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Ehelich-literarische Tagelöhnerei

Susanne Fischer dechiffriert Arno Schmidts Tagebücher der Jahre 1957-1962

Ein paar Überlegungen von Wolfram Schütte

 

I.
Dieses Buch ist sosehr eines von Arno Schmidt wie von Susanne Fischer. Die Geschäftsführerin der Arno Schmidt Stiftung hat nach der Edition der Tagebücher Alice Schmidts nun auch die Tagebücher ediert, die Arno Schmidt von 1957 bis 1962 selbst geführt hat. Möglicherweise hat der Autor, der ursprünglich seine Frau zum Tagebuchschreiben animiert hatte, deshalb seine Selbstdarstellung übernommen, um sowohl radikaler sich zu objektivieren als auch subjektiv intimer mit sich selbst im Gespräch zu sein (auch über seine Frau) – was angesichts der existenziellen Situation einer Ehe auf engstem Lebensraum für ein »Gehirntier« wie ihn ebenfalls verständlich wäre.

Entsprechend seinem literarischen Credo »hochkonzentrierter Verdichtung«, die ihn dazu brachte, sein literarisches Ziel metaphorisch mit der Bouillon-Herstellung von Liebigs Fleischextraktwürfeln zu vergleichen, sollten in seinem Tagebuch (gegenüber Alices Weitschweifigkeiten) pro Tag bei ihm nur »durchschnittlich 6-8 Kurzzeilen« notiert werden. Das führte zu einer stenographischen Kürze der Notizen von Namen & Tätigkeiten, & es wurde unterstützt von einem pikturalen Arsenal, das symbolisch wiederkehrende Ereignisse des Alltags fixierte, sei's z.B. N = nachmittägliches Nickerchen, L = Koitus (aber auch Lilienthal), O = Onanie oder ein Likörgläschen für (hochprozentischen Alkoholgenuß) usw.

Ohne die »Übersetzungen« Fischers wären die Schmidt-Notate nur teilweise verständlich, diese Tages-Bouillons für uns Nachleser nicht auflösbar in gelebtes Leben der beiden Schlesien-Flüchtlinge, die nach Cordingen & Kastel in Darmstadt angelandet waren. Anhand Susanne Fischers immenser Recherchenarbeit & ihren Aufschlüsselungen der privatmethodischen Fixierungen wird hier nun en détail erkennbar, was gleichwohl in großen Zügen - nicht zuletzt durch die A.S. Biographie Sven Hanuscheks, der sich daraus zitierend schon zuvor bedienen durfte – über das bescheiden-prekäre Leben & das gemeinsame schriftstellerische Arbeiten des Ehepaars in der Darmstädter Einzimmerwohnung & später dem winzigen Häuschen am Rande Bargfelds den Kennern  & Liebhabern Arno Schmidts mehr oder weniger bereits bekannt war.

Auch seine mehrfach geäußerten Denunziationen der (mit)menschlichen Defizite von Künstlern, die sich mit Haut & Haar der Produktion ihres Oeuvres widmen (z.B. »Das Werk funkelt: den schäbigen Rest, den Autor selbst nämlich, besieht man sich besser nicht«), waren selbstverständlich auch ad se ipsum gesprochen. Das Selbstbildnis, das uns nun aus den Tagebüchern entgegenblickt, ist, zurückhaltend formuliert, nicht besonders sympathieheischend. 

Die außerordentliche Qualität des Buchs besteht aber nicht nur in der erwähnten bewundernswerten editorisch-philologischen Arbeit Susanne Fischers, der Abkürzungstabelle oder der Ausstattung mit Vorwort, Abkürzungstabelle, & (Personen-)Register. Sondern in seiner Schönheit als Buch. Sie fällt in eins mit seiner kompositorischen Form, wofür wahrscheinlich Friedrich Forssman verantwortlich ist. Während auf den rechten 737 (!) Seiten der Textkorpus der Schmidtschen Tagebuch-Einträge vorliegt, werden auf den linken Seiten die jeweils notwendigen Annotierungen Fischers versammelt, so dass ein minimaler Augenschwenk zur erwünschten Entschlüsselung führt, die Augenhüpferei zur Fußnote & zurück vermieden wird & damit die gesamte Lektüre horizontal im Fluss bleibt.

Als fortlaufendes optisches Schmankerl begleiten einen Fotografien der Schmidts vom ländlichen Ambiente des Dörfchen Lilienthal bei Bremen (Namen, Wunsch- & Spielort eines aufgegebenen Romans) & der Umgebung Bargfelds zu verschiedenen Jahreszeiten. Bekannterweise waren die beiden Schmidts ebenso regelmäßige Fußgänger & Wanderer wie passionierte & professionelle Fotografen. (Dienten womöglich die Fotos der Phantasie-Auffrischung des Autors?)

II.
Auch dieser jüngste Band aus den Archivbeständen ist ein gelungenes Beispiel für die nachhaltige Wirkung der von Jan Philip Reemtsma noch zusammen mit der Witwe Alice Schmidt gegründeten Arno Schmidt Stiftung. Mit deren fortwirkenden wissenschaftlich fundierten editorischen Aktivitäten, bei denen der Suhrkamp-Verlag gewissermaßen nur treuhänderisch auftritt, wird nicht nur das literarische Oeuvre Arno Schmidts präsent gehalten. Auch das intime persönliche Umfeld des gemeinsam im literarischen Fron arbeitende (ja über längere Zeit schuftende) Paar wird durch seine Tagebuch-Editionen posthum sichtbar (& nacherlebbar?) gemacht.

Mir ist weder aus der deutschsprachigen noch aus der Weltliteratur ein vergleichbar enges, ehelich versiegeltes Lebens- & Arbeitsverhältnis bekannt -- wie das von Alice & Arno Schmidt. Zum Generationsschicksal der beiden gehörte allerdings, dass die (Haus-)Frau vom »Hausvorstand« Mann finanziell dominiert wurde, obwohl ohne ihre stete schriftstellerische Mitarbeit in Form von Abschreiben, Korrekturlesen, Korrespondenzen führen etc. er seine vielfältigen literarischen Klein-& Großarbeiten zum notdürftigsten Lebensunterhalt der beiden gar nicht hätte versilbern können.

Verständlich, dass es in dieser jahrzehntelangen gemeinsamen »Buchführung« auf engstem Raum zu Reibereien, Streitfällen, Verstimmungen & Entfremdungen gekommen ist – wovon der Diarist immer wieder berichtet & worüber der Schriftsteller klagt & schimpft. Umso mehr, als Alice mit dem Arbeitstempo (& wohl auch dem Arbeitsethos) ihres Mannes nicht mithalten konnte (& nicht wollte?).

Während »Lilli« kommunikativ den Gesprächskontakt »zur Welt« außerhalb des symbiotischen Zusammenlebens mit Arno liebte & suchte, entwickelte Schmidt sich zu jenem Solipsisten, der sich im Laufe der Zeit immer rücksichtsloser in den Kokon seiner literarischen Arbeit eingesponnen hat – bis er schließlich am Ende (mit den Typoskripten) literarisch gewissermaßen autark wurde. Leidtragende in dieser Zweier-Lebens & -Arbeitsweise war Alice, die immer mehr auf den häuslichen Raum & ihre »hausfraulich« dienende Funktion für Arno reduziert wurde.

Gespräche, Besuche, Unterhaltungen – also der Alltag menschlicher Kommunikation – mit Kollegen, Bekannten, Nachbarn, Freunden oder Verlegern & Rundfunkredakteuren kommentierte Schmidt in seinen Tagebüchern zumeist als Belästigung, Geschwätz etc., weil ihn derart Zeitweil von seiner Arbeit abhielt. Auch engste Bekannte & Freunde, denen er Liebe, Selbstlosigkeit, Verehrung, Freundlichkeit, Hilfe verdankte (wie die Schlotters oder Michels), waren in der Intimität des Tagebuchs vor seiner üblen Nachrede & temporären Verachtung nicht sicher, wenngleich sie alle, vermutlich auch Alice, wohl nichts von seinen zornig-derben Sottisen über sie im Selbstgespräch des Tagebuchs ahnten.

(By the way: Derlei Hadern & Kommentieren dürfte als psychische Haushaltung bei jedem mehr oder weniger intensiv an der inneren Tagesordnung sein. Erst die sogenannten »Sozialen Medien« haben dieses innere Geschwurbel temporär wechselnder Befindlichkeiten aus der Verschwiegenheit des Selbstgesprächs oder des Tagebuchs in die Öffentlichkeit des Postens versetzt & vor aller Augen fixiert, was doch meist nur eine misslaunige Momentanwandlung war.)

Wie sehr der präpotente Arno Schmidt aber auf kollegiales Lob wartete, offenbart sein Verhältnis zu Alfred Andersch, dessen Tätigkeit als Rundfunkredakteur ihm oft finanziell über die Runden geholfen hat. Als der ihm schrieb: »Sie sind unser größter Autor«, notierte Schmidt diesen »prächtigen Zuruf« (wg. der »Brotarbeit« seines Nachtprogramms über Herder!), dass er sich daraufhin einen Schnaps genehmigt habe & fügt selbstironisch hinzu: »Ich halte was auf mich (wegen Andersch)« - & zeichnete den Kollegen fortan damit aus, dass er ihn unvermittelt duzte! (Als ob er sich selbst je unterschätzt hätte!)

III.
Als ich den pensionierten Rundfunk-Redakteur Helmut Heißenbüttel, dem Arno Schmidt (wie auch Jean Amery) viel verdankt, in seinem Alterssitz Glückstadt fragte, was der jahrelang in Stuttgart wohnhaft gewesene Autor nun am meisten vermisse, antwortete er wie aus der Pistole geschossen: »das Korsett des Tages«.

Das Korsett des Alltags des festangestellten Kulturredakteur des Süddeutschen Rundfunks: das war ein wiederkehrendes Ritual von berufsbedingten Bewegungen & Tätigkeiten, die seinem Alltag eine geringfügig variierte Struktur & Zeiteinteilung gaben. Vom Verlassen der Wohnung, Betreten des Büros, Post & Telefonaten, Konferenzen & Gespräche mit Kollegen, Produktion von Sendungen bis zum Dienstschluss & die Rückkehr nachhause.

Das Korsett des Schmidttages begann mit Zeitangabe des Aufstehens, metereologischer Fixierung & Wetterbeobachtung/charakterisierung von morgens bis abends, Notaten zu den häuslichen Tätigkeiten der Beiden, postalischem Ein-& Ausgang, nachmittäglichem (gemeinsamem) Spaziergang, eventuell danach oder stattdessen Nickerchen &/oder sexuellen Aktivitäten, & wurde oft beschlossen durch abendliches Vorlesen Arnos aus den internationalen Klassikern, Schlaftablette & gelegentlich »soldatische« (Alb)träume.

Im Gegensatz zu dem Angestellten Heißenbüttel & dessen externer Arbeitstätte war der Unternehmer Arno Schmidt samt seiner intimen Angestellten Alice Schmidt & deren interner Arbeitsstätte sein Leben lang im »Homeoffice«. Diese Arbeits-& Existenzform in den Industriestaaten ist erst durch die elektronischen Medien möglich & durch die Pandemie virulent geworden. Seither werden Millionen Menschen im »Homeoffice« gezwungen gewesen sein, sich ein Korsett des Tages anzupassen, das dem Schmidtschen sehr ähnlich & für den Arbeitgeber transparent ist.

Da Arno Schmidt in seinem Essay über das Tagebuch ironisch behauptet, er selbst müsse ein Tagebuch einzig & allein nur »für die Steuer« schreiben, damit seine schriftstellerische Arbeit dokumentiert werde, kann er – mutmaße ich – mit dieser ironischen Begründung Sinn & Zweck seiner bürokratischen Notate camouflieren. (Gleicht die Form der täglichen Eintragungen nicht dem maritimen Logbuch, das der Schiffs-Kapitän zu führen verpflichtet ist?)

Arno Schmidt hat sich immer mal wieder über die Kollegen mokiert, die er als DichterPriester verhöhnte, weil sie sich als literarische Werkzeuge eines Numinosen fühlten. Dabei war seine literarische Arbeit für ihn, was für andere Gott o.ä. war: eine Berufung, der unbedingt zu folgen war. Das Tagebuch, das Entstehen & Produktion des literarischen Werks strikt unterschlägt, sammelt nur das oppressive Alltagsambiente, dem das Oeuvre der Romane, Essays, Übersetzungen & Funkdialoge abgerungen wurde. Ad majorem sui gloriam!
(»Zur größeren Ehre Gottes« ist das Motto der Gesellschaft Jesu (Jesuitenorden), geprägt von ihrem Gründer, dem heiligen Ignatius von Loyola. A.d.S.)

Susanne Fischer meint, diese Sammlung von Tagesresumees, die offenbar jeweils am darauffolgenden Tag verfasst worden sind, seien »für die Nachwelt geschrieben«. Das mag so sein (& ebenso auch, füge ich hinzu, dass er sich für die radikale Offenheit der Selbstobjektivierung am geheimen Tagebuch von Samuel Pepys orientierte, bzw. es durch die Radikalität seines Sex-Solipsismus sogar übertrumpfen wollte). 

Aber aufgrund des seriellen Charakters der Einträge, deute ich eher auf eine Buchführung, die primär der (Über-Ich-)Befriedigung des Autors selbst über seine Tagesleistungen unter den bedrängenden Bedingungen seiner alltäglichen Lebensweise diente (z.B. »Lilli summt & kocht« bei seinem »Wurmisieren«)

So pragmatisch, materialistisch, mechanistisch der Modus des Aufzeichnens ist, so bizarr sind die Notizen semantisch: durch die Metaphorisierungen alltäglicher Tätigkeiten (s.o.) oder den Usus, jeden Monat unter die Laren zweier oft rätselhafter Namen zu stellen (z.B. »Bärdel + Geh. Töpfel« oder »Dierdelherren + Vicekönig«). Auch die »Punkte«, die in den frühen Aufzeichnungen an den Monatsenden vermerkt sind, bleiben rätselhaft – ebenso rührend, dass zwei Erwachsene (immerhin in den Vierzigern) Osterei-Verstecken in der Darmstädter Einzimmerwohnung hinbekommen.

Besonders auffällig aber ist der durch die Buchstaben L & O chiffrierte Alltagsbereich, nämlich Koitus des Ehepaars einerseits & sexuelle Selbstbefriedigung des Autors andererseits (z.B. »Lilli nackt; O«). L wie Liebe, zu jener Zeit der Fünfziger Jahre war das Wort »Sexualität«, gar »Sex« noch tabuisiert. Deshalb verwenden Alice & Arno Schmidt, wo es sich um eheliche Beiwohnung, vulgo Koitus handelt, noch den Terminus »Liebe« für ihren Geschlechtsverkehr, den der Autor in seinem Tagebuch jeweils noch örtlich spezifiziert: (Matratze) oder (Tisch) oder (Couch). Rätselhaft sind aber auch die Minuskeln, die bei N (nachmittägliches Nickerchen) als auch bei O mehrfach verwendet werden. 

Susanne Fischer schreibt in ihrem Vorwort, weil Schmidt »den Einfluss sexueller Dispositionen und Erlebnisse« (bei der Analyse literarischer Werke)« zumindest ab »Sitara« favorisiert habe, »kann seine Akribie in diesem Bereich kaum überraschen«. Jedoch setzen diese psychoanalytischen Spekulationen über Karl May oder E.A. Poe erst nach den ersten Tagebüchern ein.

Wäre aus der in den Tagebüchern dokumentierten starken Libido des Autors (der ja auch erste Impotenz-Erfahrungen mitteilt, die später Grundlage seiner Etymtheorie sein werden) - wäre im Drängen seiner Libido, trotz seinem regelmäßigen sexuellen Spannungsabbau durch »Oh nah nie«, nicht eher jene obsessive Triebkraft zu vermuten, die ihn zu seinen (oft unfreiwilligen) komisch-komödiantischen »Erkenntnissen« über die poetische Einbildungskraft der Dichter führten?

Anyhow: ob & was dann als poetische Konfiguration aus Arnos & Alices L auf Matratze, Couch oder Tisch in die literarische Welt kam, ist mir nicht aufgegangen. Wer die Arno-Schmidt-Biografie Sven Hanuscheks gelesen hat, wird in den Tagebüchern en détail finden, was beim Biografen im Großen & Ganzen bereits erzählt worden war. Für die Schmidt-Aficionados bietet die jüngste postume Edition das ewige Schmidt-Vergnügen von Verschlüsselung & Dechiffrierung: & diesmal einen unterhaltsamen Voyeurs-Spaß im Hause von Alice & Arno. (Man kann natürlich auch statt dessen sich wieder in sein literarisches Oeuvre vertiefen. Aber ein wunderbar gestaltetes Buch ist dieser wunderliche Ausflug in die späten Fünfziger & frühen Sechziger schon!)

Artikel online seit
03.02.26
 

Arno Schmidt
Tagebücher der Jahre 1957-1962
Herausgegeben von Susanne Fischer
Suhrkamp
777 Seiten, zahlr. Fotos,
68,00 €
978-3-518-80460-5

Leseprobe & Infos

 


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