|
Glanz&Elend Literatur und Zeitkritik Impressum & Datenschutz |
|||
|
Home Belletristik Literatur & Betrieb Krimi Biografien, Briefe & Tagebücher Politik Geschichte Philosophie |
|||
|
|
|||
|
|
Der heißkalte Engel?
Alexander Pschera hat die die
Tagebuchaufzeichnungen, Bücher und Briefe |
||
|
Banine hieß eigentlich Umm-el-Banine Assadoulaeff und wurde 1905 in Baku geboren. Die Eltern waren durch Erdölgeschäfte zu Millionären geworden. In der russischen Revolution verloren sie ihr gesamtes Vermögen. Der Vater war in der kurzen Periode der Unabhängigkeit Aserbeidschans Minister gewesen, bevor 1920 die Rote Armee das Land besetzte und die Familie floh. Banine ging nach Paris, betätigte sich zunächst als Verkäuferin und Model, arbeitete dann journalistisch und als Übersetzerin, war präsent in den literarischen Salons von Paris. 1942 erschien ihr erster Roman Nami. Im gleichen Jahr kam es zur »schicksalhaften« Begegnung Banines mit dem Besatzungsoffizier Ernst Jünger, in den sie sich verliebte. Für Jünger war sie zunächst die »Tartarin« oder »Mohammedanerin«. Er war verheiratet und hatte in Paris eine Affäre mit der deutsch-jüdischen Ärztin Sophie Ravoux, deren Mann der französischen Résistance angehörte. Banine wußte um diese Konstellation, was sie nicht abhielt, Jünger zu umschwärmen. Wie nachhaltig diese Liebe für sie war, begann sie 1952 in einem wilden, nicht enden wollenden Brief an Jünger auszudrücken, den sie allerdings nie abschickte, sondern unter Jünger et moi in die Schublade verbannte. Alexander Pschera hat das Manuskript nun übersetzt und um Tagebucheintragungen Banines zwischen 1971 bis 1991 ergänzt. Der Titel des Buches ist hintersinnig gewählt: Liebe ist Dir verboten. Dann folgt der Titel des intimen Brandbriefs: Ernst Jünger und ich. Als Verfasserin wird auf dem Cover Banine genannt; die Herausgeberschaft findet sich erst auf der Innenseite. Jünger et moi ist, wie Pschera zu Recht im Vorwort erklärt, »kein zusammenhängendes, einheitliches Manuskript«. Es ist ein tobender »Auto-Exorzismus«, changierend zwischen Verzweiflung und Wut; Hass- und zugleich Liebespostulat. Mal sprach sie ihn direkt an – immer mit »Sie« - mal wählte sie einen Erzählton. Bei allem Furor bekommt man ein wie Pschera schreibt »radikales« Bild über Ernst Jünger aus der Sicht einer Frau. Auch Banine machte bei Jünger jene Kälte aus, die seinem Wesen und der Prosa nachgesagt wird, sprach jedoch lieber von »Egozentrismus«. Sie schätzte sein schriftstellerisches Werk, war vernarrt in sein Gesicht, sein Äußeres, mochte allerdings die schnarrende Stimme nicht (etwa wenn sie telefonierten). Sie durchschaute Jüngers Prioritäten, was Frauen anging, aber erniedrigte sich trotzdem, in dem sie Botschaften an seine auch nach der Besatzung bestehende Beziehung zu Sophie Ravoux weiterleitete. Diese war für sie nichts weiter als »eine pummelige vom Typ ›Dienstmädchen‹, körperlich recht nett, aber von einer Vulgarität und Dummheit, die sofort auffiel«. Sie gehörte für sie zu der »Sorte Menschen«, die »im Theater an der falschen Stelle lachen«. Etwas besser kam Jüngers Frau Gretha weg, die Banine als »prosaisch« und »autoritär« einschätzte. Alles, was und wie Jünger schrieb und vor allem was er nicht schrieb wurde von ihr seismografisch bemerkt und trotz der emotionalen Aufwallungen dennoch mit einer gewissen Kühle und Nüchternheit eingeordnet. Wie beginnt etwa ein Brief? Bei »Liebes Baninchen« war der Ton freundlich, bei »Banine« nicht. Welche Schlussformel wurde verwendet? Endete es mit »Effendi« war Wohlwollen im Spiel, anders als bei »Ernst« oder »Ernst Jünger«. Jünger und Banine verbrachten in den Sommern 1950 und 1951 jeweils einige Wochen in Antibes. Die »preußische Zurückhaltung« Jüngers (Pschera) gab er dort auf, wie es heißt, »gezwungen«. Es kam gegen Ende des ersten Aufenthalts zu Intimitäten (die nicht näher ausgeführt werden). Jünger ärgerte sich nachträglich, wollte dies nicht, hatte lange widerstanden. Auch Banine war nicht glücklich damit; sie hätte, wie es einmal heißt, das Verhältnis lieber »platonisch« gehalten. Schwang Enttäuschung mit? »Ich hatte Jünger auf ein so hohes Podest erhoben, ich empfand für ihn eine solche Verehrung, dass ich ihn mir nicht ›im Zusammenhang mit dem erotischen Akt‹ vorstellen konnte und wollte«. Dann wiederum ein nachträgliches Gefühl von Triumph: »Sie wurden charmant, wir liebten uns, und ich erlebte eine Woche voller Glück.« Beim zweiten Aufenthalt ein Jahr später schlüpfte sie fast ganz in die »orientalische« Rolle als Köchin, Haushälterin und Dienerin. Fast backfischhaft, wenn sie jene Momente evoziert, in denen Jünger seinen Panzer ablegte, etwa als beide ein vierblättriges Kleeblatt fanden, welches natürlich sofort für ein Schmuckstück herzuhalten hatte. Überschattet wurde der Aufenthalt durch die Vorahnung, dass Jünger im nächsten Jahr nicht nach Antibes kommen würde. Er wollte sein »ruhiges Leben« Als aus der Annahme Gewissheit wurde, begann Banine im August 1952 mit Jünger et moi. Schließlich fand sie eine Referenz. Jünger erinnerte sie an Adrian Leverkühn, jenen Komponisten aus Doktor Faustus, der seine Seele für Ruhm verkauft hatte. Hier kommt Pscheras Titelwahl ins Spiel: »Liebe ist dir verboten…« steht bei Thomas Mann. Banine lässt das »dir« weg und zitiert weiter: »Dein Leben muss kalt sein, und deshalb hast du kein Recht, jemanden zu lieben«1. Fast verzweifelnd die Frage: »Hat er seine Seele im Austausch für sein Genie dem Teufel verkauft?« Wie ging er mit Banines Schaffen um? Zu ihrem ersten Buch über ihn - Rencontres avec Ernst Jünger (1951) - schrieb er seltsam steif: »Ihre Rencontres waren für den Unterzeichnenden eine Überraschung…« Später stellte sie fest, er habe »nie auch nur daran gedacht, mir ein freundliches Wort … zu sagen«. Eher im Gegenteil: Eine Stelle im Buch über Friedrich Sieburg missfiel Jünger. Zeit seines Lebens, so kommt einem bei der Lektüre der Eindruck, hat er ihren Intellekt unterschätzt. Banine erkennt Jüngers Traurigkeit, »in Paris nie etwas anderes als falsche Freunde gehabt« zu haben. Dies zeigte sich in »deren vorsichtiger Rückzug« nach dem Krieg. Über die möglichen Gründe denken beide nicht nach. Später änderte sich auch Banines intellektuelle Verehrung. Sie bewundert Jüngers »phänomenales Wissen über Pflanzen, Insekten, Vögel, Blumen und Bäume« mehr »als sein literarisches Talent«. Pschera spricht von Banines »harten und zum Teil ungerechten Urteile[n] über Jünger«. Man kann das so sehen, aber selbst in schlimmsten Momenten von Weltschmerz, selbstquälerischer Frustration und Bedrückung zeigt sie auch Stolz und Reflexionsvermögen. Beenden konnte und wollte sie den Kontakt nicht. Nach einem letzten Brief kam immer noch ein letzter Brief. Jünger et moi endet abrupt zu Jahresbeginn 1953. Sie sah sich in einer Art Neujahrblues »im Niedergang« ihres Lebens; ihr schlimmster Feind sei die Hoffnung gewesen. Diese Hoffnung sollte noch einmal enttäuscht werden, als Jünger zwei Jahre nach Grethas Tod Lieselotte heiratete. Im Tagebuch nannte sie die zweite Ehefrau eine »Archivarin, kultiviert, Gärtnerin, Konditorin, Fahrerin, Sekretärin, ausgezeichnete Hausfrau, immer lächelnd und gut gekleidet.« Die beiden sollten sich kennenlernen; Banine schien an Lieselottes Freundlichkeit fast zu verzweifeln. Insgesamt zeigen die Tagebuchaufzeichnungen ab 1971 Banine gefestigter, milder und souveräner. Es gab Jahre mit Distanz und nur sporadischem Kontakt, aber sie hat sich nie von Jünger gelöst. Zwischenzeitlich dachte sie an Freunde, die sie einst vor Jünger warnten. Im Alter entspannte sich das Verhältnis. Sie schrieb zwei weitere Bücher über ihn (Portrait d’Ernst Jünger, 1971 und Ernst Jünger aux faces multiples, 1989). Außer das keines der Jünger-Bücher bisher ins Deutsche übertragen wurden, erfährt man über deren Inhalte wenig. Das gilt auch für ihre Romane. Vermutlich hätte dies den Rahmen dieses Buches gesprengt. In den 1980ern galt Banine in Frankreich als »Jünger-Botschafterin«. Über die neuen, andächtigen »Jüngerianer« machte sie sich bisweilen lustig. Ihre Beziehung zu Jünger bilanzierte sie schließlich als »eine wahre Achterbahnfahrt aus Leidenschaft, Bewunderung, Verdruss, Freundschaft, Irritation und wieder Bewunderung etc. etc.« 1990 vermerkte sie, dass Jünger sie jeden Sonntag anruft. Den letzten Eintrag aus dem Tagebuch, der hier veröffentlicht wird, stammt vom 20. August 1991. Am 23. Oktober 1992 stirbt Banine in Paris. Neben den amourösen Stellen nimmt die sogenannte Céline-Affäre einigen Raum ein. Jünger hatte Célines Namen in der französischen Ausgabe seiner Pariser Tagebücher nicht verfremdet. Der sah sich unvorteilhaft dargestellt und klagte; die Sache zog sich über Jahre hin. Jünger versuchte, Banine eine Mitschuld zuzuweisen. Sie verabscheute Céline, konnte aber glaubhaft erklären, dass es Jünger war, der nicht aufmerksam gewesen war. Interessanter sind Banines Vermutungen, warum Jünger zum Katholizismus neigte und an Auferstehung glaubte. Sie selber konvertierte 1956 vom Islam zur Katholischen Kirche. Davor soll Jünger sich (vermutlich eher scherzhaft) geäußert haben, zum Islam überzutreten, um dann zwei Frauen heiraten zu dürfen. Obwohl die Tagebuchausschnitte sicherlich nach Inhalten zu Ernst Jünger ausgesucht wurden, finden sich sporadisch Einschätzungen zu anderen, zeitgenössischen Schriftstellern, Lektüreeindrücke (etwa zu Hermann Hesse) und, wieder mit Jünger-Bezug, Bemerkungen zu Luise Rinser. Was die Frage erlaubt, ob/wann man sich der gesamten Tagebücher von Banine einmal annimmt. Pschera verspricht nicht zu viel. Banines Charakterisierungen zu Jünger sind in jeder Hinsicht bemerkenswert und gehen über bloße (unerfüllte) Verliebtheit hinaus. Gezeigt wird ein hin- und hergerissener Jünger, der einige Male die Fassung verliert. In 300 Endnoten werden u.a. die fremdsprachigen Eintragungen Banines herausgestellt und es gibt Hintergrunderklärungen, wo man sie braucht. Einige Abbildungen runden das Buch ab. Wer sich für Ernst Jünger interessiert, sollte dieses kurzweilige Buch unbedingt lesen. 1 Zitat meiner undatierten »durchgesehenen« Ausgabe auf Seite 336: »Dein Leben soll kalt sein – darum darfst du keinen Menschen lieben.«
Artikel online seit 14.07.26 |
Alexander Pschera / Banine |
||
|
|
|||