott von 1926, der in »charmanter Aufrichtigkeit« Freund Ernest das Fiesta-Manuskript redigierte – und es zu dem machte, was er dann wurde, weil Hemingway ein Einsehen hatte. Und dann noch einmal 1929, als Scott Fitzgerald zu In einem anderen Land neben einigem Lob wieder harte Kritik übte, Vorschläge machte, Vokabeln wie »langatmig« und »geschwätzig« verwendete und der Empfänger nach der Lektüre mit Bleistift »Leck mich am Arsch« auf dem Brief vermerkte.1

Zerrbilder und Aasforscher

Ahnte Hemingway etwas, kam er deshalb schon so früh in eine Schaffenskrise? Es war auch sein Lebensstil. »Das Leben hatte sich über die Literatur gelegt«, heißt es einmal. Zwischen 1929 und 1937 publizierte er keinen Roman. Die Zeitspannen zwischen den einzelnen Büchern wurden immer größer. Nach Wem die Stunde schlägt, in den letzten 21 Jahren seines Lebens, 1940 bis 1961, veröffentlichte Hemingway »rundgerechnet 300 Seiten« - einen Roman (Über den Fluss und in die Wälder, 1950) und eine Erzählung (Der alte Mann und das Meer, 1952). Letztere verschaffte ihm den lange ersehnten Nobelpreis.

Tatsächlich schrieb Hemingway in den letzten Jahrzehnten ununterbrochen; es sollen über 3000 Manuskriptseiten gewesen sein. Immer wieder stockte er, wandte sich anderen Projekten zu, verzettelte sich. Kleeberg beklagt den Umgang der Manuskripte durch Hemingways Nachlassverwalter, die für posthume Publikationen die unfertigen Manuskripte geglättet, angepasst, nach Kriterien der Verkaufbarkeit zusammengestellt hatten und »Zerrbilder« Hemingways festigten. Auch der richtige Kleeberg warnt vor diesen Büchern, lässt lediglich die Ende der 1950er niedergeschriebenen, so genannten Paris Sketches (A Moveable Feast [1964/2009]– dt.: Paris, ein Fest fürs Leben) gelten; hier vor allem die bereits Kapitel über Scott Fitzgerald aber auch zu Gertrude Stein und Ezra Pound. Es sind zum Teil launige »Abrechnungen« für vermeintlich erlittene Demütigungen.

Kleeberg forscht auch über Hemingways Freundschaft zu Ernst Udet, dem deutschen Jagdflieger, besucht Vera von Bissing und schließlich kurz vor ihrem Tod auch Hemingways Ehefrau Martha Gellhorn, der er ein Geheimnis entlockt (und man fragt sich, ob es eine der Stellen ist, von der Kleeberg schreibt, hier habe er etwas weitererfunden). Dieser »Besuch« ist alleine deswegen interessant, weil Gellhorn den forschenden Kleeberg ein bisschen auf den Boden zurück zu holen gedenkt, etwa wenn sie von ihm als einen Aasforscher spricht, jemand, der »immer nur in seinen Scheißhaufen rumwühlen und sie analysieren und dann darüber berichten [wird], ob es Verstopfung war oder Dünnschiss«. Später wird sich der Forscher (nicht zuletzt aus persönlichen Gründen) zeitweise von Hemingway abwenden. Dann jedoch, wenn er als »normaler« Leser nach einiger Zeit Werke wiederliest, fängt der Funken wieder Feuer.

Als Kleeberg für die 88jährige Martha Gellhorn einen ihrer Texte redigieren soll, entdeckt er bei ihr »diese Frühform von New Journalism, in der der Berichterstatter zugleich auch die Hauptfigur ist und vom Leser auf seinen Gängen und Abenteuern während der Recherche begleitet wird, sodass immer wieder zwischendrin Meinungen, Beurteilungen, Ironien und Selbstporträts eingestreut werden. Es war kurz gesagt genau der Journalismus Hemingways aus den Zwanziger- und Dreißigerjahren, mit weniger Kriegstaktik und mehr human interest

Diese Definition umschreibt auch Kleebergs Vorgehen in diesem Roman. Es passiert tatsächlich sehr viel im Leben dieses Michael Kleeberg. Aber das soll hier nicht ausgebreitet werden. Nur so viel: Er begegnet seiner Lynn nach 15 Jahren wieder und es kommt, wie es kommen muss. Kleeberg braucht diese Ereignisse, diese Lebensgeschichte des Forschers, als Motor für seine eigene Auseinandersetzung mit Ernest Hemingway.

Entsorgung als Abenteuerschriftsteller

Und die ist sehr interessant, wie sich am bereits erwähnten Aufsatz über die Rezeption Hemingways in der deutsch(sprachig)en Literatur zeigt. Hier zitiert Kleeberg aus einem Aufsatz von Kleeberg. Vor dem Krieg, so heißt es, waren es vor allem Zuckmayer und Remarque, die »strukturelle Ähnlichkeiten« mit Hemingway zeigten. Fast nur Spott hat er dann für die Literatur der »Weltkriegs-Gefreiten und Flakhelfer«, die, »das ganze Ausmaß der sprachlichen Kontaminierung durch die zwölf Jahre Naziideologie« offenbarten und noch die Reste des »Meistertum[s] der deutschen Literatur der Weimarer Zeit« aus ihrer Prosa verbannen wollten. Man benutzte dazu Hemingway, ahmte seine »stilistischen Abbreviaturen« nach, in dem man ein »Landserdeutsch« erschuf, entpolitisierte »ihn und seine Kriegsromane« und schwindelte sich ihn als »Kronzeugen für die eigene Unbelastetheit« zurecht. Am Ende wurde Hemingway als Abenteuerschriftsteller entsorgt, eine Art Karl May oder B. Traven.

Nun, Hemingway wurde in den ersten Nachkriegsjahrzehnten in Deutschland vor allem durch die Aufnahme in Buchclubs (Bertelsmann; Weltbild) verbreitet. Ich kenne keinen Haushalt aus den 1970ern, in dem nicht ein Exemplar von Der alte Mann und das Meer stand. Verfilmungen von Hemingways Werken wurden regelmäßig im Fernsehen ausgestrahlt. Ich erinnere mich noch an Spencer Tracy als Santiago. Am Ende des Films wusste ich was Existentialismus bedeutet, Jahre bevor ich das Wort zum ersten Mal hörte.

Hemingway gilt bis heute als ein Abenteurer, Raubein, Kriegsreporter, vielleicht sogar -verherrlicher, Frauenheld und Macho (mindestens!), Großwildjäger, Lebemann, Alkoholiker, Draufgänger oder alles zusammen. Und doch behauptet Kleeberg: »Wer sich auch nur für eines der folgenden Themen interessierte, interessierte sich auch für ihn: Weltkriege, Guerillakämpfe, Angeln, Stierkämpfe, Boxen, El Greco, Picasso und Hieronymus Bosch, Radrennfahren, die Tierwelt Afrikas, den Mittleren Westen, die Florida Keys, Kuba, Castro, Marlene Dietrich, Hollywood…« Die Liste findet im Buch noch lange kein Ende und man könnte sie beliebig ergänzen, etwa um Pferderennen, Scott Fitzgerald, Wettbetrügereien, Cézanne, Skilaufen, Simenon oder – völlig verrückt: Literatur.

Aber weil das alles heute keine Themen mehr sind, habe ich das Gefühl, dass zumindest im deutschen Sprachraum Hemingway kaum noch Interesse findet. Entweder die angesprochenen Dinge sind verpönt, werden als veraltet empfunden oder es fehlt schlicht die Wissensbasis, über die man sie ansprechen und diskutieren könnte. Stattdessen würde Hemingways Prosa, käme sie heute auf dem Literaturmarkt, das Etikett »alter weißer Mann« aufgeklebt (obwohl das meiste von einem unter 30jährigen geschrieben wurde). Die Meisterschaft bliebe zu Gunsten der moralinsauren Lesart(en) unerkannt.

Hemingways Zukunft

Hat dieses Desinteresse an Hemingway in Deutschland vielleicht auch damit zu tun, dass man zu lange an den Übersetzungen von Annemarie Horschitz-Horst gebunden war? Das erklärt aber nicht, warum viele Bücher Hemingways wie die Nick-Adams-Geschichten und die Reportagen in deutscher Sprache nicht als E-Book lieferbar sind. Hinzu kommt, dass es auffallend wenige Biographien in deutscher Sprache über ihn gibt. Kleeberg empfiehlt am Ende vor allem jene von Carlos Baker aus den 1960er-Jahren, Anfang der 70er in neuer Übersetzung herausgebracht, die sich allerdings – wie so vieles, was über Hemingway in verfügbar ist - nur noch in Antiquariaten finden lässt. Immerhin gibt es bei Rowohlt die Monografie von Hans-Peter Rodenberg, wobei das Bildmaterial der Printausgabe im E-Book nicht enthalten ist. Fast unnötig zu erwähnen, dass Kleebergs Referenzliste für dieses Buch, seine Quellen, ausnahmslos englischsprachige Literatur auflistet.

»Den alten Mann kennt man nicht mehr«, so kalauerte neulich jemand, als ich ihn auf Ernest Hemingway ansprach. Der wird 2031 gemeinfrei. Wird dies neue Übersetzungen zur Folge haben, wie weiland bei George Orwell? Kann man durch Meta-Romane wie diesen Roman von Michael Kleeberg das Interesse wieder neu anfachen? Kleeberg schreibt einmal, man müsse Hemingway vielleicht »gegen den Strich« interpretieren und er überlegt am Tag dieses Räsonnements 2024, ob er das letzte Geheimnis, diese bisher von ihm entdeckte, verborgene Nick-Adams-Geschichte tatsächlich erwähnen, sie vorlesen soll. Er wird von einem der Söhne Hemingways, Patrick, angerufen, der ihn bittet, dies zu überdenken.

Die Entdeckung ist die Essenz seiner Forschung zu Hemingways Aufenthalt in Italien, die unerfüllt gebliebene Liebe zu Agnes, die Enttäuschung hierüber bis ans Ende des Lebens. Es ist das »letzte Geheimnis« des so viril daherkommenden Hemingway. Gegenstand ist der Aufenthalt des jungen Hemingway Weihnachten 1918 bei Captain James Gamble, einem wohlhabenden Kunstmaler, der auf eine andere Art vernarrt war in den jungen Ernest und ihn einlud in seine Casa Cuseni, ein Prachthaus in Taormina auf Sizilien. Ein Patroklos, der seinen Achilles suchte und fand? War Hemingway damals bei einem Homosexuellen zu Gast? Oder handelt es sich um Homosozialität, »eine soziale, keine sexuelle Präferenz fürs eigene Geschlecht«, wie der australische Soziologe Michael Flood nahelegt? Das wird in diesem Buch mit einer neuen, zunächst abenteuerlich anmutenden These untersucht, die weitergeht, als dieser Aufenthalt des damals 19jährigen. Ich sage jetzt nicht, was mir der freundliche Archivar der JFK-Library zu dieser Entdeckung geschrieben hat. Aber ist das überhaupt wichtig? Schließlich bietet dieser Roman von Michael Kleeberg genug Stoff, um sich wieder mit »Stein« zu beschäftigen. Ihn zu lesen. Das ist eine große Qualität.

1 Letzteres nachzulesen in Ernest Hemingway/F. Scott Fitzgerald: Wir sind verdammt lausige Akrobaten, Eine Freundschaft in Briefen, hrsg.: Benjamin Lebert, S. 99-104, Hoffmann & Campe, 2013.

Artikel online seit 29.05.26
 

Michael Kleeberg
Achilles in Taormina
Penguin
336 Seiten
28,00 €
978-3-328-60276-7

 


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