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Fremd war sie überall |
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Eine der Öffentlichkeit völlig unbekannte Frau aus der den Nazis Widerstand leistenden Bekennenden Kirche stellt dieses Buch vor. Es macht uns bekannt mit einer vor wenigen Jahren verstorbenen Frankfurterin, deren Lebensgeschichte weit über die Heimatstadt und ihre Stadtteile hinausführt. Bockenheim, Dornbusch und Sachsenhausen waren Schauplätze nazistischer Verbrechen, wie Orte, an denen mit äußerstem Mut handelnde Menschen Juden vor der Ermordung bewahrten. Erica Ludolph, 1921 geboren und 2022 gestorben, gewährte erst im letzten Jahrzehnt ihres langen Lebens Einblicke in ihr Handeln. Es bedurfte behutsamer Überredung, bis das Autorenduo Maier/Bonavita das Vertrauen der Greisin gewonnen hatte. Hätten die geführten Gespräche konventionellen Interviews geglichen, wären die Auskünfte wohl unterblieben. Warum schweigt jemand so ausdauernd, der allen Grund hatte, auf seine Handlungen stolz zu sein? Ludolph und alle im Buch genannten, im kirchlichen Untergrund agierende Personen schwiegen nach der NS-Zeit. Ihr Schweigen, das als klandestine Verhaltensmaßregel im Faschismus eingeübt war, änderte im deutschen Postfaschismus die Funktion, so die Autoren. Nun bot es Schutz vor der Volksgemeinschaft, die ihre Lust an der Verfolgung der „Volksverräter“ keinesfalls verloren hatte. Auch trieb Erica Ludolph die Scham um, sie habe nicht genug für die Juden getan. Dieser Selbstvorwurf war gewiss nicht von der Art Sorge, wie sie die Bürger der deutschen Nachkriegsgesellschaft plagten. Und die einmal erfahrene Todesangst riet das Schweigen an, eine gegen das Trauma gerichtete Abwehr. In Ludophs Worten: „Letztlich kann man darüber nicht reden, weil man sich nicht diesem Bösen so annähern will, um es wieder so vernichtend zu empfinden.“ Die Frankfurterin war Anfang 20, als sie die Vorladung zur Zentrale der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) in der Lindenstraße erhielt. Man hatte sie denunziert; dass sie französischen Zwangsarbeitern auf ihrem Weg in die Fabriken mit Zahnpasta und mit illegal abgehörten Nachrichten von BBC London versorgte, war nicht unbemerkt geblieben. Ihren Koffer hatte Ludolph bereits gepackt, als sie zum Verhör erschien. Man drohte ihr für den Wiederholungsfall das Konzentrationslager an und ließ sie laufen. Vermutlich sah die Gestapo den Kontakt mit den jungen Franzosen für eine amouröse Sache an, nicht für eine politische. Ludolph setzt ihre illegale Arbeit mit Kurierdiensten für die Kriegsgefangenen fort. Dazu muss sie ins Elsass reisen. Sie ist mit einem auf eine belgische Zwangsarbeiterin ausgestellten Pass ausgestattet. Sie trägt zudem ein Dokument mit sich, das sie als Sekretärin ihres Vaters, eines Großhandelskaufmanns, ausweist. Der Vater ist mit den Nazis dicke, verkauft ihnen Opel-Limousinen und Maschinenbauteile. Er ahnt, was seine Tochter tut und spricht davon, sie zu erwürgen, der Schande wegen, die sie über die Familie bringe. Als Erica noch ein Kind war, genoss sie die väterliche Liebe grenzenlos. Agierte Ludolph als ein Verbindungsglied zur Resistance? Man muss es annehmen. Gesichert ist, dass sie die Jüdin Margarete Knewitz rettete. Eine großbürgerliche Frau, deren Mann als Generalvertreter für das Teehaus Messmer arbeitet und deren Tochter Schauspielunterricht genießt, soll sich im Jahr 44 in der Gestapo-Haftstätte der Frankfurter Ostendstraße einfinden. Von dort werden die Inhaftierten in die Konzentrationslager deportiert. Die Jüdin, als evangelisch Getaufte in einer sogenannten Mischehe lebend, war bis dahin der üblichen Drangsalierung ausgesetzt: „Judenvermögensabgabe“, aufgedrucktes J in den Ausweispapieren. Nun soll sie der Todesmaschinerie zugeführt werden. Sie leistet der Vorladung keine Folge, worauf die Schergen ihrem Mann die Ermordung der ganzen Familie androhen. Eine behütete Dame muss plötzlich ein Leben mit gefälschten Papieren und ständig wechselnden Quartieren führen. Völlig unbekannten Menschen muss sie sich anvertrauen. Der Bockenheimer Pfarrer Heinz Welke hilft ihr aus Frankfurt heraus, von wo es nach Stuttgart, zur evangelisch-reformierten Gemeinde geht. Deren Vorsteher Kurt Müller alarmiert die schwäbischen Amtsbrüder der Bekennenden Kirche, deren Netzwerk die durch halb Deutschland führende Flucht organisiert. Erica Ludolphs Aufgabe ist es, die überforderte Frau gleichsam an die Hand zu nehmen und sich als ihre Tochter auszugeben. Die Mithilfe von 17 Personen braucht es, damit Margarete Knewitz ein Landgut in der Lüneburger Heide erreicht, wo sie von den Gutsbesitzerinnen Hildur und Gertrud von Marschalk aufgenommen wird. Die Frankfurter Jüdin überlebt. In der Güntersburgallee finden Mutter, Tochter und Vater wieder zusammen. Doch der Neubeginn endet mit einer Katastrophe. Tochter Renate, Anfang der fünfziger Jahre nach den USA verheiratet, stirbt dort bei einem Flugzeugabsturz. Die Eltern müssen ein Leid Hiobschen Ausmaßes erleben. So hilflos und allein fühlen sie sich, dass sie darum bitten, Erica Ludolph, Freundin der einzigen Tochter und Retterin der Mutter, adoptieren zu dürfen. Ericas Mutter stimmt zu. Welch eine Familiengeschichte, eingebettet in die grauenvolle deutsche Geschichte! Um die zwölf Nazijahre ist diese Biografie gruppiert. Ludolph selbst bezeichnet ihr bald ein Jahrhundert währendes Leben als ein langes Echo der „entsetzlichen Jahre.“ Das Erlebte wird sie nie wieder loslassen; in ihrer Psychosomatik, in Schlafstörungen, in ihren Träumen ist es gespeichert. „Fremd bin ich überall“, notiert sie in einem ihrer Tagebücher. Die deutsche Gesellschaft mit „ihrem Vermeiden von Schuld und Sühne,“ blieb ihr zeitlebens nicht geheuer. „Heimat: ja, das hab‘ ich mir auch immer gewünscht und mir gedacht, dass es so sein könnte – so ist es nicht, wo immer überall und nirgendwo – ‚eure Heimat ist im Himmel‘ – so ist es. Es tut nur weh…“ Die Blut-und-Boden-Ideologie hat das von dem Wort Heimat Erfasste kontaminiert, so die Autoren. Lange Passagen des Buchs entstammen Briefen, Gesprächen oder Tagebuchnotizen. Der Leser nimmt eine Nonkonformistin wahr, deren Unangepasstheit so gar nicht recht passen will zum zeitgemäßen Nonkonformismus. Das Motiv ihres Antifaschismus wird einem heutigen Antifa-Kämpfer geradezu lächerlich erscheinen. Nach einer Gedenkveranstaltung für den Pfarrer Welke notiert sie die folgenden Sätze „Was mich stört: dass all diese Äusserungen, selbst in Pfr. Welkes Kirche (…), so wenig Bezug zum Glauben haben – es geht nicht um ‚kirchlich‘, es geht um Glauben an den heiligen, grossen Gott – ist er so unbequem, dass man ihn ausschliesst? Es ist diese Entwicklung, die ich mit Schmerz und Sorge sehe – zum ‚Bockenheimer Netzwerk‘ muss ich doch noch einmal sagen, (…) wir haben aus dem Glauben, in der Liebe, handeln dürfen (…) Die allgemeine Negierung dieser Zusammenhänge (…) ist unrecht – und es erschreckt mich für die Zukunft der Menschen: was wird daraus werden? Ludolph war die Erbin eines beträchtlichen, vor allem in Immobilien bestehenden väterlichen Vermögens, aber sie ging einer Arbeit nach. Vielsprachig wie sie war, hätte sie Karriere machen können. Stattdessen arbeitete sie für Arme und Geflüchtete. Wenn es, wie bei ihrer Anstellung beim Diakonischen Werk der evangelischen Kirche, hart auf hart kam, agierte sie als resolute Einzelkämpferin. Protestantische Werkmoral war ihr nicht fremd, dennoch lebte sie nach dem Grundsatz: „Man muss sich nicht alles zur Pflicht machen“. Sie las Simone de Beauvoirs Le Deuxième Sexe. Sie war nie verheiratet war und schreibt doch den gültigen Aphorismus zur Lebensweisheit: „Erstaunlich: man muss in einer Ehe miteinander sprechen – und Männer sprechen nicht gerne (…) Das scheint mir nun doch ein Erfolg der 68er zu sein (…) respektvoll miteinander sprechen.“ Ihre Arbeitskraft stellt sie den protestantischen caritativen Institutionen zur Verfügung, dem Lutherischen Weltbund, dem Internationalen Kinderhilfswerk. Man vertraut ihrem Blick auf menschliche Notlagen, die sich außerhalb des Wirtschaftswunderlandes abspielen. Sie stößt Hilfsprojekte für Straßenkinder in Neapel an. Sie leitet in Wien eine kirchliche Stelle „für rassisch, politisch und religiös Verfolgte“ und bearbeitet mit ihren Mitarbeiterinnen Tausende von Fällen Entwurzelter. Darunter sind viele überlebende Lagerhäftlinge, die zu displaced persons geworden waren. Zurück im Frankfurt der Sechziger Jahre, sind es die Arbeitsmigranten aus Griechenland, die ihre Hilfe suchen, viele vor der Militärdiktatur geflohen; in den Siebzigern betreut sie geflüchtete Vietnamesen. Es sind „die Abfallprodukte politischer Konflikte“, wie sie sarkastisch formuliert. Ihrem Berufsleben fehlt es nicht an Konflikten. Eine selbstbewusste Frau und männliche Hierarchie, das geht nicht gut zusammen. Sie steckt ein und keilt aus. Einem Vorgesetzten rät sie, er solle mal ein wenig Adorno lesen, das täte seinem Blick auf die Verhältnisse gut. Die Autoren nennen diese Aufforderung eine intellektuelle Provokation. Der belehrende Ton einer Frau gegenüber dem Vorgesetzten breche ein ungeschriebenes Gesetz kirchlicher Hierarchie. Liest man Erica Ludolphs Texte aus dieser Zeit, fällt eine jedes Klischee vermeidende Sprache auf. Betulichkeit ist ihre Sache nicht. Sie wirbt um Spenden, um den Straßenkindern Palermos ein Zuhause zu verschaffen und schreibt von „den Hunderten verlassener Kinder, die am Tage wie räudige Köter durch die stinkenden Gassen Palermos streichen, ein Stück Brot, eine Schnecke, eine verfaulte Banane, eine Handvoll Spaghetti erbetteln oder erwischen und nachts unter parkenden Autos in der Gosse schlafen.“ Als das Kinderheim endlich steht, schildert sie den Spendern der Gemeinden in Hessen-Nassau diese Szene: „Am ersten Abend steht der fünfjährige Mimmo, dessen Mutter tot und dessen Vater im Gefängnis ist, neben seinem Bettchen und sieht die Hausmutter tiefernst an: ‚Signora, was soll ich jetzt machen?‘ Noch nie hatte er ein so sauberes, bequemes Lager gesehen, noch nie im Leben ein Bett für sich ganz allein gehabt. Er kennt nur die Straße, den Erdboden oder eine einzige Matratze inmitten eines dumpfen, dunklen Raumes, auf der zahllose Menschen sich drängen und stoßen.“ Den beiden Autoren gelingt es, der Porträtierten gerecht zu werden, ohne in das für das Feiern sogenannter Persönlichkeiten übliche Salbadern zu verfallen. Ihre Hauptdarstellerin hat auf Petra Bonavita und Dieter Maier abgefärbt. Die vielen Stationen und Episoden im Leben der Erica Ludolph – es fehlt hier der Platz, um sie alle wiederzugeben – schildern sie nüchternen Tons, und manchmal ist ihrer Schilderung ein Schuss Ironie injiziert, was ihrer zur Selbstironie fähigen Protagonistin sicher gefallen hätte.
Frankfurt liest ein Buch, heißt
der Claim einer Frankfurter Werbeaktion. Die dafür Verantwortlichen, die es mit
dem Club der toten Dichter halten, sollten die Teilnahmeregel ändern und
diesem Buch von Maier und Bonavita Publizität verschaffen; die nötige Qualität
besitzt es. Ein Effekt dieser Regeländerung wäre: Autoren hätten zu Lebzeiten
etwas von ihrer Arbeit.
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Petra Bonavita / Dieter Maier
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